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Full text of "Individuelle Geistwesen und ihr Wirken in der Seele des Menschen"

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

VORTRAGE VOR MITGLIEDERN 
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT 



RUDOLF STEINER GES AMTAUSG ABE 



Geistige Wesen und ihre Wirkungen 



Band I Die spirituellen Hintergriinde der aufieren Welt - Der 
Sturz der Geister der Finsternis 

Vierzehn Vortrage, gehalten in Dornach vom 29. September bis 28. 
Oktober 1917 Bibliographie-Nr. 177 



Band II Individuelle Geistwesen und ihr Wirken in der Seele des 
Menschen 

Neun Vortrage, Zurich 6. und 13. November, Dornach 10. bis 25. Nov., 
St. Gallen 1 5. und 16. November 191 7 Bibliographie-Nr. 1 78 



Band III Geschichtliche Notwendigkeit und Freiheit. Schicksals- 
einwirkungen aus der Welt der Toten 

Neun Vortrage, gehalten in Bern am 29. November und in Dornach vom 
2. bis 22. Dezember 1917 Bibliographie-Nr. 1 79 



Band IV Mysterienwahrheiten und Weihnachtsimpulse - 
Alte Mythen und ihre Bedeutung 



Sechzehn Vortrage, gehalten in Basel am 23. Dezember 1917 und Dorn- 
ach vom 24. Dezember 1917bis 17. Januar 1918 Bibliographie-Nr. 180 



RUDOLF STEINER 



Individuelle Geistwesen 
und ihr Wirken in der Seele 
des Menschen 

Neun Vortrage, gehalten in 
St. Gallen, Zurich und Dornach 
vom 6. bis 25. November 1917 



1992 

RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die Herausgabe besorgte H. R. Niederhauser 



1. Auflage in dieser Zusammenstellung 
Gesamtausgabe Dornach 1966 

2. Auflage Gesamtausgabe Dornach 1974 

3. Auflage Gesamtausgabe Dornach 1980 

4. Auflage Gesamtausgabe Dornach 1992 



Bibliographie-Nr. 178 

Zeichen auf dem Einband von Rudolf Steiner, Schrift von Assja Turgenieff 
Zeichnungen im Text nach Zeichnungen in den Nachschriften 
ausgefiihrt von Assja Turgenieff 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1966 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Germany by Konkordia Druck, Buhl 



ISBN 3-7274-1780-3 



Zu den Veroffentlichttngen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen- 
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1 861-1925) geschriebenen und 
veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis 
1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich als auch fiir 
die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen 
Gesellschaft. Er selbst wollte urspriinglich, dafi seine durchwegs 
frei gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da 
sie als «mundliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» 
gedacht waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und feh- 
lerhafte Horernachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah 
er sich veranlafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe 
betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der 
Stenographierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fiir 
die Herausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Stei- 
ner aus Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften 
selbst korrigieren konnte, mufi gegeniiber alien Vortragsverdffent- 
lichungen sein Vorbehalt beriicksichtigt werden : «Es wird eben nur 
hingenommen werden miissen, dafi in den von mir nicht nachgese- 
henen Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.» 

Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur 
als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offentli- 
chen Schriften auftert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie 
«Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist 
am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt 
gleichermafien auch fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, 
welche sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geistes- 
wissenschaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi 
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt- 
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil 
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere 
Angaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 
Ausfiihrliche Inhaltsangaben Seite 259 ff. 



Die Erkenntnis des Ubersinnlichen und die menschlichen 
Seelenratsel 

Qffentlicher Vortrag, St. Gallen, 15. November 1917 9 

Das Geheimnis des Doppelgangers. Geographische Medizin 

St. Gallen, 16. November 1917 47 

Hinter den Kulissen des aufieren Geschehens 

Erster Vortrag, Zurich, 6. November 1917 77 

Zweiter Vortrag, Zurich, 13. November 1917 99 

Zwei Vortrage iiber Psychoanalyse 

Erster Vortrag, Dornach, 10. November 1917 123 

Zweiter Vortrag, Dornach, 11. November 1917 149 

Individuelle Geistwesen und einheitlicher Weltengrund 

Erster Vortrag, Dornach, 18. November 1917 170 

Zweiter Vortrag, Dornach, 19. November 1917 194 

Dritter Vortrag, Dornach, 25 . November 1917 215 

Notizbucheintragungen (Faksimiles) 236 

Hinweise 

Zu dieser Ausgabe 239 

Hinweise zum Text 240 

Namenregister 257 

Ausfiihrliche Inhaltsangaben 259 

Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 263 



DIE ERKENNTNIS DES t)BERSINNLICHEN 
UND DIE MEN SCH LICHEN SEELENRATSEL 

Offentlicher Vortrag, St. G alien, 15. November 1917 

Wer die Entwickelung des Menschengeistes im Laufe der Jahrhunderte 
oder Jahrtausende verfolgt, der wird ein Gefiihl davon sich erwerben, 
wie dieser Menschengeist zu immer neuen und neuen Errungen- 
schaften auf dem Gebiete des Erkennens, auf dem Gebiete des Han- 
delns weiterschreitet. Man braucht ja nicht gerade das Wort Fort- 
schritt zu sehr dabei zu betonen, denn das konnte in der gegenwartigen 
traurigen, iiber die Menschheit hereingebrochenen Zeit in manchem 
recht herbe Zweifel aufrufen. Aber das andere wird man klar vor 
Augen haben, wenn man diese Entwickelung des Menschengeistes 
betrachtet: daB sich die Formen und Gestalten, in denen dieser 
Menschengeist strebt, von Jahrhundert zu Jahrhundert wesentlich 
andern. Und da wir es heute in dieser Betrachtung vorzugsweise zu 
tun haben mit einer anzustrebenden Erkenntnis, die sich gewisser- 
maBen in der neueren Art in die Menschheitsentwickelung hinein- 
stellen will, so brauchen wir auch nur vergleichsweise zu gedenken, 
wie solche Anschauungen, welche mit dem Alten in einer gewissen 
Beziehung in Widerspruch kommen, es schwierig haben, FuB zu 
fassen in der sich fortentwickelnden Menschheit. Immer wieder und 
wieder muB dabei aufmerksam gemacht werden, wie schwierig es zum 
Beispiel war, denDenkgewohnheiten, den Empfindungsgewohnheiten 
der Menschen gegeniiber die Kopernikanische Weltanschauung zur 
Geltung zu bringen - auf gewissen Gebieten hat es ja jahrhundertelang 
gedauert jene Weltanschauung, die gebrochen hat mit dem, was die 
Menschen durch lange Zeit aus ihrer Sinnesanschauung heraus ge- 
glaubt haben fur die Wahrheit iiber das Weltengebaude halten zu 
miissen. Dann kam die Zeit, in der man nicht mehr sich verlassen 
durfte, sich verlassen konnte auf dasjenige, was Augen sehen iiber den 
Aufgang und Untergang der Sonne, iiber die Bewegung der Sonne; 
in der man wider den Augenschein annehmen muBte, daB die Sonne 
in einer gewissen Beziehung, wenigstens in ihrem Verhaltnis zur 



Erde, stillsteht. Solchen Umschwiingen in der Erkenntnis schmiegen 
sich die Denk- und Empfindungsgewohnheiten der Menschen nicht 
leicht an. 

In der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft, welcher 
die Betrachtungen des heutigen Abends hier gewidmet sein sollen, 
hat man es nun noch viel mehr zu tun mit einem solchen Umschwung, 
von dem derjenige, der aus guten wissenschaftlichen Untergriinden 
heraus glaubt uberzeugt sein zu diirfen von dem Inhalte dieser Geistes- 
wissenschaft, auch glaubt, daB sie notwendigerweise eingreifen muB 
in die Gegenwart und in die weitere Entwickelung des menschlichen 
Denkens, Empfindens und Fuhlens. Man darf schon sagen - gestatten 
Sie mir diese Worte einleitungsweise : Bei so etwas wie der Koperni- 
kanischen Weltanschauung hatte man es zu tun mit unzahligen Vor- 
urteilen, mit althergebrachten Meinungen, von denen die Leute 
glaubten, wenn etwas anderes an ihre Stelle trate, so sei es geschehen 
um allerlei religiose Vorstellungen und dergleichen. Bei dem, wovon 
heute abend gesprochen werden soil, tiirmt sich noch manches andere 
auf. Hier hat man es nicht bloB zu tun mit den Vorurteilen, die sich 
zum Beispiel dem Kopernikanismus gegenuberstellen, sondern hier 
hat man es zu tun damit, daB in unserer Zeit gar viele Menschen, ja 
die Mehrzahl derjenigen, die sich fur aufgeklart und gebildet halten, 
nicht nur ihre Vorurteile, ihre Vorempfindungen entgegenbringen, 
sondern daB gewissermaBen der Aufgeklarte, der Gebildete iiberhaupt 
sich heute schamt, einzugehen im Ernste auf das Gebiet, von dem 
Anthroposophie sprechen muB. Man glaubt sich etwas zu vergeben, 
nicht bloB gegemiber der Umwelt, sondern vor sich selbst, wenn man 
zugibt, daB man iiber die Dinge, von denen heute gesprochen werden 
soil, ebenso griindlich wissenschaftlich etwas wissen konne wie uber 
die Dinge des auBeren Naturgebaudes ; man glaubt gewissermaBen 
vor sich selbst sich toricht oder kindisch halten zu miissen. 

Das sind die Dinge, welche in Betracht gezogen werden miissen, 
wenn heute von anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft 
die Rede ist. Derjenige, der von ihr spricht aus den Erkenntnissen 
dieser Wissenschaft heraus, der kennt die Einwande, die sich selbst- 
verstandlich heute noch zu Hunderten und zu Tausenden ergeben 



miissen; er kennt die Einwande schon aus dem Grunde, weil heute 
nicht nur die einzelnen Wahrheiten und Ergebnisse dieser Geistes- 
wissenschaft bezweifelt werden, sondern weil iiberhaupt bezweifelt 
wird, daB man ein Wissen, eine Erkenntnis auf bringen kann fur jenes 
Gebiet, iiber das sich anthroposophisch orientierte Geisteswissen- 
schaft erstreckt. DaB man iiber das Gebiet des Ewigen in der Seele 
Glaubensvorstellungen, aUgemeine Glaubensvorstellungen entwickeln 
kann, das wird gewiB heute noch von sehr vielen Leuten als etwas 
sehr Berechtigtes anetkannt; daB man iiber die Tatsachen, die sich der 
Sinneswelt mit Bezug auf das Unsterblich-Ewige in der Menschen- 
natur entziehen, ein wirkliches Tatsachenwissen entwickeln kann, das 
gilt in weitesten Kreisen, gerade in jenen, die da glauben, aus der 
berechtigten wissenschaftlichen Vorstellungsart der Gegenwart her- 
aus zu urteilen, in vielfacher Beziehung als etwas Phantastisches, 
Schwarmerisches . 

Mit Phantastischem und Schwarmerischem werden wir es heute 
abend nicht zu tun haben; aber mit einem Gebiete, wo schon, ich 
mochte sagen, den ersten Voraussetzungen nach der menschliche 
Betrachter und insbesondere der wissenschaftliche Betrachter zuriick- 
schreckt. Ich mochte nur noch ganz kurz beruhren, daB diese anthro- 
posophisch orientierte Geisteswissenschaft nicht irgend etwas Sektiere- 
risches sein will. Derjenige verkennt sie vollstandig, der da glaubt, daB 
sie wie die Begriindung irgendeines neuen Religionsbekenntnisses 
auftreten wolle. Das will sie nicht. Sie ist so, wie sie heute auftreten 
will, ein notwendiges Ergebnis gerade des sen, was als Weltanschau- 
ungsvorstellung, als allgemeine, selbst populare Vorstellung der wei- 
testen Menschenkreise gerade die naturwissenschaftliche Entwicke- 
lung gebracht hat. Diese naturwissenschaftliche Entwickelung, die 
heute so viele Begriffe, welche wiederum Ursachen sind von Gefuhlen 
und Empfindungen, fur die Weltanschauung der weitesten Kreise 
abgibt, diese naturwissenschaftliche Betrachtungsweise stellt sich zur 
Aufgabe, dasjenige, was den auBeren Sinnen gegeben ist, was an 
Naturgesetzen iiber die Tatsachen der auBeren Sinne dem mensch- 
lichen Verstande zuganglich ist, zu ergriinden, zu erklaren. 

Schon wenn man nur auf das Lebendige Riicksicht nimmt, so kann 



man sehen - fur andere Gebiete ist es etwas weiterliegend, aber am 
Xebendigen tritt es einem so ganz klar outage -, wie diese Natur- 
wissenschaft heute darauf bedacht sein muB, iiberall auf dieUrsprunge, 
auf dasjenige zuriickzugehen, was gewissermaBen die Keimesanlage 
abgibt fur das Wachsende, fur das Werdende, fur das Gedeihende. 
Will der Naturforscher das tierische, das menschliche Leben erklaren 
in seinem Sinne, geht er auf die Geburt zuriick ; er studiert die Em- 
bryologie, er studiert dasjenige, aus dem sich das Wachsende, Wer- 
dende entwickelt. Auf die Geburt, die der Anfang ist von dem, was 
sich vor den Sinnen ausbreitet, geht Naturwissenschaft zuriick. Und 
wenn Naturwissenschaft eine Welterklarung sein will, so geht sie auch 
zuriick mit verschiedenen Hypothesen, mit Zugrundelegung dessen, 
was Geologie, Palaontologie, was die einzelnen Zweige der Natur- 
wissenschaft eben geben konnen, zu dem, was sie sich an Vor- 
stellungen bilden kann, man mochte sagen, iiber die Geburt des Welt- 
gebaudes. Wenn auch der eine oder andere bezweifelt, daB solch eine 
Denkweise berechtigt ist -, sie ist immer angestrebt worden. Und 
bekannt sind ja die Gedanken, welche die Menschen aufgebracht 
haben, um, wenn vielleicht nicht den Anfang des irdischen Werdens 
zu ergriinden, so doch wenigstens weit zuriickliegende Epochen, 
solche Epochen, in denen zum Beispiel der Mensch noch nicht auf der 
Erde gewandelt ist, um aus dem Vorhergehenden, aus demjenigen, 
was keimhaft zugrunde Hegt, das Nachfolgende, was der Mensch in 
seinem Umkreise fur seine Sinne hat, irgendwie zu erklaren. Die ganze 
Darwinische Theorie, oder, wenn man von ihr absehen will, die Ent- 
wickelungstheorie, sie fuBen darauf, Entstehung aufzusuchen, Her- 
vorgehen aus irgend etwas. Ich mochte sagen, uberall ist der Gedanke, 
zuriickzugehen in Jugend und Geburt. 

Geisteswissenschaft im anthroposophischen Sinne ist in eine andere 
Lage versetzt. Und durch diesen Ausgangspunkt schon ruft sie zu- 
nachst, ohne daB der Mensch sich dessen klar bewuBt ist, Widerspruch 
hervor: unklaren Widerspruch, man mochte sagen, unterbewuBten 
Widerspruch, instinktiven Widerspruch! Und soldier Widerspruch 
ist viel wirksamer oftmals als der klar erkannte, klar durchdachte. 
Diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft muB aus- 



gehen, urn uberhaupt zu Vorstellungen, jetzt nicht iiber allgemein 
verschwommene Geistesbegriffe, sondern iiber geistige Tatsachen zu 
kommen, sie muB ausgehen von dem Tode. Dadurch steht sie von 
vornherein in einem, man mochte sagen, fundamentalen Gegensatz zu 
dem, was heute beliebt ist: zum Ausgehen von Geburt und Jugend, 
Wachstum, Vorwartsschreiten der Entwickelung. Der Tod greift ein 
in das Leben. Und Sie konnen, wenn Sie Umschau halten in der 
wissenschaftlichen Literatur der Gegenwart, iiberall finden, da8 der 
gewissenhafte Forscher geradezu der Anschauung ist: Der Tod als 
solcher kann nicht in demselben Sinne in die naturwissenschaftliche 
BegrifFsreihe hineingestellt werden wie andere Begriffe. Nun muB der 
Geisteswissenschafter diesen Tod, also das Aufhoren, das Gegenteil 
der Geburt eigentlich, zu seinem Ausgangspunkt machen. Wie der 
Tod und das Todverwandte eingreift in das Leben im weiteren Sinne, 
das ist die Grundfrage. Der Tod aber schlieBt ab dasjenige, was Sinne 
schauen konnen; der Tod lost auf dasjenige, was wird, was vor den 
Sinnen sich entwickelt. Der Tod greift ein als irgend etwas, wovon 
man sozusagen die Vorstellung haben kann, es sei unbeteiligt an dem, 
was hier in der Sinneswelt wirkt und gedeiht, quillt und west. Da 
ergibt sich die Meinung, die in gewissen Grenzen ganz begreiflich, 
wenn auch eben durchaus unberechtigt ist, daB man iiber dasjenige, 
was der Tod gewissermaBen zudeckt, was der Tod verhiillt, nichts 
wissen kbnne. Und aus dieser Ecke menschlichen Fiihlens heraus 
erheben sich eigentlich alle die Widerspriiche, die sehr selbstverstand- 
lich gegen die Dinge vorgebracht werden konnen, die heute als Er- 
gebnisse einer noch jungen Wissenschaft entwickelt werden. Denn 
jung ist diese Geisteswissenschaft, und der Geisteswissenschafter ist 
gerade aus den Griinden, die jetzt angefiihrt worden sind, in einer 
ganz andern Lage, auch wenn er iiber die Dinge seines Forschungs- 
gebietes spricht, als der Naturwissenschafter. Der Geisteswissen- 
schafter kann nicht in genau derselben Weise vorgehen wie der Natur- 
wissenschafter, der irgendeine Tatsache hinstellt und dann auf Grund 
dessen, wovon gewissermaBen jeder Mensch iiberzeugt ist, daB man 
es sehen kann, diese Tatsachen beweist; denn der Geisteswissen- 
schafter spricht ja gerade iiber dasjenige, was man nicht mit Sinnen 



wahrnehmen kann. Daher ist der Geisteswissenschafter zunachst, 
wenn er uber Ergebnisse seiner Wissenschaft spricht, immer genotigt, 
darauf hinzuweisen, wie man zu diesen Ergebnissen kommt. 

Es gibt heute eine reiche Literatur uber dasjenige Gebiet, das ich 
heute abend vor Ihnen zu vertreten habe. Kritiker, die sich berufen 
glauben, wenden gegen dasjenige, was zum Beispiel in meinen Schrif- 
ten stent, immer wieder und wiederum ein, obwohl dies eigentlich 
nur beweist, wie ungenau, wie oberflachlich die Dinge gelesen wer- 
den: der Geisteswissenschafter behaupte, die Sachen seien so und so, 
aber er beweise nicht. - Ja, sehr verehrte Anwesende, er beweist 
schon, aber er beweist eben auf andere Art. Er sagt zunachst, wie er 
zu seinen Resultaten gekommen ist; er muB zuerst angeben, wie der 
Weg in das Tatsachengebiet hinein ist. Dieser Weg ist schon vielfach 
befremdlich, weil er ja fur die heutigen Denk- und Empfindungs- 
gewohnheiten ein ungewohnter ist. Zunachst muB gesagt werden: 
Gerade der Geistesforscher kommt durch seine Forschung zu dem 
zwingenden Ergebnisse, daft man mit den Methoden, mit den Ver- 
fahrungsarten, die der Geistesforscher nicht ablehnt, sondern gerade 
bewundert, mit denen die Naturwissenschaft zu ihren glanzenden 
Resultaten gekommen ist, in das Ubersinnliche nicht hineinkommt. 
Ja, gerade von diesem Erlebnis, wie begrenzt die Verfahrungsarten 
des naturwissenschaftlichen Denkens sind, geht Geisteswissenschaft 
aus; aber nicht so, wie das heute vielfach gemacht wird, daB man 
einfach in bezug auf gewisse Dinge, bei denen die Naturwissenschaften 
an ihren Grenzen sind, sagt: Hier sind Grenzen des menschlichen 
Erkennens, - nein, sondern in der Weise, daB man an diesen Grenzen 
gerade versucht, zu ganz bestimmten Erlebnissen zu kommen, die 
nur erreicht werden konnen an diesen Grenzen. Ich habe von diesen 
Grenzorten des menschlichen Erkennens insbesondere in meiner 
neuesten, in diesen Wochen erscheinenden Schrift «Von Seelen- 
ratseln» einiges gesprochen. 

Nun, diejenigen Menschen, welche Erkenntnis nicht als irgend 
etwas, was ihnen auBerlich angeflogen ist, genommen haben, welche 
mit den Erkenntnissen gerungen haben, welche mit der Wahrheit 
gerungen haben, sie haben immer wenigstens an diesen Grenzen ge- 



wisse Er lebnisse gehabt. Da muB man eben sagen : Die Zeiten andern 
sich, die Entwickelung der Menschheit wandelt sich. - Noch vor 
verhaltnismaBig kurzer Zeit standen die hervorragendsten Denker 
und Ringer mit der Erkenntnis an solchen Grenzorten so, daB sie 
eben die Meinung hatten, man kann an diesen Grenzorten nicht weiter, 
man muB bei ihnen stehenbleiben. Diejenigen der verehrten Zuhorer, 
welche mich ofter hier gehort haben, wissen, wie wenig es in meinen 
Gewohnheiten liegt, Personliches zu beriihren. Allein wenn das Per- 
sonliche mit dem Sachlichen in irgendeinem Zusammenhange steht, 
so darf das wohl in Kiirze gestattet sein. Ich darf sagen: Gerade das- 
jenige, was ich iiber solche Erlebnisse an den Grenzorten des Er- 
kennens zu sagen habe, es ist bei mir das Ergebnis einer mehr als 
dreiBig Jahre andauernden geistigen Forschung. Und es war vor mehr 
als dreiBig Jahren, als gerade diese Probleme, diese Aufgaben, diese 
Ratsel, die entstehen an den Grenzorten des Erkennens, auf mich 
einen bedeutsamen Eindruck machten. Aus den vielen Beispielen, die 
man iiber solche Grenzorte anfuhren kann, mochte ich eines heraus- 
heben, auf das hingewiesen hat ein wirklicher Ringer mit der Er- 
kenntnis : Friedrich Theodor "Vischer y der beriihmte Asthetiker, der aber 
auch als Philosoph eine sehr bedeutende Personlichkeit war, wenn er 
auch vielleicht zu seinen Lebzeiten schon zu wenig anerkannt und 
schnell vergessen worden ist. Friedrich Theodor Vischer, der so- 
genannte V- Vischer, hat ja vor Jahrzehnten eine sehr interessante 
Abhandlung geschrieben iiber ein auch sehr interessantes Buch, das 
Volkelt iiber die «Traumphantasie» geschrieben hat. Friedrich Theo- 
dor Vischer hat dabei manche Dinge beriihrt, die uns hier nicht weiter 
interessieren. Aber einen Satz mochte ich herausheben, einen Satz, 
iiber den man vielleicht weglesen kann, einen Satz aber auch, der wie 
ein Blitz einschlagen kann in das menschliche Gemiit, wenn dieses 
vom Erkenntnisstreben durchdrungen ist, von wahrem, innerem Er- 
kenntnisstreben. Es ist der Satz, der sich Vischer aufdrangt, als er 
iiber das Wesen der Menschenseele nachsinnt, nachdenkt. Aus dem, 
was sich ihm ergeben hatte iiber das, was Naturwissenschaft in der 
neueren Zeit vom Menschen zu sagen hat, deduziert er einmal : DaB 
diese menschliche Seele nicht bloB im Leibe sein kann, das ist ganz 



klar; daB sie aber auch nicht auBerhalb des Leibes sein kann, das ist 
ebenso klar. 

Nun, wir stehen also vor einem vollkommenen Widerspruch, vor 
einem Widerspruch, der nicht ein solcher ist, daB man ihn ohne 
weiteres auf losen kann. Wir stehen vor einem solchen Widerspruch, 
der sich mit unabanderlicher Notwendigkeit hinstellt, wenn man ernst 
nach Erkenntnissen ringt. V-Vischer konnte noch nicht - derm die 
Zeit war noch nicht dazu reif - vordringen von dem, was ich nennen 
mochte: stehen an solchen Erkenntnisorten, an solchen Grenzorten, 
vordringen vom Erkennen im gewohnlichen Sinne des Wortes zum 
innerlichen Erleben eines solchen Widerspruches. Horen wir doch 
heute noch von weitaus den meisten Erkenntnismenschen der Gegen- 
wart, wenn sie auf einen solchen Widerspruch stoBen, das Folgende - 
es gibt ja davon Hunderte und Hunderte, Du Bois-Reymond, der geist- 
volle Physiologe, hat seinerzeit von den sieben Weltratseln ge- 
sprochen, aber man kann diese sieben Weltratsel in Hunderte ver- 
mehren - der heutige, zeitgenossische Erkenntnismensch sagt: Bis 
hierher geht eben das menschliche Erkennen, weiter kann es nicht 
kommen. - Einfach aus dem Grunde sagt er dieses, weil er sich an den 
Grenzorten des menschlichen Erkennens nicht entschlieBen kann, 
uberzugehen vom bloBen Denken, vom bloBen Vorstellen zum Er- 
leben. Man muB beginnen an einer solchen Stelle, wo sich ein Wider- 
spruch, den man nicht ausgekliigelt hat, sondern der durch die Welt- 
ratsel sich einem geoffenbart hat, in den Weg stellt, muB versuchen, 
mit einem solchen Widerspruch immer wieder und wiederum zu 
leben, immer wieder und wieder, so wie man mit den Gewohnheiten 
des Alltags ringt, mit ihm ringen, gewissermaBen seine Seele ganz in 
ihn untertauchen. Man muB - es gehort ein gewisser innerer Denker- 
mut dazu - in den Widerspruch untertauchen, keine Furcht davor 
haben, daB dieser Widerspruch etwa das Vorstellen der Seele zer- 
splittern konne, daB die Seele nicht durchkonne oder ahnliches. In den 
Einzelheiten habe ich dieses Ringen an solchen Grenzorten gerade 
geschildert in meinem Buch «Von Seelenratseln». 

Dann, wenn der Mensch statt mit dem bloBen Vorstellen, bloBen 
Auskliigeln, Fixieren, mit seiner vollen Seele an einem solchen Grenz- 



ort ankommt, dann kommt er weiter . Aber er kommt nicht auf bloB 
logischem Wege weiter; er kommt auf einem Erkenntnislebenswege 
weiter. Und was er da erlebt, ich mochte es durch einen Vergleich 
ausdriicken; denn das, was geistesforscherische Wege sind, sind wirk- 
liche Erkenntniserlebnisse, sind Erkenntnistatsachen. Die Sprache hat 
heute noch nicht viele Worte fur diese Dinge, weil die Worte gepragt 
sind fiir die auBere sinnliche Wahrnehmung. Man kann sich daher 
oftmals iiber dasjenige, was klar vor dem Geistesauge steht, nur ver- 
gleichsweise ausdriicken. Wenn man in solche Widerspriiche sich ein- 
lebt, fiihlt man sich wie an der Grenze, wo die geistige Welt heran- 
schlagt, die in der sinnlichen Wirklichkeit nicht zu finden ist, wo sie 
zwar heranschlagt, aber gewissermaBen von auBen heranschlagt. Es 
ist so, wie - ob nun die Vorstellung naturwissenschaftlich gut be- 
grundet ist oder nicht, darauf kommt es nicht an, vergleichsweise 
kann sie herangezogen werden -, es ist so, wie wenn ein niederes 
Lebewesen es noch nicht bis zum Tastsinn gebracht hat, sondern 
nur innerlich erlebt, in dem sich regenden, steten Bewegen innerlich 
erlebt und die Grenze der physischen Welt, die Oberflache der ein- 
zelnen Dinge erlebt. Ein Wesen, das noch nicht den Tastsinn aus- 
gebildet hat und so die Oberflache der sinnlichen Dinge erlebt, das ist 
noch ganz in sich beschlossen, das kann gewissermaBen noch nicht 
erfiihlen, ertasten dasjenige, was da drauBen an sinnlichen Eindriicken 
ist. Geradeso fiihlt sich rein geistig-seelisch - wir diirfen da an gar 
nichts Materielles denken - der Ringer mit der Erkenntnis, wenn er 
an einer solchen Stelle ist, wie ich sie eben geschildert habe. Wie aber 
dann beim niederen Lebewesen gewissermaBen der Organismus 
durchbricht durch das AnstoBen an die auBere sinnliche Welt, sich 
differenziert zum Tastsinn, wodurch man die Oberflache ertastet, wo- 
durch man weiB, ob etwas rauh oder glatt, warm oder kalt ist an der 
Oberflache, wie sich eroffnet nach auBen dasjenige, was nur im Innern 
lebt, so erringt man sich die Moglichkeit, gewissermaBen durch- 
zubrechen gerade an solchen Stellen, sich einen geistigen Tastsinn zu 
erwerben. Dann erst, wenn man vielleicht oftmals jahrelang an sol- 
chen Grenzorten des Erkennens gerungen hat durchzubrechen in 
die geistige Welt hinein, dann gelangt man zum Realen von geistigen 



Organen. Ich spreche nur elementar von dem, wie sich dieser Tast- 
sinn entwickelt. Aber man kann, um diese oder jene Ausdriicke in 
einem vollkommeneren Sinne zu gebrauchen, davon sprechen, da6 
sich durch immer weiteres und weiteres inneres Arbeiten, Heraus- 
arbeiten aus dem In-sich-Beschlossensein Geistesaugen, Geistesohren 
entwickeln. Heute erscheint es vielen Menschen noch absurd, davon 
zu sprechen, daB die Seele ein ebenso undifferenziertes Organ zunachst 
ist, wie der Organismus eines niederen Wesens, das seine Sinne aus 
seiner Substanz heraus bildet, und daB sich aus dieser Substanz see- 
lische Begriffe, seelisch differenzierte Geistesorgane herausbilden 
konnen, die ihn dann der geistigen Welt gegeniiberstellen. 

Man darf sagen: Geisteswissenschaft, wissenschaftlich in aller Be- 
rechtigtheit systematisch dargestellt, stellt sich heute neu in den Er- 
kenntnisfortschritt der Menschheitsentwickelung hinein. Aber sie ist 
nicht in jeder Beziehung etwas Neues. Das Ringen nach ihr, das 
Streben nach ihr, wir sehen es gerade bei den hervorragendsten Er- 
kenntnismenschen der Vergangenheit. Und auf einen von ihnen, auf 
Friedrich Theodor Vischer habe ich ja hingewiesen. Ich mochte gerade 
noch einmal zeigen an seinen eigenen Ausspriichen, wie er an einer 
solchen Erkenntnisgrenze gestanden hat, wie er allerdings davor 
stehengeblieben ist, wie er nicht den Ubergang gemacht hat von dem 
inneren Regen zum Durchbrechen der Grenze, zum geistigen Tast- 
sinn. Und da mochte ich gerade diejenige Stelle aus Friedrich Theodor 
Vischers Abhandlungen Ihnen vorlesen, wo er schildert, wie er an 
eine solche Grenze, wo der Geist heranschlagt an die menschliche 
Seele, gekommen ist gelegentlich seines Ringens mit den naturwissen- 
schaftlichen Erkenntnissen. Es war in der Zeit, in der die materiali- 
stisch gesinnte Naturwissenschaft den ernsten Erkenntnisringern viele 
Ratsel vorgelegt hat, wo zahlreiche Menschen gesagt haben, man 
konne gar nicht von Seele anders sprechen, als daB sie nur ein Produkt 
sei des materiellen Wirkens. 

Hier seine Worte: «Kein Geist, wo kein Nervenzentrum, wo kein 
Gehirn, sagen die Gegner. Kein Nervenzentrum, kein Gehirn, sagen 
wir, wenn es nicht von unten auf unzahligen Stufen vorbereitet ware ; 
es ist leicht, spottlich von einem Umrumoren des Geistes in Granit 



und Kalk zu reden, - nicht schwerer als es uns ware, spottweise zu 
fragen, wie sich das EiweiB im Gehirn zu Ideen aufschwinge. Der 
menschlichen Erkenntnis schwindet die Messung der Stufenunter- 
schiede. Es wird Geheimnis bleiben, wie es kommt und zugeht, daB 
die Natur, unter welcher doch der Geist schlummern muB, als so 
vollkommener Gegenschlag des Geistes dasteht, daB wir uns Beulen 
daran sto6en;» - ich bitte Sie zu beachten, wie der Erkenntnisringer 
schildert, daB wir uns Beulen daran stoBen; hier haben Sie ein inneres 
Erlebnis eines Erkenntnisringers : dieses Anschlagen eines Erkenntnis- 
ringers ! - «es ist eine Diremtion von solchem Scheine der Absolutheit, 
daB mit Hegels Anderssein und AuBersichsein, so geistreich die Fot- 
mel, doch so gut wie nichts gesagt, die Schroffheit der scheinbaren 
Scheidewand einfach verdeckt ist. Die richtige Anerkennung der 
Schneide und des StoBes in diesem Gegenschlag findet man bei Fichte, 
aber keine Erklarung dafur. » 

Hier haben wir die Schilderung, die ein Mensch von seinem Er- 
kenntnisringen gibt in der Zeit, bevor der EntschluB entstehen 
konnte, der geisteswissenschaftliche EntschluB: nicht bloB bis zu 
diesem Schlag und Gegenschlag zu kommen, sondern zu durch- 
brechen die Scheidewand gegeniiber der geistigen Welt. - Ich kann 
nur ganz im Prinzipiellen iiber solche Dinge sprechen; Sie flnden sie 
im einzelnen ausgefuhrt in meinen Biichern. Namentlich in «Wie 
erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?» und im zweiten Teil 
meiner «Geheimwissenschaft im UmriB» finden Sie in alien Details 
dasjenige ausgefuhrt, was die Seele in innerer Regsamkeit, in innerer 
Ubung - wenn der Ausdruck erlaubt ist - mit sich vornehmen muB, 
um dasjenige, was in ihr undifferenziert ist, zu geistigen Organen, die 
dann die geistige Welt schauen konnen, wirklich umzugestalten. 

Aber gar vieles ist notwendig, wenn man auf diesem Wege wirklich 
zu Forschungen kommen will. Es ist deshalb gar vieles notwendig, 
weil in unserer Zeit durch die Gewohnheiten, die sich gerade auf 
naturwissenschaftlichem Gebiete, auf dem Gebiete naturwissenschaft- 
licher Weltanschauung herausgebildet haben, das auf seinem Felde 
seine voile Berechtigung hat, eine besondere Art zu denken in das 
Menschenleben eingegriffen hat, die entgegengesetzt ist den Wegen, 



die in die geistige Welt fiihren; so daB es ganz selbstverstandlich ist, 
daB man von naturwissenschaftlicher Seite nur Dinge hort, die eigent- 
lich von der geistigen Welt, wie sie wirklich ist, in ihren Tatsachen 
nichts wissen wollen. Ich will nur eines anfiihren - wie gesagt, das 
Genauere finden Sie in den genannten Buchern ich will anfiihren, 
daB der Mensch sozusagen sich eine ganz andere Art des Vorstellens 
erringen muB. Im gewohnlichen Leben ist man zufrieden mit den 
BegrifFen, den Vorstellungen, wenn man sich sagen kann : Diese Be- 
griffe, diese Vorstellungen sind so geartet, daB sie ein Abbild irgend- 
einer auBeren Tatsache oder eines auBeren Dinges sind. - Damit kann 
sich der Geistesforscher nicht befriedigen. Schon die Vorstellungen, 
die Begriffe werden etwas ganz anderes in seiner Seele, als sie nach den 
Denkgewohnheiten der Gegenwart sind. Wenn ich wiederum einen 
Vergleich gebrauchen darf, so mochte ich daran zeigen, wie heute der 
Geistesforscher der Welt gegemibersteht. Materialistische, spiritua- 
listische, pantheistische, individualistische, monadistische und so wei- 
ter, alle solche Leute glauben, in die Weltenratsel irgendwie ein- 
dringen zu konnen; man versucht mit bestimmten Vorstellungen, 
BegrifTen, ein Bild zu bekommen von den Vorgangen der Welt. So 
kann der Geistesforscher schon Begriffe gar nicht auffassen, sondern 
er muB sich zu einem Begriff in der Weise stellen, daB er immer sich 
klar bewuBt ist: In einem Begriff, in einer Vorstellung hat er nichts 
anderes, als was man in der auBeren Sinneswelt hat, wenn man zum 
Beispiel einen Baum oder einen andern Gegenstand von einer ge- 
wissen Seite her photographiert, man bekommt ein Bild von einer 
gewissen Seite, von einer andern Seite ein anderes Bild, von einer 
dritten Seite wieder ein anderes, von einer vierten Seite wiederum ein 
anderes Bild. Die Bilder sind voneinander verschieden; sie alle geben 
erst zusammen, wenn man sie im Geiste kombiniert, den Baum als 
gestaltete Vorstellung. Aber man kann sehr gut sagen, das eine Ding 
widerspricht dem andern! Sehen Sie nur, wie ganz verschieden oftmals 
ein Gegenstand aussieht, wenn Sie ihn von der einen und von der 
andern Seite her photographieren ! Allen diesen Vorstellungen von 
Pantheismus, Monadismus und so weiter steht der Geistesforscher 
so gegeniiber, daB sie nichts anderes sind als verschiedene Aufnahmen 



der Wirklichkeit. Denn die geistige Wirklichkeit ergibt sich in Wahr- 
heit dem Vorstellungsleben, dem Begriffsleben gar nicht so, daB man 
sagen kann, irgendein BegrifF ist ein Abbild, sondern man muB immer 
um die Sache herumgehen, man muB immer von verschiedenen Seiten 
her sich die mannigfaltigsten Begriffe bilden. Dadurch ist man in 
die Lage versetzt, ein viel groBeres inneres, seelisch regsames Leben 
zu entwickeln, als man fur die auBere Sinneswelt gewohnt ist; dadurch 
ist man aber auch genotigt, die Begriffe zu etwas viel Lebendigerem 
zu machen. Sie sind nicht mehr Abbilder, aber indem man sie erlebt, 
sind sie etwas viel Lebendigeres, als sie im gewohnlichen Leben und 
seinen Dingen sind. 

Ich kann mich da in der folgenden Weise verstandigen. Nehmen Sie 
an, Sie haben eine Rose, abgeschnitten vom Rosenstock, vor sich; 
Sie bilden sich die Vorstellung davon. Nun ja, diese Vorstellung 
konnen Sie sich bilden; Sie werden auch oftmals bei dieser Vor- 
stellung das Gefuhl haben: sie driickt Ihnen etwas Wirkliches aus, 
die Rose ist etwas Wirkliches. Der Geistesforscher kann niemals auf 
seinem Wege vorwartskommen, wenn er bei solchen Vorstellungen 
sich befriedigt, die Rose sei etwas Wirkliches. Die Rose, vorgestellt 
fur sich als Blute mit einem kurzen Stengel, ist gar nichts in sich Wirk- 
liches ; sie kann so, wie sie ist, nur da sein am Rosenstock drauf. Der 
Rosenstock ist etwas Wirkliches! Und der Geistesforscher muB sich 
nun angewohnen, fur alle einzelnen Dinge, fur welche die Menschen 
sich Vorstellungen bilden, indem sie glauben, das sei auch etwas Wirk- 
liches, immer sich bewuBt zu sein, in welch eingeschranktem Sinne 
solch eine Sache etwas Wirkliches ist. Er muB fiihlen, indem er die 
Rose mit dem Stiel vor sich hat: das ist nichts Wirkliches; er muB den 
Grad von Unwirklichkeit mitempfinden, mitfuhlen, miterleben, der 
in dieser Rose als bloBer Bliite enthalten ist. 

Dadurch aber, daB man das fur die ganze Weltbetrachtung aus- 
dehnt, belebt sich das Vorstellungsleben selbst; dadurch bekommt 
man nicht die schon abgelahmten, die getoteten Vorstellungen, mit 
denen sich die heutige naturwissenschaftliche Weltanschauung zu- 
frieden gibt, sondern man bekommt Vorstellungen, die mit den 
Dingen mitleben. Allerdings, man erlebt, wenn man von den Denk- 



gewohnheiten der Gegenwart ausgeht, mancherlei Enttauschungen 
zunachst, Enttauschungen, die sich ergeben, weil dasjenige, was man 
so erlebt, sich wirklich recht sehr unterscheidet von den Denk- 
gewohnheiten der Gegenwart. Man muB schon manchmal recht para- 
dox sprechen, wenn man aus den Erkenntnissen der geistigen Welt 
heraus spricht, gegemiber den Dingen, die heute allgemein gesprochen 
und geglaubt werden. 

Man kann heute ein sehr gelehrter Mann sein, sagen wir auf physi- 
kalischem Gebiete, ein auBerordentlich gelehrter Mann, und man 
kann mit Recht Bewunderung erregen durch seine Gelehrsamkeit, 
aber man kann mit lauter Begriffen arbeiten, die nicht herangeholt, 
nicht herangearbeitet sind an solchen, wie ich es geschildert habe: 
dem Lebendigmachen der Vorstellungswelt. Ich habe ja nur etwas 
ganz Elementares gesagt; dieses Elementare aber muB sich beim 
Geistesforscher ausdehnen liber die ganze Weltbetrachtung. Ich will 
ein Beispiel anfuhren: Professor Dewar hat im Anfange des Jahr- 
hunderts einen sehr bedeutsamen Vortrag in London gehalten. Dieser 
Vortrag, mochte ich sagen, zeigt in jedem Satze den groBen Gelehrten 
der Gegenwart, der in physikalischen Vorstellungen bewandert ist, 
wie man nur bewandert sein kann. Der Gelehrte versucht aus den 
physikalischen Vorstellungen heraus, wie sie der Physiker der Gegen- 
wart gewinnen kann, iiber den Endzustand der Erde zu sprechen 
beziehungsweise iiber irgendeinen Zukunftszustand, in dem eben 
vieles von dem abgestorben sein muB, was heute noch gegenwartig 
sein kann. Er schildert sehr richtig, weil er auf lauter gut fundierten 
Voraussetzungen fuBt; er schildert, wie einmal nach Jahrmillionen 
eintreten musse ein Erdzustand, in dem die Temperatur um so und so 
viel hundert Grade heruntergegangen ist, und wie sich dann - man 
kann das sehr gut berechnen - verandert haben miissen gewisse Sub- 
stanzen. Man kann das berechnen, und er schildert, wie Milch zum 
Beispiel dann nicht mehr wie heute ftiissig sein konne, sondern fest 
sein muB, wie EiweiB, wenn man damit Wande bestreicht, so leuch- 
tend wird, daB man Zeitungen dabel lesen kann, ohne daB man ein 
anderes Licht braucht, da man von dem bloBen EiweiB licht erhalt, 
und viele solche Einzelheiten. Dinge, die heute nicht einmal ein paar 



Gramm Druck aushalten wiirden, werden in ihrer Konsistenz, in 
ihrem Materiellen so stark sein, daB man Hunderte von Kilogramm 
daranhangen kann, kurz, eine groBartige Schilderung eines kiinftigen 
Zustandes der Erde gibt Professor Dewar. Man kann vom Stand- 
punkte des Physikalischen aus nicht das geringste einwenden; aber 
fur den, der lebendiges Denken in seine Seele aufgenommen hat, stellt 
sich die Sache anders. Fur den, der lebendiges Denken in seine Seele 
aufgenommen hat, tritt notwendigerweise sogleich, indem er solche 
Vorstellungsformen aufnimmt, wie sie dieser Professor gibt, das vor 
seine Seele, daB er sich nun etwas sagen muB, was in der Methode, in 
der Anschauungsweise ganz ahnlich ware der Folgerung und Denk- 
weise dieses Gelehrten. 

Nehmen Sie an, man nahme zum Beispiel einen funfundzwanzig- 
jahrigen Menschen und beobachtete genau - heute kann man solche 
Beobachtungen schon anstellen, ich brauche ja nur zu erinnern an das 
Rontgenwesen -, man beobachtete genau, wie sich gewisse Organe, 
sagen wir der Magen, von Jahr zu Jahr andern, im Verlauf von zwei, 
drei, vier, fiinf Jahren andern; sie nehmen andere Konfigurationen 
an. Man kann das beschreiben, wie es der Physiker macht, indem er 
die aufeinanderfolgenden Zustande der Erde vergleicht und dann be- 
rechnet, wie nach Jahrmillionen diese Erde ausschauen muB. Nun 
kann man auch beim Menschen das anstellen: man beobachtet, wie 
sich, sagen wir, Magen oder Herz von Jahr zu Jahr andern; dann 
berechnet man, wie, sagen wir, nach zweihundert Jahren der Mensch 
ausschauen muB nach diesen Veranderungen. Man bekommt ein 
ebensogut fundiertes Resultat heraus, wenn man ausrechnet, wie der 
Mensch nach zweihundert Jahren ausschauen muB, wenn man die 
einzelnen Anschauungen richtig zusammenrechnet, nur ist der Mensch 
dann langst gestorben, er ist nicht mehr da ! 

Sie sehen, was ich meine. Es handelt sich darum, daB man in dem 
einen Fall aus der unmittelbaren Erfahrung heraus weiB : solche Rech- 
nerei entspricht nicht der Wirklichkeit, weil nach zweihundert Jahren 
der menschliche Leib mit diesen Veranderungen nicht mehr da ware, 
bei der Erde stellt man aber diese Berechnung an. Man beachtet aber 
nicht, daB die Erde nach zwei Jahrmillionen eben als physisches 



Wesen auch langst gestorben ist, nicht mehr da ist; daB also die ganze 
gelehrte Berechnerei iiber diesen Zustand gar keinen Wirklichkeits- 
wert hat, weil die Wirklichkeit, auf die sie angewendet ist, nicht mehr 
da ist. 

Die Sachen gehen sehr weit. Sie konnen ja ebensogut beim Men- 
schen wie nach vorwarts auch nach riickwarts rechnen, konnten 
rechnen, wie der Mensch nach den kleinen Veranderungen von zwei 
Jahren vor zweihundert Jahren ausgeschaut hat, aber er war noch 
nicht da! Aber nach derselben Methode ist die Kant-Laplacesche 
Theorie gebildet, jene Theorie, welche annimmt, daB einstmals ein 
Nebelzustand da war, der aus dem gegenwartigen Zustand berechnet 
ist. Die Rechnung stimmt ganz gut, die Wahrnehmungen sind ganz 
richtig, nur - fur den Geistesforscher stellt sich das hin, daB damals, 
als dieser ganze Urnebel dagewesen sein soil, die ganze Erde noch 
nicht geboren war, das ganze Sonnensystem noch nicht vorhanden war. 

Ich wollte diese Berechnungen nur heranziehen, um Ihnen zu 
zeigen, wie das ganze innere Seelenleben aus der Abstraktion heraus- 
kommen muB, wie es untertauchen muB in die lebendige Wirklichkeit, 
wie die Vorstellungen selber lebendig werden miissen. Ich habe in 
meinem Buch «Vom Menschenratsel», das vor zwei Jahren erschienen 
ist, unterschieden zwischen wirklichkeitsgemaBen und unwirklich- 
keitsgemaBen Vorstellungen. Kurz, worauf es ankommt, das ist, daB 
der Geistesforscher hinweisen muB darauf, daB sein Weg ein solcher 
ist, daB die Erkenntnismittel, die er gebraucht, erst erweckt werden 
miissen, daB er erst seine Seele umgestalten muB, um in die geistige 
Welt hineinschauen zu konnen. Dann kommen die Ergebnisse in einer 
solchen Form, daB man sehen kann: der Geistesforscher spekuliert 
nun nicht, ob die Seele unsterblich sei, ob die Seele durch Geburt und 
Tod durchgehe, sondern sein Forschungsweg fuhrt ihn zu dem 
Ewigen in der Menschenseele, zu dem, was durch Geburten und Tode 
geht; sein Forschungsweg zeigt ihm, was im Menschen als Ewiges 
lebt. Also er sucht das Objekt, das Ding, das Wesen selber auf. Hat 
man das Wesen, so kann man an diesem Wesen seine Eigenschaften 
erkennen, so wie man an der Rose die Farbe erkennt. Daher entsteht 
oftmals der Schein, als ob der Geisteswissenschafter nur behaupte, 



es sei so, denn er muB, indem er Belege angibt, immer darauf hin- 
weisen, auf welchem Wege man zu diesen Dingen kommt; er muB 
gewissermaBen da anfangen, wo die andere Wissenschaft aufhort. 
Dann aber ist ein wirkliches Eindringen moglich in diejenigen Ge- 
biete, die, ich mochte sagen, den Tod ebenso zu ihrem Ausgangs- 
punkt haben, wie das auf naturwissenschaftlichem Feld Befindliche 
die Geburt und die Jugend zum Ausgangspunkte hat. Nur muB man 
sich klar sein dariiber, daB dieser Tod keineswegs bloB dieses, die 
auBeren sinnlichen Anschauungsformen abschlieBende Ereignis ist, 
als das er gewohnlich angeschaut wird, sondern daB er etwas ist, das 
teil hat am Dasein, so wie die Krafte, welche mit der Geburt ins 
Leben gerufen werden, teil haben am Dasein. Wir begegnen dem 
Tode nicht nur, indem er uns als einmaliges Ereignis ergreift, sondern 
wir tragen die Krafte des Todes in uns - abbauende Krafte, immerfort 
abbauende Krafte -, so wie wir die Krafte der Geburt, oder die uns 
bei der Geburt gegebenen, als auf bauende Krafte in uns tragen. 

Um dies einzusehen, muB man allerdings an einem Grenzorte 
zwischen Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft wirklich For- 
schungen anstellen konnen. Ich kann ja heute von manchem naturlich 
nur Ergebnisse anfuhren, will ja auch nur anregen; sollte ich dasjenige 
in alien Einzelheiten ausfiihren, womit ich anregen will, so muBte ich 
viele Vortrage halten. Man muB sich also, wenn man das Angedeutete 
verfolgen will, an einen Grenzort begeben zwischen Naturwissen- 
schaft und Geisteswissenschaft. Man glaubt so vielfach und hat es ge- 
glaubt - heute ist die Wissenschaft meistens iiber diese Dinge schon 
hinaus, nur die popularen Weltanschauungsbewegungen stehen noch 
auf einem Standpunkte, den die Wissenschaft schon vor Jahrzehnten 
verlassen hat -, man glaubt so vielfach, dieses menschliche Nerven- 
system, dieser menschliche Nervenapparat sei einfach ein Werkzeug 
fur das Denken, Fiihlen, Wollen, kurz, fur das seelische Erleben. 
Derjenige, der mit solchen Seelenorganen, mit Geistaugen, Geist- 
ohren, wie ich sie wenigstens prinzipiell beschrieben habe, erkennen 
lernt das seelische Leben, der es erst wirklich entdeckt, dieses seelische 
Leben, der weiB, daB sprechen : das Gehirn sei ein Werkzeug fur das 
Denken - ebenso ist, wie wenn man sagt: Ich gehe iiber einen Weg, 



der vielleicht aufgeweicht ist, ich trete meine FuBspuren hinein. Diese 
FuBspuren Bndet nachher einer, er will sie erklaren. Wie erklart er sie? 
Er erklart sie dadurch, daB er sagt: Unten in der Erde sind allerlei 
Krafte, die auf und ab schwingen und die dadurch, daB sie auf und ab 
schwingen, diese FuBspuren erzeugen, - was gar nicht auf Krafte in der 
Erde zuriickgeht, die diese FuBspuren erzeugen, denn ich habe sie 
hineingetragen, aber man kann meine Spuren genau darinnen nach- 
weisen! - So erklaren die Physiologen heute, daB dasjenige, was in 
dem Gehirn vorgeht, aus dem Gehirn kommt, weil jedem Denken, 
Vorstellen, Fiihlen etwas in dem Nervensystem entspricht. Geradeso 
wie meine Spuren meinen FuBtritten entsprechen, so entspricht wirk- 
lich im Gehirn etwas demjenigen, was die Seele als Eindriicke hat. 
Aber die Seele hat es erst eingedriickt. Ebensowenig wie die Erde das 
Organ ist fur mein Gehen oder die FuBspuren, ebensowenig wie sie 
diese herausbildet, ebensowenig ist das Gehirn das Organ fur allerlei 
Vorgange von Denken oder Vorstellen. Und so wie ich nicht gehen 
kann ohne Boden - ich kann nicht in der Luft gehen, ich brauche den 
Grund, wenn ich gehen will so ist das Gehirn notwendig; aber 
nicht weil es das Seelische hervorbringt, sondern weil das Seelische 
den Grund und Boden braucht, auf dem es sich, solange der Mensch 
zwischen Geburt und Tod im Leibe lebt, ausdriickt. Es hat also gar 
nichts zu tun mit dem allem. 

Gerade die heute so glanzend verstandene Naturwissenschaft er- 
fahrt ihre vollstandige Aufklarung, wenn dieser Umschwung im 
Denken eintreten wird, den ich hiermit angedeutet habe, der aller- 
dings ein radikalerer ist als der der Kopernikanischen Weltanschauung 
gegeniiber der Weltanschauung, die man friiher gehabt hat, aber der 
vor der wirklichen Weltanschauung so berechtigt ist, wie die Koperni- 
kanische Weltanschauung gegenuber der fmheren berechtigt war. 
Dann, wenn man auf seelenforscherischem Wege vorwartsdringt, 
dann findet man auch, daB die Vorgange im Gehirn, im Nerven- 
system, welche dem Seelenleben entsprechen, nicht auf bauende sind, 
nicht etwas sind, was dadurch da ist, daB die produktive, die wach- 
sende, die gedeihende Tatigkeit im Nervensystem so vorhanden ist 
wie im iibrigen Organismus. Nein! Sondern dasjenige, was die Seele 



vollfuhrt im Nervensystem, das ist abbauende Tatigkeit, das ist in der 
Tat wahrend unseres wachen BewuBtseins auBerhalb des Schlafes ab- 
bauende Tatigkeit. Und nur dadurch, daB das Nervensystem so in uns 
eingelagert ist, daB es von dem ubrigen Organismus immer wieder 
aufgefrischt wird, kann die abbauende, die auflosende, die zer- 
storende Tatigkeit, die vom Denken aus eingreift in unser Nerven- 
system, immer wieder ausgeglichen werden. Abbauende Tatigkeit ist 
da, Tatigkeit, welche ganz genau qualitativ dieselbe ist wie diejenige, 
die der Mensch auf einmal durchmacht, wenn er stirbt, wenn der 
Organismus ganz aufgelost wird. Der Tod lebt fortwahrend in uns, 
indem wir vorstellen. Ich mochte sagen, atomistisch geteilt lebt der 
Tod fortwahrend in uns; und der einmalige Tod, der uns ergreift, er 
ist nur summiert dasjenige, was fortwahrend abbauend in uns arbeitet, 
allerdings wiederum ausgeglichen wird, nur sind die Ausgleiche so, 
daB eben zuletzt auch der spontane Tod hervorgerufen wird. 

Man muB den Tod begreifen als eine Kraft, die im Organismus 
wirkt, so wie man die Lebenskrafte begreift. Sehen Sie sich aber heute 
die auf ihrem Gebiete durchaus berechtigte Naturwissenschaft an, so 
werden Sie finden: sie sucht nur die aufbauenden Krafte. Dasjenige, 
was abbaut, das entzieht sich ihr. Daher kann auch das aus dem Ab- 
bauenden wieder Neuerstehende, nun immerfort jetzt nicht leiblich - 
denn das Leibliche wird eben abgebaut -, sondern geistig-seelisch 
sich wieder Aufbauende von der auBeren Naturwissenschaft nicht 
beobachtet werden, denn es fallt fortwahrend aus der Beobachtung 
heraus und wird nur derjenigen Beobachtung zuganglich, die so vor- 
geht, wie ich es vorhin beschrieben habe. Dann zeigt sich allerdings, 
daB, wahrenddem wir unser Leben dahinbringen, unsere gesamte 
Seelentatigkeit nicht nur zugeordnet ist dem Grund und Boden, auf 
dem sie sich entwickeln muB und den sie sogar abbaut, insofern sie 
vorstellt, insofern sie tatig ist, sondern daB diese gesamte Seelentatig- 
keit auch zugeeignet ist einer geistigen Welt, die uns immer umgibt, 
in der wir mit unserem Seelisch-Geistigen so drinnenstehen, wie wir 
drinnenstehen mit unserem physischen Leibe in der sinnlich-physi- 
schen Welt. Eine wirkliche Beziehung des Menschen zu der geistigen 
Welt, die alles durchdringt, was physisch ist, zu der wirklichen, 



konkreten, realen geistigen Welt, wird also durch die Geisteswissen- 
schaft angestrebt. 

Dann ergibt sich allerdings die Moglichkeit, weiter zu beobachten, 
wie dasjenige, was da in uns wirkt und webt als Seelisches, das in den 
Grenzen, die ich geschildert hatte, abbaut, ein zusammengehoriges 
Ganzes ist. Dasjenige, was ich Seelenentwickelung genannt habe, 
dringt vor vom gewohnlichen BewuBtsein zum schauenden BewuBt- 
sein. Ich habe davon gesprochen in meinem Buche «Vom Menschen- 
ratsel». Dieses schauende BewuBtsein entwickelt die Moglichkeit, 
imaginative Erkenntnisse zu haben. Diese imaginativen Erkenntnisse 
geben nicht das, was auBerlich sinnlich ist, sondern sie geben am 
Menschen selber - ich will von der andern Welt jetzt absehen -, sie 
geben am Menschen selber dasjenige, was an ihm nicht sinnlich wahr- 
nehmbar ist. Ich habe in der letzten Zeit, damit kein MiBverstandnis 
entstehe, dieses, was zunachst von einer solchen geweckten Er- 
kenntnis wahrgenommen werden kann, Bildekrafteleib genannt. Das 
ist jener iibersinnliche Leib des Menschen, welcher tatig ist wahrend 
unseres ganzen Lebens, von der Geburt, oder sagen wir Empfangnis, 
bis zu unserem physischen Tode, welcher auch der Trager unserer 
Erinnerungen ist, welcher aber als iibersinnliche Wesenheit mit einer 
iibersinnlichen AuBenwelt in Verbindung steht. So daB unser sinn- 
hches Leben mit seinem iibrigen BewuBtsein nur wie eine Insel da- 
steht, aber rings um diese Insel herum und sogar diese Insel durch- 
dringend, liegt die Beziehung des menschlichen Bildekrafteleibes mit 
der iibersinnlichen AuBenwelt. Da kommen wir allerdings dazu, alle 
Vorstellungswelt - jetzt nicht anders als wie ich es geschildert habe - 
in Zusammenhang zu bringen mit dem physischen Gehirn, das den 
Grund und Boden dafur abgibt; aber wir kommen dazu, einzusehen, 
daB der Bildekrafteleib der Trager der menschlichen Gedanken ist, 
daB sich die Gedanken entwickeln in diesem Bildekrafteleib, daB der 
Mensch, indem er denkt, in diesem Bildekrafteleib lebt. 

Anders ist es schon, wenn wir vorschreiten zu einem andern Seelen- 
erlebnis, zu dem Fiihlen. Unser Fiihlen, auch unsere AfFekte, unsere 
Leidenschaften stehen in einem andern Verhaltnis zu unserem Seelen- 
leben als unser Denken. Der Geistesforscher findet, daB die Gedanken, 



die wir uns gewohnlich machen, an den Biidekrafteieib gebunden 
sind, nicht aber unsere Gefuhle, nicht aber unsere AfFekte. Diese 
Gefuhle und AfFekte leben in uns in einer viel unterbewuBteren Art; 
dafiir stehen sie aber auch mit etwas weit Umfassenderem im Zu- 
sammenhang als mit unserem Leben zwischen Geburt und Tod. 
Nicht als ob der Mensch in diesem Teile seines Lebens, von dem ich 
jetzt spreche, gedankenlos ware; alle Gefuhle sind von Gedanken 
durchdrungen; aber die Gedanken, von denen die Gefuhle durch- 
drungen sind, kommen dem Menschen in der Regel nicht in das 
gewohnliche BewuBtsein hinein, sie sind unter der Schwelle dieses 
BewuBtseins. Dasjenige, was als Gefuhl heraufwogt, das ist gedanken- 
durchsetzt, aber diese Gedanken sind weiterausgreifend, denn man 
findet sie nur, wenn man zu einem noch hoheren BewuBtsein vor- 
schreitet in der schauenden Erkenntnis : zu dem, was - ich denke nicht 
an aberglaubische Vorstellungen -, was ich das inspirierte BewuBtsein 
nenne. Das Genauere dariiber konnen Sie in meinen Biichern nachlesen. 

Vertieft man sich nun in das, was eigentlich dem gewohnlichen Be- 
wuBtsein gegeniiber so schlaft, wie der Mensch vom Einschlafen bis 
zum Aufwachen schlaft mit Bezug auf die gewohnlichen sinnlichen 
Vorstellungen, so sieht man es heraufwogen, wie in den Schlaf hinein 
die Traume wogen. So wogen in der Tat die Gefuhle herauf, es klingt 
paradox, aber es ist so: aus dem Tieferen der Seele. Aber dieses 
Tiefere der Seele, das der inspirierten Erkenntnis zuganglich ist, das 
ist dasjenige, was da lebt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt; 
das ist dasjenige, was eingetreten ist in den physischen Zusammenhang 
durch unsere Empfangnis, oder sagen wir Geburt, was durch die 
Pforte des Todes tritt und unter andern Bedingungen ein geistiges 
Dasein hat, bis der Mensch wieder geboren wird. Wer mit inspirierter 
Erkenntnis wirklich hineinschaut in dasjenige, was in der Gefiihlswelt 
lebt, der sieht nicht nur den Menschen zwischen Geburt und Tod, der 
sieht den Menschen auch in den Zeiten, die die Seele durchlebt 
zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. 

Das ist nicht nur so einfach hingestellt : so ist es eben, - sondern es ist 
darauf hingewiesen, wie die Krafte in der Seele entstehen, welche die 
Gefuhle, AfFekte, Leidenschaften so anzusehen vermogen, daB man 



in ihnen drinnen lebt. So wie man in der Pflanze dasjenige sieht, was 
durch die Keimeskrafte entstanden ist, so sieht man etwas, was nicht 
mit unserer Geburt oder Empfangnis entsteht, sondern was aus einer 
geistigen Welt herausgekommen ist. 

Ich weifi sent wohl, wieviel sich von der heutigen naturwissenschaft- 
lichen Weltanschauung gegen eine solche Vorstellung einwenden laBt. 
Es werden diejenigen, die bekannt sind mit solchen naturwissenschaft- 
lichen Weltanschauungen, leicht sagen: Ja, da kommt er und schildert 
in dilettantischer Weise, daB diese Glieder seiner Seele, die er um- 
fassen will, aus einer geistigen Welt herauskommen; schildert die be- 
sonderen Konfigurationen, Farben der Gefiihle so, als ob in diesen 
Gefiihlen auf der einen Seite der Hinweis ware auf unser vorgeburt- 
liches Leben, und auf der andern Seite wieder etwas, was so ware, wie 
der Keim der Pflanze dasjenige ist, was in der Pflanze des nachsten 
Jahres sein wird. Kennt denn dieser Mensch nicht - werden die Leute 
sagen - die wunderbaren Vererbungsgesetze, die durch die Natur- 
wissenschaft heraufgebracht sind? WeiB er denn nicht alles, was die- 
jenigen wissen, welche die Wissenschaft der Vererbungsmerkmale erst 
schufen, welche erst zusammenpragten alles das, was die Kenntnis der 
Vererbungsmerkmale hervorgerufen hat? 

Ist auf der einen Seite die Tatsache, auf welche Naturwissenschaft 
hinweist, ganz richtig, so stecken doch in der Entstehung der Ver- 
erbung unsere Krafte, durch die wir uns durch Jahrhunderte vor- 
bereiten und die wir herunterschicken, so daB sich aus Voreltern und 
Eltern jene Konstellationen herausbilden, welche zuletzt zu dem mate- 
riellen Ergebnis fiihren, mit dem wir uns dann umhullen, indem wir 
aus der geistigen Welt in die physische heruntersteigen. Wer wirklich 
gerade die wunderbaren Ergebnisse der neueren Vererbungsforschung 
ins Auge fafit, der wird finden, daB das, was Geisteswissenschaft nur 
auf eine ganz andere Weise, ich mochte sagen, auf dem entgegen- 
gesetzten Wege, von der Seele aus findet, vollstandig bestatigt wird 
gerade durch die Naturwissenschaft; wahrend das, was die Natur- 
wissenschaft selber sagt, gar nicht durch die Naturwissenschaft be- 
statigt wird. Das kann ich nur andeuten. 

Und wenn wir dann eintreten in jenes Gebiet, das man als den 



Willen bezeichnet, so entzieht sich das ja sehr dem, was der Mensch 
in seinem gewohnlichen BewuBtsein hat. Was weiB der Mensch selbst 
iiber das, was in ihm vorgeht, wenn der Gedanke: Ich will etwas 
haben - sich zu einer Handbewegung gestaltet? Der eigentliche 
Willensvorgang schlaft im Menschen. Mit Bezug auf die Gefuhie und 
AfFekte konnte man wenigstens sagen, der Mensch traumt im Men- 
schen. Deshalb ist die Frage iiber die Freiheit eine so schwierige, weil 
der Wille schlafend ist dem gewohnlichen BewuBtsein gegeniiber. 
liber das, was in dem Willen vorgeht, kommt man nur zu einer Er- 
kenntnis, indem man im schauenden BewuBtsein bis zum wirklichen 
intuitiven BewuBtsein gelangt, nicht dem verschwommenen alltag- 
lichen, intuitiv genannten BewuBtsein, zu dem, was ich in meinen 
Schriften die drei Stufen : imaginatives, inspiriertes und intuitives Er- 
kennen genannt habe. Da kommt man hinein in das Willensgebiet, in 
dasjenige, was in uns wirken, leben soli. Das muB erst aus den unter- 
seelischen Tiefen heraufgeholt werden. Dann aber findet man, daB 
allerdings dieses Willenselement daneben noch - der gewohnliche Ge- 
danke steht fur sich - von Gedanken, von Geistigem durchsetzt ist. 
Aber so wie wir den Willen in uns tragen, wirkt in diesen Willen 
hinein jetzt nicht nur das, was wir in der geistigen Welt erlebt haben, 
was in unsere Gefuhie, in unsere AfFekte hinein wirkt zwischen dem 
Tod und einer neuen Geburt, sondern es wirkt dasjenige, was wir 
in vorigen Erdenleben erlebt haben. In die Willensnatur des Menschen 
wirken hinein die Impulse fruherer Erdenleben. Und in dem, was 
wir im gegenwartigen Wollen entwickeln, heranziichten, mochte ich 
sagen, leben die Impulse fur folgende Erdenleben. So daB das ge- 
samte Menschenleben fur die wirkliche Geistesforschung zerfallt in 
solche Leben, die zwischen der Geburt und dem Tod liegen, und in 
solche, welche - weil das ganze physische Dasein aus der Welt heraus 
gebaut werden muB - in weit langeren Zeitraumen in der geistigen 
Welt erlebt werden. Aus solchen Leben, wiederholten Erdenleben, 
wiederholten geistigen Leben, setzt sich das gesamte menschliche Le- 
ben zusammen. Dies ist nicht eine Phantastik, nicht ein Einfall, son- 
dern etwas, das man findet, wenn man wirklich auf das Ewige, Un- 
vergangliche in der Menschenseele lernt das Geistesauge hinzuwenden. 



Diese Dinge schlieBen nicht die menschliche Freiheit aus. Ebenso- 
wenig wie es meine Freiheit ausschlieBt, wenn ich mir dieses Jahr ein 
Haus baue, in dem ich nach zwei Jahren wohnen werde - ich werde 
darinnen ein freier Mensch sein, trotzdem ich dieses Haus fur mich 
gebaut habe -, so bestimmen die einen Erdenleben die andern, die 
folgenden vor. Aber nur miBverstandene Auffassung konnte das als 
eine Beeintrachtigung des menschlichen Freiheitsgedankens hinstellen. 

So kommt man allmahlich in geistiger Forschung an die geistigen 
Tatsachen heran, indem man ausgeht von dem Tode. Auch im einzel- 
nen ergibt diese Beobachtung das Mannigfaltigste, wenn man den Tod 
der Geistesforschung so zugrunde legt, wie man die Geburt und das 
Keimesleben der physischen Forschung zugrunde legt. Ich will nur 
einiges anfiihren, weil ich nicht im Unbestimmten herumreden. 
mochte, sondern konkrete Ergebnisse der anthroposophischen Gei- 
stesforschung anfuhre. Wir konnen unterscheiden im gewohnlichen 
Geistesleben zwischen dem gewaltsam eintretenden Tode durch 
auBere Veranlassung und dem Tod, der von innen heraus, sei es durch 
Krankheit von innen heraus, sei es durch Altern, eintritt. Wir konnen 
also verschiedene Arten des Todes unterscheiden. Geistesforschung, 
die konkret auf die Natur des Todes eingeht, findet folgendes : 

Nehmen wir zum Beispiel den gewaltsamen Tod, der in ein Leben 
hereintritt, sei es dadurch, daB man verungliickt, oder auf irgendeine 
andere Weise, kurz, gewaltsam. Das ist der Hereintritt eines Ereig- 
nisses, das das Leben in diesem Erdendasein auflost. Von diesem 
einmaligen Eintritt des Todes hangt ebenso die Entwickelung des 
GeistbewuBtseins fiir die geistige Welt nach dem Tode ab, wie von 
den Kraften, die uns bei der Geburt gegeben werden, die Grundlage 
abhangt - in der Weise aber wie ich es geschildert habe - dafiir, daB 
wir im Leben ein BewuBtsein entwickeln konnen. Andersartig ist das 
BewuBtsein, das wir nach dem Tode entwickeln: Das BewuBtsein, 
das wir hier auf Erden entwickeln, steht auf dem Boden des Nerven- 
systems, so wie ich auf dem Boden stehe, wenn ich auf dem Boden 
gehe; in der geistigen Welt begriindet ist das BewuBtsein nach dem 
Tode ein andersartiges, aber durchaus ein BewuBtsein. Wenn der 
Mensch eines gewaltsamen Todes stirbt, so ist das nicht nur etwas, 



was hereingreift in seine Vorstellungen. Das gewohnliche BewuBt- 
seinsvot stellen schlieBt ja mit dem Tode ab, ein anderes BewuBtsein 
beginnt, aber es greift herein in seinen Willen, von dem wir gesehen 
haben, daB er heriibergeht in folgendeErdenleben.DerGeistesforscher 
hat die Mittel, in einem Erdenleben zu untersuchen, was da auftr eten 
kann, wenn in einem vorigen Erdenleben ein gewaltsamer Tod ein- 
getreten ist. 

Wenn man uber solche Dinge heute spricht, so weiB man selbst- 
verstandlich, daB allerlei Menschen sagen: Das ist toricht, kindisch, 
phantastisch. - Aber die Ergebnisse sind ebenso gesicherte wissen- 
schaftliche - nur solche bringe ich vor - wie die der Naturwissen- 
schaft. Wenn ein gewaltsamer Tod in ein Leben eingreift, so zeigt 
sich dieses im nachstfolgenden Erdenleben so, daB dieser Tod nach- 
wirkt, indem er in ganz bestimmten Lebensjahren des nachstfolgenden 
Lebens irgendwie eine Richtungsanderung des Lebens hervorbringt. 
Es werden jetzt schon Forschungen angestellt iiber Seelenleben; nur 
werden sie in der Regel so angestellt, daB man nur das AllerauBer- 
lichste dabei beriicksichtigt. In manchen Menschenleben tritt in einem 
bestimmten Augenblicke dieses Lebens etwas ein, was das ganze 
Schicksal des Menschen andert, was ihn auf andere Lebenswege 
bringt, wie innerlich herausgefordert. In Amerika nennt man solche 
Dinge «Bekehrungen», weil man Namen haben will fur sie; aber wir 
brauchen nicht immer an Religioses zu denken; der Mensch kann in 
andere Lebenswege, in eine bleibende Anderung seiner Willensrich- 
tung hineingedrangt werden. Solch eine radikale Anderung einer 
Willensrichtung hat ihren Ursprung in einem gewaltsamen Tode 
seines vorhergehenden Lebens. Denn wie sehr haufig dasjenige, was 
im Tode auftritt, gerade fur die Mitte des nachsten Lebens wichtig ist, 
das zeigt sich der konkreten Forschung. Tritt der Tod spontan aus 
dem Innern durch Krankheit oder durch Altern auf, so hat der Tod 
viel mehr als fur das nachste Erdenleben eine Bedeutung fur das 
Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. 

Ich wollte diese Beispiele anfiihren, damit Sie sehen, daB man nicht 
im Unbestimmten herumredet, sondern in der Tat iiber Einzelheiten, 
die im Zusammenhange des Lebens auftreten, ganz bestimmte An- 



schauungen gewinnen kann. Und so ist es, daB in der Tat die Geistes- 
forschung neu, selbst auch fur diejenigen, die iiberzeugt sind von der 
Unsterblichkeit der Menschenseele, in das BewuBtsein hereinbringt, 
daB man nicht nur im allgemeinen von Unsterblichkeit zu reden hat, 
sondern daB durch das Begreifen des Ewigen in der Menschenseele 
das Menschenleben als solches begreiflich wird. All die sonderbaren 
Vorgange, die man beobachtet, wenn man Sinn hat fur seelischen 
Lebensverlauf, fur den Verlauf des seelischen Lebens im Menschen, 
all die wunderbaren Ereignisse, sie stellen sich hinein, wenn man weiB, 
man hat es zu tun mit wiederholten Erdenleben und wiederholten 
geistigen Leben. In der geistigen Welt - ich sage das nur wie in 
Parenthese - steht der Mensch mit geistigen Wesenheiten, nicht nur 
mit den Mitmenschen, die ihm schicksalsmaBig nahegetreten sind und 
die auch durch die Pforte des Todes gegangen sind, sondern auch mit 
andern geistigen Wesen so in Beziehung, wie er hier mit den drei 
Reichen, dem Pflanzenreich, dem Mineralreich, dem Tierreich in Be- 
ziehung steht. Der geistige Forscher redet von einzelnen bestimmten 
Geistern, einzelnen bestimmten geistigen Wesenheiten, von einer kon- 
kreten, individualisierten geistigen Welt, wie wir hier von individua- 
lisierten Pflanzenwesen und Tierwesen und Menschenwesen reden, 
insofern sie zwischen Geburt und Tod physische Wesen sind. Was 
vor alien Dingen den Menschen erschuttern kann - es ist schwierig 
iiber die Dinge so zu sprechen, daB sie in einer neuen Weise wie aus 
grauer Geistestiefe heraustreten -, das ist, was dann eintritt, wenn die 
Erkenntnis selber in einer ganz bestimmten Weise an die menschliche 
Seele herantritt. Sie haben aus dem, was ich gesagt habe, gesehen, daB 
man Erkenntnis iiber die geistige Welt gewinnen kann. Diese Er- 
kenntnisse haben tiefe Bedeutung fur die menschliche Seele; sie 
machen gewissermaBen aus dieser menschlichen Seele etwas anderes. 
Es greift ein in das Leben der Seele, gleichgiiltig ob man Geistes- 
forscher ist oder ob man nur das, was vom Geistesforscher erforscht 
ist, gehort hat, verstanden hat, es aufgenommen hat; es ist gleich- 
giiltig, es kommt nicht darauf an, es selbst erforscht zu haben: man 
kann es auch begreiflich finden. Alles kann man begreiflich finden, 
wenn man es nur geniigend durchdringt. Man braucht es nur auf- 



genommen zu haben. Dann tritt es aber, wenn man es in seiner vollen 
Wesenheit erfaBt, so in dieses menschliche Seelenleben herein, daB 
man sich eines Tages eines sagt, daB es bedeutungsvoller ist als alle 
andern Ereignisse des Lebens. 

Man kann Schweres, Trauriges erlebt haben, das einen erschiittert 
hat, Freudiges, was einen erhoben hat, Erhabenes - man braucht 
nicht stumpf zu sein dagegen, wenn man etwa Geistesforscher oder 
Geist-Erkenner ist, man kann alles so voll empfindend miterleben wie 
die andern Menschen, die noch nicht Geistesforscher sind -, aber 
wenn man in seiner vollen Wesenheit durchdringt, was die Geist- 
Erkenntnis der Seele gibt und sich die Frage zu beantworten vermag : 
Was hat die Seele von diesen geistigen Ergebnissen? - wenn man sich 
voll sagt, was die Seele geworden ist durch die geistige Erkenntnis, 
dann wird dieses Ereignis wichtiger als alle andern Schicksale, als 
alle andern Schicksalserlebnisse, die an den Menschen herantreten. 
Nicht daB die andern kleiner werden, aber dieses wird groBer als die 
andern. Die Erkenntnis selbst tritt dann schicksalsmaBig durch das 
menschliche Seelenleben herein. Tritt so die Erkenntnis durch das 
menschliche Seelenleben herein, dann fangt man an, das menschliche 
Schicksal als solches zu verstehen : von da aus leuchtet das Licht, das 
das menschliche Schicksal auf klart. Man sagt sich von diesem Mo- 
mente ab: Hat man so rein im Geistigen dieses Schicksalserlebnis, 
dann wird einem erklarlich, wie man schicksalsmaBig in das Leben 
hereingestellt ist, wie unser Schicksal an den Faden hangt, die sich 
herausspinnen aus vorhergehenden Leben, vorhergehenden Erden- 
leben und Leben zwischen Tod und neuer Geburt, die sich wieder 
hineinspinnen aus diesem Leben in ein folgendes Leben. - Und man 
sagt sich: Das gewohnliche BewuBtsein durchtraumt sein Schicksal 
nur; das gewohnliche BewuBtsein nimmt sein Schicksal hin, ohne es 
zu verstehen, wie man den Traum hinnimmt. Das schauende BewuBt- 
sein, zu dem man erwacht, wie man aus dem Traum zum gewohn- 
lichen BewuBtsein erwacht, das gewinnt auch ein neues Verhaltnis 
zum Schicksal. Das Schicksal wird erkannt als dasjenige, was mit- 
arbeitet an unserem umfassenden Leben, an dem Leben, das durch 
Geburten und Tode geht. 



Es ist die Sache nicht in der trivialen Weise aufzufassen, als wenn 
der Geistesforscher nun sagen wiirde: Dein Ungluck hast du selbst 
verschuldet - nein, das ware nicht nur ein Verkennen, es ware sogar 
eine Verleumdung der Geistesforschung. Ein Ungluck braucht sogar 
gar nicht aus dem vorhergehenden Leben irgendwie verursacht zu 
sein. Es kann spontan eintreten; es wird nur seine Folgen fur das 
folgende und auch alles Leben zwischen den Erdenleben haben, weil 
wir sehr haung sehen, daB aus Ungliick, aus Leid und Schmerz das- 
jenige herauswachst, was andersgestaltetes BewuBtsein in der geistigen 
Welt ist. Aber Sinn kommt in unser ganzes Leben hinein, Verstandnis 
auch fur unser Schicksal, das wir sonst nur durchtraumen, das wir nun 
verstehen lernen. 

Eines tritt vor allem hervor, wenn diese Geisteserkenntnis ins Auge 
gefaBt wird. Man kann nicht etwa dann noch sagen: Nun ja, nach 
dem Tode mag die Seele in ein anderes Leben eintreten, aber das kann 
man ja abwarten. Hier nehme man das Leben, wie es sich im physi- 
schen Leib darbietet; was nach dem Tode ist, das kann man ja ab- 
warten. - Die Sache ist eine BewuBtseinsfrage. Allerdings steht das, 
was nach dem Tode eintritt, in einem Zusammenhange mit dem 
Leben, das wir durchleben im Leibe. So wie wir hier durch unseren 
Leib in gewissem Sinne das BewuBtsein haben, das wir eben im 
gewohnlichen Wachzustande haben, so haben wir nach dem Tode ein 
BewuBtsein, das sich jetzt nicht raumlich aus dem Nervensystem 
aufbaut, sondern das sich zeitlich aufbaut, im Zuruckschauen auf- 
baut. So wie unser Nervensystem gewissermaBen die Widerlage und 
der Gegenschlag ist fur unser gewohnliches BewuBtsein zwischen 
Geburt und Tod, so bildet eine Grundlage fur unser BewuBtsein in 
der geistigen Welt zwischen Tod und neuer Geburt dasjenige, was 
schon hier in unserem BewuBtsein sitzt. Und so wie wir hier die Welt 
um uns haben, so haben wir, wenn wir gestorben sind, gerade unser 
Leben als wichtiges Organ vor uns. Daher hangt viel ab von dem 
BewuBtsein im physischen Leib, das sich hineinerstrecken kann in das 
BewuBtsein, das nach dem Tode an uns herantritt. Wer zum Beispiel, 
wie es oftmals den Denkgewohnheiten der Gegenwart entspricht, 
sich nur beschaftigt mit physischen Vorstellungen, die durch die Sinne 



aufgefaBt sind, der bekommt in sein BewuBtsein, auch in sein Er- 
innerungsvermogen, in all dasjenige, was sich in seiner Seele abspielt, 
nur Vorstellungen aus dem gewohnlichen Leben: auch er baut sich 
eine Welt auf nach dem Tode. Die Umgebung baut man sich auf 
durch das, was man innerlich ist. So wie einer, der physisch in 
Europa geboren ist, nicht Amerika um sich herum sehen kann, so 
wie man durch das, worin man hineingeboren ist leiblich, seine 
Umgebung erhalt, so bestimmt man gewissermaBen die Umge- 
bung, den Ort seines Daseins durch das, was man im Leibe sich ge- 
bildet hat. 

Nehmen wir den extremen Fall, der aber nicht leicht bei einem 
Menschen eintreten kann, daB jemand sich gewehrt hat gegen alle 
iibersinnlichen Vorstellungen, Atheist geworden ist, auch von seiten 
der Religion her nicht einmal ein Gefiihl aufgenommen hat, daB er 
sich damit auch nur beschaftigen wolle - ich weiB, daB ich etwas sehr 
Paradoxes sage, aber es hat auch gute geisteswissenschaftliche Unter- 
lagen: er verurteilt sich dazu, in der Erdensphare zu bleiben, mit sei- 
nem BewuBtsein dazubleiben, wahrend der andere, der geistige Vor- 
stellungen aufgenommen hat, in eine geistige Umgebung versetzt 
wird. Derjenige aber, der nur sinnliche Vorstellungen aufgenommen 
hat, verurteilt sich, in der sinnlichen Umwelt zu bleiben. 

Wie man gedeihlich wirken kann im physischen Leib, weil man 
gewissermaBen in dem physischen Leib die Schutzhiille hat gegen die 
Umwelt, wie man gedeihlich wirken kann, wenn man im physischen 
Leib in der physischen Welt anwesend ist, so wirkt man ungedeihlich, 
wenn man nach dem Tode in der physischen Welt anwesend bleibt. 
Mit physischen Vorstellungen in dem BewuBtsein nach dem Tode 
wird man zum Zerstorer. - Ich habe schon bei dem Vererbungs- 
problem angedeutet, wie die Krafte des Menschen, wenn er in der 
geistigen Welt ist, eingreifen in die physische Welt. Wer sich selber 
durch sein bloBes physisches BewuBtsein verurteilt, in der physischen 
Welt zu bleiben, der wird zum Zentrum von zerstorenden Kraften, 
die in dasjenige eingreifen, was im Menschenleben und im iibrigen 
Weltenleben geschieht. Solange wir im Leibe sind, mogen wir bloB 
sinnliche Gedanken, materialistische Gedanken haben: der Leib ist 



ein Schutz. Oh, er ist in einem viel hoheren MaBe, als wir es denken, 
ein Schutz ! Es ist sehr sonderbar, aber dem, der hineinschaut in den 
ganzen Zusammenhang der geistigen Welt, ist eines klar: Wenn der 
Mensch nicht durch seine Sinne abgeschlossen ware von der Umwelt, 
wenn die Sinne nicht zuruckhalten wurden, da er im gewohnlichen 
Bewufitsein nicht fahig ist, lebendige Begriffe aufzunehmen, sondern 
die abgetoteten, die ihn zuruckhalten sollen von dem Eindringen in 
die geistige Umgebung, wenn der Mensch unmittelbar wirksam 
machen konnte seine Vorstellungen, wenn er sie nicht bloB als inner- 
liche in sich hatte, nachdem schon die Dinge durch die Sinne ge- 
gangen sind, so wiirde der Mensch auch hier in der physischen Welt, 
wenn er sein Vorstellungsleben entwickelt, durch seine Vorstellungen 
totend, lahmend wirken. Derm diese Vorstellungen sind in einer ge- 
wissen Weise zerstorerisch, abbauend fur alles das, was sie ergreifen. 
Nur weil diese Vorstellungen in uns zuruckgehalten werden, sind sie 
nicht abbauend, bauen sie nur ab, wenn sie in Maschinen zum Aus- 
druck kommen, in Werkzeugen, die ja auch ein Totes aus der leben- 
digen Natur heraus sein mussen. Das ist zwar nur ein Bild, das aber 
einer Wirklichkeit entspricht. Aber wenn der Mensch eintritt in die 
geistige Welt mit bloB physischen Vorstellungen, wird er ein Zentrum 
der Zerstorung. 

So habe ich diese eine Vorstellung als ein Beispiel nur fur viele an- 
zufiihren, daB wir nicht sagen diirfen: Wir konnen warten -, sondern 
daB es in des Menschen Wesenheit liegt, ob er sinnliche oder iiber- 
sinnliche Vorstellungen entwickelt, so oder so sich vorbereitet das 
folgende Leben. Dieses ist freilich ein ganz anderes, aber es wird 
herausentwickelt aus dem Leben hier; das ist das Wesentliche, was 
man iiberschauen muB. Mancherlei tritt einem anders entgegen aus 
der Geisteswissenschaft, als man vermutet. Deshalb muB ich am 
Schlusse noch einige Bemerkungen machen. 

Es konnte sehr leicht der Glaube entstehen, daB derjenige, der nun 
in die geistige Welt eintritt, unbedingt selber . ein Geistesforscher 
werden miisse. Das ist nicht notig, obwohl ich beschrieben habe in 
meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?» 
so viel von dem, was die Seele aus sich machen muB, damit sie wirklich 



eintreten kann. Und es kann es heute bis zu einem gewissen Grade 
jeder, aber es braucht es nicht jeder. Das, was man als Seelisches ent- 
wickelt hat, ist eine rein innerliche Angelegenheit; das aber, was 
daraus entsteht, ist, daB die erforschten Wahrheiten in Begriffe ge- 
formt werden, daB man in solche Vorstellungen, wie ich sie heute ent- 
wickelt habe, einkleidet, was der Geistesforscher geben kann. Dann 
kann es mitgeteilt werden. Fur das, was der Mensch braucht, ist es 
ganz gleichgiiltig - ich spreche damit ein Gesetz der Geistesforschung 
aus -, ob man die Dinge selber erforscht hat, oder ob man sie von 
anderer glaubwiirdiger Seite erhalten hat. Es kommt nicht darauf an, 
die Dinge selbst zu erforschen, sondern es kommt darauf an, daB man 
sie in sich hat, daB man sie in sich entwickelt hat. Es ist daher eine 
irrtiimliche Vorstellung, wenn man glaubt, ein jeder miisse ein Geistes- 
forscher werden. Der Geistesforscher wird nur heute das Bediirfnis 
haben, wie ich selber das Bediirfnis gehabt habe, iiber seinen For- 
schungsweg gewissermaBen Rechenschaft zu geben. Und nicht nur 
aus dem Grunde, weil heute bis zu einem gewissen Grade jeder ohne 
alien Schaden den Weg gehen kann, den ich beschrieben habe, son- 
dern auch, weil jeder berechtigt ist zu fragen: Wie hast du es gemacht, 
daB du zu solchen Resultaten gekommen bist? - daher habe ich diese 
Dinge beschrieben. Und ich glaube, daB auch jeder, der nicht ein 
Geistesforscher werden will, wenigstens sich iiberzeugen wird wollen, 
wie der Geistesforscher zu den Resultaten kommt, die ja heute jeder 
braucht, der im Sinne der heutigen menschlichen Entwickelung die 
Grundlage legen will fur das Leben, das sich in den Menschenseelen 
entwickeln muB. 

Es ist heute die Zeit voriiber, die in alten Zeiten beziiglich der 
Geistesforschung da war, wo man so sehr zumckgehalten hat das- 
jenige, was Seelenentwickelung bewirkt hat. Es war in alter Zeit 
streng verboten, das Verborgene mitzuteilen. Auch heute noch halten 
diejenigen, die von diesen Geheimnissen des Lebens wissen - es sind 
ja ihrer nicht wenige -, mit diesen Dingen zuriick. Wer bloB als 
Schiiler diese Dinge bekommen hat von einem andern Lehrer, der 
wird unter alien Umstanden nicht gut tun, die Dinge weiterzugeben ! 
Es ist heute nur ratsam, dasjenige weiterzugeben, worauf man selber 



gekommen ist, was man selber erforscht hat. Das aber kann und muB 
der iibrigen Menschheit dienen. 

Es kann schon aus den wenigen kurzen Andeuturigen, die ich heute 
geben konnte, hervorgehen, was fur den einzelnen Menschen Geistes- 
forschung sein kann; aber sie ist nicht bloB fur den einzelnen Men- 
schen von Bedeutung. Und um dieses andere zum Schlusse mit ein 
paar Worten wenigstens anzudeuten, mochte ich auf etwas hinweisen, 
was recht wenig heute beriicksichtigt wird. 

Es ist eine eigentiimliche Erscheinung, auf die ich aufmerksam 
machen mochte in der folgenden Art: Wir haben in der zweiten 
Halfte des 19. Jahrhunderts eine gewisse naturwissenschaftliche Rich- 
tung groB heraufkommen sehen, es ist die an den Namen Darwin 
sich kniipfende Erklarung der Lebewesen. Begeisterte, gelehrte For- 
scher, begeisterte Schiller haben diese Dinge durch die Jahrzehnte 
der zweiten Halfte des 19. Jahrhunderts getragen. Ich habe vielleicht 
auch hier schon darauf aufmerksam gemacht, was da fur ein eigen- 
tumliches Faktum eingetreten ist. In den sechziger Jahren schon war 
die Sache so, daB unter der Fuhrung Haeckels eine machtige Welt- 
anschauungsbewegung entstanden war, welche alles Alte iiber den 
Haufen werfen und die ganze Weltanschauung umgestalten wollte 
nach darwinistischen Begriffen. Heute gibt es noch immer zahl- 
reiche Leute, welche hervorheben, wie groB und bedeutend es 
gewesen ware, wenn man nicht mehr eine weisheitsvolle Weltenlen- 
kung hatte, sondern daB aus mechanistischen Kraften heraus im 
Sinne des Darwinismus das Werden alles hatte erklart werden 
konnen. 

1869 trat Eduard von Hartmann auf mit seiner « Philosophic des 
UnbewuBten» und wendete sich gegen den rein auBerlich die Welt 
auffassenden Darwinismus, indem er auf die Notwendigkeit innerer 
Krafte, wenn auch in unzulanglicher Weise - Geistesforschung hatte 
er nicht -, in bloB philosophischer Weise hinwies. Selbstverstandlich 
waren diejenigen, welche begeistert waren vom Heraufkommen des 
Darwinismus, bereit, zu sagen: Nun, der Philosoph ist ein Dilettant, 
man braucht nicht auf ihn zu horen. - Gegenschriften erschienen, in 
denen man spottisch iiber den Dilettanten Eduard von Hartmann 



redete: der wahre, gelehrte Naturforscher braucht auf solche Dinge 
nichts zu geben. 

Da erschien auch eine Schrift von einem Anonymus, die diese 
Schrift von Eduard von Hartmann glanzend widerlegte. Mit dieser 
Schrift waren die Naturforscher und diejenigen, die in ihrem Sinne 
dachten, recht einverstanden, denn Eduard von Hartmann wurde voll- 
standig widerlegt. Alles, was man da vorbringen konnte, recht gelehrt 
aus dem Fond der Naturwissenschaft heraus, wurde in dieser Schrift 
von einem Ungenannten gegen Eduard von Hartmann vorgebracht - 
geradeso wie heute vieles vorgebracht wird gegen Geistesforschung. 
Und siehe da, die Schrift wurde sehr beifallig aufgenommen. Haeckel 
sagte : Das hat einmal ein wirklicher Naturforscher geschrieben gegen 
diesen Dilettanten Eduard von Hartmann; da sieht man, was ein 
Naturforscher kann; ich selber konnte nichts Besseres schreiben. Er 
nenne sich uns, und wir betrachten ihn als einen der Unsrigen. - 
Kurz, die Naturforscher haben fur diese Schrift, die ihnen sehr zugute 
kam, recht Propaganda gemacht, so daB sie bald vergriffen war. Eine 
zweite Auflage war notig. Da nannte sich der Verfasser: es war 
Eduard von Hartmann! 

Da hat einmal jemand der Welt eine Lektion erteilt, die wichtig war. 
Derjenige namlich, der heute erleben muB als Geistesforscher, was 
gegen Geistesforschung geschrieben ist, konnte namlich alles das aus 
dem kleinen Finger sich saugen ohne viel Muhe, was gegen die 
Geisteswissenschaft vorgebracht wird. Eduard von Hartmann konnte 
auch alles das, was die Naturforscher gegen ihn vorbrachten, sich 
schon selber sagen - und er tat es. 

Aber dies nur als Einleitung. Worauf es mir ankommt ist das: 
Oscar Hertwig ist einer der bedeutendsten Schuler Haeckels, der den 
emsigen und ehrlichen und groBen Forscherweg der Naturwissen- 
schaft beschritten hat. Hertwig hat im vorigen Jahre ein sehr schones 
Buch geschrieben. Das Buch heiBt «Das Werden der Organismen. 
Eine Widerlegung von Darwin's Zufallstheorie», und darin weist er 
hin auf solche Dinge, wie sie schon Eduard von Hartmann vor- 
gebracht hat. Solch eine Sache ist eigentlich ziemlich ohne Beispiel da : 
daB schon die nachste Generation, diejenige, die noch unter dem 



Meister aufgewachsen ist, abkommen muB von etwas, wovon man 
glaubte, daft es eine ganze Weltanschauung aufbauen, daB es auch 
iiber die geistige Welt AufschluB geben konne. Ein guter Darwinist 
widerlegt den Darwinismus! Aber er tut noch mehr; und das ist es, 
worauf es mir zum Schlusse ankommt. 

Oscar Hertwig schreibt am Schlusse seines so ausgezeichneten, 
schonen Buches «Das Werden der Organismen. Eine Widerlegung 
von Darwin's Zufallstheorie», so etwas wie eine Weltanschauung, wie 
der Darwinismus es war, stehe nicht bloB als ein theoretisches Ge- 
baude da, sondern greife ein in das ganze Menschenleben, umfasse 
gewissermaBen das auch, was die Menschen tun, wollen, fuhlen und 
denken. Er sagt: «Die Auslegung der Lehre Darwins, die mit ihren 
Unbestimmtheiten so vieldeutig ist, gestattete auch eine sehr viel- 
seitige Verwendung auf anderen Gebieten des wirtschaftlichen, des 
sozialen und des politischen Lebens. Aus ihr konnte jeder, wie aus 
einem delphischen Orakelspruch, je nachdem es ihm erwiinscht war, 
seine Nutzanwendungen auf soziale, politische, hygienische, medizi- 
nische und andere Fragen ziehen und sich zur Bekraftigung seiner 
Behauptungen auf die Wissenschaft der darwinistisch umgepragten 
Biologie mit ihren unabanderlichen Naturgesetzen berufen. Wenn nun 
aber diese vermeintlichen Gesetze keine solchen sind, sollten da bei 
ihrer vielseitigen Nutzanwendung auf andere Gebiete nicht auch 
soziale Gefahren bestehen konnen? Man glaube doch nicht, daB die 
menschliche Gesellschaft ein halbes Jahrhundert lang Redewendungen, 
wie unerbittlicher Kampf urns Dasein, Auslese des Passenden, des 
Niitzlichen, des ZweckmaBigen, Vervollkommnung durch Zuchtwahl 
etc. in ihrer Ubertragung auf die verschiedensten Gebiete, wie tagliches 
Brot, gebrauchen kann, ohne in der ganzen Richtung ihrer Ideen- 
bildung defer und nachhaltiger beeinfluBt zu werden ! Der Nachweis 
fur diese Behauptung wiirde sich nicht schwer aus vielen Erscheinungen 
der Neuzeit gewinnen lassen. Eben darum greift die Entscheidung iiber 
Wahrheit und Irrtum des Darwinismus auch weit iiber den Rahmen 
der biologischen Wissenschaften hinaus.» 

Im Leben iiberall zeigt sich dasjenige, was in einer solchen Theorie 
zutage tritt. Dann entsteht die Frage, die auch ins Leben eingreift, von 



dem Gebiete der Geisteswissenschaft her. Wir leben heute in einer 
traurigen, in einer fiir die Menschheit tragischen Zeit. Es ist die Zeit, 
die herausentwickelt ist doch aus den menschlichen Vorstellungen, 
aus den menschlichen Ideen. Derjenige, der die Zusammenhange 
geisteswissenschaftlich studiert, weiB es, der kennt den Zusammen- 
hang desjenigen, was uns jetzt auBerlich gegeniibertritt mit dem, was 
die Menschheit jetzt an Tragischem erlebt. Man erlebt gar vieles; die 
Menschen glauben zu wissen, sie glauben mit ihren Begriffen die 
Wirklichkeit zu umspannen - sie umspannen sie nicht. Und dadurch, 
daB sie sie nicht umspannen, weil mit naturwissenschaftlich gearteten 
Begriffen nie die Wirklichkeit umspannt werden kann, dadurch 
wachst ihnen die Wirklichkeit iiber den Kopf und zeigt ihnen, indem 
die Ereignisse den Menschen iiber den Kopf wachsen, daB die Men- 
schen wohl eintreten konnen in solche Ereignisse, aber dann dasjenige 
Chaos entsteht, von dem wir in der Gegenwart umgeben sind. 

Geisteswissenschaft entsteht nicht nur - wie es ja wahr ist - durch 
eine innere Notwendigkeit; sie wiirde entstanden sein durch eben 
diese innere Notwendigkeit, wenn die auBeren Ereignisse auch nicht 
als ein groBartiges, gewaltiges Zeichen jetzt dastehen wiirden. DaB 
die alten Weltanschauungen zwar auf naturwissenschaftlichem Ge- 
biete groB sind, daB sie aber niemals auf sozialem, auf rechtlichem, 
auf politischem Gebiete in die Welt gestaltend eingreifen konnen, 
daB die Wirklichkeit die Menschen iiberwachst, wenn sie das wollen, 
das ist es, was von der andern Seite her in gewaltigen Zeichen auf die 
Geisteswissenschaft hinweist, die wirklichkeitsgemaBe Begriffe sucht, 
Begriffe, die der Wirklichkeit entlehnt sind und daher auch fahig sein 
werden, auf sozialem, auf politischem Gebiete die Welt zu tragen. 
Man mag noch so sehr mit den Begriffen, die auBerhalb der Geistes- 
wissenschaft heute iiblich sind, glauben aus dem Chaos herauszukom- 
men, man wird es nicht; denn in der Wirklichkeit waltet der Geist. 
Und weil der Mensch mit seinen Handlungen selbst in diese Wirklich- 
keit eingreift im sozialen, im politischen Leben, so braucht er, um zu 
fruchtbaren Begriffen auf diesem Gebiete zu kommen, solche Vor- 
stellungen, solche Empfindungen, solche Willensimpulse, welche aus 
dem Geiste herausgeholt sind. Politik und Sozialwissenschaft, sie 



werden in der Zukunft dasjenige brauchen, wozu allein Geisteswissen- 
schaft die Grundlage legen kann. Das ist dasjenige, was auch fur die 
heutige Zeitgeschichte von ganz besonderer Wichtigkeit ist. 

Ich selbst kann heute in diesem Vortrage, der schon lang genug 
geworden ist, nur einzelne Anregungen geben wollen. Hinweisen 
darauf will ich nur, daB dasjenige, was als Geisteswissenschaft heute 
in systematischer Ordnung auftritt, von den Besten gewollt ist. Kame 
es allein auf mich an, so wiirde ich diese Geisteswissenschaft mit 
einem besonderen Namen belegen. Denn seit mehr als reichlich 
dreiBig Jahren arbeite ich zu immer groBerer und groBerer Aus- 
gestaltung diejenigen Vorstellungen aus, die Goethe an der Wirklich- 
keit gewonnen hat in seiner groBartigen Metamorphosenlehre, wo er 
schon den Begriff lebendig zu machen versuchte gegenuber den toten 
Begriffen. Das war dazumal nur elementar moglich. Wenn man aber 
Goethe nicht nur bloB historisch nimmt, wenn man ihn als einen 
noch Gegenwartigen betrachtet, so gestaltet sich heute gerade die 
Goethesche Metamorphosenlehre um zu demjenigen, was ich leben- 
dige Begriffe nenne, die dann den Weg in die Geisteswissenschaft 
finden. Goetheanismus mochte ich am liebsten dasjenige nennen, was 
ich mit der Geistesforschung meine, weil es auf den gesunden Grund- 
lagen einer Wirklichkeitsauf fas sung beruht, wie sie Goethe gewollt 
hat. Und den Bau in Dornach, der dieser Geistesforschung gewidmet 
sein soli, und durch den diese Geistesforschung mehr bekannt- 
geworden ist, als sie vielleicht ohne ihn bekanntgeworden ware, ich 
mochte ihn am liebsten Goetheanum nennen, damit man sehen wiirde, 
daB dasjenige, was als Geistesforschung heute auftritt, in vollem, 
gesundem EntwickelungsprozeB der Menschheit drinnensteht. Frei- 
lich sagen heute noch viele, die da glauben, auch sich zur Goetheschen 
Weltanschauung zu bekennen: Goethe war derjenige, der die Natur 
vor alien Dingen als das Hochste anerkannte und auch den Geist aus 
der Natur hervorgehen lieB. - Nun, Goethe hat schon als ganz junger 
Mann gesagt: «Gedacht hat sie und sinnt bestandig»; sinnt bestandig, 
wenn auch nicht als Mensch, sondern als Natur. Mit demjenigen 
Naturalismus, der die Natur durchgeistigt denkt wie Goethe - man 
kann mit ihm einverstanden sein, wenn man auch Geistesforscher ist. 



Und denjenigen, die da immer glauben, man musse an den Grenzen 
der Erkenntnis stehenbleiben, konne da nicht weiter, denen kann mit 
Goethes Worten wohl erwidert werden - und las sen Sie mich daher 
diese Worte noch am Schlusse anfiigen, die Goethe gebr auchte gegen- 
iiber einem andern verdienten Forscher, der die spatere Kantsche 
Anschauung vertrat: 

Ins Innere der Natur - 
Dringt kein erschaffner Geist. 
Giiickselig, wem sie nur 
Die auBere Schale weist! 

Dem gegenuber hat Goethe die Worte gestellt, die da bedeuteten, daB 
Goethe wohl wuBte, daB wenn der Mensch den Geist in sich selber 
erweckt, er auch den Geist in der Welt findet, und sich als Geist: 

Ins Innere der Natur 
Dringt kein erschaffner Geist. 
Giiickselig, wem sie nur 
Die auBere Schale weist! - 

So hor ich schon an die sechzig Jahre wiederholen 

Und fluche darauf - aber verstohlen -, 

Natur hat weder Kern noch Schale, 

Alles ist sie mit einemmale. 

Dich priife du nur zu allermeist, 

Ob du selbst Kern oder Schale seist ! 

Geisteswissenschaft will dahin wirken, daB der Mensch sich ernst- 
haftig priifen lernt, ob er selbst Kern oder Schale sei. Und er ist 
Kern, wenn er sich in seiner vollen Wirklichkeit erfaBt. ErfaBt er sich 
als Kern, dann dringt er auch vor bis zum Geist der Natur; dann wird 
in der Entwickelung der Menschheit mit Bezug auf die Geistes- 
forschung etwas Ahnliches eintreten, wie es eintreten muBte, als 
Kopernikus vom Sichtbaren auf das Nichtsichtbare sogar fur dieses 
Sichtbare selbst hingewiesen hat. 

Fur das Ubersinnliche aber wird sich die Menschheit dazu be- 
quemen miissen, in sich selber dieses Ubersinnliche zu erfassen. Man 



braucht dazu kein Geistesforscher zu werden; man muB aber alle 
Vorurteile hinwegraumen, welche sich vor die Seele lagern, wenn 
dasjenige verstanden werden soil, was die Geistesforschung gerade 
aus einer solchen Goetheschen Gesinnung heraus meint. 

Dies wollte ich nur als ein paar Anregungen heute geben. Man 
kann von diesem Gesichtspunkte aus wenigstens immer nur anregen; 
denn wollte man ausfuhren dasjenige in alien Einzelheiten, miiBte 
man viele Vortrage halten. Aber ich glaube, diese wenigen Ausfiih- 
rungen werden geniigt haben, um zu zeigen, daB etwas herausgeholt 
werden soil aus dem Entwickelungsprozesse der Menschheit, das 
diese Seele des Menschen erst zum vollen Leben erweckt. Niemand 
braucht zu glauben, daB er die Seele verkiimmert, daB er irgend etwas 
ersterben laBt in sich, auch das religiose Leben nicht. Denn geradeso 
wie Goethe gesagt hat: 

Wer Wissenschaft und Kunst besitzt 
Hat auch Religion, 
Wer jene beiden nicht besitzt, 
Der habe Religion! 

so darf man sagen, so wie sich die Denkweise der neueren Zeit ent- 
wickelt: Wer geisteswissenschaftliche Wege finden wird, wird den 
Weg zum wahren religiosen Leben auch finden; wer aber den geistes- 
wissenschaftlichen Weg nicht findet, von dem kann befurchtet wer- 
den, daB er auch fur die Zukunft den fur die Menschheit so notigen 
religiosen Weg verliert! 



DAS GEHEIMNIS DES DOPPELGANGERS 
GEOGRAPHISCHE MEDIZIN 



St. Gallen, 16. November 1917 



Sie werden bemerkt haben, daB in dem gestrigen offentlichen Vor- 
trage etwas gesagt wurde, das sehr bedeutungsvoll ist fiir die Auf- 
fassung geistiger Erkenntnisse innerhalb des Menschenlebens. Ich 
habe angedeutet, wie diejenigen Menschen, welche in der Gegenwart 
hier auf dem physischen Plane vorzugsweise nur aufnehmen Vor- 
stellungen, die aus der Sinneswelt kommen, oder gewonnen sind mit 
dem Verstande, der sich an die Sinneswelt bindet, der von etwas 
anderem nichts wissen will als von der Sinnenwelt, wie solche Men- 
schen nach ihrem Tode gewissermaBen gebunden sind an eine Um- 
gebung, welche noch stark hereinfallt in die irdische, in die physische 
Region, in welcher der Mensch in der Zeit zwischen der Geburt und 
dem Tode ist. So daB durch solche Menschen, die also durch ihr 
Leben innerhalb des physischen Leibes sich nach dem Tode noch 
lange Zeit hereinbannen in die irdisch-physische Welt, zerstorende 
Krafte innerhalb dieser physischen Welt geschaffen werden. Mit einer 
solchen Sache beriihrt man tiefe, bedeutungsvolle Geheimnisse des 
menschlichen Lebens, solche Geheimnisse, welche durch Jahr- 
hunderte, Jahrtausende kann man sagen, gewisse okkulte Gesell- 
schaften sorgfaltig behiitet haben, weil sie - wir wollen heute nicht 
untersuchen, mit welchem Rechte - behauptet haben, daB die Men- 
schen nicht reif seien zum Empfange solcher Wahrheiten, solcher 
Geheimnisse, und daB durch das Bekanntwerden groBe Verwirrung 
gestiftet wiirde. Ober das Recht, solche tief einschneidenden, fur das 
Leben so bedeutungsvollen Wahrheiten zuriickzuhalten vor den Men- 
schen und sie nur im engeren Kreise von okkulten Schulen zu pflegen, 
iiber dieses Recht wollen wir uns heute weniger aussprechen. Aber 
gesagt werden muB, daB die Zeit herangeriickt ist, in welcher die 
Menschheit im weiteren Kreise nicht sein kann und nicht sein darf 
ohne die Mitteilungen gewisser Geheimnisse iiber die ubersinnliche 
Welt von der Art, wie das gestern erwahnt wurde. Ja, es wird immer 



weiter und weiter gegangen werden mussen in der offentlichen Mit- 
teilung solcher Dinge. 

Wenn es auch in gewissen Grenzen in fruheren Zeiten, in denen 
die Menschheit in andern Bedingungen gelebt hat, berechtigt war, 
solche Geheimnisse zuriickzuhalten, jetzt ware die Sache nicht mehr 
berechtigt, denn jetzt steht der Mensch - wir wissen, es ist die fiinfte 
Epoche der nachatlantischen Zeit -, jetzt steht der Mensch in Lebens- 
bedingungen, in denen er durch die Pforte des Todes unbedingt als 
ein solcher Zerstorer treten wiirde, wenn er sich nicht hier im Leben 
immer mehr und mehr umsehen wiirde nach Vorstellungen, nach 
Begriffen und Ideen, die von ubersinnlichen Dingen handeln. Man 
kann daher nicht sagen, daB dieMenschenRecht haben, die behaupten: 
Nun ja, was nach dem Tode kommt, das kann man ja abwarten. Nein, 
wissen muB man zwischen der Geburt und dem Tode von gewissen 
Dingen der geistigen Welt in der Art, wie es gestern angedeutet 
worden ist, um mit diesen Vorstellungen, mit diesen Ideen durch die 
Pforte des Todes zu treten. 

In fruheren Zeiten der Menschheitsentwickelung war das anders. 
Sie wissen, daB bis ins 16. Jahrhundert, bis zum Auftauchen der 
Kopernikanischen Weltanschauung, die Menschen ganz anderes ge- 
glaubt haben iiber das Weltengebaude. Nun ist es selbstverstandlich 
notwendig gewesen fiir den menschlichen Fortschritt, auch fur das 
Hereindringen der menschlichen Freiheit in die Menschheitsentwicke- 
lung, daB die Kopernikanische Weltanschauung gekommen ist, ge- 
radeso wie jetzt die Geisteswissenschaft kommen muB. Aber mit der- 
jenigen physischen Weltanschauung, die die Menschen vor dem 
Kopernikanismus gehabt haben - man kann sie heute meinetwillen 
falsch nennen -, mit dieser Anschauung iiber das physische Welten- 
gebaude, daB die Erde stillsteht, die Sonne sich um den Erdenhimmel 
herum bewegt, die Sterne sich um die Erde bewegen, daB jenseits des 
Sternenhimmels eine geistige Sphare ist, in der die geistigen Wesen- 
heiten wohnen, mit dieser Anschauung vom Weltengebaude konnten 
die Menschen noch durch die Pforte des Todes gehen, ohne zuriick- 
gehalten zu werden als Gestorbene in der irdischen Sphare. Diese 
Weltanschauung bewirkte noch nicht, daB die Menschen, wenn sie 



durch die Pforte des Todes gingen, zu Zerstorern in der irdischen 
Sphare wurden. Erst das Hereinbrechen des Kopernikanismus, erst 
die Vorstellung, daB die ganze Welt, die im Raume ausgebreitet ist, 
auch nur von Raumesgesetzen beherrscht ist, die Vorstellung erst 
dieser Kopernikanischen Art, die Erde um die Sonne kreisen zu 
lassen, die fesselt den Menschen an das physisch-sinnliche Dasein und 
verhindert ihn nach dem Tode, in die geistige Welt entsprechend 
aufzusteigen. 

Man muB heute auch diese Kehrseite der Kopernikanischen Welt- 
anschauung kennenlernen, nachdem durch Jahrhunderte darauf vor- 
bereitet worden ist, das groBartig Fortschrittliche der Kopernikani- 
schen Weltanschauung immer wieder und wiederum vor die Seele der 
Menschen hinzustellen. Das eine ist ebenso berechtigt wie das andere. 
Wenn auch das eine heute noch als Klugheit gilt - es ist freilich eine 
recht philistrose Klugheit schon geworden, daB die Kopernikanische 
Weltanschauung die allein seligmachende Lehre ist -, aber wenn das 
auch noch heute die Klugheit ist und das andere, daB der Mensch 
durch diese Kopernikanische Weltanschauung nach dem Tode an die 
Erde gefesselt wird, wenn er sich nicht eine geistige Vorstellung davon 
macht, wie man sie heute in der Geisteswissenschaft haben kann, fur 
die heutigen Menschen zwar noch eine Torheit ist, eine Narrheit: 
aber es ist eben eine Wahrheit. Sie wissen ja schon aus der Bibel, daB 
manches, was vor den Menschen eine Torheit ist, eine Weisheit ist 
vor den Gottern. 

Denn wenn der Mensch durch die Pforte des Todes schreitet, so 
andert er sein BewuBtsein. Es ware eine ganz falsche Vorstellung, 
zu glauben, daB der Mensch nach dem Tode bewuBtlos wiirde. Diese 
sonderbare Vorstellung ist sogar in manchen Kreisen, die sich «theo- 
sophische» nennen, verbreitet. Es ist ein Unsinn. Im Gegenteil, das 
BewuBtsein wird ein viel machtigeres, wird ein viel intensiveres, aber 
es ist ein andersartiges. Selbst schon gegeniiber den gewohnlichen 
Vorstellungen der physischen Welt muB gesagt werden, daB die be- 
wuBten Vorstellungen nach dem Tode etwas anderes sind. 

Vor alien Dingen kommt der Mensch nach dem Tode zusammen 
mit denjenigen Menschen, mit denen er durch das Leben karmisch 



verkniipft ist. Also es kann so sein, daB der Tote in der geistigen Welt 
zwischen dem Tod und einer neuen Geburt vielen Menschenseelen 
begegnet, durch die er dur chgeht - denn dort herrscht Durchganglich- 
keit, nicht Undurchdringlichkeit an denen er sich vorbeibewegt, 
wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf; sie sind fur ihn nicht da. 
Da sind diejenigen, zu denen er irgendwelche karmische Verbindung 
hat. DaB wir immer mehr und mehr hineinwachsen in einen all- 
gemeinen Weltenzusammenhang, auch nach dem Tode, das miissen 
wir uns erwerben durch das Leben hier auf der Erde. Und die Be- 
griindung von rein auf das Geistige gebauten Gesellschaften ist schon 
eine Aufgabe der Gegenwart und der Zukunft. Warum sucht man 
solche Gesellschaften, wie die anthroposophische ist, zu begriinden? 
Warum sucht man Menschen gewissermaBen unter solchen Ideen zu 
vereinen? Weil dadurch ein karmisches Band geschaffen wird zwischen 
Menschen, die sich finden sollen in der geistigen Welt, die auch in der 
geistigen Welt zusammengehoren sollen, was sie nicht konnten, wenn 
sie vereinsamt hier herumlaufen wiirden. Gerade durch die Moglich- 
keit, geistige Erkenntnisse und geistige Weistiimer untereinander aus- 
zubreiten, schafFt man ungeheuer viel fur das Leben in der geistigen 
Welt, das aber zuriickwirkt auf die physisch-sinnliche Welt, denn die 
steht fortwahrend unter dem EinfluB der geistigen Welt. Hier ge- 
schehen ja uberhaupt nur die Wirkungen; driiben in der geistigen 
Welt, auch indem wir hier auf dem physischen Plane leben, geschehen 
die Ursachen. Und wir konnen sagen, wenn wir uns rein befassen mit 
dem, was heute so vielfach propagandistisch betrieben wird: Ver- 
einigungen werden ja fur alles mogliche gestiftet, aber wenn sie auch 
aus noch so groBem Enthusiasmus hervorgehen, geistigen Angelegen- 
heiten sind sie oftmals wirklich sehr wenig gewidmet. Man denkt 
durch manche Vereinigungen die Erde allmahlich in ein irdisches 
Paradies zu verwandeln, na, vor diesen drei Kriegsjahren waren auch 
schon zahlreiche solche Vereinigungen auf der Erde begnindet, in 
denen die Menschen daran gearbeitet haben, Europa allmahlich in ein 
soziales Paradies zu verwandeln! Das, was jetzt da ist, spricht nicht 
sonderlich dafur, daB die Dinge so gehen, wie man sie meint dirigieren 
zu konnen. 



Auf der andern Seite abet ist allerdings das Zusammenwirken der 
physischen Welt mit der geistigen komplizierter. Und dennoch muB 
gesagt werden : Wenn unter dem Lichte spiritueller Wissenschaft Ver- 
einigungen gegriindet werden, so arbeiten die Menschen dadurch mit, 
nicht nur an der Welt der Wirkungen, sondern an der Welt der Ur- 
sachen, die hinter den sinnlichen Wirkungen liegen. - Mit diesem 
Gefiihle muB man sich durchdringen, wenn man richtig verstehen 
will das unendlich tief Bedeutsame, das gerade in dem Zusammen- 
leben in spiritueller Arbeit in der Gegenwart und in der Zukunft der 
Menschheit geleistet wird. 

Dies ist nicht etwas, was aus irgendeiner bloBen Vereinsmeierei her- 
vorgehen kann, sondern dies, ist eine heilige Aufgabe, welche von den 
die Welt dirigierenden gottKch-geistigen Wesenheiten in die Mensch- 
heit der Gegenwart und der Zukunft hineingelegt werden sollte. 
Denn gewisse Vorstellungen werden die Menschen doch uber die 
ubersinnliche Welt aufnehmen mils sen, weil aus der sinnlichen Welt 
immer weniger und weniger ubersinnliche Vorstellungen kommen 
werden. Ich mochte sagen, aus der sinnlichen Welt werden gerade 
durch die fortschreitende Naturwissenschaft die iibersinnlichen Vor- 
stellungen immer mehr und mehr ausgetrieben werden. Daher wurden 
die Menschen sich allmahlich von der geistigen Welt ganz aus- 
schlieBen, wenn sie keine iibersinnlichen, keine geistigen BegrifFe auf- 
nehmen wurden. Sie wurden sich dazu verurteilen, nach dem Tode 
ganz und gar mit dem, was bloBe physische Erde ist, sich zu ver- 
binden; mit dem auch zu verbinden, was die physische Erde wird. 

Aber die physische Erde wird ein Leichnam in der Zukunft, und 
die Menschen stiinden vor der furchtbaren Perspektive, sich zu ver- 
urteilen dazu, in der Zukunft einen Leichnam zu bewohnen als Seele, 
wenn sie nicht sich dazu entschlieBen wurden, in die spirituelle Welt 
sich einzuleben, in der spirituellen Welt Wurzel zu fassen. Es ist eine 
ernste, eine bedeutungsvolle Aufgabe, welche dem Betrieb der 
Geisteswissenschaft gestellt ist. Das miissen wir uns gewissermaBen 
jeden Tag einmal als einen heiligen Gedanken vor die Seele rufen, 
damit wir nimmermehr verlieren konnen den Eifer fur diese be- 
rechtigte Angelegenheit der Geisteswissenschaft. 



Und solche Vorstellungen, die sich vermehren und vermehren kon- 
nen, wenn wir mitmachen dasjenige, was iiber diese geistige Welt an 
vielen Begriffen nun schon hereingekommen ist aus der geistigen 
Welt in unsere geistige Stromung, all das, was an Begriffen uns da zu- 
kommt, das befahigt uns eben, uns frei zu machen von der Fesselung 
an das Irdische, an das Zerstorerische im Irdischen, um zu wirken aus 
andern Richtungen her. Wir bleiben ja deshalb doch mit den Seelen, 
die wir auf Erden zuriickgelassen haben und mit denen wir karmisch 
verbunden sind, auch mit der Erde in Verbindung, aber von andern 
Orten her verbunden. Ja, wir sind sogar intensiver verbunden mit den 
auf der Erde zuriickgelassenen Seelen, wenn wir gewissermaBen aus 
hoheren geistigen Regionen mit ihnen verbunden sind, wenn wir 
nicht verurteilt sind durch ein rein materialistisches Leben - gewisser- 
maBen auf der Erde zu spuken, wo wir dann nicht in Liebe verbunden 
sein konnen mit irgend etwas auf der Erde, sondern wo wir eigentlich 
nur zerstorerische Zentren sind. 

Sehen Sie, meine lieben Freunde, wenn wir hier unser BewuBtsein 
allmahlich von der Kindheit auf entwickeln - nun, wir wissen, wie 
dieses BewuBtsein heranwachst, herangedeiht, das brauchen wir nicht 
zu schildern. Nach dem Tode herrschen ganz andere Vorgange, um 
das BewuBtsein, das wir uns fur das Leben zwischen dem Tod und 
einer neuen Geburt erwerben miissen, allmahlich wirklich zu er- 
langen. So wie wir auf der Erde herumgehen, Erfahrungen machen, 
Erlebnisse haben, so ist es nicht nach dem Tode; das haben wir ge- 
wissermaBen nicht notwendig. Was wir aber notwendig haben, das 
ist, daB wir das ungeheuer Intensive, das mit uns verbunden ist, wenn 
wir den physischen Leib verlassen haben, gewissermaBen von uns 
loslosen. Wir sind, indem wir durch die Pforte des Todes gehen, Ver- 
haltnisse zu ihr haben, mit jener geistigen Welt verwachsen, die wir 
hier durch die Geisteswissenschaft beschreiben. Wir beschreiben sie 
als die Welt der hoheren Hierarchien: Angeloi, Archangeloi, Archai, 
Exusiai, Dynamis, Kyriotetes und so weiter, als die Welt der hoheren 
Hierarchien und der Taten und Erlebnisse dieser Hierarchien. Hier 
ist die Welt auBer uns ; die Welt des Mineralreichs, des Pflanzenreichs, 
des Tierreichs ist in unserem Umkreise. Wenn wir durch die Pforte 



des Todes gegangen sind, da sind diese geistigen Wesenheiten, die 
wir in den hoheren Hierarchien aufzahlen, ja ihre Welten selbst in uns. 
Wir sind mit ihnen verbunden; wir konnen uns zunachst nur nicht 
von ihnen unterscheiden; wir leben in ihnen drinnen, indem sie uns 
erfiillen. Es ist das schon ein schwieriger Begriff, aber man muB sich 
ihn aneignen: Hier sind wir auBerhalb der Welt, dort sind wir inner- 
halb der Welt. Unser Wesen breitet sich aus iiber die ganze Welt; aber 
wir konnen uns nicht unterscheiden. Wir sind gewissermaBen nach 
dem Tode vollgepfropft mit den Wesen der hoheren Hierarchien und 
mit dem, was diese Hierarchien tun. Aber es handelt sich vor alien 
Dingen darum, daB wir die nachsten Hierarchien, von denen wir er- 
fullt sind, die Hierarchie der Angeloi, Archangeloi und Archai, los- 
losen konnen von den hoheren Hierarchien. Wir kommen driiben gar 
nicht zu einem ordentlichen Ich-BewuBtsein - von andern Gesichts- 
punkten habe ich in Zyklen und Vortragen dieses Heranreifen des 
Ich-BewuBtseins ja schon geschildert -, aber wir kommen nicht zu 
einem ordentlichen Ich-BewuBtsein, wenn wir nicht in uns die Kraft 
finden konnen, driiben zu unterscheiden: Was ist in uns - Angelos? 
Elohim? Was ist ein Wesen aus der Hierarchie der Angeloi, was ein 
Wesen aus der Hierarchie der Exusiai, der Formgeister? Wir mussen 
da driiben unterscheiden lernen, wir mussen die Kraft haben, los- 
zulosen von dem, was mit uns verbunden ist, dasjenige, was wir er- 
kennen wollen; sonst ist es in uns, steht nicht auBer uns. Hier mussen 
wir mit dem, was drauBen ist, zusammenkommen, es anschauen; dort 
mussen wir es von uns loslosen, damit wir mit ihm verbunden sein 
konnen. 

Nun, wie die Welt jetzt ist in der Menschheitsentwickelung, konnen 
wir dasjenige, was wir sonst wie schlafend nur in uns tragen wiirden, 
nur dadurch loslosen, daB wir uns spirituelle BegrifFe aneignen; diese 
spirituellen BegrifTe, die hier dem Menschen so unbequem sind, weil 
er sich ein biBchen anstrengen muB, mehr anstrengen muB als bei den 
gewohnlichen BegrifTen. Wenn er sich sie aneignet, entwickeln sie 
nach dem Tode eine ungeheure Kraft, durch die wir dort iiberhaupt 
erst die Fahigkeit gewinnen, die geistige Welt zu erkennen, zu durch- 
schauen. Das ist sehr wichtig. Die Menschen finden es unbequem 



heute, sich spirituelle BegrifFe anzueignen. Sie gehen gern in solche 
Veranstaltungen, wo man ihnen allerlei Lichtbilder, oder was sonst 
von der Art da ist, vorfuhrt, damit sie mogKchst wenig iibersinnlich 
zu denken brauchen, alles nut sehen konnen, oder mindestens gehen 
sie gern zu Veranstaltungen, wo ihnen von Dingen erzahlt wird, die 
sie sonst auch immer vor Augen haben. Aber die Anstrengung scheut 
heute der Mensch, sich zu erheben zu solchen Begriffen, die hier 
schwieriger sind, weil sie kein auBeres Objekt haben, weil ihr Objekt 
die Tatsachen sind, auf die sie sich beziehen in der iibersinnlichen 
Welt. Aber dort driiben sind sie die Krafte, die uns in Wirklichkeit 
die Welt erst geben. 

So erwerben wir uns durch die spirituellen Ideen und BegrifFe die- 
jenige Weisheit, die wir brauchen, damit wir driiben ein Licht haben; 
sonst ist alles dunkel, Denn dasjenige, was hier als Weisheit angeeignet 
ist, ist driiben Licht, geistiges Licht. Weisheit ist geistiges Licht. Ja, 
damit es driiben nicht finster ist, brauchen wir Weisheit. Und wenn 
wir uns keine spirituellen BegrifFe aneignen, so ist das eben das beste 
Mittel, driiben kein Licht zu haben. Aber wenn man kein Licht hat, 
so bewegt man sich weg aus der Sphare, die man beleuchten sollte, 
und kommt eben zuriick zur Erde und wandelt als Toter als zer- 
storendes Zentrum auf der Erde herum, kann dann hochstens ab und 
zu von einem schwarzen Magier dazu beniitzt werden, um die Inspira- 
tion zu liefern zu ganz besonderen Verrichtungen und zu zerstore- 
rischen Werken auf der Erde. 

Weisheit braucht man also, damit man Licht hat nach dem Tode. 
Aber man braucht nach dem Tode auch noch etwas anderes; man 
braucht nach dem Tode nicht nur die Fahigkeit, die Wesen loszulosen, 
so daB man sie iiberhaupt vor sich haben kann, die Wesen der geistigen 
Welt, man braucht nach dem Tode auch die Fahigkeit der Liebe, 
sonst wiirde man die Verhaltnisse zu den Wesen, die man durch 
Weisheit schaut, nicht in der richtigen Weise entwickeln konnen. 
Man braucht Liebe. Aber die Liebe, die hier auf der Erde entwickelt 
wird und die im wesentlichen abhangig ist auch vom physischen 
Leibe, sie ist ein Gefiihl, sie ist vom Atmungsrhythmus abhangig hier 
in der physischen Welt. Diese Liebe konnen wir auch nicht hiniiber- 



nehmen in die geistige Welt. Das ware eine vollstandige Illusion, 
wenn man glauben wiirde, die Liebe, die man namentlich in der 
jet2igen Zeit hier entwickelt, die konne man in die geistige Welt 
hinubernehmen. Aber man nimmt alle Kraft der Liebe in die geistige 
Welt hiniiber von dem, was man sich hier in der physischen Welt 
gerade durch die sinnenfallige Anschauung erwirbt, durch das Leben 
mit der physischen Wesenheit. Die Liebe wird schon angefeuert durch 
dasjenige, was sich hier in der physischen Welt an Verstandnis fur 
diese physische Welt entwickelt. Und gerade solche Erlebnisse wie die 
Weltanschauungserlebnisse mit der modernen Naturwissenschaft, 
wenn man sie als Empfindungen aufnimmt, die entwickeln fiiir driiben 
die Liebe. Nur - die Liebe, die ist etwas, was hoch oder niedrig ist, 
je nach dem Gebiete, auf dem sie sich entfaltet. Wenn Sie durchgehen 
durch die Pforte des Todes und als ein zerstorendes Zentrum im Be- 
reich der Erde bleiben miissen, so haben Sie zwar auch viel Liebe 
entwickelt - denn daB Sie es bleiben miissen, ist gerade eine Folge 
Ihres Verbundenseins mit rein naturalistischen Begriffen -, aber Sie 
verwenden diese Liebe auf das Zerstorungswerk, Sie lieben dann 
gerade das Zerstorungswerk, sind dazu verurteilt, sich selber zu 
beobachten, wie Sie das Zerstorungswerk lieben. 

Doch die Liebe wird etwas Edles, wenn der Mensch aufsteigen 
kann in hdhere Welten und lieben kann dasjenige, was er sich erobert 
durch die spirituellen BegrifFe. Vergessen wir nur ja nicht: Liebe ist 
etwas, was niedrig ist, wenn es in einer niedrigen Sphare wirkt, was 
edel und hoch und geistig ist, wenn es in einer hoheren, in einer 
geistigen Sphare wirkt. Das ist das Wesentliche, worauf es ankommt. 
Wenn man sich dessen nicht bewuBt wird, so iiberschaut man die 
Dinge durchaus nicht in der richtigen Weise. 

Das sind solche BegrifTe vom Leben des Menschen nach dem Tode, 
die heute sich der Mensch aneignen muB. Es geniigt nicht mehr fur 
die gegenwartige Menschheit, und insbesondere wird es nicht genugen 
fur die Menschheit der nachsten Zukunft, daB ihnen die Prediger 
sagen, sie sollen dies oder jenes glauben, sie sollen sich vorbereiten 
fur das ewige Leben, wenn ihnen diese Prediger niemals sagen konnen, 
wie es eigentlich aussieht in dieser Welt, die der Mensch betritt, nach- 



dem er die Pforte des Todes durchschritten hat. In friiheren Zeiten 
ging das, weil eben die naturwissenschaftlichen, die naturalistischen 
BegrifFe noch nicht da waren, weil die Menschen noch nicht infiziert 
waren von den bloBen materiellen Interessen, die allmahlich seit dem 
16. Jahrhundert alles ergriffen haben; in friiheren Zeiten ging es, daB 
man den Menschen nur in der Art, wie es die religiosen Bekenntnisse 
heute noch wollen, von der ubersinnlichen Welt sprach. Heute geht 
das nicht mehr; heute verspinnen sich die Menschen oftmals - aus 
tiefem Mitleid mit der Menschheit muB man leider dieses sagen - 
gerade dadurch, daB sie in egoistischer Weise ihre ewige Seligkeit 
fordern wollen durch die religiosen Bekenntnisse : sie verspinnen sich 
dadurch gerade erst recht sehr in die physisch-sinnliche, in die natu- 
ralistische Welt und versperren sich den Aufstieg, nachdem sie durch 
die Pforte des Todes gegangen sind. Da kommt man noch auf ein ganz 
anderes, was einen in die Notwendigkeit versetzt, ja recht tief zu 
betonen, daB Geisteswissenschaft in der Gegenwart und in der Zu- 
kunft von der Menschheit getrieben werden muB, wenn man ge- 
zwungen ist zu sagen : Bejammernswert sind diejenigen Menschen, die 
sich durch keine Geisteswissenschaft Vorstellungen fur das Leben 
nach dem Tode verschaffen konnen. - Geisteswissenschaft ist zugleich 
etwas, was man aus Mitleid, aus innigem Mitgefuhl mit den Menschen 
zu verbreiten trachten muB, weil es bejammernswert ist, wenn die 
Menschen sich strauben - in ihrem Unverstande auch weiter strau- 
ben - gegen das Herankommen an geisteswissenschaftliche Vor- 
stellungen. 

Aber wir miissen uns durchaus klar sein: die geistige Welt ist iiberall 
da. Bedenken Sie doch nur, die Welt, in der die Toten mit den Toten 
sind, diese ubersinnliche Welt, die Faden, welche die Toten ver- 
kmipfen mit den zuriickgelassenen Lebenden, die Faden, welche die 
Toten verkniipfen mit den hoheren Hierarchien, sie gehoren zu der 
Welt, in der wir drinnenstehen. So wahr die Luft um uns ist, so wahr 
ist diese Welt immer um uns herum. Wir sind gar nicht geschieden 
von dieser Welt; wir sind nur durch BewuBtseinszustande geschieden 
von der Welt, die wir nach dem Tode beschreiten. Es muB dieses 
scharf betont werden; derm auch innerhalb unserer Kreise sind noch 



nicht alle Freunde sich klar dariiber, daB der Tote den Lebenden voll 
wiederfindet, daB wir nur geschieden sind, solange der eine hier im 
physischen Leib, der andere ohne den physischen Leib ist, aber daB 
alle diese Krafte erworben werden miissen, welche uns mit den Toten 
zusammenbringen, dadurch daB wir sie von uns loslosen; sonst leben 
sie in uns, und wir konnen sie nicht gewahr werden. Dann auch, daB 
wir hinuberbringen miissen in die richtige Sphare die Kraft der Liebe, 
die sich unter den naturalistischen Vorstellungen hier entwickelt, 
sonst wird diese Kraft fur uns zu einer bosen Kraft driiben. Gerade 
die Liebe, die sich entwickelt unter den naturalistischen Vorstellungen, 
konnte sonst zu einer bosen Kraft werden. Eine Kraft ist an sich nicht 
gut oder bose; sie ist das eine oder das andere, je nachdem sie in dieser 
oder jener Sphare auftritt. 

Aber ebenso wie wir mit dieser iibersinnlichen Welt, in der die 
Toten sind, im Zusammenhange stehen, so ragt auch noch in anderer 
Weise die iibersinnliche Welt in diese physisch-sinnliche herein. - Ja, 
die Welt ist kompliziert, und ihr Begreifen muB man sich langsam und 
allmahlich aneignen. Aber man muB den Willen dazu haben, es sich 
anzueignen. 

Die geistige Welt ragt in unsere Welt herein. Alles ist durchsetzt 
von der geistigen Welt. Im Sinnlichen ist iiberall auch ein Ubersinn- 
liches. Den Menschen muB ganz besonders interessieren jenes tiber- 
sinnliche, das mit seiner eigenen sinnlichen Natur zu tun hat. Nun 
bitte ich Sie, beachten Sie das Folgende ja recht gut, denn es ist eine 
hervorragend wichtige Vorstellung. 

Wir Menschen gliedern uns nach Leib, Seele und Geist, aber damit 
ist unsere Wesenheit lange nicht erschopft. Unser Leib, unsere Seele, 
unser Geist sind gewissermaBen dasjenige, das uns zunachst als unser 
BewuBtsein angeht; aber es ist nicht alles dasjenige, was mit unserem 
Dasein in Beziehung steht. Keineswegs! Das, was ich jetzt sage, 
hangt mit gewissen Geheimnissen des Menschwerdens, der Men- 
schennatur zusammen, die auch heute bekannt und immer bekannter 
werden miissen. 

Wenn der Mensch durch die Geburt ins irdische Dasein hereintritt, 
dann hat er, indem er seinen physischen Leib hat, nicht nur die Mog- 



lichkeit, seiner eigenen Seele ihr Dasein zu geben - ich bitte Sie, das 
wohl zu beriicksichtigen -, sondern dieser physische Leib, ihn kennt 
ja der Mensch durchaus nicht ganz, was gehen da alles fur Dinge vor 
im physischen Leib, von denen der Mensch nichts weiB ! Er lernt ja 
allmahlich erst kennen, und zwar noch dazu auf eine recht unzukomm- 
liche Weise, durch Anatomie, Physiologie das, was in diesem Leib 
vorgeht. Wenn man warten miiBte mit der Ernahrung, bis man den 
Ernahrungsvorgang begriffen hatte, man konnte nicht einmal sagen, 
die Menschen miiBten verhungern; denn das ist gar nicht denkbar, 
daB man etwas weiB von dem, was die Organe zu tun haben, um die 
Nahrung zuzubereiten fur den Organismus. Also der Mensch kommt 
recht sehr mit seinem Organismus, mit dem er sich bekleidet, in diese 
Welt herein, ohne daB er mit seiner Seele hinunterlangt in diesen 
Organismus. Dafur ist aber auch Gelegenheit vorhanden, daB kurze 
Zeit bevor wir geboren werden - nicht sehr lange bevor wir geboren 
werden -, auBer unserer Seele noch ein anderes geistiges Wesen 
Besitz ergreift von unserem Leib, von dem unterbewuBten Teil 
unseres Leibes. Das ist schon mal so : kurze Zeit bevor wir geboren 
werden, durchsetzt uns ein anderes, wir wurden nach unserer Termi- 
nologie heute sagen, ein ahrimanisches Geisteswesen. Das ist ebenso 
in uns wie unsere eigene Seele. Diese Wesenheiten, welche ihr Leben 
gerade dadurch zubringen, daB sie die Menschen selber dazu be- 
nutzen, um da sein zu konnen in der Sphare, in der sie da sein wollen, 
diese Wesenheiten haben eine auBerordentlich hohe Intelligenz und 
einen ganz bedeutsam entwickelten Willen, aber gar kein Gemiit, 
nicht das, was man menschliches Gemiit nennt. - Und wir schreiten 
schon so durch unser Leben, daB wir unsere Seele haben und einen 
solchen Doppelganger, der viel gescheiter ist, sehr viel gescheiter ist 
als wir, sehr intelligent ist, aber eine mephistophelische Intelligenz hat, 
eine ahrimanische Intelligenz hat, und dazu einen ahrimanischen 
Willen, einen sehr starken Willen, einen Willen, der den Naturkraften 
viel naher steht als unser menschlicher Wille, der durch das Gemiit 
reguiiert wird. 

Im 19. Jahrhundert hat die Naturwissenschaft entdeckt, daB das 
Nervensystem von elektrischen Kraften durchsetzt ist. Sie hatte recht, 



diese Naturwissenschaft. Aber wenn sie glaubte, wenn die Natur- 
fotscher glauben, daB die Nervenkraft, die zu uns gehort, die fur 
unser Vorstellungsleben die Grundlage ist, irgendwie mit elektrischen 
Stromen zu tun hat, welche durch unsere Nerven gehen, so haben sie 
eben unrecht. Denn die elektrischen Strome, das sind diejenigen 
Krafte, die von dem Wesen, das ich eben jetzt geschildert habe, in 
unser Wesen hineingelegt werden, die gehoren unserem Wesen gar 
nicht an : wir tragen schon auch elektrische Strome in uns, aber sie 
sind rein ahrimanischer Natur. 

Diese Wesenheiten von hoher Intelligenz, aber rein mephistophe- 
lischer Intelligenz, und von einem der Natur mehr verwandten Willen, 
als es fur den menschlichen Willen gesagt werden kann, die haben 
einmal aus ihrem eigenen Willen heraus beschlossen, nicht in jener 
Welt leben zu wollen, in der sie durch die weisheitsvollen Gotter der 
oberen Hierarchie zu leben bestimmt waren. Sie wollten die Erde 
erobern, sie brauchen Leiber; eigene Leiber haben sie nicht: sie 
beniitzen so viel von den menschlichen Leibern, als sie beniitzen 
konnen, weil die menschliche Seele eben nicht ganz den menschlichen 
Leib ausfullen kann. 

Diese Wesenheiten also konnen, so wie sich der menschliche Leib 
entwickelt, zu einer bestimmten Zeit bevor der Mensch geboren wird, 
gewissermaBen in diesen menschlichen Leib hinein, und unter der 
Schwelle unseres BewuBtseins begleiten sie uns. Sie konnen nur eines 
im menschlichen Leben absolut nicht vertragen : sie konnen namlich 
den Tod nicht vertragen. Daher miissen sie diesen menschlichen Leib, 
in dem sie sich festsetzen, immer auch, bevor er vom Tode befallen 
wird, verlassen. Das ist eine sehr herbe Enttauschung immer wieder- 
um, denn sie wollen gerade das sich erobern: in den menschlichen 
Leibern zu bleiben uber den Tod hinaus. Das ware eine hohe Er- 
rungenschaft im Reiche dieser Wesenheiten; das haben sie zunachst 
nicht erreicht. 

Ware das Mysterium von Golgatha nicht geschehen, ware der 
Christus nicht durch das Mysterium von Golgatha gegangen, so ware 
es langst so auf der Erde, daB diese Wesenheiten sich die Moglichkeit 
erobert hatten, im Menschen auch drinnen zu bleiben, wenn dem 



Menschen der Tod karmisch vorbestimmt ist. Dann hatten sie iiber- 
haupt iiber die menschliche Entwickelung auf der Erde den Sieg 
davongetragen, und sie waren Herren der menschlichen Entwickelung 
auf der Erde geworden. 

Das ist etwas von einer ungeheuer tiefgehenden Bedeutung: ein- 
zusehen diese Zusammenhange zwischen dem Durchgehen des 
Christus durch das Mysterium von Golgatha und diesen Wesenheiten, 
die den Tod in der Menschennatur erobern wollen, aber ihn heute 
noch nicht vertragen konnen; die sich immer hiiten miissen, im 
Menschenleibe zu erleben die Stunde, wo der Mensch vorbestimmt 
hat zu sterben, hiiten miissen, seinen Leib iiber diese Todesstunde 
hinaus zu erhalten, das Leben seines Leibes iiber diese Todesstunde 
hinaus zu verlangern. 

Auch iiber diese Sache, iiber die ich jetzt spreche, sind gewisse 
okkulte Briiderschaften langst unterrichtet, kennen die Dinge sehr gut 
und haben sie - wiederum wollen wir das Recht nicht untersuchen - 
der Menschheit vorenthalten. Heute ist die Sache so, daB es unmoglich 
ist, die Menschen nicht allmahlich auszuriisten mit solchen Begriffen, 
die sie brauchen, wenn sie durch die Pforte des Todes geschritten 
sind. Denn alles das, was der Mensch hier erlebt, auch was er unter der 
Schwelle des BewuBtseins erlebt, das braucht er nach dem Tod, weil 
er zuriickblicken muB auf dieses Leben und ihm dieses Leben ganz 
verstandlich sein muB im Riickblicke, und weil es das Schlimmste ist, 
wenn er dieses nicht kann. Man hat aber keinen geniigenden Begriff, 
um im Riickblicke dieses Leben zu verstehen, wenn man ein Wesen 
nicht beleuchten kann, das solchen Anteil nimmt an unserem Leben 
wie dieses ahrimanische Wesen, das vor unserer Geburt Besitz von 
uns ergreift und immer da ist, immer im UnterbewuBten vor uns 
herumfiguriert, wenn man nicht immer wiederum Licht darauf hin- 
werfen kann. Denn Weisheit wird Licht nach dem Tode. 

Diese Wesen sind aber uberhaupt sehr wichtig fur das menschliche 
Leben, und ihre Kenntnis muB allmahlich die Menschen ergreifen 
und wird die Menschen ergreifen. Sie muB nur auf die richtige Weise 
die Menschen ergreifen; sie darf nicht nur etwa von solchen okkulten 
Briiderschaften in der Menschheit verbreitet werden, die eine Macht- 



frage daraus machen, und die dadurch ihre eigene Macht erhohen 
wollen, und sie darf vor alien Dingen nicht ferner behiitet werden 
zur Erhohung der Macht gewisser egoistisch wirkender Briiderschaf- 
ten. Die Menschheit strebt nach allgemeinem Wissen, und das Wissen 
muB ausgebreitet werden. Denn nicht mehr kann es in der Zukunft 
vom Heile sein, wenn okkulte Briiderschaften solche Dinge zur Aus- 
breitung ihrer Macht verwenden konnen. Die Kenntnis dieser Wesen- 
heiten wird in den nachsten Jahrhunderten immer mehr und mehr die 
Menschen ergreifen miissen. Der Mensch wird in den nachsten Jahr- 
hunderten immer mehr und mehr wissen miissen, daB er einen solchen 
Doppelganger in sich tragt, einen solchen ahrimanischen, mephisto- 
phelischen Doppelganger in sich tragt. Der Mensch muB es wissen. 
Heute entwickelt allerdings der Mensch schon eine ganze Anzahl von 
BegrifTen, die aber eigentlich blind sind, weil der Mensch doch noch 
nichts Rechtes mit ihnen anzufangen weiB. Begriffe, sage ich, ent- 
wickelt der Mensch heute, die erst auf eine richtige Basis gestellt 
werden konnen, wenn sie mit dem, was als Tatsache ihnen zugrunde 
liegt, zusammengebracht werden. 

Und hier eroffnet sich etwas, was in der Zukunft wirklich getrieben 
werden muB, wenn nicht das Menschengeschlecht unendlich Hem- 
mendes, unendlich Schreckliches eigentlich erleben soil. Denn dieser 
Doppelganger, von dem ich gesprochen habe, der ist nichts mehr und 
nichts weniger als der Urheber aller physischen Krankheiten, die 
spontan aus dem Innern hervortreten, und ihn ganz kennen, ist orga- 
nische Medizin. Die Krankheiten, die spontan, nicht durch auBere 
Verletzungen, sondern spontan von innen heraus im Menschen auf- 
treten, sie kommen nicht aus der menschlichen Seele, sie kommen von 
diesem Wesen. Er ist der Urheber aller Krankheiten, die spontan aus 
dem Innern hervortreten; er ist der Urheber aller organischen Krank- 
heiten. Und ein Bruder von ihm, der allerdings nicht ahrimanisch, 
sondern luziferisch geartet ist, der ist der Urheber aller neurastheni- 
schen und neurotischen Krankheiten, aller Krankheiten, die eigentlich 
keine Krankheiten sind, die nur, wie man sagt, Nervenkrankheiten, 
hysterische Krankheiten und so weiter sind. So daB die Medizin 
geistig werden muB nach zwei Seiten hin. DaB das gefordert wird, 



das zeigt sich heute - ich habe dariiber in Zurich gesprochen - durch 
das Hereinbrechen solcher Anschauungen wie der Psychoanalyse und 
dergleichen, wo man mit geistigen Entitaten schon wirtschaftet, aber 
mit unzulanglichen Erkenntnismitteln, so daB man gar nichts an- 
fangen kann mit den Erscheinungen, die immer mehr und mehr in das 
menschliche Leben hereinbrechen werden. Denn gewisse Dinge miis- 
sen ja notwendig geschehen, und auch dasjenige, was nach der einen 
Richtung hin schadlich ist, es muB geschehen, well der Mensch dieser 
Schadlichkeit ausgesetzt werden muB, um sie zu iiberwinden und 
dadurch gerade Kraft zu gewinnen. 

Um nun solche Dinge voll zu verstehen, wie ich sie jetzt angefuhrt 
habe, daB dieser Doppelganger eigentlich der Urheber von alien 
Krankheiten ist, die organische Grundlage haben, die nicht bloB 
funktionell sind, um das voll zu verstehen, muB man aber noch viel 
mehr wissen. Man muB wissen zum Beispiel, daB unsere ganze Erde 
nicht das tote Produkt ist, wie es heute die Mineralogie oder die Geo- 
logie meint, sondern ein lebendiges Wesen ist. Mineralogie oder Geo- 
logie kennt ja von der Erde so viel, als man vom Menschen kennen 
wiirde, wenn man nur das Knochensystem kennen wiirde. Denken 
Sie sich nur einmal : Sie wiirden gar niemals fahig sein, durch irgend- 
welche Sinne die Menschen zu sehen, sondern es wiirde nur Rontgen- 
aufnahmen von Menschen geben und man wiirde von jedem, der 
einem bekannter ist, nur das Knochensystem kennen: dann wiirden 
Sie vom Menschen so viel kennen, als die Geologen und uberhaupt 
die Wissenschaft von der Erde kennt. Denken Sie sich, Sie wiirden 
hier hereingehen und von all den verehrten Herrschaften, die Sie hier 
linden, nichts anderes als die Knochen sehen, dann hatten Sie soviel 
BewuBtsein von all den Gegenwartigen hier, als die Wissenschaft 
heute von der Erde hat. Die Erde, die man also nur als Knochen- 
system kennt, die ist ein lebendiger Organismus, und als lebendiger 
Organismus wirkt sie auf die Wesen, die auf ihr herumwandeln, nam- 
lich auf die Menschen selber. Und so wie der Mensch differenziert ist 
in bezug auf die Verteilung seiner Organe iiber den Leib, so ist die 
Erde auch differenziert in bezug auf dasjenige, was sie lebendig aus 
sich herausentwickelt und womit sie die Menschen beeinfluBt, die auf 



ihr herumwandeln. Ich meine, Sie sind sich dessen bewuBt: wenn Sie 
denken, so werden Sie nicht gerade den rechten Zeigefinger oder die 
linke groBe Zehe anstrengen, sondern Ihren Kopf; Sie wis sen ganz 
genau, Sie denken nicht mit Ihrer rechten gtoBen Zehe, Sie denken 
mit dem Kopf. Also die Dinge verteilen sich im lebendigen Organis- 
mus, der ist differenziert. So ist auch unsere Erde differenziert. Ein 
Wesen, das etwa iiberall das gleiche auf seine Bewohner riinaufstrahlt, 
ist unsere Erde durchaus nicht, sondern auf den verschiedensten Ge- 
bieten der Erde wird ganz Verschiedenes hinaufgestrahlt. Und da 
gibt es verschiedene Krafte: magnetische, elektrische, aber auch viel 
mehr in das Gebiet des Lebendigen heraufgehende Krafte, die aus der 
Erde heraufkommen, und die den Menschen beeinflussen in der 
mannigfaltigsten Weise in den verschiedensten Punkten der Erde, also 
nach der geographischen Gestaltung in verschiedener Weise den 
Menschen beeinflussen. 

Das ist eine sehr wichtige Tatsache. Denn das, was der Mensch zu- 
nachst ist an Leib, Seele und Geist, das hat eigentlich wenig direkten 
Bezug zu diesen von der Erde heraufwirkenden Kraften. Aber der 
Doppelganger, von dem ich gesprochen habe, der hat vorzugsweise 
Bezug zu diesen von der Erde aus aufstromenden Kraften. Und in- 
direkt, mittelbar steht der Mensch nach Leib, Seele und Geist mit der 
Erde in Beziehung und dem, was sie ausstrahlt an den verschiedenen 
Punkten dadurch, daB sein Doppelganger die intimsten Beziehungen 
hegt zu demjenigen, was da heraufstromt. Diese Wesen, die als solche 
ahrimanisch-mephistopheKsche Wesen von dem Menschen eine kurze 
Zeitstrecke, bevor er geboren ist, Besitz ergreifen, die haben ihre ganz 
besondere Geschmacksnatur. Da gibt es solche Wesenheiten, denen 
ganz besonders die ostliche Halbkugel, Europa, Asien, Afrika ge- 
fallen; die wahlen sich solche Menschen, die dort geboren werden, 
um ihre Leiber zu benutzen. Andere wahlen sich Leiber, die auf der 
westlichen Halbkugel, in Amerika geboren werden. Dasjenige, was 
wir Menschen in einem schwachen Abbilde als Geographie haben, das 
ist fur diese Wesenheiten lebendiges Prinzip ihres eigenen Erlebens; 
danach richten sie ihren Wohnsitz ein. 

Und daraus ersehen Sie weiter, daB eine der wichtigsten Aufgaben 



der Zukunft sein wird, wieder weiterzupflegen dasjenige, was ab- 
gerissen ist: geographische Medizin, medizinische Geographic Bei 
Paracelsus ist es aus der alten atavistischen Weisheit heraus abgerissen; 
seither ist es wenig gepflegt worden wegen der materialistischen An- 
schauungen. Es wird wieder Platz greifen mussen ; und manche Dinge 
werden erst wiederum erkannt werden, wenn man den Zusammen- 
hang des krankmachenden Wesens im Menschen mit der Erden- 
geographie, mit all den Fusionen, mit all den Ausstrahlungen, die je 
nach den verschiedenen Gegenden der Erde von dieser Erde heraus- 
kommen, kennenlernen wird. Also wichtig ist es schon, daB der 
Mensch mit diesen Dingen bekannt wird, derm sein Leben hangt ja 
davon ab. Er ist ja durch diesen Doppelganger in einer ganz bestimm- 
ten Weise hineingestellt in das Erdendasein, und dieser Doppelganger, 
der hat sein Wohnhaus in ihm selbst, in dem Menschen. 

Nun, so unendlich wichtig geworden ist eigentlich alles das erst im 
funften nachatlantischen Zeitraum und wird besonders wichtig wer- 
den schon fur die allernachste Zukunft fur die Menschen. Daher mufi 
auch Geisteswissenschaft jetzt verbreitet werden. Und sie ist jetzt 
besonders wichtig, weil diese jetzige Zeit den Menschen aufruft dazu, 
in bewuBter Weise sich mit diesen Dingen auseinanderzusetzen, in 
bewuBter Weise sich zu diesen Dingen ein Verhaltnis zu geben. Der 
Mensch muB stark werden in dieser unserer Epoche, um sein Dasein 
zu diesen Wesenheiten zu regeln. 

Diese Epoche trat ein im 15. Jahrhundert, denn unser jetziger Zeit- 
raum beginnt 1413; der vierte nachatlantische Zeitraum, der grie- 
chisch-lateinische, beginnt 747 vor dem Mysterium von Golgatha, 
dauert bis 1413: das ist die Zeit, wo ein schwacher Einschnitt ge- 
schieht, 1413. Seit jener Zeit haben wir die fiinfte nachatlantische Zeit, 
in der wir drinnen leben, und die allmahlich erst ihre Charaktereigen- 
tumlichkeiten in unserer Zeit so ganz herausbringt, aber sie haben 
sich vorbereitet seit dem 15. Jahrhundert. In der vierten nachatlanti- 
schen Zeit, da war es vorzugsweise die Verstandes- und Gemiitsseele, 
die sich entwickelte; jetzt ist es die BewuBtseinsseele, die sich ent- 
wickelt in der Gesamtmenschheitsentwickelung. Als der Mensch ein- 
getreten ist in dieses Zeitalter, da war es seine besondere Schwachheit, 



auf welche die fuhrenden geistigen Wesenheiten Riicksicht nehmen 
muBten gegeniiber diesem Doppelganger. Hatte der Mensch da viel 
in sein BewuBtsein hereingenommen von alldem, was zusammen- 
hangt mit diesem Doppelgangerwesen, ja, dann ware es den Menschen 
schlecht, recht schlecht gegangen. Schon die Jahrhunderte her vor 
dem 14. Jahrhundert muBten die Menschen vorbereitend davor ge- 
schiitzt werden, um recht wenig aufzunehmen, was irgendwie er- 
innerte an diesen Doppelganger. Daher ist auch die Erkenntnis dieses 
Doppelgangers, die durchaus in alteren Zeiten da war, verloren- 
gegangen. Man muBte die Menschen davor beschutzen, ja nichts auf- 
zunehmen, also nicht nur die Theorie von diesem Doppelganger 
nicht aufzunehmen, sondern moglichst wenig mit Dingen in Beruh- 
rung zu kommen, die mit diesem Doppelganger etwas zu tun 
haben. 

Dazu bedurfte es einer ganz speziellen Veranstaltung. Die Sache, 
die sich da entwickelt, miissen Sie versuchen zu begreifen: In den 
Jahrhunderten, die vorangingen dem 14. Jahrhundert, da muBten die 
Menschen geschiitzt werden vor dem Doppelganger; er muBte all- 
mahlich aus dem Gesichtskreise der Menschen heraus und durfte erst 
allmahlich wieder hereinkommen jetzt, wo der Mensch sein Ver- 
haltnis zu ihm regeln muB. Das bedurfte wirklich einer recht bedeut- 
samen Veranstaltung, die nur auf die folgende Weise erreicht werden 
konnte: So allmahlich, seit dem 9., 10. Jahrhunderte, richtete man in 
Europa die Verhaltnisse so ein, daB die europaischen Menschen einen 
gewissen Zusammenhang verloren, den sie friiher gehabt haben, einen 
Zusammenhang, der fur die friiheren, noch fiir die Menschen des 
7., 6. nachchristlichen Jahrhunderts wichtig war. Es wurde namlich - 
vom 9. Jahrhundert angefangen, vom 12. Jahrhundert ab dann be- 
sonders ausgesprochen - eingestellt der gesamte Schiffahrtsverkehr 
nach Amerika hiniiber, wie er eben dazumal war, mit der Art von 
SchifFen, die man hatte. Das mag Ihnen sonderbar klingen! Sie werden 
sagen: Wir haben ja in der Geschichte so etwas nie gehort. - Ja, die 
Geschichte ist eben in vieler Beziehung wirklich eine Fable convenue, 
eine Legende; denn in den alteren Jahrhunderten der europaischen 
Entwickelung fuhren die Schiffe von Norwegen aus, vom damaligen 



Norwegen aus immer nach Amerika himiber. Man hat es naturlich 
nicht Amerika genannt, es hatte dazumal andere Namen. In Amerika 
wuBte man dasjenige Gebiet, wo insbesondere jene magnetischen 
Krafte aufsteigen, welche die Menschen in Beziehung bringen zu die- 
sem Doppelganger. Denn die deutlichsten Beziehungen zum Doppel- 
ganger gehen aus von demjenigen Gebiete der Erde, das vom amerika- 
nischen Kontinente bedeckt ist; und in den alteren Jahrhunderten 
fuhr man mit norwegischen Schiffen hiniiber nach Amerika und 
studierte da driiben Krankheiten. Von Europa aus wurden in Amerika 
gewissermaBen die unter dem Einflusse des Erdenmagnetismus be- 
wirkten Krankheiten studiert. Und der geheimnisvolle Ursprung der 
alteren europaischen Medizin, der ist da zu suchen. Da konnte man den 
Verlauf beobachten, den man nicht hatte beobachten konnen in 
Europa, wo die Menschen empfmdlicher waren gegen die Einflusse 
des Doppelgangers. Man muBte allmahlich - und das Wesentliche tat 
dazu die romisch-katholische Kirche durch ihre Edikte -, man muBte 
allmahlich iiber den Zusammenhang mit Amerika Vergessenheit 
bringen. Und erst nachdem der fiinfte nachatlantische Zeitraum ein- 
getreten war, wurde Amerika auf physisch-sinnliche Weise wieder 
entdeckt. Das ist aber nur eine Wiederentdeckung, die allerdings so 
bedeutsam aus dem Grunde ist, weil die Machte, die am Werke waren, 
es tatsachlich erreicht haben, daB in den Urkunden nirgends sehr viel 
gemeldet wird von den alten Beziehungen Europas zu Amerika. Und 
da wo es gemeldet wird, da erkennt man es nicht, da weiB man nicht, 
daB sich die Dinge auf den Zusammenhang von Europa und Amerika 
in alten Zeiten beziehen. Die Besuche waren allerdings mehr Besuche. 
DaB die Europaer selber dann amerikanisches Volk werden - wie man 
heute sagt, wo man den Ausdruck Volk mit Nation miBverstandlicher- 
weise verwechselt -, amerikanisches Volk geworden sind, das war 
erst nach der physischen Entdeckung Amerikas, physischen Neu- 
entdeckung Amerikas moglich. Es waren vorher eher Besuche, die 
man ausfiihrte, um zu studieren, wie an der andersartigen indianischen 
Rasse der Doppelganger eine ganz besondere Rolle spielt. 

Europa muBte eine Zeitlang, vor dem Beginn der Entwickelung der 
funften nachatlantischen Zeit, vor dem Einflusse der westlichen Welt 



geschiitzt werden. Und das ist die bedeutsame historische Einrich- 
tung, die bedeutsame historische Veranstaltung, die gepflogen wurde 
von den weisheitsvollen Weltenmachten: Europa muBte eine Zeitlang 
geschiitzt werden vor alien diesen Einfliissen, und es hatte nicht ge- 
schiitzt werden konnen, wenn man nicht in den Jahrhunderten vor 
dem 15- Jahrhundert die europaische Welt zugesperrt hatte, ganz ab- 
geschlossen hatte von der amerikanischen. 

Nun, man muBte sich eben berniihen, eine Zeitlang in den vorberei- 
tenden Jahrhunderten etwas in die europaische Menschheit herein- 
zutragen, das der feineren Sensitivitat Rechnung trug. Ich mochte 
sagen: der Verstand, der vorzugsweise Platz greifen sollte in dieser 
fiinften nachatlantischen Zeit, der muBte in seinem ersten Auftreten 
ganz besonders geschont werden. Dasjenige, was ihm geoffenbart 
werden sollte, das muBte ganz besonders fein an ihn herangebracht 
werden. Manchmal war diese Feinheit natiirlich auch eine solche wie 
die Feinheit der Erziehung, wo man natiirlich auch tuchtige Bestra- 
fungsmittel anwendet. Aber das alles, was ich meine, bezieht sich ja 
auf groBere historische Impulse. 

Und so kam es denn, daB insbesondere irische Monche es waren, 
unter dem EinfluB der sich dort ausbildenden reinen christlich-esoteri- 
schen Lehre, die so wirkten, daB man in Rom die Notwendigkeit 
einsah, Europa vor der westlichen Halbkugel abzuschlieBen. Denn 
von Irland aus wollte diese Bewegung gehen, iiber Europa das 
Christentum in einer solchen Weise auszubreiten in diesen Jahr- 
hunderten vor dem fiinften nachatlantischen Zeitraum, daB man nicht 
gestort wurde durch alles dasjenige, was heraufkam aus dem Unter- 
irdischen der Erde aus der westlichen Halbkugel. Unwissend halten 
sollte man Europa vor all den Einfliissen auf der westlichen Halbkugel. 

Und es liegt nahe, gerade hier einmal iiber diese Verhaltnisse zu 
sprechen. Denn Columban und sein Schiiler Gallus, sie waren wesent- 
liche Individualitaten in jenem groBen, bedeutsamen Missionsweg, 
der seine Erfolge in der Christianisierung Europas dadurch wirksam 
zu machen versuchte, daB er Europa dazumal wie mit geistigen Wan- 
den umgab und keinen EinfluB hereinkommen lieB von der Seite, die 
ich angedeutet habe. Und solche Individualitaten, wie Columban und 



sein Schiiler Gallus, von dem dieser Ort hier seine Begriindung und 
seinen Namen hat, sie sind diejenigen, die vor alien Dingen ein- 
gesehen haben: die zarte Pflanze der Christianisierung, sie kann in 
Europa nur ausgebreitet werden, wenn man Europa gleichsam mit 
einem Zaun umgibt in geistiger Beziehung. Ja, hinter den Vorgangen 
in der Weltgeschichte liegen tiefe, bedeutungsvolle Geheimnisse. Und 
die Geschichte, die in den Schulen gelehrt wird und gelernt wird, ist 
vielfach nur eine Fable convenue; denn zu den wichtigsten Tatsachen 
im Verstandnisse der neueren Zeit in Europa gehort dieses, daB von 
den Jahrhunderten an, von denen von Irland aus die Verbreitung der 
Christianisierung in Europa ging, bis namentlich ins 12. Jahrhundert, 
zugleich gearbeitet wurde daran, daB gerade die papstlichen Edikte 
allmahlich die Schiflahrt zwischen Europa und Amerika verpont 
haben, aufgehoben haben, so daB der Zusammenhang mit Amerika 
fur Europa vollstandig vergessen worden ist. Man brauchte dieses 
Vergessen, damit die ersten Zeiten, in denen sich in Europa vor- 
bereiten sollte der funfte nachatlantische Zeitraum, in der richtigen 
Weise sich abwickeln konnten. Und erst dann, als die materialistische 
Zeit nun begann, da wurde Amerika neuerdings wiederum entdeckt, 
so wie man es heute erzahlt: westlich - ostlich; da wurde Amerika 
entdeckt unter dem EinfluB der Goldgier, unter dem EinfluB der rein 
materialistischen Kultur, mit welcher der Mensch eben in der funften 
nachatlantischen Zeit zu rechnen hat, mit der er sich in das ent- 
sprechende Verhaltnis zu setzen hat. 

Diese Dmge sind wirkliche Geschichte. Und diese Dinge, denke ich 
auch, klaren auf iiber dasjenige, was wirklich ist. Die Erde ist wirklich 
etwas, was lebendiges Wesen genannt werden muB. Nach geographi- 
schen DifFerenzierungen stromen die verschiedensten Krafte aus den 
verschiedensten Territorien nach oben. Deshalb miissen die Menschen 
nicht nach Territorien geschieden sein, sondern voneinander an- 
nehmen dasjenige, was auf jedem Territorium als das Gute und als 
das GroBe, und gerade nur dort geschaffen werden kann. Deshalb ist 
eine geisteswissenschaftliche Weltanschauung darauf bedacht, etwas 
zu schaffen, was von alien Nationen von alien Gebieten wirklich an- 
genommen werden kann. Denn die Menschen miissen im gegen- 



seitigen Austausch ihrer geistigen Giiter vorwartsschreiten. Das ist 
das, worauf es ankommt. 

Dagegen entsteht von einzelnen Territorien aus sehr leicht das Be- 
streben, Macht und Macht und Macht zu erhohen. Und die groBe 
Gefahr, daB in einseitiger Weise die Entwickelung der neueren 
Menschheit vorwartsschreitet, die kann man nur beurteilen aus den 
konkreten, aus den wirklichen konkreten Verhaltnissen heraus, wenn 
man weiB, wie die Erde ein Organismus ist, wenn man weiB, was 
eigentlich geschieht von den verschiedenen Punkten der Erde aus. Im 
Osten Europas ist verhaltnismaBig wenig Neigung rein durch das, 
was von der Erde ausstromt, denn das Russentum zum Beispiel hangt 
wohl innig zusammen gerade durch den Boden, aber es nimmt ganz 
besondere Krafte aus dem Boden heraus auf, und zwar Krafte, die 
nicht von der Erde kommen. Das Geheimnis der russischen Geo- 
graphic besteht darinnen, daB das, was der Russe von der Erde auf- 
nimmt, zuerst das der Erde mitgeteilte Licht ist, das von der Erde 
wieder zuruckgeht. Also der Russe nimmt eigentlich aus der Erde 
dasjenige auf, was aus den auBeren Regionen zu der Erde erst hin- 
stromt; der Russe liebt seine Erde, aber er liebt sie eben aus dem 
Grunde, weil sie ihm ein Spiegel ist des Himmels. Dadurch aber hat 
der Russe, wenn er noch so territorial gesinnt ist, in dieser territorialen 
Gesinnung etwas - wenn es auch heute noch auf einer kindlichen 
Stufe ist - auBerordentlich Kosmopolitisches : weil die Erde, indem 
sie sich durch den .Weltenraum bewegt, mit alien moglichen Partien 
des Erdenumkreises in Beziehung kommt. Und wenn man nicht das- 
jenige in die Seele aufnimmt, was von unten nach oben stromt in der 
Erde, sondern dasjenige, was von oben nach unten und wiederum 
hinaufstromt, dann ist es etwas anderes, als wenn man aufnimmt das, 
was - direkt von der Erde ausstromend - in eine gewisse Verwandt- 
schaft zur Menschennatur gesetzt wird. Das aber, was der Russe an 
seiner Erde liebt, womit er sich durchdringt, das gibt ihm manche 
Schwache, aber auch vor alien Dingen eine gewisse Fahigkeit, jene 
Doppelgangernatur zu uberwinden, von der ich Ihnen vorhin ge- 
sprochen habe. Daher wird er berufen sein, in dem Zeitalter die 
wichtigsten Impulse zu liefern, in welchem diese Doppelgangernatur 



endgiiltig bekampft werden muB, in der sechsten nachatlantischen 
Kulturperiode. 

Aber ein gewisser Teil des Erdbodens zeigt die meiste Verwandt- 
schaft mit jenen Kraften. Wenn der Mensch sich dorthin versetzt, 
kommt er in ihr Bereich; sobald er dort weggeht, ist es ja wieder 
nicht so, denn das sind geographische, das sind nicht ethnographische, 
nicht nationale, sondern das sind rein geographische Dinge. Das- 
jenige Gebiet, wo am meisten EinfluB hat auf den Doppelganger das, 
was von unten heraufstrdmt, und wo es dadurch, daB es beim Doppel- 
ganger am meisten Verwandtschaft eingeht mit dem Ausstromenden, 
also sich auch wieder der Erde mitteilt, das ist dasjenige Erdengebiet, 
wo die meisten Gebirge nicht von Westen nach Osten, in der Quer- 
richtung hin, sondern wo die Gebirge hauptsachlich von Norden nach 
Suden gehen - denn das hangt auch mit diesen Kraften zusammen 
wo man den magnetischen Nordpol in der Nahe hat. Das ist das 
Gebiet, wo vor alien Dingen Verwandtschaft entwickelt wird mit der 
mephistophelisch-ahrimanischen Natur durch die auBeren Verhalt- 
nisse. Und durch diese Verwandtschaft wird vieles bewirkt in der 
fortschreitenden Entwickelung der Erde. Der Mensch darf heute 
nicht blind durch die Entwickelung der Erde gehen; er muB solche 
Verhaltnisse durchschauen. Europa wird sich zu Amerika nur dann 
in ein richtiges Verhaltnis setzen konnen, wenn solche Verhaltnisse 
durchschaut werden konnen, wenn man weiB, welche geographischen 
Bedingtheiten von dorther kommen. Sonst aber, wenn Europa fort- 
fahren wird, in diesen Dingen blind zu sein, dann wird es mit diesem 
armen Europa so gehen, wie es mit Griechenland gegeniiber Rom 
gegangen ist. Das darf nicht sein; die Welt darf nicht geographisch 
amerikanisiert werden. Aber das muB erst verstanden werden. Die 
Dinge diirfen nicht so unernst genommen werden, wie sie heute viel- 
fach genommen werden. Denn sehen Sie, die Dinge beruhen in tiefen 
Griinden, und Erkenntnisse sind heute notwendig, nicht bloB Sym- 
pathien und Anttpathien, um eine Stellung zu gewinnen in dem Zu- 
sammenhange, in den die gegenwartige Menschheit auf eine so 
tragische Weise hineingestellt ist. Das sind die Dinge, die wir hier 
noch genauer besprechen konnen; in offentlichen Vortragen konnen 



sie nur* angedeutet werden. Gestern habe ich aufmerksam gemacht, 
wie es notwendig ist, daB dasjenige, was Geisteswissenschaft genannt 
wird, wirklich auch in die sozialen und in die politischen BegrifFe 
hineindringt. Denn Amerikas Bestreben geht darauf hinaus, alles zu 
mechanisieren, alles in das Gebiet des reinen Naturalismus hinein- 
zutreiben, Europas Kultur nach und nach vom Erdboden aus- 
zuldschen. Es kann nicht anders. 

Selbstver standlich sind das geographische Begriffe, nicht volkische 
BegrifFe. Man braucht nur an Emerson zu denken, um zu wissen, daB 
hier nichts als Charakteristik eines Volkes gemeint ist. Aber Emerson 
war eben ein durch und durch europaisch gebildeter Mensch. Nicht 
wahr, das sind ja zwei entgegengesetzte Pole, die sich entwickeln. 
Gerade unter solchen Einnussen, wie sie heute charakterisiert werden, 
entwickeln sich Menschen wie Emerson, die sich dadurch so ent- 
wickeln, daB sie die voile Menschlichkeit entgegenstellen dem Dop- 
pelganger, oder es entwickeln sich Menschen wie Woodrow Wilson, die 
nur eine Umhullung des Doppelgangers sind, durch die der Doppel- 
ganger selbst ganz besonders wirkt, die im wesentlichen eigentlich 
Verleiblichungen desjenigen sind, was amerikanische geographische 
Natur ist. 

Diese Dinge hangen nicht mit irgendeiner Sympathie oder Anti- 
pathie, nicht mit irgendeiner Parteigangerei zusammen; diese Dinge 
hangen lediglich mit den Erkennmissen iiber die tieferen Grunde 
dessen, was von den Menschen im Leben durchlebt wird, zusammen. 
Aber es wird sehr wenig der Menschheit zum Heile gereichen, wenn 
sie sich nicht Auf klarung verscharTen will iiber dasjenige, was eigent- 
lich wirksam ist in den Dingen. Und heute ist es sehr notwendig, 
wiederum anzuknupfen an manches, was eben gerade um die Wende 
auch abgerissen werden muBte, als man den Weg nach Amerika ver- 
sperrt hat. Und wie ein Symbolum mochte ich es hinstellen, was Sie 
hier so vielfach erleben und empfinden konnen, wie ein Symbolum 
solche Menschen wie Gallus. Sie muBten sich einen Boden fur ihr 
Wirken schaffen durch den Zaun, den sie aufgerichtet haben. Solche 
Dinge muB man verstehen. 

Geisteswissenschaft wird erst wirkliches geschichtliches Ver- 



standnis schaffen. Aber Sie sehen: Vorurteil uber Vorurteil wird sich 
natiirlich erheben. Denn wie konnte man anders denken, als daB Er- 
kenntnisse auch anfangen wurden, parteiisch zu werden ! Aber das war 
mit einer der Griinde, die eigentlich zu den Feigheiten gehoren, 
warum gewisse okkulte Briiderschaften mit diesen Dingen zuriick- 
gehalten haben. Aus dem einfachen Grunde haben sie zuriickgehalten, 
weil die Erkenntnisse vielfach den Menschen unbequem sind, sie 
mochten nicht allgemein menschlich werden, und insbesondere die- 
jenigen nicht, die Anlage haben, sich mit den geographischen Aus- 
stromungen zu verbinden. 

Die Fragen des offentlichen Lebens werden schon allmahlich Er- 
kenntnisfragen werden, herausgehoben werden aus jener Atmosphare, 
in die sie heute durch die uberwiegende Majoritat der Menschheit 
hineingedrangt worden sind: aus der bloBen Sphare der Sympathien 
und Antipathien. In bezug auf das Wirksame werden ja allerdings 
nicht Majoritaten entscheiden. Aber dieses Wirksame wird nur wirk- 
sam werden konnen, wenn die Menschen nicht davor zuriickschrecken 
werden, wichtige Dinge in ihr BewuBtsein aufzunehmen. 

So wie ich heute hier gesprochen habe, weil, ich mochte sagen, der 
Genius loci dieses Ortes das von mir verlangt, hat sich Ihnen an 
einem besonderen Beispiel gezeigt, daB es fur den Menschen der 
Gegenwart nicht mehr geniigt, um Geschichte zu kennen, die ge- 
brauchlichen Schulbiicher in die Hand zu nehmen, denn da erfahrt 
man jene Fable convenue, welche man heute Geschichte nennt. Was 
erfahrt man denn da iiber die wichtigen, namentlich in den dunklen 
Urspriingen der Medizin liegenden Verkehrswege, die noch in den 
ersten christlichen Jahrhunderten von Europa nach Amerika gefuhrt 
haben ? Aber was da ist, hort nicht auf, wirklich zu sein, dadurch daB 
die Menschen spater ihr BewuBtsein davor blind machen wie der 
Vogel StrauB, der den Kopf in den Sand steckt, um nicht zu sehen, 
und dann glaubt, das, was er nicht sieht, ist auch nicht da. - Manches 
andere noch ist einfach durch die Fable convenue, die man Geschichte 
nennt, fur die Menschen verhullt, manches, was dem Menschen der 
Gegenwart in seiner Wirksamkeit recht nahesteht. Und manches 
andere noch wird durch die Geisteswissenschaft zutage treten iiber 



den geschichtlichen Verlauf der Menschheit. Denn die Menschen 
wollen aufgeklart sein uber ihr eigenes Schicksal, uber den Zusammen- 
hang ihrer Seele mit ihr er geistigen Entwickelung. 

Nun, vieles von dem, was geschichtlich verlorengegangen ist, wird 
erst die Geisteswissenschaft heben konnen. Sonst wird sich die 
Menschheit entschlieBen miissen, unwissend 2u bleiben iiber sehr, 
sehr naheliegende Dinge. Und iiber die Gegenwart wird sie, trotzdem 
der Mensch der Gegenwart ja heute iiber alles unterrichtet wird - 
aber wie unterrichtet wird iiber die Gegenwart wird die Menschheit 
nur vom geisteswissenschaftlichen Standpunkte aus sich ein Urteil 
bilden konnen. Denn zwar wird die Menschheit heute durch - nun 
ja, mit Respekt zu vermelden, man sagt immer, wenn man Un- 
anstandiges ausspricht: mit Respekt zu vermelden, nicht wahr -, zwar 
wird die Menschheit heute von alien Angelegenheiten durch, mit 
Respekt 2u vermelden, die Presse unterrichtet; aber sie wird durch die 
Presse so unterrichtet, daB ihr gerade das Wesentliche, das Wahre, das 
Reale, dasjenige, worauf es ankommt, verhullt wird. 

Und bis zu diesem Grade von Wirklichkeitserkenntnis muB der 
Mensch schon kommen. Auch das ist wiederum durchaus nicht etwas, 
was gegen die Presse personlich oder unpersonlich gerichtet ist, son- 
dern es ist durchaus etwas, was so gemeint ist, daB es zusammenhangt 
mit den wirksamen Kraften der Gegenwart und gar nicht anders sein 
kann. Die Dinge konnen nicht anders sein, aber ein BewuBtsein 
miissen die Menschen davon haben. Das ist ja gerade der groBe Irrtum, 
daB man glaubt, man miisse die Dinge kritisieren, wahrend man sie 
charakterisieren muB. Das ist das, worauf es ankommt. 

Nun, ich versuchte, Ihnen heute ein Bild zu geben von mancherlei 
wirksamen Impulsen, die im einzelnen Menschen und in der Gesamt- 
menschheit sind. Abgesehen von dem einzelnen, iiber das ich ge- 
sprochen habe, wollte ich durch die Art der Impulse, die ich beriihrt 
habe, vor alien Dingen ein Gefuhl davon hervorrufen, wie der Mensch 
aufmerksam darauf sein soil, daB er mit seinem Gesamtwesen ein- 
gebettet ist in eine konkrete geistige Welt mit konkreten geistigen 
Wesenheiten und konkreten geistigen Kraften. Nicht nur, daB wir 
hinaufwachsen in die Welt, in die wir selbst nach dem Tode eintreten 



und zwischen dem Tod und einer neuen Geburt darin leben, sondern 
auch, indem wir hier in der physischen Welt sind, konnen wir diese 
physische Welt nur verstehen, wenn wir die geistige Welt zu glekher 
Zeit mitverstehen. 

Die Medizin kann nur bestehen, wenn sie eine geistige Wissenschaft 
ist. Denn Krankheiten kommen von einem geistigen Wesen, welches 
nur den menschlichen Leib benutzt, um seine Rechnung zu linden, die 
es nicht findet an dem Orte, der ihm zugeteilt ist von der weisheits- 
vollen Weltenfiihrung, gegen die es sich aufgelehnt hat, wie ich es 
Ihnen gezeigt habe; ein Wesen, das eigentlich ein ahrimanisch-mephi- 
stophelisches Wesen in der menschlichen Natur ist, das vor der Ge- 
burt in den menschlichen Leib als in seinen Wohnort einzieht, und 
das nur diesen menschlichen Leib verlaBt, weil es den Tod nicht ver- 
tragen darf unter seinen gegenwartigen Verhaltnissen, welches den 
Tod auch nicht erobern kann. Krankheiten kommen davon, daB dieses 
Wesen in dem Menschen wirkt. Und wenn Heilmittel verwendet 
werden, so hat das den Sinn, daB aus der auBeren Welt diesem Wesen 
dasjenige gegeben wird, was es sonst durch den Menschen sucht. Fiige 
ich dem menschlichen Leib ein Heilmittel zu, wenn dieses ahrima- 
nisch-mephistophelische Wesen wirkt, so gebe ich ihm etwas anderes ; 
ich streichle dieses Wesen gewissermaBen, ich sohne es aus, damit es 
ablaBt vom Menschen und sich befriedigt an dem, was ich ihm in den 
Rachen werfe als Heilmittel. 

Aber alle diese Dinge sind im Anfange. Medizin wird eine geistige 
Wissenschaft werden. Und wie man in alten Zeiten die Medizin als 
geistige Wissenschaft gekannt hat, wird man sie als geistige Wissen- 
schaft wiedererkennen. 

Nun, allerdings auch diese Gefuhle werde ich in Ihnen hervor- 
gerufen haben, daB es notig ist, nicht nur ein paar Begriffe sich aus der 
Geisteswissenschaft anzueignen, sondern sich hineinzufuhlen; denn 
man fiihlt sich dadurch wirklich zugleich hinein in die menschliche 
Wesenheit. Und heute ist die Zeit gekommen, wo einem vieles wie 
Schuppen von den Augen fallen wird, auch zum Beispiel mit Bezug 
auf die auBere Geschichte, von der ich in Zurich vor ein paar Tagen 
bewiesen habe, oder gezeigt habe wenigstens, daB sie von den Men- 



schen nicht auBerlich angeschaut wird, sondern getraumt wird in 
Wirklichkeit, daB man sie nur versteht, wenn man sie aus dem Traum 
der Menschheit auffaBt, nicht als irgend etwas, was im AuBeren sich 
vollzieht. 

Diese Dinge also, sie werden hoffentlich auch weitergetragen von 
jener Kraft, die die Menschheit noch in einem recht kleinen Teil, allzu 
kleinen Teil ergriffen hat in dem, was wir die anthroposophische Be- 
wegung nennen. Aber diese anthroposophische Bewegung, sie wird 
doch mit dem zusammenhangen, was die Menschheit zu ihren wich- 
tigsten Angelegenheiten in der Zukunft wird fiihren miissen. Und 
wir diirfen schon ofter erinnern an jenes Gleichnis, das ich oftmals 
schon gebraucht habe. Die ganz gescheiten Leute drauBen, die denken : 
Na, diese Anthroposophen, Theosophen, das ist solch eine Sekte mit 
allerlei phantastischem Zeug, mit allerlei Narrheiten im Kopfe, mit 
dem sich der aufgeklarte Teil der Menschheit nur ja nicht gemein 
machen muB! - Oh, dieser « aufgeklarte Teil der Menschheit », er 
denkt heute, wenn auch durch die Zeit modifiziert, so ahnlich iiber 
diese unterirdischen sektiererischen Konventikel unter Anthropo- 
sophen und Theosophen, wie die Romer gedacht haben, die vor- 
nehmen Romer, als das Christentum sich ausgebreitet hat. Damals 
muBten nur die Christen wirklich physisch in den Katakomben unten 
sein, und oben spielten sich diejenigen Dinge ab, welche von den 
vornehmen Romern als das einzig Richtige angesehen wurden, wah- 
rend die phantastischen Christen unten waren. - Nach ein paar Jahr- 
hunderten war das anders. Das Romertum war weggefegt und das- 
jenige, was unten in den Katakomben war, war hinaufgegangen. Das, 
was die Kultur beherrscht hatte, war ausgerissen worden. 

Solche Vergleiche miissen unsere Kraft starken; solche Vergleiche 
miissen sich in unsere Seele Hneinleben, so daB wir aus ihnen Kraft 
finden, weil wir ja selbst noch in kleinen Kreisen wirken miissen. 
Aber die Bewegung, die durch diese anthroposophische Stromung 
charakterisiert wird, sie muB jene Kraft entwickeln, die auch wirklich 
nach oben kommen kann. Oben findet sie allerdings fur ihren geistigen 
Boden wenig Verstandnis. 

Aber trotzdem miissen wir immer wieder und wieder zuriickdenken 



an so etwas, wie dieses romische Katakombentum der ersten Christen 
war, das, trotzdem es in noch viel starkerem MaBe etwas Unter- 
irdischeres war als dasjenige, was heute die anthroposophische Be- 
wegung ist, doch den Weg an die Oberflache gefunden hat. Und 
manche von denen, welche innerhalb dieser anthroposophischen Be- 
wegung sich auseinanderzusetzen haben mit spirituellen Begriffen, sie 
haben ja schon die Moglichkeit gefunden, in der Sphare, in der sich 
diese spirituellen BegrifFe, die hier Weisheit sind, als Licht entfalten, 
mit diesem Lichte zu rechnen. Und wir diirfen es immer wiederum 
sagen, wie unter der Mitgliedschaft, die mitwirkt an der anthroposo- 
phischen Bewegung, uns immer gleichstehen diejenigen, die hier in 
der physischen Welt, und diejenigen, die schon driiben in der uber- 
sinnlichen Welt sind, die schon die Pforte des Todes durchschritten 
haben und heute schon Bewahrheiter sind dessen, was hier als spiri- 
tuelle Weisheiten erworben wird. Wir haben in dieser Beziehung ja 
auch schon an mancherlei, ich mochte sagen, ubersinnBch wohnende 
Mitgliederseelen zu denken. In diesem Augenblicke gedenke ich - 
weil sich wiederum in diesen Tagen jahrt der physische Todestag, der 
ubersinnliche Geburtstag fiir das geistige Leben - unserer treuen 
Mitarbeiterin am Dornacher Bau, Fraulein Sophie Stinde. Es handelt 
sich darum, meine lieben Freunde, wenn wir wirklich drinnenstehen 
wollen in der positiven anthroposophischen Bewegung, uns zu ver- 
tiefen fiir die Empfindung: durch dasjenige, was real mit uns ver- 
bunden ist, den konkreten Begriffuber die geistige Welt aufzunehmen. 

Nun, meine lieben Freunde, es sind jetzt schwere Zeiten. Man weiB, 
wie schwer es sein wird, iiber die nachsten Zeiten hinwegzukommen. 
Wie sich auch die Verhaltnisse gestalten mogen fiir unser Zusammen- 
sein auf dem physischen Plane, wie lange oder wie kurz es auch 
dauern moge, bis wir uns wiederum hier finden auf diese Weise, 
lassen Sie mich Ihnen sagen, daB wir trotzdem - wie das ja zur Be- 
wahrung und Kraftigung unseres geisteswissenschaftlichen Strebens 
sein muB - zusammen fiihlen, zusammen denken wollen, wenn wir 
auch raumlich auseinander sind. Wir wollen als geisteswissenschaftlich 
Strebende immer zusammen sein. 



HINTER DEN KULISSEN DES AUSSEREN GESCHEHENS 



Zurich, 6. November 1917 
Erster Vortrag 

Vor Jahren war ich gerade in Berlin in beruf lichen Angelegenheiten 
tatig, als wahrend der Vorstellung in einem Theater die Nachricht 
eintraf und in das Theater, mochte man sagen, hineingeweht wurde, 
daC in Genf die Kaiserin von Osterreich von einem Propagandisten 
der Tat, wie man sagte, ermordet worden sei. Ich stand damals, als 
diese Nachricht in einem Zwischenakt der Vorstellung so herein- 
geweht worden war, in der Nahe eines Mannes, der dazumal Berliner 
Kritiker war, der mittlerweile beruhmt gewordene philosophische 
Bucher geschrieben hat, und der seki Erstaunen iiber diese Tatsache 
in einer Weise zum Ausdruck brachte, die einem schon in der Erinne- 
rung bleiben kann. Er sagte : Man kann vieles in der Welt begreifen, 
wenn man es auch nicht rechtfertigt, wenn man auch nicht einver- 
standen damit ist, man kann vieles begreifen in der Welt, aber daC es 
einen Sinn haben soli, aus einer agitatorischen Bewegung heraus eine 
kranke Frau zu toten, durch deren Weiterleben nichts irgendwie 
Erhebliches verandert werden kann, deren Tod jedenfalls in keinem 
ersichtlichen Zusammenhange stehen kann mit irgendwelcher poli- 
tischen Idee, das sei unbegreif lich - so sagte dazumal der Mann -, das 
konne man nicht verstehen, das mache jedenfalls einen sinnlosen 
Eindruck. 

Ich glaube, daB dazumal dieser Mann ausgesprochen hat etwas, was 
allgemeine Meinung vernunftiger Menschen sein muB, was gewisser- 
maCen alle verniinftigen Menschen der heutigen gebildeten Welt 
denken mussen. Man konnte daran den Gedanken knupfen: es ge- 
schehen also Dinge unter den Menschen, es geschehen iiberhaupt im 
Verlaufe dessen, was man geschichtliche Entwickelung nennt, Dinge, 
die, wenn man darauf anwenden will die Urteile, die man haben kann 
aus dem Leben heraus, sinnlos erscheinen; die, selbst wenn man sie 
erklaren will aus irgendeiner Verirrung, sinnlos erscheinen. 

Aber gerade an solchen Ereignissen - und man konnte ja zu diesem 



einen Ereignis viele, viele andere hinzufugen - kann man sehen, daB 
dasjenige, was aufierlich unbegreiflich erscheint, eben auBerlich un- 
begreif lich erscheinen mu8, weil, wenn ich den Ausdruck gebrauchen 
darf, hinter den Kulissen der weltgeschichtlichen Angelegenheiten 
geistige Krafte und geistige Taten hin und her spielen in gutem und 
in schlechtem Sinne; geistige Geschehnisse, geistige Taten, die nur zu 
begreifen sind, wenn man mit geistiger Wissenschaft hineinleuchten 
kann in diese Gehiete, die hinter den Kulissen des gewohnlichen 
Lebens, des in der Sinneswelt verlaufenden Lebens liegen; weil 
solche Dinge geschehen, die nur durch Ideen aus der geistigen Welt 
heraus zu begreifen sind, und die notwendigerweise, wenn man sie 
nur in ihrem Zusammenhange innerhalb der Sinneswelt ins Auge 
faBt, einfach in gutem und in schlechtem Sinne sinnlos erscheinen. 
Und wenn man gerade durch das, was man Zufall nennen konnte, was 
aber vielleicht nur eine symbolische Auskleidung karmischer An- 
gelegenheiten ist, eine solche Erfahrung in einem Theater macht, da 
denkt man eben daran, wie anders dasjenige aussieht, was hinter den 
Kulissen vorgeht, und dasjenige, was auf der Biihne vorgeht. 

Ich habe diese Bemerkung vorausgesendet, weil ich heute iiber 
einiges sprechen will, das dann das nachste Mai, wenn wir wieder hier 
miteinander sprechen, ausgebaut werden soil; iiber einiges, was den 
heutigen Menschen wichtig ist zu wissen von allerlei Dingen, die 
hinter den Kulissen des Geschehens auf dem physischen Plane sich 
abspielen. Diese Dinge versteht man nur, wenn man nicht der Be- 
quemlichkeit der heutigen Menschen verfallt, die Dinge, die in der 
geistigen Welt sind und aus der geistigen Welt heraus mit den An- 
gelegenheiten der Menschen hier auf Erden zusammenhangen, mog- 
lichst nur allgemein zu charakterisieren, sondern wenn man moglichst 
ins Konkrete, in die wirklichen Tatsachen der geistigen Welt hinein- 
geht. 

Sie wissen - und wir haben es ja oftmals auseinandergesetzt, in den 
Zyklen ist daruber viel zu lesen — , daB wir die Entwickelung der 
Menschheit nach gewissen Perioden gliedern: groBen Perioden, die 
wir als Saturn-, Sonnen-, Mondenzeit und so welter bezeichnen; 
kleineren Perioden, wie solche sind, von denen wir sprechen als der 



lemurischen, der atlantischen und unserer nachatlantischen Zeit. Und 
wiederum innerhalb dieser kleineren Perioden, die aber schon eine 
riesige zeitliche Ausdehnung haben, sprechen wir von gewissen 
Kulturperioden fur unsere nachatlantische Zeit: von der altindischen, 
von der urpersischen, agyptisch-chaldaischen, von der griechisch- 
lateinischen, und von unserer jetzigen funften nachatlantischen Zeit- 
periode. 

Wir sprechen von solchen Perioden aus dem Grunde, weil die 
Menschheit als Ganzes in ihrem Gang durch die Erdenentwickelung 
ihre - in diesem Fall namentlich seelischen - Eigenschaften von einer 
Periode zu der andern hin ganz wesentlich andert, weil eben die 
Menschheit eine reale Entwickelung durchmacht in jeder solchen 
Periode. Wir sprechen jetzt von den kleinsten der charakterisierten 
Perioden. In jeder solchen Periode obliegt gewissermaBen der 
Menschheit irgend etwas, was sie durchzumachen hat, woran sie sich 
zu freuen hat, woran sie zu leiden hat, was sie zu begreifen hat, 
woraus sie ihre Willensimpulse fur ihre Taten zu holen hat und so 
weiter. Etwas anderes hat obgelegen als Aufgabe der agyptisch- 
chaldaischen Kulturperiode, etwas anderes der griechisch-lateinischen, 
und auch unsere Zeit hat ganz bestimmte Aufgaben. 

Diese Verschiedenheit der Aufgaben solcher aufeinanderfolgenden 
Zeitperioden mit Bezug auf gewisse Eigentumlichkeiten kann man 
erst richtig ins Auge fassen, namentlich diejenigen, auf die wir gerade 
heute hinweisen wollen, kann man erst richtig ins Auge fassen, wenn 
man den Versuch macht, jene Erfahrungen zu Rate zu Ziehen, die von 
dem gesamten Menschenleben herkommen fur das auBere geschicht- 
liche Werden, von dem die auBere Menschheitsgeschichte spricht und 
auf die sich die materialistische Gesinnung unserer Zeit vorzugsweise 
beschranken will. Von diesen auBeren Erlebnissen der Menschen auf 
dem physischen Plane, die ja nur einen Teil des gesamten Menschen- 
lebens umfassen, das zwischen Geburt und Tod und zwischen Tod 
und einer neuen Geburt ablauft, von diesem physischen Erdenleben 
kann man nicht eine voile Charakteristik der aufeinanderfolgenden 
Epochen gewinnen; denn in dem, was wirklich geschieht, spielen 
immer die Krafte zusammen, welche von dem Reiche, in dem der 



Mensch zwischen dem Tode und einer neuen Geburt lebt, herunter- 
gehend sich in Wechselwirkung setzen mit den Kraften, die entfaltet 
werden durch die Menschen, welche hier auf dem physischen Plane 
sind. Es ist immer ein Zusammenspiel der Krafte vorhanden, welche 
die Menschen post mortem, nach dem Tode entfalten, und den- 
jenigen Kraften, die hier auf dem physischen Plane entfaltet werden. 

Noch in der vierten nachatlantischen Epoche, diese ganze Zeit hin- 
durch, mochte ich sagen, war es so, da6 es ging, daB die Menschen 
iiber gewisse Dinge in einer Art von UnbewuBtheit gehalten worden 
sind. Gerade viele Dinge, iiber welche die Menschen der vierten nach- 
atlantischen Zeit, der griechisch-lateinischen Zeit, noch in UnbewuBt- 
heit gehalten werden konnten, die miissen den Menschen der funften 
nachatlantischen Periode immer mehr und mehr zum BewuBtsein 
kommen. Diese fiinfte nachatlantische Zeit wird iiberhaupt eine 
solche sein, in der vieles in das BewuBtsein der Menschenseelen 
hereinkommen muB, was friiher auBerhalb dieses BewuBtseins liegen 
konnte. 

Solche Dinge entwickeln sich mit einer gewissen geistigen Gesetz- 
maBigkeit, mit einer gewissen geistigen Notwendigkeit. Das Men- 
schengeschlecht ist emfach darauf hin angelegt, daB gewisse Fassungs- 
krafte, auch gewisse Willenskrafte, sich zu einer bestimmten Zeit ent- 
wickeln. Diese Menschheit wird fiir gewisse Dinge in der funften 
nachatlantischen Zeit reif, wie sie fiir andere Dinge in den friiheren 
Perioden reif geworden ist. Sie wird reif fiir sie. Eine Sache, fiir 
welche die Menschheit reif wird in dieser funften nachatlantischen 
Zeit, sie erscheint dem heutigen Menschen ganz besonders paradox, 
weil ein groBer Teil der heutigen offentlichen Meinung geradezu nach 
dem Entgegengesetzten hinstrebt, sozusagen die Menschen nach dem 
Entgegengesetzten hmlenken mochte. Aber das wird nichts helfen. 
Die geistigen Krafte, welche der Menschheit, wenn ich so sagen darf, 
im Laufe der funften nachatlantischen Periode eingeimpft sind, wer- 
den starker sein, als was gewisse Menschen wollen, oder was im 
Sinne der offentlichen Meinung liegt. 

Eine von diesen Sachen, die sich mit aller Gewalt geltend machen 
wird, wird die sein, daB moglich werden wird eine gewisse Lenkung 



der Menschen nach mehr okkulten Grundsatzen, als jemals die Men- 
schen gelenkt worden sind. Es Hegt im allgemeinen Charakter der Ent- 
wickelung, daB in dieser funften nachatlantischen Zeit gewisse Macht- 
verhaltnisse, gewisse starke EinfluBverhaltnisse, auf kleine Gmppen 
von Menschen iibergehen miissen, die eine starke Macht haben werden 
\iber andere, groBe Massen. 

Dem arbeitet ein gewisser Teil der offentlichen Meinung heute leb- 
haft entgegen, aber das wird sich trotzdem entwickeln. Es wird sich 
aus dem Grunde entwickeln, weil ein groBer Teil der Menschheit 
wahrend dieser funften nachatlantischen Zeit einfach aus der inneren 
Seelenreife heraus, aus den Entwickelungsnotwendigkeiten der 
Menschheit heraus, gewisse spirituelle Anlagen entwickeln wird, ein 
gewisses naturgemaBes Hineinschauen in die geistige Welt entwickeln 
wird. Dieser Teil der Menschheit, der zwar die beste Grundlage ab- 
geben wird fur das, was im sechsten nachatlantischen Zeitraum, der 
auf den unseren folgt, kommen wird, dieser Teil der Menschheit wird 
sich aber in diesem funften nachatlantischen Zeitraum, in dem er sich 
vorbereitet, wenig geneigt zeigen, die Angelegenheiten des physi- 
schen Planes stark ins Auge zu fassen. Er wird gewissermaBen geringes 
Interesse fur die Angelegenheiten des physischen Planes zeigen; er 
wird viel damit beschaftigt sein, das Gemiitsleben auf eine hohere 
Stufe zu bringen, gewisse geistige Angelegenheiten zu ordnen. Da- 
durch werden andere, die gerade weniger fur dieses spirituelle Leben 
geeignet sind, gewisse Machtverhaltnisse an sich reiBen konnen. 

Das ist etwas, was sich mit einer gewissen Notwendigkeit ergibt. 
Das ist etwas, was in den Kreisen derjenigen, die von solchen An- 
gelegenheiten wis sen, im ganzen letzten Drittel des 19. Jahrhunderts 
viel besprochen worden ist, wovon immer so geredet worden ist, 
daB die dringendste Notwendigkeit vorlage, nur ja diese Moglichkeit 
nicht in schlimme, sondern in gute Bahnen zu leiten. Man hat im 
letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, insbesondere als die Jahrhundert- 
wende zum 20. Jahrhundert herannahte, von Okkultisten jeder Seite 
immer horen konnen: Es muB Vorsorge getroffen werden, daB die- 
jenigen, die auf diese Weise zu gewissen Machtimpulsen kommen, die 
Wurdigen seien. - Selbstverstandlich hat jeder, mit Ausnahme von 



ganz wenigen Kreisen, solche als die Wiirdigen angesehen, die ihm 
durch diese oder jene Weltverhaltnisse nahegestanden haben, ihm 
eben als die Wiirdigen erschienen sind. Aber dies war durchaus, ich 
mochte sagen, unter Okkultisten das Tagesgesprach und ist es in 
gewissem Sinne bis heute geblieben. 

Nun, andere Dinge werden ebenso im Laufe der fiinften nach- 
atlantischen Zeit - einfach weil die Menschen im Verlauf der Ent- 
wickelung die Reife dazu erlangen - herauskommen, werden den 
Menschen kund werden, auch in ihren Willen hineingehen. Das sind 
dann Dinge, die noch weitergehen, die so weit gehen, daB sie ernst- 
liche Sorge all denen bereiten miissen, welche mit diesen Angelegen- 
heiten vertraut sind. 

So steht bevor fiir diesen fiinften nachatlantischen Zeitraum, daB 
einfach der menschliche physische Denkapparat reif wird, gewisse 
Zusammenhange iiber Krankheiten zu durchschauen, gewisse Hei- 
lungsprozesse, Zusammenhange von Naturprozessen mit Krankheiten 
zu durchschauen. Derjenige, der vertraut ist mit diesen Dingen, dem 
macht das aus dem Grunde Sorge, weil es sich darum handelt, daB 
er nun auch als Ziel sich setzt, daB jene, welche dazu ausersehen sein 
werden, Lehren und Impulse iiber diese Dinge unter die Menschen 
zu bringen, dieses in der richtigen, wiirdigen Weise machen. Denn 
zwei Moglichkeiten wird es geben : man wird die Menschen iiber diese 
Dinge so unterrichten konnen, daB dies ausschlagt zum Unheil der 
Welt, und man wird sie unterrichten konnen so, daB es ausschlagt 
zum Heil der Welt. Denn diese Dinge, die mit dem innersten Wesen 
von gewissen Verhaltnissen der menschlichen Fortpflanzung und von 
gewissen Verhaltnissen der Krankheiten zusammenhangcn, auch von 
gewissen Verhaltnissen, die sich auf den Eintritt des Todes beziehen, 
diese Dinge sind, indem sie in der Menschheit sich ausbreiten, schwer- 
wiegende Gedanken und Impulse, sind ganz bedeutsame Dinge. Und 
dieser fiinfte nachatlantische Zeitraum ist dazu da, um die Menschen 
so weit freizumachen, daB sie iiber gewisse Dinge, die eben bisher 
mehr im UnterbewuBten fiir die menschliche Seele gehalten worden 
sind, Aufklarung bekommen und auch Herr dariiber werden. 

Diejenigen Menschen, die von solchen Dingen wissen, bemiihten 



sich viel um das, was nach der einen oder nach der andern Richtung 
in Betracht kommt oder getan werden kann. Denn alles, was auf diese 
Weise getan werden kann, gibt ja eine gewisse Macht, gibt gewisser- 
maBen die Moglichkeit, an der Gestaltung der menschlichen Angele- 
genheiten in weittragendem MaBe mitzuarbeiten. Dies ist etwas, was, 
wie gesagt, innerhalb geisteswissenschaftlicher Stromungen im 19. 
Jahrhundert bis zu unserer Zeit mit Riicksicht auf die Entwickelung 
der fiinften nachatlantischen Zeit eine groBe Rolle gespielt hat. 

Dazu kommt etwas anderes, eine Tatsache, welche dem, der mit ihr 
bekannt wird, von einer groBen Bedeutung erscheint, die er wegen 
dieser Bedeutung mit mancher andern in Verbindung bringen muB. 
Diese Tatsache gehort zu jenen, von welchen ich in Zyklen ab und zu 
gesprochen habe. Wenn der Mensch, der die Schwelle zur geistigen 
Welt uberschritten hat, in der geistigen Welt Beobachtungen anstellt, 
dann treten vor seine Seele einzelne Tatsachen, immer individuelle 
Tatsachen. Es stellt sich heraus, daB Tatsachen, die, ich mochte sagen, 
auf den ersten Anblick fur das geistige Auge nichts miteinander zu 
tun haben, doch, wenn man dahinterkommt, etwas miteinander zu 
tun haben, sich gewissermaBen gegenseitig beleuchten und auf klaren 
und dann im eminentesten Sinne das Eindringen in das Wesen der 
geistigen Welt moglich machen. 

Fur die andere Tatsache, die, wenn ich sie jetzt vorbringe, Ihnen 
zunachst gar nicht den Eindruck machen wird, als ob sie mit dem eben 
Gesagten etwas zu tun hatte, fur diese andere Tatsache stellt sich aber 
heraus, daB sie doch viel, sehr viel zu tun hat mit dem, was ich eben 
vorgebracht habe. Diese andere Tatsache ist diese : Wenn man sich an 
die Seelen verstorbener Menschen in der Gegenwart wendet, und - 
wenn ich so sagen darf - deren Lebensverhaltnisse kennenlernt, sieht 
man, daB es darunter solche gibt, welche eine groBe Sorge davor 
zeigen, nach dem Tode mit jenen Menschenseelen bekanntzuwerden, 
welche hier auf Erden in ahnlicher Weise gefallen sind wie dazumal 
die Kaiserin von Osterreich in Genf. Man macht also da dieErfahrung, 
daB solche, durch Propagandisten der Tat, sagen wir zunachst, durcK 
die Pforte des Todes geleiteten Menschen eine schwere Sorge bilden 
fur gewisse Menschen, die auf normale Weise durch die Pforte des 



Todes gegangen sind und dann ihre Erlebnisse in der geistigen Welt 
haben. Man merkt gewissermaBen : die normal durch die Pforte des 
Todes gegangenen Menschen, die in die Gelegenheit kommen konnen, 
mit solchen Menschenseelen zu verkehren, fiirchten sich als Seelen 
nach dem Tode vor diesem Verkehr; sie meiden den Verkehr. 

Ich bitte Sie, in diesem Falle nicht das Paradoxe ins Auge zu fas sen, 
das eine solche Angelegenheit fur das Gefiihl hat. Es gibt ja selbstver- 
standlich so viele AnschluB- und Verkehrsmoglichkeiten fur Seelen, 
daB es deplaciert ware, wenn man da gleich aus diesem Grunde das 
Mitleid walten las sen wollte, das ja aus einer berechtigten und be- 
greiflichen Regung der Menschenseele in einem solchen Falle hervor- 
geht. Wir miissen die Tatsache in einem solchen Fall objektiv ins 
Auge fassen. Also es besteht diese Tatsache, daB solche Seelen, die 
normal durch die Pforte des Todes gegangen sind, eine gewisse Scheu 
vor denjenigen Seelen empfinden, die durch die Todespforte durch 
so etwas, wie eben die « Propaganda der Tat», geleitet worden sind. 

Diese zwei Dinge, diese letztere Tatsache und das, was ich vorhin 
ausgefiihrt habe, die stehen nun in einem gewissen Zusammenhang 
miteinander. Der Zusammenhang ist ein sehr eigentiimlicher. Diese 
Seelen namlich - das stellt sich bei genauerem Zusehen heraus -, die 
auf so gewaltsame Weise durch des Todes Pforte gegangen sind, die 
wissen etwas in der geistigen Welt nach dem Tode, was die andern 
Seelen nicht zur Unzeit von ihnen erfahren mochten, von dem sie 
nicht mochten, daB sie es friiher erfahren, als es heilsam ist. Diesen 
Seelen, die auf so gewaltsame Weise durch des Todes Pforte ge- 
gangen sind, denen bleibt namlich dadurch, daB sie auf diese Weise 
urns Leben gekommen sind hier in der physischen Welt, eine gewisse 
Benutzungsmoglichkeit der Krafte, die sie hier gehabt haben, zum 
Beispiel der Verstandeskrafte. So daB solche Seelen die hier an den 
physischen Leib gebundene Krafte von der andern Seite her, von der 
geistigen Seite her beniitzen konnen und mit ihnen ganz anderes 
machen konnen, als man hier im physischen Leibe mit solchen Kraften 
machen kann. Dadurch ist es ihnen moglich, gewisse Dinge friiher zu 
wissen, als es eigentlich im Fortgange der Menschheitsentwickelung 
heilsam ist. 



Es ist nun sehr merkwiirdig, daB auf diese Weise dasjenige, was 
sinnlos erschienen ist - eine Anzahl von Taten der Propagandisten der 
Tat nun einen, wenn auch hochst zweifelhaften Sinn erhalten hat. 
Diese Taten erscheinen dem, der die Dinge durchschaut, in einem 
merkwiirdigen Lichte. Man redet dann hier in der physischen Welt 
alles mogliche unsinnige Zeug, was einen Sinn haben soil, aber bei 
genauerem Anschauen eben keinen Sinn hat. Hier in der physischen 
Welt sagt man : Solche Leute, die als Propagandisten der Tat andere 
Leute ermorden, die wollen nur auf das Elend der Welt hindeuten; 
es sei ein Mittel, eben durch die Tat agitatorisch zu wirken und so 
weiter. Wer aber die Sache analysiert und mit den sozialen Gesetzen 
in Einklang zu bringen versucht, der wird sofort merken, daB das 
alles etwas ist - holzernes Eisen nennt man es -, was keinen Sinn hat. 
Doch es bekommt plotzlich einen Sinn, wenn man weiB, daB Seelen, 
die auf eine solche Art in die geistige Welt hinaufgeschickt werden, 
droben Dinge wissen, die sie noch nicht wissen sollten, und vor denen 
die normal gestorbenen Seelen sogar eine Scheu haben. 

Nun lag es natiirlich nahe, dasjenige, was im Laufe der Zeit als 
Attentate aufgetreten ist, aus solchen Unterlagen heraus wie die eben 
angedeutete der Ermordung der Kaiserin Elisabeth von Osterreich, 
okkultistisch zu untersuchen; zu sehen, wie es sich mit diesen Seelen 
verhalt, die da gewassermaBen als Bewahrer gewisser Geheimnisse in 
der geistigen Welt ankommen, und die zu etwas fiihren, von dem wir 
gleich nachher sprechen werden. Derjenige, der nur so auBerlich die 
Reihe der auf diese Weise geschehenen Attentate ansieht, kann die 
Zusammenstellung gewissermaBen dem Zufall zuschreiben; aber ana- 
lysiert man, sieht man sich die Menschen an, die auf diese Weise in den 
Tod hineinbefordert worden sind, dann zeigt es sich schon, daB die 
Menschen wie ausgesucht sind, allerdings nicht vom Gesichtspunkte 
dieser physischen Welt, sondern wie ausgesucht sind vom Gesichts- 
punkte der geistigen Welt. Und dennoch, untersucht man eine groBe 
Anzahl der bekanntgewordenen Attentate auf diese Sache hin, so 
zeigt sich etwas sehr Merkwiirdiges. An Carnot, Kaiserin Elisabeth, 
an einigen andem zeigt sich etwas sehr Merkwiirdiges : es zeigt sich, 
daB mit diesen Attentaten zwar die Moglichkeit verkniipft war, durch 



sie so etwas zu erreichen, wie ich charakterisiert habe, daB es aber in 
der Tat nicht erreicht worden ist, gar nicht erreicht worden ist. Es 
ware gegangen, wenn sich Seelen gefunden hatten, die sozusagen ihre 
Abnehmer geworden waren. Damit waren beide in eine transzen- 
dente, in eine iibersinnliche Schuld gekommen: diejenigen, die auf 
normale Weise durch den Tod gegangen waren, hatten Dinge er- 
fahren, durch die sie in schuldhafte Richtungen hineingetrieben wor- 
den waren, und diejenigen, die auf gewaltsame Weise, durch Atten- 
tate durch den Tod gegangen waren, die waren dadurch in Schuld 
gekommen, daB sie etwas verraten hatten, was noch nicht zu verraten 
moglich ist. 

Hohere geistige Wesenheiten, hohere Hierarchien haben dies ver- 
hindert, weil aus gewissen Gesichtspunkten heraus die Sache von 
Folgen gewesen ware, die hintangehalten werden muBten zum Heile 
eines gewissen Teiles der Menschheit. Es ist gewissermaBen das 
Schadliche dessen, was auf diese Weise zutage hatte treten konnen, 
durch das Eingreifen hoherer geistiger Wesenheiten verhindert wor- 
den. So zeigte sich nun hier, ich mochte sagen, ein Versuch mit un- 
tauglichen Mitteln oder mit Mitteln, denen ihre Tauglichkeit ge- 
nommen worden ist - ein Versuch in der geistigen Welt, hinter den 
Kulissen der gewohnlichen physischen Welt. 

Wenn man den weiteren Granden solcher Dinge nachgeht, so sieht 
man, woraus so etwas entspringt, woraus die Impulse zu so etwas 
kommen. Und fiir einen groBen Teil der Attentate, die Ihnen be- 
kanntgeworden sind, die in Europa besprochen worden sind, waren 
die Impulse - wohlgemerkt jetzt die geistigen Impulse - keine ur- 
spriinglichen, sondern sie waren in gewissem Sinne abgeleitete; sie 
waren, wenn ich mich des trivialen Ausdrucks bedienen darf, Abwehr- 
maBregeln. Man wollte etwas anderes hintanhalten. Man wollte durch 
diese Taten andere Taten, die sich in derselben Linie bewegen, hint- 
anhalten, verhindern, wenigstens ihre Wirkung verhindern, besser 
gesagt. 

Das ist eine sehr geheimnisvolle Sache. Und verstandlich wird die 
ganze Sache erst, wenn man auf dasjenige sieht, was verhindert hat 
werden sollen, wogegen gewissermaBen diese AbwehrmaBregeln ge- 



troffen worden sind. Man blickt da geisteswissenschaftlich in Dinge 
hinein, die tief zusammenhangen mit den Impulsen des gegenwartigen 
und zukiinftigen Menschenlebens, iiber die es aber wirklich auBer- 
ordentlich schwierig ist zu sprechen, weil sie an alien Orten und 
Enden gegen gewisse naive, auch berechtigte Interessen der Menschen 
gehen. Verstandlich wird die ganze Sache, die ich angedeutet habe, 
erst dann, wenn man in Erwagung zieht, daB alles, was ich Ihnen 
bisher erzahlt habe auf diesem Gebiete, alle diese Attentatunter- 
nehmungen, auf die ich bisher hingedeutet habe, eigentlich dilettan- 
tisch gelenkte, laienhaft gelenkte Versuche waren, daB sie nicht mit 
durchgreifender Erkenntnis der okkulten Zusammenhange gemacht 
worden sind, weil sie aus einer Art von Angst herausgeboren waren, 
als AbwehrmaBregeln, weil sie auch nicht einheitlich geleitet waren. 
Verstandlich wird die Sache dann, wenn man eben auf das sieht, was 
abgelenkt hat werden sollen. Das wurde schon mit einsichtigeren 
Mitteln erstrebt und in Szene gesetzt. 

Sehen Sie, es bestand im Oriente noch im 19. Jahrhundert ein merk- 
wurdiger Orden: « Thugs. » Dieser Orden, der in einem Teil Asiens 
bliihte, war nicht entstanden aus der bloBen Sehnsucht, seine Ziele 
zu verwirklichen, der Sehnsucht etwa aus dem Herzen jener Menschen 
heraus, die diesem Orden angehorten. Dieser Orden verpflichtete 
seine Mitglieder, gewisse Menschen, die bezeichnet wurden von sehr, 
sehr im Unbekannten sich haltenden Oberen, zu ermorden. Eine Art 
Morderorden war es, ein Orden, der die Aufgabe hatte, gewisse Men- 
schen zu ermorden. Seine Tatigkeit bestand darinnen, daB man von 
Zeit zu Zeit erfuhr: der oder jener ist ermordet worden. Die Er- 
mordung geschah aber aus dem Grunde, weil einfach einem Mitgliede 
des Thugs-Ordens von unbekannten Obern diese oder jene Person- 
lichkeit bezeichnet worden ist, die es zu ermorden hatte. 

An den betreffenden Stellen, wo man das einleitete, wuBte man 
schon, was man damit fur eine Absicht verfolgte. Die Absicht, die 
man verfolgte, indem man erst die Angelegenheiten des physischen 
Planes so ordnete, daB dieser Morderorden entstehen konnte, dann 
wiederum die Angelegenheiten dieses Morderordens in entsprechen- 
der Weise in Szene setzte, es war die folgende: Man beabsichtigte, 



daB eben gerade solche Menschen gewaltsam durch des Todes Pforte 
gehen sollten, die dann mit der Eigenschaft ausgestattet waren, nach 
dem Tode gewisse Geheimnisse zu wissen. Diejenigen Menschen, die 
dieses arrangiert haben, sie haben nun andererseits wiederum die 
entsprechenden Spiegelereignisse, wie man das im okkulten Leben 
nennt, hier auf dem physischen Plane eingerichtet ; sie haben nament- 
lich dieses vor: entsprechende Spiegelereignisse hier auf dem physi- 
schen Plane einzurichten. Zum Teil, wenn auch wenige, aber zum 
Teil sind solche Ereignisse schon hier auf dem physischen Plane 
eingerichtet worden. Das macht man so: Man schult gewisse dazu 
geeignete Personlichkeiten zu Medien, bringt sie dann in einen media- 
len Zustand und lenkt durch gewisse Verrichtungen die Stromungen 
von der geistigen Welt nach dem Medium hin; so daB das Medium 
gewisse Geheimnisse kundgibt, die auf keine andere Weise heraus- 
kommen konnen als dadurch, daB eine gewaltsam getotete Person in 
der andern Welt diejenigen Krafte hier auf der Erde beniitzt, die 
durch den gewaltsamen Tod noch beniitzbar geblieben sind, daB sie 
als Seele hinter gewisse Geheimnisse kommt und diese Geheimnisse 
dann dem Medium eintraufelt. Dadurch kann wiederum hier auf der 
Erde von solchen, die an dem Erforschen dieser Dinge ein Interesse 
haben, dasjenige erforscht werden, was solche Seelen eben eintrau- 
feln. 

Die Dinge nun, die auf diese Weise erforscht werden, sind in einem 
gewissen Sinne, wenn ich so sagen darf, geistige Friihgeburten. Die 
Seelen, die auf normale Weise durch des Todes Pforte gegangen sind 
und Gelegenheit dazu haben, mit solchen Dingen in Beriihrung zu 
kommen, wissen: sie haben sich gerade jetzt vorzubereiten, und 
zeigen, daB sie darinnenstehen in solcher Vorbereitung, um in einem 
spateren Zeitpunkt, wenn die Menschheit dazu reif geworden ist, 
durch geeignete Wege manches aus der geistigen Wek auf die Erde 
herunterzubringen, es der Erde hier unten einzuimpfen. Dies ist sogar 
eine wichtige Aufgabe einer Anzahl von Menschen, die jetzt durch 
des Todes Pforte gehen : wenn sie die geniigende Reife erlangt haben 
werden fur gewisse Geheimnisse, die sie nicht in verkiirzter Erfahrung 
dadurch bekommen, daB beniitzt werden jene Krafte, welche durch 



gewaltsame Tode herbeigefuhrt werden, dann die normalen Krafte 
zu beniitzen. Diese Menschen haben geradezu die Aufgabe, hinter 
diese Krafte zu kommen und sie wiederum einzuinspirieren Men- 
schen, die hier auf der Erde sind, die keine Medien sind, sondern die 
sie auf normale, ordentliche Weise, durch Inspiration erfahren sollen. 
Darauf miiBte gewartet werden im normalen Leben. Dadurch daB 
diese Dinge, die eigentlich spater kommen sollen, als geistige Friih- 
geburten auf dem Wege kommen, den ich Ihnen angedeutet habe - 
durch okkultes Verbrechertum -, dadurch konnen diejenigen, die 
nicht Gutes mit der Menschheit beabsichtigen, die also in diesem 
Sinne schwarze oder graue Magier sind, sich in den Besitz solcher 
Geheimnisse stellen. 

Und solche Dinge gingen vor hinter den Kulissen des auBeren 
Geschehens gerade unserer Jahrzehnte. Beabsichtigt war: in die 
Hande einer gewissen Gruppe von Menschen erstens das Geheimnis 
zu legen, wie Massen beherrscht werden, was ich zuerst angedeutet 
habe. Es ist dies das Geheimnis, wie gerade diejenigen Massen, 
welche sich wenig kummern um die auBeren Angelegenheiten, jedoch 
spirituelle Anlagen haben, die vorzugsweise geeignet sind, vorberei- 
tend zu dienen fur den sechsten nachatlantischen Zeitraum, wie diese 
Menschenmasse in ausgiebigem MaBe zu beherrschen ist und wie die 
Gabe, sie zu beherrschen, in die Hande von einzelnen wenigen Men- 
schen zu bringen ist. 

Das war das eine. Das andere ist etwas, was in der Zukunft eine 
groBe Rolle spielen wird : die Geheimnisse, die Mittel in die Hand zu 
bekommen, um Verhaltnisse, die mit Krankheitsprozessen, auch mit 
dem FortpflanzungsprozeB zusammenhangen, in einer bestimmten 
Richtung zu dirigieren. Da handelt es sich namentlich um solche 
Dinge, wie ich sie schon angedeutet habe gegeniiber einigenFreunden. 
Das materialistische Zeitalter strebt danach aus gewissen Kreisen 
heraus, alle spirituelle Entwickelung der Menschheit zu paralysieren, 
unmoglich zu machen; die Menschen dahin zu bringen, daB sie ab- 
lehnen, einfach durch ihre Temperamente, durch ihren Charakter 
ablehnen alles Spirituelle, es fur Narretei ansehen. 

Solch eine Stromung - bei einzelnen Menschen ist sie heute schon 



bemerkbar - wird sich immer mehr und mehr vertiefen. Es wird die 
Sehnsucht entstehen, daB allgemeines Urteil wird : Das Spir ituelle, das 
Geistige ist Narretei, ist Wahnsinn! - Das wird man dadurch zu er- 
reichen versuchen, daB man dagegen Impfmittel herausbringt, daB 
man, so wie man auf Impfmittel gekommen ist zum Schutz gegen 
Krankheiten, nun auf gewisse Impfmittel kommt, die den mensch- 
lichen Leib so beeinflussen, daB er den spirituellen Neigungen der 
Seele keine Wohnung gewahrt. Man wird die Menschen gegen die 
Anlage fur geistige Ideen impfen. Das wird man wenigstens an- 
streben : man wird Impfmittel versuchen, so daB die Menschen schon 
in der Kindheit den Drang zum geistigen Leben verlieren. Das ist 
aber nur eines von den Dingen, die zusammenhangen mit einer 
intimeren Kenntnis, die auftreten muB in diesem funften nachatlanti- 
schen Zeitraum iiber den Zusammenhang dieser Naturvorgange, 
Naturmittel, mit dem menschlichen Organismus. Sie werden in der 
entsprechenden Zeit in der Menschheit auftreten. Es wird sich nur 
darum handeln, ob vorher solch ein Streben Gluck haben kann, wie 
das solcher geistiger Fruhgeburten : in die Hande von einzelnen 
Menschen, die ihre Zwecke damit verfolgen, solche Bestrebungen 
gelangen zu lassen, oder ob die Erkenntnis von diesen Dingen in der 
richtigen Weise, wie es dem Heile der Menschheit dienen soil, herab- 
kommt, wenn die Zeit dazu reif ist. 

Diese Organisation, die fur solche geistige Fruhgeburten bestimmt 
war, welche mit Hilfe des Morderordens der Thugs arbeitete, die war 
nicht dilettantisch ; die arbeitete sehr systematisch, wenn auch in einer 
Weise, welche fur jeden, der es mit der Menschheit gut meint, 
furchterlich ist; die arbeitete sachgemaB, nicht dilettantisch, mit 
Kenntnis der entsprechenden Mittel. 

Weil dieses Bestreben da war, durch verfruhtes Herabkommen be- 
stimmter Mittel aus der geistigen Welt einen Teil der Menschheit in 
den Besitz, in den egoistischen Besitz desjenigen zu setzen, was ja 
doch im Laufe der Menschheitsreifung im funften nachatlantischen 
Zeitraum kommen muB, so entstand, da dieses auftrat, jenes angstliche 
Unbehagen bei andern, welche gewissermaBen - aber dilettantisch, 
weil es ein angstgeborenes Kind war - als Gegenbild die Propaganda 



der Tat in Szene setzten, die ihnen nun helfen sollte, aber vorlaufig 
ein Versuch mit untauglichen Mitteln war. 

Es ist Bedeutungs voiles, was hinter den Kulissen des auBeren Ge- 
schehens vor sich geht. Und diese Dinge wiirden auch hier heute 
nicht besprochen werden, wenn es nicht die Aufgabe ware, die- 
jenigen, die solche Dinge dadurch horen konnen, da6 sie eine gewisse 
Vorbereitung in geisteswissenschaftlichen Dingen haben, wenn es 
nicht eine verpflichtende Notwendigkeit ware, diese Menschen auf 
solche Dinge aufmerksam zu machen. Es besteht eine Notwendigkeit, 
daB solche Dinge in das BewuBtsein der Menschheit der funften nach- 
atlantischen Zeit ubergehen. Denn nur wenn sie in das BewuBtsein 
der Menschheit der funften nachatlantischen Zeit ubergehen, kann 
dasjenige erreicht werden, was Ziel werden muB der Erdenentwicke- 
lung. 

Es muB das schon eintreten, daB sich Menschen die Unbequemlich- 
keit auferlegen, nicht bloB so zu denken, wie es den sogenannten heuti- 
gen Gebildeten die Hochschulen vermitteln; es muB eine Zeit ein- 
treten, in der eine Anzahl von Menschen sich bereit erklart, solch eine 
unbequeme Weltanschauung auf sich zu nehmen, die ihre Rich- 
tungen, ihre Begriffe, ihre Ideen aus der geistigen Welt herausholt. 
Denn die Menschheit darf nicht in jenem Schlafzustande bleiben, in 
welchem sie bleiben will mit den abstrakten, allgemeinen Begriffen, 
nach denen das materialistische Zeitalter strebt und sie dann edel 
nennt. 

Es gibt also, wenn Sie bedenken, was ich Ihnen damit angedeutet 
habe, eine ganze Summe von Moglichkeiten, von der geistigen Welt 
herkommende Stromungen zu bemitzen, um hier auf der physischen 
Erde wahrend der funften nachatlantischen Zeit Unheil anzurichten; 
es gibt eine ganze Reihe von Moglichkeiten dazu. Ich habe Sie auf 
eine solche Moglichkeit heute hingewiesen. Und daB man betonen 
muB, das Aufnehmen solcher Erkenntnis in das BewuBtsein einiger 
Seelen sei eine Notwendigkeit, das hangt zusammen mit dem ganzen 
Grundcharakter unseres Zeitalters. Gerade die zweite Halfte des 
19. Jahrhunderts war eine sehr wichtige Zeit. Ich habe ofter in diesen 
und jenen Kreisen unserer Freunde hingewiesen, wie das Jahr 1841 



eine Krisis, em Entscheidungsjahr war. Natiirlich kommt man nicht 
darauf, wenn man bloB die Ereignisse hier in der physischen Welt 
ansieht, sondern erst wenn man die Ereignisse ansieht im Zusammen- 
hang mit dem, was sich in der geistigen Welt abspielt. Das Jahr 1841 
war in der Tat das Krisenjahr fur die Einleitung der materialistischen 
Zeit, denn dazumal hat in den geistigen Welten ein ganz bestimmter 
Kampf begonnen, ein Kampf von gewissen Geistern der Finsternis, 
konnen wir sagen, die der Hierarchie der Angeloi angehoren. Sie 
kampften diesen Kampf bis in den Herbst 1879 in der geistigen Welt. 
Sie strebten bestimmte Dinge an, eine ganze Reihe von Dingen, von 
denen wir heute nur eines erwahnen wollen. Dazumal, zwischen dem 
Jahre 1841 und 1879, sollte es sich entscheiden, ob eine gewisse 
Summe von spiritueller Weisheit in der geistigen Welt droben reif- 
gemacht werden kann, so daB sie von dem letzten Drittel des 19. Jahr- 
hunderts an allmahlich auf die Erde heruntertraufelt, das heiBt, in die 
menschlichen Seelen hineinkommt und in den menschlichen Seelen 
spirituelles Wissen anregt, solches Wissen, das wir eben heute als 
Wissen der Geisteswissenschaft bezeichnen. Das ist ja erst seit dem 
letzten Drittel des 19. Jahrhunderts moglich geworden, solches 
Wissen. 

Nicht reif werden zu lassen driiben in der geistigen Welt das, was 
da heruntertraufeln sollte, das war die Absicht jener Angeloigeister 
zwischen dem Jahre 1841 und 1879. Aber diese Geister haben den 
Krieg, den sie durch diese Jahrzehnte gefuhrt haben gegen die Geister 
des Lichtes, sie haben diesen Kampf verloren. Tatsachlich hat sich im 
Jahre 1879 etwas abgespielt in kleinerem MaBstabe, wie sich solche 
Ereignisse wiederholt im Laufe der Evolution abgespielt haben und 
wie sie immer durch ein bestimmtes Symbolum ausgednickt werden : 
durch den Sieg des Michael oder heiligen Georg iiber den Drachen. 
Auch da, 1879, auf einem gewissen Gebiete ist der Drache iiber- 
wunden worden. Dieser Drache sind die Angeloiwesen, die das an- 
strebten, aber eben nicht erreichen konnten, was ich angedeutet habe. 
Deshalb sind sie 1879 aus der geistigen Welt in den Bereich der 
Menschen herein gestiirzt worden. Es war der Sturz der Angeloiwesen 
aus dem Bereich der geistigen Welt in den Bereich der Menschen, 



und in dem Bereich der Menschen wandeln sie jet2t unter den Men- 
schen. Da sind sie vorhanden, indem sie ihre Krafte hineinsenden in 
die Gedanken, Gefuhle, Willensimpulse der Menschen, indem sie das 
oder jenes anstiften. Sie haben namlich nicht verhindern konnen - 
darinnen besteht ja das, daB sie den Kampf verloren haben 1 -, sie 
haben namlich nicht verhindern konnen, daB die Zeit gekommen ist, 
in der das spirituelle Wissen herabtraufelt. Dieses spirituelle Wissen 
ist jetzt da und wird immer weiter und weiter sich entwickeln; die 
Menschen werden die Fahigkeit haben konnen, die geistige Welt zu 
durchschauen. 

Aber nun sind diese Angeloiwesen auf die Erde herabgestiirzt und 
wollen hier Unheil stiften mit dem Herabtraufeln, wollen hier dieses 
Wissen in falsche Bahnen leiten, wollen diesem Wissen seine gute 
Macht rauben und es in schlechte Kanale bringen. Kurz, sie wollen 
das, was sie mit Hilfe der Geister driiben nicht haben erreichen 
konnen, hier mit Hilfe der Menschen erreichen, weil sie herabgestiirzt 
sind seit dem Jahre 1879. Zerstoren den guten Weltenplan wollen sie, 
der darinnen besteht, in den richtigen Reifezeitaltern das Wissen von 
der Beherrschung der Menschenmassen, das Wissen von Geburt, 
Krankheit und Tod und andern Dingen unter den Menschen zu ver- 
breiten. Sie wollen es friihzeitig verbreiten durch die geistigen Friih- 
geburten. Neben andern Dingen, die diese Geister anrichten wollen, 
wirken sie in dem, was ich eben angedeutet habe. 

Helfen wird gegen den EinfluB dieser ahrimanischen Wesenheiten 
nur das BewuBtsein - ich habe das wiederholt angedeutet in den 
Mysteriendramen, erinnern Sie sich nur an den SchluB des letzten -, 
daB gegen gewisse Dinge, die Ahriman will, nur das hilft, daB man 
ihn durchschaut, daB man weiB, daB er da ist. Das funfte nachatlan- 
tische Zeitalter muB sich dahin entwickeln, daB gewissermaBen viele 
Menschen darauf kommen, zu den ahrimanischen Machten und 
Wesenheiten so zu sprechen, wie der Faust spricht: «In deinem 
Nichts hoflf ich das All zu finden. » Das muB eine Gesinnung werden : 
da hineinzuschauen, wo die materialistische Anschauung das « Nichts » 
sieht, da die geistige Welt zu sehen. So daB Ahriman-Mephistopheles 
gezwungen wird, zu solchen Menschen so zu sprechen wie zu Faust, 



als er ihn zu den Muttern schickt: «Ich riihme dich, eh du dich von 
mir trennst, und sehe wohl, daB du den Teufel kennst. » Neulich sagte 
ich spaBend in Dornach driiben, diese Bemerkung wiirde Mephisto- 
pheles zu Woodrow Wilson nicht gemacht haben ! Ihm wiirde er gesagt 
haben: «Den Teufel spurt das Volkchen nie, und wenn er sie beim 
Kragen hatte. » Es handelt sich wirklich darum, daB es eine wichtige 
Tatsache ist, daB die Menschen lernen, hineinzuschauen in die konkre- 
ten Vorgange der geistigen Welt. Und es ist nun schon einmal so, 
daB wenn auf der einen Seite so etwas von ganz besonderer Not- 
wendigkeit ist, die Gegenkrafte besonders stark sind, so daB sich die 
Menschen heute strauben gegen diese Dinge. 

Das bitte ich Sie besonders zu beriicksichtigen hier in Zurich, wenn 
Sie jetzt das sehr anerkennenswerte, sehr freudig zu begriiBende Be- 
streben haben, in gewisse Kreise, die heute noch sehr ablehnend 
gegen Geisteswissenschaft sind, diese Geisteswissenschaft zu tragen: 
sich keinen Illusionen hinzugeben ! Man erlebt viele Enttauschungen, 
und zunachst nur Enttauschungen, wenn man versucht, die Dinge, 
die geschehen miissen und deshalb geschehen sollen, wirklich in der 
rechten Weise in die Wege zu leiten. Es darf uns niemals abhalten, 
diese Dinge in die Wege zu leiten. Man muB so erfaBt werden von 
dem Impuls, der der notwendige Impuls der Gegenwart ist, daB man 
dasjenige, was geschehen soil, tut, ohne Riicksicht, ob die Folgen - 
auch in diesem Falle - nach der einen oder nach der andern Seite 
eintreten. 

Und nur wenn man diese Gesinnung hat, kann man etwas erreichen. 
Und man erreicht oftmals etwas nach einer Richtung hin, die scheinbar 
gar nicht die beabsichtigte war. Man muB - das bitte ich Sie zu be- 
riicksichtigen - viel mehr tun, als es den Erfolgen gegeniiber manch- 
mal erfreulich ist. Denn mit der Propaganda der Geisteswissenschaft 
steht man in etwas anderem drinnen, als in all den Propaganden, die 
heute sonst gemacht werden auf andern Gebieten. Auf andern Ge- 
bieten redet man zu den Leuten schlieBlich meistens von etwas, was 
sie so genau wissen, wie die Betschwestern, die in der Kirche sitzen, 
dasjenige wissen, was der Pfarrer von der Kanzel redet. Die meisten 
Vereine haben zu ihren Programmen dasjenige, was den Leuten recht 



leicht trivial eingeht. Da bleibt man zumeist auf dem Gebiete der 
Abstraktionen. Scheme Programme macht man, die nicht wirklich- 
keitsverwandt sind, die auch nicht in die Wirklichkeit hineingehen 
konnen. Will man die Bestrebungen des spirituellen Lebens im funften 
nachatlantischen Zeitraum pflegen, dann muB man sie als etwas 
Lebendiges betrachten. Aber sehen Sie sich das Lebendige an: das 
geistig Lebendige hat sein Abbild in dem naturlich Lebendigen. Ich 
frage Sie: Scheut der Fisch im Meere davor zuriick, so und so viel 
Eier abzulegen, die zugrunde gehen? Fragen Sie sich, wie viele von 
den abgelegten Eiern Seeflsche werden? Wie viele gehen da zu- 
grunde! So ist es im Leben, so ist es auch im geistigen Leben. Sie 
konnen durch lange Jahre hindurch immer wieder und wiederum zu 
groBen Menschenmassen sprechen - Sie miissen zufrieden sein, wenn 
sich in diesen groBen Menschenmassen immer einige wenige finden, 
die nur angeregt werden: denn das ist im Charakter des Lebendigen 
gelegen. Da erreicht man aber wirklich nur etwas, wenn man es wie 
die Natur, die das Abbild des Geistes ist, selber macht. Was wiirde 
es sein, wenn die Natur sich abhalten lieBe, die von Lebewesen zu- 
grunde gehenden Eier ablegen zu lassen, weil bemerkt wird in der 
Natur, daB in einem Jahre so und so viel Eier zugrunde gehen? Der 
NaturprozeB geht weiter, und der erreicht auch die Evolution. Nicht 
auf Erwagungen kommt es an, die wir anstellen, ob dies oder jenes 
erreicht werden kann, ob dies dem oder jenem zusagt, sondern darauf 
kommt es an, daB wir in der Sache selber den Impuls sehen und daB 
wir gar nicht anders konnen, als diesen Impuls in die Welt hinein- 
zutragen. 

Und wenn man die Griinde anblickt, einige davon haben wir heute 
wiederum vor unsere Seele gefuhrt, aus denen heraus man diesen 
Impuls in die Welt des funften nachatlantischen Zeitraums hinein- 
tragen soil: sie sind wahrhaftig ernst genug. Und der Widerstand 
wird dann am groBten, wenn die Notwendigkeit am groBten ist. Die 
Menschen werden sich bequemen miissen, diejenigen Dinge, die ge- 
schehen, und die ja in unserer Zeit, in unseren Jahren wahrhaftig ein 
grausames Geprage haben, diejenigen Dinge, die hier auf dem physi- 
schen Plane geschehen, alle im Zusammenhang zu betrachten mit 



Geschehnissen, die hinter den Kulissen sich abspielen. Da erst lassen 
sich die Dinge verstehen. Aber die Menschen, die heute als Ge- 
schichtsschreiber, als Soziologen, als Nationalokonomen oder als 
Politiker ihre Regeln und Gesetze hernehmen bloB vom physischen 
Plane - ja, die gleichen gegemiber den realen Notwendigkeiten heute 
solchen Menschen, welche, wenn sie zum Beispiel eine groBe Arbeit 
zu verrichten haben, damit beginnen, daB sie sich auf die Chaiselongue 
hinlegen und schlafen, weil sie denken, sie werden es im Traume 
schon verrichten. So wirken in der Tat heute zumeist diejenigen, die 
dem Leben der Bildung, dem Leben der einzelnen Wissenschaften 
angehoren. Es sind Leute, welche die Wirklichkeit vertraumen. Denn 
wie schreiben die Menschen Geschichte, wie schreiben die Menschen 
Soziologie? Wie jemand eben, der keine Ahnung hat von den wirk- 
lichen Kraften, die hinter dem stehen, wovon die Leute traumen. Es 
ist dasjenige, woraus namentlich so tiefe, so einschneidende Ereig- 
nisse entstehen wie die unserer Zeit, so um die Menschen, die sich 
heute um Wissenschaft bekummern, wie ein Zimmer um einen Men- 
schen ist, der nie dieses Zimmer gesehen hat, den Sie schlafend 
hineingetragen haben und der drinnen weiterschlaft und nur schlafend 
dieses Zimmer kennenlernt. So lernt die rein materialistische Wissen- 
schaft die Welt kennen. 

Was in meinem Buche «Vom Menschenratsel» als schauendes Be- 
wuBtsein bezeichnet ist, es muB sich bis zu einem gewissen Grade 
der Menschheit des fiinften nachatlantischen Zeitalters geradezu er- 
geben; denn gewisse Geheimnisse nriissen an den Tag treten, weil sie 
sonst in unrechtmaBiger Weise durch solche Mittel, wie ich sie Ihnen 
heute erzahlt habe, unter den Menschen verbreitet werden. Wie ge- 
sagt, es ist nicht leicht, diese Dinge anzudeuten in der heutigen Zeit; 
aber es besteht eine Pflichtnotwendigkeit, von diesen Dingen zu 
sprechen. Fur vieles muB man sich aneignen, ich mochte sagen, eine 
gewisse Beobachtungsgabe, die anders als die grobklotzige Beobach- 
tungsgabe der gegenwartigen Menschen ist. 

Auf zwei Dinge mochte ich Sie hinweisen im Zusammenhange mit 
dem Gesagten. Erstens, die Menschen gewinnen heute schon etwas, 
wenn sie versuchen, Dinge, die man sonst als Zufall ansieht, so ernst 



zu nehmen, daB sie in ihnen etwas sehen wie Hinweise, die Seele zu 
vertiefen. Nehmen wir an, Sie lesen, da oder dort ist in diesem oder 
jenem Zeitpunkt gerade jener Mensch gestorben. Man kommt auf 
tranches, wenn man sich die Frage vorlegt: Wie ware es, wenn der- 
selbe Mensch drei Monate friiher oder drei Monate spater gestorben 
ware? - eine Frage, die ja bloB mit Moglichem rechnet. Aber Sie 
konnen sicher sein, wenn Sie sich eine solche Frage vorlegen, so 
kann das in Ihnen Krafte auslosen, durch die Sie anderes erkennen. - 
Oder Sie fahren auf der Eisenbahn und haben vielleicht mit jemandem 
ein sehr wichtiges Gesprach, das fiir Sie eine groBe Bedeutung hat 
und dergleichen. Solche Dinge nimmt selbstverstandlich der Mate- 
rialist als einen gelungenen Zufall. Aber derjenige, der nach und nach 
sich einleben will in das Hinter-die-Kulissen-des-Daseins-Kommen, 
der lenkt den Blick auf so etwas ; der beschaftigt sich - nicht indem er 
BegrifFe zu sehr preBt, sondern indem er an solchen Dingen etwas 
fuhlt -, er beschaftigt sich mit solchen Dingen, well ihm gleichsam 
Fingerzeige gegeben werden, daB zwischen den Dingen, die sich zu- 
tragen, Krafte spielen, die nicht bloB aus der Mechanik und aus der 
Mathematik zu entnehmen sind. Das ist das eine. 

Das andere, was ich immer wieder und wiederum erwahnen will, 
ist, daB trotz des Materialismus unserer Zeit den Menschen sich vieles 
geistig offenbart. Die Menschen genieren sich heute nur, wenn sie 
geistige Erfahrungen machen, davon viel zu reden. Sie konnen heute 
horen, wenn jemand etwas mitteilsam wird, weil er Vertrauen zu 
Ihnen hat: der hat das getan, der andere hat jenes getan. Wenn er 
Ihnen wirklich ehrlich und aufrichtig sagt, warum er diese Zeitung 
begriindet hat, das oder jenes getan hat, so erzahlt er Ihnen einen 
Traum, scheinbar einen Traum, er erzahlt das oder jenes als eine 
Anregung aus der geistigen Welt heraus. Das geschieht heute auf 
Schritt und Tritt; das geschieht viel mehr, als man denkt. Unter 
geistigen, unter spirituellen Impulsen wird heute vieles in die Tat 
gefiihrt, viel mehr als man denkt. Die Menschen genieren sich nur, 
diese Dinge zu gestehen, weil sie meistens nicht voll genommen 
werden, wenn sie diese Dinge erzahlen. 

Nach diesen beiden Seiten hin ist es gut, seine Seele zu vertiefen: 



gerade in unserer Zeit wirklich darauf zu achten, daB irgendein Wink 
von irgendeiner Seite her kommen konnte, wenn man dies oder jenes 
erlebt, was einen aufmerksam sein laBt; und dann auch hinzuschauen - 
weil man doch Gelegenheit hat, da und dor t etwas zu vernehmen -, 
wie den Leuten Dinge geoffenbart werden aus der geistigen Welt 
heraus, in gutem und in schlechtem Sinne, unter deren Antrieb, unter 
deren Impulse sie handeln. Das ist gerade heute mehr der Fall, als 
man glaubt. 

Das sind Dinge, auf die ich Sie heute aufmerksam machen wollte. 
Wir werden dann am nachsten Dienstag weiter reden iiber solche 
Dinge. 



HINTER DEN KULISSEN DES AUSSEREN GESCHEHENS 

ZUrkb, 13. November 1917 
Zweiter Vortrag 

In dem Vortrage, den ich hier vor acht Tagen gehalten habe, wollte 
ich das Thema anschlagen, das ja jetzt so notwendig ist zu besprechen, 
das Thema, das geradezu energisch herausgefordert wird durch unsere 
so tragisch in das Menschheitsleben eingreifenden Ereignisse, das 
Thema, das man kurz bezeichnen konnte mit den Worten: Die 
Menschheit hat es dringend notig, wiederum zu der Erkenntnis, zu 
dem BewuBtsein zu kommen, daB die Welt, die sich hier im Physi- 
schen abspielt, zusammenhangt mit einer konkreten geistigen Welt. 
Die Menschheit hat es dringend notig, sich zum BewuBtsein zu brin- 
gen, daB eine geistige Welt bis in die Einzelheiten des Daseins in die 
physische Welt hereinwirkt. 

Nun muB man sagen, daB ganz besonders unsere Zeit aufmerksam 
werden muB darauf, daB sich dieses BewuBtsein in der Menschheit 
verbreitet. Denn der Mensch der Gegenwart, auBerlich, physisch 
unterscheidet er sich nicht gerade sehr betrachtiich von den Menschen 
derjenigen Vergangenheiten, mit denen man gewohnlich in der Ge- 
schichtsbetrachtung rechnet. Man kommt ja in der Geschichtsbetrach- 
tung nicht weiter zuriick als hochstens bis in den dritten nachatlanti- 
schen Zeitraum. Was vorher liegt, das ist eine ziemlich vage Ge- 
schichtsbetrachtung, und nur die will ja der Mensch der Gegenwart 
gelten lassen. Das seelische Leben der Menschheit hat sich in dieser 
Zeit sehr, sehr geandert. Aber daB sich das auBere physische Leben, 
die Umwandlung des Organismus gleich sehr geandert hatte, das 
kann man nicht sagen. Und daher bemerken die Menschen nicht, 
dringen nicht darauf, zu bemerken dasjenige, was eigentlich vorgeht, 
was sich abspielt und was seine Impulse in der geistigen Welt hat. Wir 
leben in der Tat in einer bedeutungsvollen Zeit. Das hat nichts zu tun 
mit der oftmals gemachten trivialen Bemerkung, die in die Worte 
gekleidet wird: Wir leben in einer Ubergangszeit. - Selbstverstand- 
lich ist jede Zeit eine Ubergangszeit, es handelt sich nur darum, daB 
man weiB, was in der betrefFenden Zeit iibergeht. 



Dasjenige, was in unserer Zeit iibergeht, das heiBt, was andere For- 
men annimmt, was eine bedeutsame Wandlung durchmacht, das 
kommt einem ganz besonders dann zum BewuBtsein, wenn man in 
die Lage versetzt ist, seinen Blick nicht nur zu richten auf das Leben 
der Wesen, die hier auf der Erde in physischen Leibern herumlaufen, 
sondern wenn man den Blick wendet auf die Wesen, die nicht der 
physischen Welt angehoren, zu denen ja auch die verstorbenen Men- 
schen gehoren. In der Welt, welche der Mensch durchmacht zwischen 
dem Tod und einer neuen Geburt, da sind schon die Wandlungen, 
und insbesondere die Wandlung der gegenwartigen Zeit bedeutsam, 
tief einschneidend zu bemerken. Der Mensch der Gegenwart will nur 
nicht gern ernst nehmen dasjenige, was sich auf die geistige Welt be- 
zieht. Und daB er dies so wenig ernst nehmen will, das ist etwas, was 
einem ganz besondere Gefuhle und Empfindungen nahelegt, wenn 
man heute an die Entstehung desjenigen denkt, was wir Anthroposo- 
phie nennen. Es ist wirklich so, daB man gar nicht irgendwie eine 
besondere Vorliebe zu haben braucht fur die Ideen, die in der anthro- 
posophischen Bewegung vertreten werden, um diese Ideen vertreten 
zu wollen. In einer andern Bewegung - was gibt es nicht heute alles 
fur Bewegungen, was werden nicht alles fur Vereinigungen gegriin- 
det, die alle die Oberzeugung haben, daB sie das Allernotwendigste 
in der Welt vorstellen -, in alien solchen Vereinen, alien solchen Be- 
wegungen haben die Leute, ich mochte sagen, den subjektiven Fana- 
tismus ihrer Bewegung. Sie sind eingenommen fur ihr Programm, 
und sie halten dieses Programm fur etwas ungemein Seligmachendes, 
fur eine absolute Notwendigkeit. Ein solches Eingenommensein 
braucht man gar nicht fur die anthroposophische Bewegung, sondern 
der Impuls, sie zu vertreten, kann aus ganz anderem hervorgehen. 
Und wenn ich das kurz bezeichnen soli - manches muB ja unter uns 
kurz bezeichnet werden, weil wir immer nur so kurze Zeit zusammen- 
sein konnen -, so mochte ich sagen: Dasjenige, was einen zwingt, 
wenn man sich die Uberzeugung von der Wahrheit der anthroposo- 
phischen Ideen erworben hat, fur die Verbreitung dieser Ideen alles 
Mogliche zu tun, das ist das Mitgefiihl mit denjenigen Menschen, 
welche in der Gegenwart diese Ideen brauchen - und das sind im 



Grunde genommen fast alle Menschen, mit denen wir in Benihrung 
kommen -, das Mitgefuhl mit den Menschen, welche diese Ideen 
haben mussen und welche verurteilt sind, Schlimmes auf sich zu neh- 
men, wenn sie diese Ideen nicht haben. 

Ich wollte das letzte Mai eine Vorstellung davon hervorrufen, daB 
auBerlich auf dem physischen Plane vieles unverstandlich ist, das an- 
fangt verstandlich zu werden, wenn man es erklaren kann aus dem 
Zusammenhang heraus mit der geistigen Welt. Ich mochte Ihnen 
heute noch einige andere wichtige Gesichtspunkte, die scheinbar von 
ganz anderer Seite zunachst hergeholt sind, vorbringen. Gehen wir 
von etwas aus, das uns ja auf Schritt und Tritt entgegentreten kann. 
Man kann heute sagen, es wird von vielen Seiten, die sich fur berufen 
halten, gerade als ein Zeichen besonderer religioser Auf klarung auf- 
gefaBt, abzulehnen solche Ideen, wie wir sie wiederum haben mussen, 
daB man, sobald man die Schwelle zur geistigen Welt ubertritt, es zu 
tun hat mit vielen geistigen Wesenheiten, mit ganzen Hierarchien von 
geistigen Wesenheiten, Angeloi, Archangeloi und so weiter hinauf. 
Es wird als ein Zeichen besonderer religioser Auf klarung angesehen, 
wenn man bloB reflektiert auf das, was man den einzigen Gott nennt, 
diesen einzigen Gott, zu dem man eine moglichst intime, unmittel- 
bare Beziehung suchen will. Das wird ja als der einzig mogliche Mono- 
theismus angesehen, und manche Leute auBern schon einen Horror, 
wenn sie horen, nun kommt gar eine Lehre, welche von vielen geisti- 
gen Wesenheiten spricht. 

Man muB sich nur klar sein, was das eigentlich bedeutet. Wenn der 
Mensch nur dasjenige Verhaltnis zur geistigen Welt entwickelt, wel- 
ches heute religios gang und gabe ist, welches die sich aufgeklart 
dunkende Kirche besonders pflegt, dann kommt er nur in ein ganz 
bestimmtes, wenn es auch ein Gefiihlsverhaltnis ist, nur in ein ganz 
bestimmtes Verhaltnis zur geistigen Welt, namlich nur in das Ver- 
haltnis zu dem ihn beschutzenden Angelos, zu dem Engelwesen, zu 
dem er eine reale Beziehung hat. Und dieses Engelwesen, zu dem er 
allein eine Beziehung finden kann, zu dem er ein gewisses Gefuhl 
haben kann, dieses Engelwesen nennt er dann seinen Gott; wenn er 
ein Christ ist, nennt er auch dieses Engelwesen Christus. Er verwech- 



selt dieses Engelwesen mit dem Christus. Vielleicht kann man sich 
das schwer vorstellen, aber es ist so. Gerade die sich aufgeklart diin- 
kenden protestantischen Theologen, welche so sehr abmahnen davon, 
Vielgotterei zu treiben, um zu dem einen Wesen, zu dem Christus, 
einen unmittelbaren Be2ug zu gewinnen, die konnen noch so viel 
reden zu den Menschen uber den Christus, das, was sie iiber den 
Christus sagen, bezieht sich nur auf das Verhaltnis des Menschen zu 
seinem Engelwesen. So daB zumeist der Monotheismus in unserer 
Zeit der Gefahr ausgesetzt ist, eine Anbetung des einzelnen Engels 
eines jeden Menschen zu sein. 

Nicht wahr, gestehen wollen sich ja heute die Menschen vieles noch 
nicht, was doch unter ihnen als Wirklichkeit lebt. Der objektive Be- 
trachter sieht aber schon, ich mochte sagen, aus groben Verhaltnissen 
heraus, wie sich die Menschen anschicken, aus solchen Illusionen her- 
aus allerlei recht verhangnisvolle Vorstellungen und Empfindungen 
zu entwickeln. In diesem Anbeten des eigenen Engels liegt es ja, daB 
jeder seinen eigenen Gott hat und nur glaubt, er habe mit dem andern 
einen gemeinsamen. In Wahrheit beten die Monotheisten der heutigen 
Zeit jeder nur den eigenen Engel an, und weil so zusammenstimmen 
die Worte, die ertonen, wenn ein jeder sein Verhaltnis zu seinem 
eigenen Engel, sein egoistisches Verhaltnis zu seinem eigenen Engel 
bespricht, so glauben sie nur, sie reden von einem gemeinsamen 
Gotte. Wiirde diese Entwickelung so fortgehen, so wiirde sie die 
Menschen dazu bringen, auch als einzelne menschliche Individuen 
dasjenige immer mehr zu entwickeln, was wir ja schon heute in den 
Nationen auf eine recht entsetzliche Weise zutage treten sehen: die 
Nationen, wenn sie auch theoretisch noch von einheitlicher Gottlich- 
keit sprechen - im Ernste wollen sie diese Gottlichkeit besonders in 
dieser Zeit nicht anerkennen, sondern eine jegliche Nation mochte 
ihren eigenen Gott haben. 

Das ist aber nur das auBerlich Hervortretende, ich mochte sagen, 
das grob Hervortretende. In Wirklichkeit will jeder Mensch heute 
seinen eigenen Gott haben und nennt dann dasjenige Verhaltnis, das 
er bloB zu seinem Angeloswesen entwickelt, Monotheismus. Weil 
sich in einer Zeit, wo man bloBe Anlagen entwickeln will fur die An- 



schauung des Sinnlichen, alle Verhaltnisse triiben, deshalb bemerkt 
der Mensch nicht, daB das so ist* wie ich es eben charakterisiert habe. 

Nun, man kann auf Schritt und Tritt heute sehen: Wenn man zu 
den Menschen, die noch nicht irgendwelche BegrifFe von Anthropo- 
sophie aufgenommen haben, redet von konkreten Beziehungen des 
Menschen zur geistigen Welt, dann wollen sie auf solche Dinge nicht 
eingehen. Sie haben eine Scheu, darauf einzugehen. Sie wollen nicht 
den Mut fassen, ihre Gedanken zu verbinden mit irgendwelchen Im- 
pulsen, von denen als aus der geistigen Welt kommend, gesprochen 
wird. In Zeiten von Krisen war etwas Ahnliches immer vorhanden, 
und wir leben in einer Zeit der Krise. Mit auBerordentlich schmerz- 
lichen Empfindungen muB man sehen, wie unaufmerksam eigentlich 
die gegenwartige Menschheit gegeniiber den so deutlich, so eindring- 
lich sprechenden Ereignissen, tragischen Ereignissen der Gegenwart 
ist, wie wenig die Menschen darauf eingehen, anders als unter dem 
Zwange, der dann vom Materiellen kommt, auf diese Ereignisse der 
Gegenwart die notige Aufmerksamkeit zu richten. Man mochte 
sagen, herangebandigt muB der einzelne Mensch erst werden, um 
aufmerksam darauf zu werden, daft dasjenige, was in unseren Jahren 
vorgeht, iiberall tief einschneidende Menschheitsimpulse vor die 
Menschenseele hinstellt. 

Und daher kommt es ja, daB die Menschen gar nicht hinhorchten, 
wenn irgendwie sich geltend machte das Urteil: daB Wichtiges, Ein- 
schneidendes von Menschen der Gegenwart gedacht, vorgenommen 
werden muB, um gewissermaBen aus der Misere der Gegenwart her- 
auszukommen, und daB dasjenige, was gedacht, was vorgenommen 
werden muB, herausgeboren sein muB aus geistigen Erkenntnissen, 
aus konkreten geistigen Erkenntnissen. Mit dem immerwahrenden 
Betonen des Geistigen im allgemeinen, mit dem Herumreden davon, 
daB die Menschen sich geistig vertiefen sollen und so weiter, damit 
kommt man nicht aus. Um was es sich handelt, das ist, daB die Men- 
schen in der Gegenwart konkrete Beziehungen zur geistigen Welt 
gewinnen mussen. Fur uns konnte es ja verstandlich sein, daB auch 
in fruheren Zeiten, in denen die Menschen noch mehr Beziehung zur 
geistigen Welt gehabt haben, sie aufmerksam gemacht wurden auf 



konkrete Beziehungen zur geistigen Welt, die nur heute nicht mehr 
verstanden werden. Man hat nicht in friiheren Zeiten nur so allgemein 
herumgeredet: Da unten auf der Erde wimmeln die Menschen herum 
und da oben ist irgend etwas Gottliches, - sondem man hat in konkre- 
ten Beziehungen gesprochen. 

Die schonsten und bedeutsamsten Ausfiusse solcher konkreter Be- 
ziehungen sind ja Prophetien wie die des Daniel, wie die der Apoka- 
lypse, wo auch nicht bloB gesprochen wird davon: Ihr Menschen, 
vertraut auf einen Gott, ihr Menschen, glaubt an einen Gott, - son- 
dern wo den Menschen gesagt wird: Ein Reich, das zweite Reich, 
das dritte Reich - das eine muB das andere in irgendeiner Weise ab- 
losen wo den Menschen erzahlt wird konkret der Zusammenhang 
der geistigen Welt mit der physisch-sinnlichen hier. Diese Moglich- 
keit, so konkret zu sprechen iiber das Verhaltnis des Geistigen zum 
Physischen, hat sich die Menschheit ganz abgewohnt. Die Mensch- 
heit mochte heute alles - wenn ich den trivialen Ausdruck gebrauchen 
darf - iiber einen Kamm scheren. Die Menschheit mochte am liebsten 
Theorien erfinden, nach denen man die Menschen iiber die ganze 
Erde hin gleichmaBig irdisch selig machen kann. Der Sozialist von 
heute denkt, daB gewisse Ideen die richtigen sind fur das Menschen- 
leben, die richtigen sind fiir England, fiir Amerika, fiir RuBland, 
Asien; wenn alle ihre Staaten so einrichten, wie es der Sozialismus 
will, dann komme selbstverstandlich das Gliick, das sich der heutige 
Mensch fiir die Erde ertraumt. So denkt der Mensch. Das sind alles 
Abstraktionen, das sind alles unwirkliche Begriffe und Ideen; nicht 
wissen, daB sich auf dem einen Fleck der Erde aus einem gewissen 
Volkstum heraus das eine vorbereitet, auf einem andern Fleck der 
Erde das andere vorbereitet, nicht die Moglichkeit haben, den groBen 
Unterschied zwischen dem Westen und dem Osten zu verstehen : das 
ist dasjenige, was unendliche Verwirrung und unendliches Chaos stif- 
ten muB. Denn nur dann, wenn der Mensch die Moglichkeit hat, eine 
Briicke zu schlagen von seiner Seele zu den objektiven Tatsachen, 
dann kann er in gedeihlicher Weise mitwirken an der Gestaltung des 
Erdenseins. 

Diese Briicke wollen die Menschen nicht schlagen. Ich muB in die- 



sen Zeiten aus inneren Notwendigkeiten heraus zu unseren Freunden 
immer wieder und wiederum an den verschiedensten Orten davon 
sprechen, wie ein Ereignis stattgefunden hat im letzten Drittel des 
19. Jahrhunderts, welches bedeutsam, tief einschneidend in die 
menschliche Entwickelung ist, ein Ereignis, von dem alle okkulten 
Schulen wissen, nur wissen sie oftmals nicht das Richtige uber den 
Verlauf dieses Ereignisses zu sagen. Ich will auch heute kurz an- 
deuten, um was es sich handelt. Es handelt sich darum, daB vom Jahre 
1841 an ein Geisterkampf in den geistigen Regionen stattgefunden 
hat zwischen gewissen Wesenheiten aus den hoheren Hierar chien und 
ubergeordneten Wesenheiten. Diese Wesenheiten, welche sich rebel- 
lisch aufgelehnt haben in der Zeit vom Jahre 1841 bis 1879, und die 
einen Rebellenkampf gekampft haben in dieser Zeit, diese Wesen wur- 
den fraher verwendet im Sinne der weisen Weltenlenkung. Auch die- 
jenigen Wesen, die in gewissen andern Zeiten sich auflehnen, bose 
Wesenheiten werden, Wesen der Finsternisse werden, sind in gewis- 
sen Zeiten gut brauchbare Wesenheiten. Also ich rede von solchen 
Wesenheiten, die bis zum Jahre 1841 von hoheren Geistern in dem 
Dienst der weisheitsvollen Weltenlenkung verwendet worden sind, 
aber von dieser Zeit an anders wollten als ihre iibergesetzten Wesen- 
heiten. Diese Wesenheiten haben in der geistigen Welt einen bedeut- 
samen Kampf gekampft, einen von denjenigen Kampfen, die ofter 
stattfinden, aber auf verschiedenen Hohen, mochte man sagen, einen 
Kampf, der in der Legende, in der Symbolik dargestellt wird als der 
Kampf des Michael mit dem Drachen. Geendet hat dieser Kampf da- 
mit, daB gewisse Getster der Finsternis im Herbst 1879 herabgestoBen 
worden sind aus den geistigen Regionen in die Erdenregionen und 
seit jener Zeit unter den Menschen wirken, eingehen in die mensch- 
lichen Willensimpulse, eingehen in die menschlichen Motive, ein- 
gehen in das, was die Menschen begreifen konnen, kurz, in allem 
Menschlichen wirken. So daB also gewisse Geister der Finsternisse 
seit dem Herbst 1879 unter den Menschen sind, auf welche die Men- 
schen aufmerksam werden miissen, wenn sie die irdischen Ereignisse 
verstehen wollen. Man konnte sagen, man sagt damit das ganz Rich- 
tige, daB diese Wesenheiten 1879 herabgestoBen worden sind, das 



machte den Himmel frei von diesen Wesenheiten, aber die Erde voll 
von ihnen. Ihr Ort ist von jener Zeit an nicht mehr im Himmel zu 
finden, sie sind auf der Erde. 

Wenn ich charakterisieren soli, was diese Wesenheiten eigentlich 
wollten mit ihrem Rebellenkampf von 1841 bis 1879, so muB ich 
sagen, sie wollten verhindern konnen, sie wollten es dahin bringen, 
verhindern zu konnen, daB die notwendige spirituelle Weisheit, die 
sich dem Menschen offenbaren will vom 20. Jahrhundert ab, in die 
Menschenseelen hineinkommen kann; sie wollten diese oben behalten 
und nicht in die Menschenseelen hineinlassen. Nur dadurch konnte 
bewirkt werden, daB vom 20. Jahrhundert ab Menschen geoffhet be- 
kommen konnen den Sinn fur spirituelle Erkenntnisse, daB die hin- 
dernden Geister der Finsternisse aus dem geistigen Reiche entfernt 
worden sind, so daB herabkommen konnen die fur die Menschen 
bestimmten spirituellen Erkenntnisse. Aber hier, wo diese Geister der 
Finsternisse jetzt unter den Menschen herumwandeln, machen es 
sich wiederum diese Geister der Finsternisse zur Aufgabe, die Men- 
schen zu verwirren; von hier aus wollen sie nun verhindern, daB das 
richtige Verhaltnis eintritt zu den spirituellen Wahrheiten, gewisser- 
maBen den Heilzweck der spirituellen Wahrheiten von den Menschen 
abhalten. 

Dem kann man nur entgegenwirken durch das genaue Erkennen, 
durch das genaue Durchschauen dieser Dinge. Gewisse okkulte Brii- 
derschaften machen sich aber das Gegenteil zur Aufgabe; sie wollen 
die Weistiimer nur in ihrem engsten Kreise behalten, um sie im Sinne 
ihrer Machtgeluste ausmitzen zu konnen. Und in diesem Kampfe ste- 
hen wir drinnen. Auf der einen Seite besteht die Notwendigkeit, die 
Menschheit in der richtigen Weise dadurch zu geleiten, daB sie spiri- 
tuelle Weistiimer aufnimmt; auf der andern Seite stehen abgeschlos- 
sene okkulte Bniderschaften schlimmer Sorte, welche diese Weis- 
tiimer gerade nicht unter die Menschen hereindringen lassen wollen, 
damit die Menschen dumm bleiben gegeniiber der geistigen Welt, 
toricht bleiben, und die in enggeschlossenen Briiderschaften Befind- 
lichen dann von dort aus ihre Machinationen treiben konnen. 

In den Ereignissen der Gegenwart stecken ganze Biindel solcher 



Machinationen, und es wird gan2 besonders der Menschheit zum Un- 
heil gereichen, wenn sie nicht durchschauen will, daB solche Machina- 
tionen herrschen. Sie werden gleich eine Art Licht aufgehen fuhlen 
iiber das, was hinter dieser Sache eigentlich steckt, wenn ich aufmerk- 
sam mache auf gewisse Wahrheiten, die heute reife Wahrheiten sind, 
gewissermaBen Wahrheiten, die, wie die reifen Pflaumen vom Baume, 
aus der geistigen Welt in das Reich der Menschen herabfallen miissen, 
aber die verhindert werden an der allgemeinen Ausbreitung, gegen 
die auch die Menschen Vorempfindungen, Vorneigungen, Vorurteile 
haben, weil sie sich vor ihnen fiirchten. 

Ich mochte in dieser Beziehung moglichst konkret sprechen. Diese 
Tatsache, daB 1879 eine Anzahl von Geistern der Finsternis gesturzt 
worden sind und seither im Menschenreiche sind, hat wichtige, be- 
deutsame Konsequenzen. Vor alien Dingen hat diese Tatsache die 
Konsequenz, daB das Denken, das klare Denken seit jener Zeit fur 
den Menschen eine ungeheuer viel groBere Bedeutung gewonnen hat, 
als das fruher der Fall war. Es gab eben keine Zeit der Menschheits- 
entwickelung, in der, wenn man auf innere Notwendigkeiten dieser 
Menschheitsentwickelung blickt, man sagen muB, klares Denken ist 
so notwendig, wie nur irgend notwendig sein kann Essen und Trin- 
ken zur Unterhaltung des physischen Lebens. Denn wenn der Mensch 
unklar denkt in dieser Zeit, in der wir leben und in die hinein die 
Menschheit weiter in der Zukunft lebt, so wird man solche reifen 
Wahrheiten, die aus der geistigen Welt herunterfallen sollen, nicht im 
gehorigen Lichte sehen konnen. Man wird vor alien Dingen nicht die 
groBe, tiefe Bedeutung einsehen konnen, die fur die ganze mensch- 
liche Entwickelung das Mysterium von Golgatha, die Erscheinung 
des Christus innerhalb der Menschheitsentwickelung hat. Von diesem 
Christus Jesus sprechen viele. Von dem tiefen Sinn zu sprechen, den die 
ganze Menschheitsentwickelung der Erde durch das Mysterium von 
Golgatha hat, will einen die Theologie der heutigen Zeit sogar verhin- 
dern. Naturlich hat sich dasjenige, was durch das Mysterium von 
Golgatha geschehen soil, erst langsamundallmahlichausgelebt. Und so 
recht intensiv kommt das erst in diesem Jahrhundert zum Vorschein. 

In den alten Zeiten waren immer noch alte Erbguter vorhanden aus 



den Zeiten, wo die Menschen atavistisches inneres Leben hatten, das 
von Spiritualitat durchsetzt war. DaB der Mensch die Spiritualitat 
sich erwerben muB, wenn er sie haben will, das tritt erst in unserer 
Zeit auf . Daher treten in unserer Zeit, und eigentlich erst vom Jahre 
1879 ab, ganz bestimmte Erscheinungen auf. Heute sind sie, weil das 
auBere Anschauen so grob geworden ist, eigentlich nur klar ersicht- 
lich, wenn man den Seelenblick wendet hinein in das Reich, das der 
Mensch betritt, wenn er durch die Pforte des Todes tritt. Denn in 
anderer Weise kommen die Seelen, die vor dem Jahre 1879 geboren 
sind, in der geistigen Welt an, wenn sie durch den Tod gehen, als alle 
die Seelen ankommen werden, die nach dem Jahre 1879 geboren sind. 
Es ist dieses ein tief einschneidendes Ereignis, um das es sich da 
handelt. 

Dieses tief einschneidende Ereignis also, das bewirkt insbesondere, 
daB die Menschen in ihren Seelen immer ahnlicher werden dem Ge- 
danken, dem, was sie als Erkenntnisse ansehen. Es ist das fur den 
heutigen Menschen eine sonderbare Wahrheit, aber es ist eine Wahrheit. 
GewisseDinge im richtigen Lichte zu sehen, eben mit klaren Gedanken 
zu sehen, mit giiltigen Gedanken zu sehen, mit wirklichkeitsgesattigten 
Gedanken zu sehen, das ist wichtig, das ist wesentlich. Darwinismus 
richtig zu sehen, so wie ich zum Beispiel versuchte ihn gestern dar- 
zustellen im offentlichen Vortrage, das ist gut. Ihn zu sehen als Grund- 
lage fur eine allein gultige Weltanschauung, ihn also so zu sehen, daB 
man glaubt, nur das eine ist richtig, der Mensch stamme von den Tie- 
ren ab, und auch diesen Gedanken in sich lebendig zu machen: Ich 
stamme von den Tieren ab, ich stamme nur aus solchen Kraften, die 
auch die Tiere bilden -, dieser Gedanke fuhrt die Seele in dieser Zeit 
dazu, der eigenen Vorstellung ahnlich zu werden. Das ist wichtig! 
Wenn dann diese Seele den Leib abgeworfen hat, dann verfallt sie 
dem Ungliicke, dieser ihrer eigenen Vorstellung ahnlich sich schauen 
zu miissen! Wer hier im physischen Leib des Glaubens lebt, daB nur 
Tierisches bei seiner Entwickelung mit tatig war, der zimmert sich 
fur die Zeit nach dem Tode ein solches BewuBtsein, daB er sich als 
Tier ansehen muB. - Denn nachdem durch das Ereignis von 1879 so 
recht der Charakter der funften nachatlantischen Zeit erfullt ist, sind 



die Gedanken, die sich die Menschen machen, dazu da, daB sich die 
Menschenseelen in diese Gedanken verwandeln. Das ist es, warum ich 
sagte : Man braucht keine Vorliebe zu haben fur die anthroposophisch 
orientierte Geisteswissenschaft, um sie vertreten zu wollen, sondern 
man braucht bloB Mitleid mit den Menschen zu haben, welche diese 
Gedanken brauchen, weil diese Gedanken schopferische Gedanken 
sind fur das Seelenleben, weil der Mensch dazu berufen ist in der 
Zukunft, das zu werden, als was er sich ansieht. - Dies muBte ein- 
treten im Verlauf der weisheitsvollen Weltenlenkung, damit der 
Mensch wirklich zum vollen freien SelbstbewuBtsein kommen kann. 
Auf der einen Seite muBten die Gotter dem Menschen die Moglichkeit 
geben, sein eigenes Geschopf zu werden. Damit er allerdings diesem 
eigenen Geschopf einen ubersinnlichen Sinn geben kann, finden kann 
in dem, was er aus sich selber macht, etwas, was ihm eine ewige Rich- 
tung geben kann, ist der Christus Jesus durch das Mysterium von 
Golgatha gegangen. Und wenn man ihn versteht, geisteswissenschaft- 
lich versteht, gedankenmaBig versteht, dann findet man den Weg zu 
ihm; den Weg von dem Tierischen heraus ins Gottliche. 

Diese Wahrheit stellt sich insbesondere heraus, wenn man eben den 
Seelenblick hineinzutun vermag in die Welt, die der Mensch nach dem 
Tode betritt. Diejenigen Menschen, die noch vor 1879 geboren sind, 
nehmen immer noch einen gewissen Rest mit, der sie behiitet, rein das 
zu sein, als was sie sich hier vorzustellen vermochten. Und auch noch 
fur langere Zeit hinaus werden die Menschen behiitet werden konnen, 
bloB das zu sein - die Dinge nahern sich erst allmahlich als was sie 
sich vorstellen: aber nur durch Leid, nur wenn sie leiden konnen, 
wenn sie, um das Paradoxon zu sagen, das Leid der Erkenntnis auf 
sich nehmen konnen, indem sie das Unbefriedigende ihrer Vorstellung 
iiber den Menschen selber empfinden. Harmonie mit sich selber, zu 
gleicher Zeit eine Erkenntnis, die den Menschen auch Mensch sein 
laBt nach dem Tode, das wird fur die Zukunft nur hervorgehen, 
wenn die Menschen ihres wahren Zusammenhanges mit der geistigen 
Welt hier im physischen Leibe gewahr werden. DaB mit dem Jahre 
1879 eine solche Veranderung vor sich gegangen ist, das werden 
natiirlich diejenigen, die heute aus materialistischen Vorstellungen 



heraus iiberhaupt Scheu haben vor konkreten geistigen Erkenntnissen, 
noch lange nicht annehmen wollen; dennoch ist es notwendig, daB 
solches angenommeti werde. Sie sehen daraus aber, daB eines wichtig 
wird und immer wichtiger werden muB in die Zukunft hinein, daB 
dasjenige, was an spiritueller Erkenntnis da ist, sich hier auf der Erde 
ausbreite. Daher werden die Geister der Finsternisse, urn ihre An- 
gelegenheiten zu fordern, einen besonderen Wert darauf legen, Ver- 
wirrung anzustiften unter den Menschen, damit die Menschen nicht 
dahin gelangen, hier die richtigen Gedanken zu bilden, in die sie sich 
dann, diese Menschen, nach dem Tode verwandeln. Es muB der 
Mensch das werden, als was er sich denkt. 

Dies ist eine Wahrheit, die bestimmt war, von den wichtigen Um- 
wandlungen des 19. Jahrhunderts ab unter die Menschen zu kommen. 
Der Mensch muB das wollend sein, was er in Wirklichkeit sein kann, 
muB denken konnen iiber sein Wesen, wenn er es seelenhaft sein soil. 
Denn der Tote wird es heute schon verkundigen konnen als eine 
rechtmaBige reife Wahrheit: Die Seele ist das, was sie von sich zu 
denken vermag. - Es haben Geister der Finsternis in der Zeit, in der 
es notwendig war, von der Erde aus diese Wahrheit zu verbreiten: 
Die Seele ist das, als was sie sich zu denken vermag -, bewirkt, ein- 
inspiriert dem Menschen, als Wahrheit zu vertreten : Der Mensch ist, 
was er iBt. - Und wenn auch theoretisch nicht in breiteren Schichten 
anerkannt wird : Der Mensch ist, was er iBt - die Praxis des Lebens 
geht sehr darauf hinaus, dieses anzuerkennen, daB der Mensch eigent- 
lich nichts anderes ist, als was er iBt. Ja diese Praxis des Lebens geht 
sogar darauf hinaus, immer mehr und mehr dieses herauszugestalten 
auch im auBeren Leben. Mehr als man glaubt, viel mehr als man 
glaubt, sind die traurigen, tragischen Ereignisse der Gegenwart bloB 
aus dem Prinzip herausgebildet : Der Mensch ist, was er iBt. In einem 
viel tieferen Sinne, als man in der heutigen Oberfiachlichkeit denkt, 
handelt es sich um sehr wenig hochstehende Dinge, urn die heute so 
furchtbar viel Blut flieBt. Es ist schon die Menschheit infiziert von 
dem Satze : Der Mensch ist, was er iBt. - Vielfach wird gekampft um 
Dinge, die mit solchem zusammenhangen. 

Gerade deshalb ist es so notwendig, daB sich die der Zeit ent- 



sprechenden Gedanken ver breiten. Der Gedanke wird nach und nach 
als eine reale Seelenkraft erkannt werden miissen, nicht bloB als dieses 
jammerliche Abstraktum, als welches die neuere Zeit ihn heraus- 
gebildet hat und noch dazu so stolz darauf ist. Denn in alteren Zeiten 
waren die Menschen durch ein altes Erbgut mit der spirituellen Welt 
noch verbunden. Wenn auch das atavistische Hellsehen verhaltnis- 
maBig seit vielen Jahrhunderten schon ganz zuriickgegangen ist, im 
Fiihlen und Wollen lebte noch dieses Erbgut drin. Aber jetzt ist die 
Zeit, wo das BewuBte immer mehr und mehr als reale Macht auf- 
treten muB, daher auch die Geister des Widerstandes, die Geister der 
Finsternis anstiirmen in unseren Tagen, um den realen Gedanken die 
abstrakten Gedanken in Form von alien moglichen Weltprogrammen 
entgegenzusetzen. Diesen Zusammenhang muB man durchschauen. 
Der Gedanke muB immer wirklicher und wirklicher werden. Das 
muB von den Menschen verstanden werden. 

Wie viele gibt es heute noch, die sagen : Nun, was nach dem Tode 
kommt, das werden wir ja sehen, darauf werden wir noch immer zur 
rechten Zeit aufmerksam; hier wollen wir absehen davon, wollen dem 
Leben dienen. Wenn wir eintreten in jene Welt driiben, so wird sich 
uns schon zeigen, wie sie ist. - Ja, wenn schon das eine richtig ist, daB 
man da driiben dasjenige ist, was man hier von sich vorgestellt hat, 
so ist noch etwas anderes richtig. Nehmen Sie den Gedanken, der 
heute ja keine Seltenheit ist. Jemand stirbt, er hinterlaBt Angehorige. 
Wenn diese nicht gedankenlos sind und doch materialistisch gesinnt 
sind, so miissen sie den Gedanken haben: Dieser Angehorige, der 
gestorben ist, verwest im Grabe, oder es ist von ihm dasjenige vor- 
handen, was man in der Urne auf bewahrt hat und dergleichen. - Nur 
solange die Menschen gedankenlos sind, konnen sie Materialisten 
sein und nicht diesen Glauben haben. Wiirde der Materialismus 
siegen, so wurden die Menschen immer mehr und mehr den Glauben 
haben: Alles, was vom Toten iibrig ist, ist in der Urne oder im Grabe 
verwesend. - Dieser Gedanke ist aber eine reale Macht. Er ist eine 
Unwahrheit. Wenn der hier Zuriickbleibende denkt: Der Tote ist 
nicht mehr lebend, der Tote ist nicht mehr da -, so ist es ein falscher 
Gedanke, aber dieser falsche Gedanke ist doch in den Seelen, die ihn 



denken, real, ist doch wirklich. Diesen wirklichen Gedanken nimmt 
der Tote wahr; er nimmt ihn als sehr bedeutsam fur sich wahr. Und 
das ist nicht einerlei, sondern im Gegenteil von grundwesentlicher 
Bedeutung, ob derjenige, der hier zuriickbleibt, in lebendigem inne- 
rem Seelenleben pflegt den Gedanken an den fortlebenden Toten, an 
den in der geistigen Welt befindlichen Toten, oder ob er mehr oder 
weniger sich dem Jammergedanken hingibt: Der Tote ist eben tot, 
verwest. - Das ist nicht nur nicht gleichgultig, sondern es ist ein 
ganz wesentlicher Unterschied. 

Man kann jetzt nach Zurich kaum herkommen, ohne uberall geistig 
beruhrt zu werden von dem, was man hier - ja auch anderswo, aber 
hier wird es besonders stark betrieben - analytische Psychologie, 
Psychoanalyse nennt. Diese Psychoanalytiker, man muB von ihnen 
sagen, daB sie aufmerksam werden auf allerlei Geistig-Seelisches ; sie 
fangen an nachzudenken iiber Geistig-Seelisches, weil ihnen das so 
stark entgegentritt. Ich will hier nur mit ein paar Worten einen Zug 
in dieser Psychoanalyse andeuten. 

Irgendein Mensch leidet an irgendwelchen hysterischen Erschei- 
nungen. In der Form, wie diese hysterischen Erscheinungen auftreten, 
treten sie besonders in der Gegenwart auf, daher werden die Menschen 
darauf aufmerksam. Man beschaftigt sich in irgendeinem Zeitalter ja 
besonders mit den Krankheiten, die in diesem Zeitalter besonders auf- 
treten; dann sucht man, wo die Ursachen liegen konnen. Und soweit 
ist nun diese Psychoanalyse gekommen, daB sie sagt: Zu diesen hyste- 
rischen Erscheinungen, die vielfach auftreten, liegen die Ursachen im 
Seelischen. Sie kann nicht mehr im Materiellen, im blofien Physiolo- 
gischen oder Biologischen die Ursache suchen. Nun, sie sind im See- 
lischen. Nach der Vorliebe der Zeit sucht man im unterbewuBten 
Seelischen nach allerlei Ursachen fiir das Auftreten von diesen oder 
jenen hysterischen Erscheinungen. Man sagt: Da ist ein Mensch, 
hysterische Erscheinungen treten bei ihm auf ; das kommt daher, daB 
dasjenige, was in ihm wirkt, nicht in seinem BewuBtsein, sondern 
unter der Schwelle seines BewuBtseins spielt und immerfort herauf- 
schlagt wie eine unterirdische Woge, unterseelische Woge, und man 
muB das suchen. 



Und jetzt beginnt das gefahrliche Spiel. Da suchen nun die Psycho- 
analytiker alles mogliche als isolierte, unterirdische, verborgene 
Seelenprovinz, wie sie sich ausdriicken; suchen nach bei jemand, 
der hysterisch in seinem dreiBigsten Jahre ist, nach Verirrungen in 
seinem siebenten Jahre, die dazumal nicht ausgelebt worden sind, 
die man ihm wieder ins BewuBtsein bringen muB, weil dieses Ins- 
BewuBtsein-Bringen heilen soil und so welter. Es ist ein Spiel mit 
auBerordentlich gefahrlichen Waffen! Man kann schon sagen: DrauBen 
auf dem physischen Kriegsschauplatze wird heute mit sehr gefahr- 
lichen Waffen gekampft hier wird auf vielen Feldern mit nicht 
minder gefahrlichen Erkenntniswaffen ein Spiel getrieben, weil die 
Menschen nicht den Willen haben, sich geisteswissenschaftlich zu ver- 
tiefen, um zum wahren Verstandnisse solcher Erscheinungen, wie sie 
einem da vor die Seele treten, zu kommen. Mit unzulanglichen Er- 
kenntnismitteln gehen sie an die Sache heran. Das ist ein gefahrliches 
Spiel. Es ist wahr, in vielen Menschen spielt heute UnterbewuBtes, 
das nicht heraufkommt ins BewuBtsein. Aber das, was die Psycho- 
analytiker herauszufinden glauben, ist in der Regel das allerwenigst 
Bedeutsame ; deshalb werden auch die Heilerfolge in der Regel recht 
fragliche sein. Wenn man irgendeine dreiBigjahrige Dame findet und 
eine sexuelle Verirrung in ihrem vierzehnten Jahre, die sich nicht aus- 
gelebt hat, und die daher fortwuchert und die Hysterie bewirkt, so 
hat man noch das Allerunbetrachtlichste. Es kann in dem einen Fall 
oder in dem andern Fall sogar richtig sein, dann wird es um so mehr 
Tauschung hervorrufen, wenn man seine Tragweite nicht beurteilt. 
Aber vor alien Dingen ist eines wahr: in den Menschen der Gegen- 
wart spukt unzahliges UnterbewuBtes, und sie werden geplagt davon, 
und die Kulturkrankheiten unserer Zeit kommen davon. Was ist das? 

Denken Sie an das, was ich schon angefiihrt habe. Der Gedanke an 
den nicht mehr vorhandenen Toten, der lebt in der Seele, lebt irgend- 
wie, ohne daB die Seele eigentlich viel dariiber nachdenkt, lebt bloB 
deshalb, weil die Seele heute noch gedankenlos ist, und diese Seele ist 
etwas empfindlich fur solche gedankenlose Gedanken - dann ist der 
Tote durch die ewigen Weltgesetze gezwungen, mit diesen Gedanken 
zu leben; der Tote spukt in der Seele des zuriickgebliebenen Leben- 



digen. Dem ist nur zu begegnen dadurch, daB man weiB, der Tote 
lebt. Und immer mehr und mehr wer den durch den Unglauben an das 
Leben der Toten die Menschen auf dem physischen Plane in Seelen- 
krankheiten hineingetrieben werden. Es sind in der Regel nicht 
sexuelle Jugendverirrungen, es sind die Gedanken des Unglaubens, 
die diese Erscheinungen bewirken. Denn die Gedanken haben in 
unserer Zeit den Beruf, reale Machte zu werden, nicht nur solche 
reale Machte, die fur sich wirken; fiir sich wirken sie, indem die Seele 
nach dem Tode immer ahnlicher wird dem, als was sie sich vorstellt 
in dem Leibe; in hoherem Sinne noch werden diese Gedanken reale 
Machte dadurch, daB sie sogar Wesen, in diesem Falle die Toten 
selber, in einer unrichtigen Weise verbinden mit den Lebenden. Nur 
dadurch, daB man, so gut man es kann, die Gedankenverbindung mit 
dem Verstorbenen aufrecht erhalt als einem Fortlebenden, rettet man 
auch sich davor, daB das Verhaltnis zum Toten verhangnisvoll wird 
fiir den zuruckgebliebenen Lebenden, und in gewisser Beziehung 
auch fiir den Verstorbenen selbst, der fortwahrend aus einem ewigen, 
weisheitsvollen Gesetze heraus in die Notwendigkeit versetzt ist, in 
dem Zuruckgebliebenen so zu spuken, daB dem Zuruckgebliebenen 
dies nicht einmal zum BewuBtsein kommt, sondern in krankhaften 
Erscheinungen sich auslebt. 

Fragen Sie jetzt : Was wird das wirkliche Heilmittel fur viele solche 
Erscheinungen sein, wie sie dem Psychoanalytiker heute entgegen- 
treten? - Die Verbreitung der Kenntnis von der geistigen Welt. Die 
ist das allgemeine Heilmittel, die allgemeine Therapie, nicht diese 
individuelle Behandlung, die man einem einzelnen angedeihen laBt. 

Sie sehen, das Leben fordert von uns, daB man von den Gedanken 
laBt: Hier haben wir uns dem physischen Leben allein zu widmen; es 
wird sich schon zeigen, wenn man durch die Todespforte gegangen 
ist, in welche Welt man dann hineinkommt. - Denn auch das gilt: 
geradeso wie unser Leben hier bedeutsam ist fur das Leben, in das 
wir eintreten zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, so ist 
wiederum das Leben der Seelen zwischen dem Tod und einer neuen 
Geburt wichtig fiir die Seelen hier. 

Was ich Ihnen gesagt habe, ist ein Gedanke, der Gedanke vom 



Unglauben an das Dasein des Toten. Aber mit vielen Banden hangen 
die Toten an den Lebenden, sollen hangen. Das ist nur ein un- 
richtiges Band, von dem ich gesprochen habe; es gibt aber richtige 
Bande, viele, die da sein miissen, die den richtigen Zusammenhang 
mit der geistigen Welt herstellen. Geisteswissenschaft, anthroposo- 
phisch orientierte Geisteswissenschaft sucht diesen richtigen Zu- 
sammenhang. Denn das Leben der Menschen untereinander hier auf 
der Erde wird sich in der Zukunft nur richtig abspielen, wenn diese 
Menschen hier auf der Erde das richtige Verhaltnis zur geistigen Welt 
herbeifiihren; sonst wird immer mehr und mehr moglich sein, daB 
einzelne sich herausnehmen, solche Machinationen zu machen, wie 
die sind, von denen ich am letzten Dienstag gesprochen habe, um 
dadurch sich Macht zu verschaffen iiber andere Menschen. 

Man muB sich nur ganz klarmachen: Wenn wir nach dem Osten 
blicken, wo jetzt so intensiv als Zeichen vor sich gehende Ereignisse 
geschehen, so konnen wir nur Verstandnis gewinnen fur die Dinge, 
wenn wir in innerlicher Auffassung uns des Wesens dieses Ostens 
klar sind. Nehmen Sie dasjenige, was wir durch viele Jahre hindurch 
immer wiederum iiber die Veranlagung der ostlichen Volker zur 
sechsten nachatlantischen Kulturperiode gesagt haben, dann allein 
wird man klar iiber alles Verwirrende, das aus dem Osten kommen 
muB, weil sich aus dem, was da eben geschieht, etwas ganz anderes 
herausentwickeln muB, etwas, was es den Menschen nicht so bequem 
macht, daB sie nicht dariiber erstaunt zu sein brauchten von Tag zu 
Tag. Aber dasjenige, um was es sich handelt, das ist, sich in diese 
ganzen Stromungen, wie sie in der jetzigen Zeit auftreten und wie sie 
gegen die Zukunft immer mehr auftreten werden, in der richtigen 
Weise hineinzuflnden. Und man findet sich allmahlich in der richtigen 
Weise hinein, wenn man geisteswissenschaftlich richtig zu den Er- 
kenntnissen vordringt, die AufschluB geben iiber die geistige Welt. 
Dadurch erlangt man auch das richtige Verhaltnis zu dieser geistigen 
Welt. 

Ich habe Sie das letzte Mai aber auf ein unrichtiges Verhaltnis zur 
geistigen Welt aufmerksam gemacht, das von gewissen Seiten her 
gesucht wird. Durch ganz besondere Machinationen, sagte ich Ihnen, 



werden Menschen vom Leben hier in die geistige Welt hinauf- 
befordert; so daB sie ihr Leben hier nicht ganz ausgelebt haben und 
gewisse Krafte noch benutzen konnen, wenn sie eingetreten sind in 
die Welt, die man durchlebt zwischen dem Tod und einer neuen 
Geburt. Und dann konnen wiederum gewisse unredlich wirkende 
Briiderschaften, die nur ihre eigenen Machtgeliiste befriedigen wollen, 
Medien benutzen, um das hereinzubekommen, was auf diesem Wege, 
durch Tote, denen man zuerst die MogHchkeit gegeben hat, sich in 
den Besitz solcher Erkenntnisse zu setzen, eben herkommen kann. 

Solche okkulten Briiderschaften sind auch in der Regel diejenigen, 
welche die Menschen irrefuhren in bezug auf die wichtigsten Dinge 
in der geistigen Welt. Wenn ich Ihnen erzahle: 1879, im November, 
hat ein wichtiges Ereignis stattgefunden, ein Kampf der Machte der 
Finsternis gegen die Machte des Lichtes, der mit einer Entscheidung 
im Sinne des Bildes des Michael mit dem Drachen stattgefunden hat - 
so ist nicht das Bedeutsame, daB ich Ihnen sage, so etwas hat statt- 
gefunden, denn daB dieses Ereignis eintreten muB, daB dieses Er- 
eignis vorgeschrieben ist in der Weltenentwickelung, das konnen Sie 
in vielen Buchern lesen, das ist durchaus keine esoterische Wahrheit; 
sondern das, um was es sich handelt, ist, daB ich mich bestrebe, Ihnen 
die wahre Bedeutung klarzumachen dessen, was eigentlich geschehen 
ist und wie sich die Menschen in der richtigen Weise zu diesem Er- 
eignis zu stellen haben. Das ist es, um was es sich handelt. DaB solch 
ein Ereignis kommt, das hat auch Eliphas Levi, das hat Baader, das hat 
Saint-Martin, sie alle haben es gewuBt und haben es gesagt; das ist 
nichts irgendwie Esoterisches. Aber in unserer Zeit besteht das Be- 
streben, iiber solche Ereignisse Verwirrung in den Menschenkopfen 
anzurichten, womdglich solche Verwirrung, daB die Menschenkopfe 
solche Dinge uberhaupt als Aberglaube nehmen, sie nicht als eine 
Realitat nehmen, wenn sie auch von alteren Wissenden schon ver- 
breitet worden sind. Deshalb ist es so wichtig, daB man auch richtige 
Begriffe iiber diese Dinge erhalt. 

Es gibt heute einen regularen Weg, sich den spirituellen Wahrheiten 
zu nahern, die seit 1879 heruntersickern in die physische Welt aus 
der geistigen. Dieser regulare Weg ist eben der, den die Geisteswissen- 



schaft zeigt. Und wenn in der Stromung dieser Geisteswissenschaft 
nicht abgeirrt wird von reinem, echtem Wollen, so wird diese Geistes- 
wissenschaft dazu fiihren, das richtige Verhaltnis zwischen der physi- 
schen Welt und der spirituellen Welt fur den Menschen herzustellen. 
Aber das, was man dadurch erlangt und was unter die Menschen 
kommen muB, das fuhrt Anstrengung mit sich, das erfordert An- 
strengung. Und mancherlei Bequemlichkeiten miissen abgelegt wer- 
den, unter denen die Menschen heute sehr wohl stehen. Es erfordert 
Anstrengung. Denn wenn heute der Mensch redet von den Impulsen, 
die aus der geistigen Welt herunterwirken, die auch zukunftsgestal- 
tend sind, ja, es kommen halt immer wiederum Menschen, die sagen : 
Ich mochte dieses und jenes Spezielle wissen. - Am liebsten mochten 
die Leute zum Beispiel heute, daB man ihnen ausmalt, in alien Details 
ausmalt, was 1920 nun aus dem gegenwartigen Krieg geschehen sein 
wird. Und die Menschen verstehen nicht, daB mit einem solchen 
Detailausmalen das Wissen von der Zukunft nicht belastet werden 
darf, und daB trotzdem dieses Wissen von der Zukunft ein absolut 
sicheres sein kann, ein wirksames und sicheres sein kann, auf das zu 
horen ist. Das ist so ungeheuer schwer zu verstehen. 

Ich mochte mich durch einen Vergleich klarmachen, denn Sie wer- 
den sagen : Das ist allerdings nicht zu verstehen. Auf der einen Seite 
behauptet er, Details schaden gerade dem Wissen von der Zukunft, 
und auf der andern Seite sagt er wiederum, man solle auf dieses 
Wissen von der Zukunft wohl hinhorchen, weil es Richtiges sagt von 
der Zukunft. - Ich mochte Ihnen dies klarmachen durch einen sehr 
einfachen, trivialen Vergleich: Es gibt schlechte Schachspieler und 
gute Schachspieler. Wenn einer vor dem Schachbrett sitzt und ein 
schlechter Schachspieler ist, so wird er eben schlechte Zuge machen, 
es wird nicht gehen, und er wird das Spiel verlieren. Ist er ein guter 
Schachspieler, so wird er mehr Chancen haben, und er wird das Spiel 
gewinnen. Der schlechte Schachspieler macht einfach das Falsche, 
der gute Schachspieler macht schon im gegebenen Augenblick das 
Richtige. Aber verwendet denn der gute Schachspieler seine Ge- 
danken darauf, im Detail auszumalen, was sein Partner spater fur 
Zuge macht? MuB er jetzt wissen, was sein Partner in zwei Stunden 



fur Ziige macht, wenn er ein guter Schachspieler ist? Nein, das muB 
er nicht wissen! Deshalb ist aber seine Kunst des richtigen, guten 
Schachspielens doch nicht wirkungslos : er wird fur die Zukunft das 
Richtige machen dadurch, daB er Einsicht hat in dasjenige, was die 
richtigen Ziige sind, und er wird falsche Ziige machen, wenn er nicht 
Einsicht hat in das, was die richtigen Ziige sind; aber er muB sich ja 
dem freien Willen des Partners aussetzen. Deshalb konnen Sie nicht 
sagen: Was hilft es einem denn, richtig Schach spielen zu konnen, 
wenn doch der Partner da ist? - Es hilft einem sehr viel, richtig 
Schach spielen zu konnen. Sie werden, wenn Sie den Vergleich ver- 
tiefen, schon das Richtige herausfinden, was ich meine. 

Aber dieser Vergleich wird Sie zu gleicher Zeit darauf hinweisen, 
wie richtig das ist, was jeder, der in solchen okkulten Dingen be- 
wandert ist, Ihnen sagen muB, daB in dem Augenblicke, wo man seine 
Impulse fur das Handeln hier in der physischen Welt aus der geistigen 
Welt herausholt, man zu gleicher Zeit darauf gefaBt sein muB, daB 
einem andere geistige Machte entgegentreten, daB man Partner hat, 
mit denen man rechnen muB, daB man nicht bloB ein freies Feld vor 
sich hat und nun alles ausfuhren kann. Das ist aber das Unbequeme. 
Machen Sie sich nur bekannt mit okkulten Impulsen, mit Impulsen, 
die aus der geistigen Welt herausgeholt worden sind, und versuchen 
Sie sie, ich will sagen, als Politiker zu realisieren: am liebsten mochten 
Sie dann haben, wenn Sie so recht ein Mensch der Gegenwart sind, 
daB dann alles wie von selbst geht, daB diese Dinge nur so einflieBen, 
daB Sie alles kommandieren konnen. Aber wenn Sie wirksame geistige 
Impulse haben, gerade okkulte geistige Impulse haben, die Sie in der 
physischen Welt anwenden wollen, so mussen Sie iiberall mit dem 
freien Willen nicht nur von Menschen hier, sondern von hoheren 
Wesen rechnen. Sie mussen also nicht unter den heutigen Verhalt- 
nissen darauf rechnen, ein freies Feld vor sich zu haben, sondern Sie 
mussen sich bekanntmachen damit, daB Sie in ein wohlbesetztes 
Feld hineinarbeiten. 

So handelt es sich darum, durch eine wirkliche Geisteswissenschaft 
zum Beispiel iiber den Charakter der sich im Osten vorbereitenden 
sechsten nachatlantischen Kulturperiode das Richtige zu wissen und 



im einzelnen Fall den richtigen okkulten Impuls auszufiihren, wie der 
Schachspieler nach MaBgabe des Zuges seines Partners seinen Zug 
ausfiihrt. Also es handelt sich wirklich darum, daB der Mensch sich 
einlebt in die geistige Welt und im individuellen einzelnen Fall das 
Richtige machen lernt. Nicht um einfach iibergreifende abstrakte 
Programme handelt es sich, sondern um eine Erhohung der geistigen, 
der spirituellen Vitalitat handelt es sich, um ein fortwahrendes Sich- 
Anstrengen handelt es sich. Die Menschheit will heute abstrakte 
Programme haben, mochte am liebsten in ftinf Satzen zusammen- 
schmieden, was man iiber die ganze Welt hin tun soil, indem man 
Abgeordnete bestimmt von alien Staaten der Erde, die dann zu einem 
Weltschiedsgericht zusammenkommen, und die dann abstimmen iiber 
alles, was auf der Erde zu geschehen hat nach einmal angenommener 
Norm. DaB gerade die Erkenntnis der geistigen Welt gefordert wird 
von den Menschen, ein fortwahrendes Sich-in-Verbindungsetzeri mit 
den geistigen Machten, das ist es, um was es sich handelt. 

Dieses aber ist mit etwas anderem verbunden: es ist damit ver- 
bunden, daB man eben mit den Partnermachten rechnen muB, daB 
man sich nicht auf seine bloBe eigene Macht verlassen kann, sondern 
daB man mit den Partnermachten rechnen muB. Von diesen Dingen 
ist der Machtgedanke als solcher ausgeschlossen. Daher werden aus 
der okkulten Welt herausgeholte Impulse richtig sein, das Richtige 
bewirken, aber niemals werden sie in den Dienst bloBer Machtfaktoren 
sich stellen konnen. Das geht nicht. 

Was muB man tun, wenn man sich in den Dienst bloBer Macht- 
faktoren stellen will? Dann muB man anderes tun; man muB ver- 
suchen, auf unrechte Weise ein Wissen von der Zukunft zu erlangen, 
wie ich es das letzte Mai geschildert habe, wie es getan wurde dadurch, 
daB man auf mediale Weise sich offenbaren laBt, was geschehen wird, 
von solchen, die man erst durch den Tod befordert hat, damit sie 
irdische Krafte noch beniitzen konnen. So haben denn gewisse okkulte 
Briiderschaften sich ein gewisses Stuck von Wissen verschafft iiber 
den Zusammenhang des Westens mit dem Osten, und es sind in vieler 
Beziehung Machinationen eingerichtet worden, die sich heute aus- 
leben im Sinne eines solchen Wissens. Ein solches Wissen namlich, 



das in den Dienst von Machtgeliisten gestellt wird, das will etwas 
ganz Besonderes. Das ehrliche, riehtige Sich-in-den-Besitz-Stellen 
von okkulten Impulsen setzt in Wirklichkeit nur dasjenige um, was 
den lebenden Menschen gegeniiber zu gleicher Zeit bei diesen Men- 
schen mit jedem einzelnen Angeloswesen rechnet. Man weiB, die 
Menschen, denen gegeniiber man die okkulten Impulse anwendet, 
ein jeder dieser Menschen, er stent als Seele mit der geistigen Welt in 
Beziehung, man betrachtet sie als lebendige Wesen. So hatte der 
Westen den Osten zu behandeln, daB er iiberall sich aussetzt der Mog- 
lichkeit, mit den lebendigen Partnern zu rechnen, mit den Engeln, 
welche die einzelnen Menschen beschutzen. Das ist unbequem! Dieser 
EinfluB, der soil weggeschafft werden durch ahrimanische Machte, 
damit bloB die Macht auf dieser Seite spielen kann. Das kann aber nur 
auf dem Wege bewirkt werden, daB man durch unrechtmaBige Mittel, 
wie ich es geschildert habe das letzte Mai, sich in den Besitz der 
Zukunftsimpulse setzt. Darum leidet unsere Zeit ungeheuer darunter, 
daB mitspielen in den Dingen, die geschehen, solche Impulse, die auf 
die angedeutete Weise gefunden worden sind. Alle Aufgabe des ehr- 
lichen Wahrheitssuchers besteht heute darinnen, erstens sich zu iiber- 
zeugen davon, daB solche Impulse da sind im schlechten Sinne, sich 
zu iiberzeugen davon, daB man zu einem richtigen Wirken in die 
Zukunft hinein nur kommt, indem man die richtigen Impulse findet, 
so wie man sie suchen kann auf ehrlich-geisteswissenschaftlichem 
Wege. 

Sehen Sie, meine lieben Freunde, kein einseitiger Dienst ist es, um 
den es sich handelt in der Geisteswissenschaft; es ist ein Dienst, der 
von den Lebenden und den Toten verrichtet wird. Es ist eine ernste 
Sache. Und es war mir Bedurfnis, gerade in dieser Zeit - da sich 
unsere Ziircher Freunde angeschickt haben einiges zu tun, um in 
geeignete Kreise unsere Geisteswissenschaft hineinzubringen - inner- 
halb unserer Gesellschaft hier von diesen ernsten Angelegenheiten 
geistiger Erkenntnis in der neueren Zeit zu sprechen. Dies ist ja, ich 
mochte sagen, auch schon innerhalb unserer Gesellschaft selbst zu 
bemerken, wie mancherlei widerstrebende Machte am Werke sind. 
Denken Sie nur, was betrieben wird - ich mochte sagen, ungefahr so 



lange auch als dieser Krieg dauert - an Verleumdungen, ail Verdachti- 
gungen des Wollens, das ich und einige andere entfalten. Auch in 
dieses spielen gegnerische Machte selbstverstandlich hinein. 

Das wird Ihnen auch aus der Art, wie wir in diesen Betrachtungen 
gesprochen haben, klar sein, daB unsere Zeit Erneuerung ihres Gei- 
steslebens braucht, daB unsere Zeit braucht ein Erwachen der Men- 
schen aus gewissen Schlafzustanden. Immer wieder begegnen wir ja 
den Menschen, die da glauben: Nun ja, wir haben Krieg, dann kommt 
der Friede, und damit ist es abgetan. - So sind die Dinge nicht. Das- 
jenige, was heute geschieht, sind bedeutsame Zeichen. Niemand kann 
sie verstehen, diese Zeichen, der sich nicht geisteswissenschaftlich 
vertiefen will. Und da diese Zeiten so ernst sind, da es immer wieder 
und wieder harter werden wird, selbst solch ein Kampf, wie ihn 
unsere Freunde zu kampfen haben, damit solche Veranstaltungen hier 
stattfinden konnen, mochte ich auch dieses Umstandes ganz besonders 
und in diesem Falle von mir aus sehr dankbar gedenken; dankbar 
gedenken auf der einen Seite aus der Gesinnung der Geisteswissen- 
schaft heraus ; dankbar, daB unsere Zurcher Freunde diesmal in einer 
so lieben und so eindringlichen Weise diesen Kampf gegen die un- 
giinstigen Verhaltnisse aufgenommen und keineMuhe gescheut haben, 
unter den ungiinstigsten Verhaltnissen Vortragsmoglichkeiten zu 
finden. So konnte die schone Absicht, die sich diese Zurcher Freunde 
gesetzt haben, eben realisiert werden auch in dieser Zeit, wo man 
unter den immer mehr und mehr hereinbrechenden Widerstanden der 
Zeit sehr schwer solche Veranstaltungsmoglichkeiten trifft. Ins- 
besondere dies mochte ich erwahnen, daB sich ja diese Schwierig- 
keiten immer mehr und mehr haufen werden. Und da wir fur die 
nachste Zukunft wohl daran zu denken haben, daB wir ausnutzen 
mussen die Zeit, die wir uns fur unsere Veranstaltungen noch er- 
kampfen konnen, mochte ich eben nicht unausgesprochen lassen 
diesen Dank an unsere lieben Zurcher Freunde, die sowohl fur die 
offentlichen wie fur diese Zweigvortrage mit groBer Muhe die Vor- 
tragsmoglichkeit geschaffen haben, Es wird ganz gewiB, wenn wir 
spater die Dinge iiberblicken, uns als etwas Bedeutsames erscheinen, 
daB wir gerade in dieser Zeit, in dieser in so tragische Weltereignisse 



hineinfallenden Zeit in der Art zusammensein konnten, in der Art 
miteinander sprechen konnten, wie wir es getan haben. 

So wollen wir denn im Sinne der geisteswissenschaftlichen Impulse 
auch weiterarbeiten und versuchen, dasjenige zu tun, was sich den 
schweren Zeitverhaltnissen abgewinnen laBt, in der Uberzeugung, die 
uns aus dem wahren Verstandnisse der Geisteswissenschaft werden 
kann, daB wir, so unbedeutend es auch ausschauen mag im groBen 
Strome der heutigen tragischen und verheerenden Ereignisse, damit 
etwas fur diese Zeit auBerordentlich Bedeutsames und Einschneiden- 
des tun. Die Dinge, die wir so tun konnen, die stromen hinein in den 
Strom des Geschehens. DaB sie hineinstromen, mag es auch heute 
noch nicht sehr sichtbar sein, das hat doch eine Bedeutung. Sind wir 
von diesem Gedanken durchdrungen, dann wird dieser Gedanke uns 
die Kraft geben, weiterzugehen, und er wird selbst in sich die Kraft 
haben, um in der richtigen Weise wiederum seine Strahlen aus- 
2usenden in die Zeit. Solche Gedanken muB die Zeit aufnehmen. 
Leben wir in dieser Uberzeugung wie in einer geistigen Atmosphare ! 
Werden kann sie uns aus der Geisteswissenschaft, wenn wir diese 
Geisteswissenschaft richtig verstehen. 

In diesem Sinne bleiben wir ferner zusammen, meine liebenFreunde. 



UBER DIE PSYCHOANALYSE 



Dornach, 10. November 1917 
Erster Vortrag 

Gelegentlich der Vortrage, die ich jetzt in Zurich zu halten habe, trat 
mir emeut wiederum entgegen, daB man kaum mit dem geistigen 
Leben dieser Stadt in Beruhrung kommen kann in weiterem Um- 
fange, ohne daB man den Blick hinlenkt auf dasjenige, was jetzt ge- 
nannt wird die analytische Psychologie oder Psychoanalyse. Ver- 
schiedene Erwagungen, die sich an dieses Apercu kniipfen, ver- 
anlassen mich heute, dasjenige, was ich vorzubringen habe, einzuleiten 
mit einem kurzen Hinweis auf mancherlei gerade aus der analytischen 
Psychologie, aus der Psychoanalyse. Wir werden daran dann andere 
Bemerkungen zu kniipfen haben. Aber wir haben es ja gesehen, wie 
bedeutungsvoll es doch gerade fur den anthroposophisch orientierten 
Geisteswissenschafter ist, seine Betrachtungen an dasjenige anzukniip- 
fen, was die Zeit darbietet, was die Zeit bewegt. Man kann sagen, 
daB sich heute zur Psychoanalyse auch hingezogen fuhlen allerlei 
Leute, welche ernsthaftig suchen nach den geistigen Untergriinden 
des Daseins, nach den seelischen Innerlichkeiten des Menschen, und 
daB es schon in gewissem Sinne einer Charaktereigentumlichkeit 
unserer Zeitepoche entspricht, daB eine Reihe unserer Zeitgenossen 
aufmerksam wird gerade auf ganz bestimmte, eigentiimlich geartete 
Krafte in der menschlichen Seele. Und zu denjenigen, die einfach 
heute durch die Impulse der Zeit, ich mochte sagen, mit der Nase 
gestoBen werden auf gewisse Erscheinungen des Seelenlebens, zu 
denen gehoren die Psychoanalytiker. 

Es ist ganz besonders wichtig auch, nicht ganz unaufmerksam zu 
sein auf diese Bewegung aus dem Grunde, weil die Ereignisse, auf 
welche diese Bewegung losgeht, einmal da sind, und weil sie in 
unserer Zeit - aus verschiedenen Griinden, die wir ja auch noch 
besprechen konnen - den Menschen ganz besonders vor das Seelen- 
auge treten. Der Mensch muB heute aufmerksam werden auf der- 
gleichen Erscheinungen. 



Auf der andern Seite liegt das vor, daB die Menschen, die sich mit 
diesen Dingen befassen, heute die Ef kenntnismittel entbehren, diese 
Dinge zu besprechen, diese Dinge vor alien Dingen zu verstehen. So 
daB man sagen kann : Psychoanalyse ist in unserer Zeit eine Erschei- 
nung, welche die Menschen notigt, aufmerksam zu werden auf ge- 
wisse Seelenvorgange ; auf der andern Seite aber veranlaBt sie die 
Menschen, solche Seelenerscheinungen mit, ich mochte sagen, un- 
zulanglichen Erkenntnismitteln zu betrachten. Und das ist ganz be- 
sonders bedeutsam, weil diese Betrachtung mit unzulanglichen Er- 
kenntnismitteln einer Sache, die ganz augenscheinlich da ist und die 
menschliche Erkenntnis in der Gegenwart herausfordert, zu den 
mannigfaltigsten schweren Verirrungen fiihrt und nicht ungefahrlich 
ist fur das soziale Leben, fur die Fortentwickelung der Erkenntnis 
und den EinfluB dieser Fortentwickelung der Erkenntnis auf das 
soziale Leben. 

Man kann schon sagen: Viertelswahrheiten konnen unter Um- 
standen schadlicher sein als ganze Irrtiimer. Und als eine Art von 
Viertelswahrheiten miissen schon die Dinge betrachtet werden, 
welche bei den psychoanalytischen Theoretikern heute zutage treten. 

Wollen wir einmal einiges sozusagen aus dem Forschungsmagazin 
der Psychoanalytiker uns versuchen vor die Seele zu fuhren. Aus- 
gegangen ist ja das, was man heute Psychoanalyse nennt, von einem 
Krankheitsfall, den ein Wiener Arzt, ein Wiener Internist, Dr. Breuer, 
beobachtet hatte schon in den achtziger Jahren. Dr. Breuer, den ich 
selbst kannte, war ein auBerordentKch feingeistiger Mensch neben 
dem, daB er Arzt war. Er war interessiert fur alle moglichen astheti- 
schen und allgemein menschlichen Fragen in wirklich hohem MaBe. 
Nun, bei seiner intimen Art, mit der er einging auf Krankheitsfalle, 
war ihm begreif licherweise ein Krankheitsfall, den er in den achtziger 
Jahren hatte, ganz besonders interessant. - Er hatte eine Dame zu 
behandeln, welche anscheinend unter schweren hysterischen Erschei- 
nungen litt. Diese bestanden darin, daB die Dame eine einseitige 
Armlahmung hatte zuweilen, daB sie Dammerzustande hatte, Herab- 
dammerung des BewuBtseins, Schlaftrunkenheit in sehr bedeutsamer, 
tiefer Form, und auBerdem, daB sie ihre Sprache vergessen hatte, die 



sie sonst als ihre Umgangssprache hatte. Sie hatte immer deutsch 
sprechen konnen, das war auch ihre Sprache; aber sie konnte unter 
dem EinfluB ihrer hysterischen Krankheit nicht mehr deutsch spre- 
chen, sie konnte nur noch englisch sprechen, verstand nur noch 
englisch. 

Nun bemerkte Breuer, wenn die Dame in ihrem Dammerzustande 
war, dann konnte man sie durch eine intimere arztliche Behandlung 
veranlassen, die Rede zu bringen auf eine bestimmte Szene, die sie 
erlebt hatte, ein sehr schweres Erlebnis. Nun will ich Ihnen aus der 
Darstellung dieses Falles, die von der Breuerschen Schule gegeben 
worden ist, anschaulich machen, wie die Dame aus ihrem Dammer- 
zustand heraus, teilweise auch unter kiinstlich herbeigefuhrten Dam- 
merzustanden - Breuer konnte gut den Menschen in Hypnose ver- 
setzen veranlaBt wurde, etwas von diesen Erlebnissen zu sagen. 
Und dadurch bekam man die Vorstellung, daB diese Hysterie, von 
der sie befallen war, zusammenhing mit einem ganz bestimmten 
Krankheitsfall, den sie mit ihrem Vater vor langer Zeit durch- 
gemacht hatte. Der Vater war krank, und sie beteiligte sich in ganz 
wesentlicher Weise an der Krankenpflege und hatte einmal ein Er- 
lebnis bei dieser Krankenpflege. Auf dieses Erlebnis kam sie immer 
wieder zu sprechen und eine Darstellung, die sie gab bei solcher 
Gelegenheit, wie ich sie eben charakterisiert habe, ist die folgende: 
« Einmal wachte sie nachts in groBer Angst um den hochfiebernden 
Kranken und in Spannung, weil von Wien ein Chirurg zur Operation 
erwartet wurde. Die Mutter hatte sich fur einige Zeit entfernt, und 
Anna (die Patientin) saB am Krankenbett, den rechten Arm iiber die 
Stuhllehne gelegt. Sie geriet in einen Zustand von Wach-Traumen 
und sah, wie von der Wand her eine schwarze Schlange sich dem 
Kranken naherte, um inn zu beiBen. » 

Dem Menschen der Gegenwart schlagt immer der Materialismus 
etwas ins Genick; und so finden wir in diesem Krankheitsbericht 
auch die folgende Bemerkung, auf die nicht weiter etwas zu geben ist : 
«(Es ist sehr wahrscheinlich, daB auf der Wiese hinter dem Hause 
wirklich einige Schlangen vorkamen, iiber die das Madchen schon 
friiher erschrocken war, und die nun das Material der Halluzination 



abgaben.)» Also das ist nur eine Zwischenbemerkung, auf die Sie 
mehr oder weniger geben mogen oder nicht; das ist ja gleichgultig. 
Also die Schlange kam aus der Wand heraus und wollte den Vater 
beiBen - so stellte sie sich vor. «Sie wollte das Tier abwehren, war 
aber wie gelahmt; der rechte Arm, iiber die Stuhllehne hangend, war 
<eingeschlafen>, anasthetisch und paretisch geworden, und als sie ihn 
betrachtete, verwandelten sich die Finger in kleine Schlangen mit 
Totenkopfen. » Das war also alles am Krankenbette des Vaters. 
«Wahrscheinlich machte sie Versuche, die Schlange mit der gelahmten 
rechten Hand zu verjagen, und dadurch trat die Anasthesie und Lah- 
mung derselben in Assoziation mit der Schlangenrialluzination. Als 
diese verschwunden war, wollte sie in ihrer Angst beten, aber jede 
Sprache versagte, sie konnte in keiner sprechen, bis sie endlich einen 
englischen Kindervers fand und nun auch in dieser Sprache fort- 
denken und beten konnte. » 

Von diesem Ereignis ist diese ganze Krankheit ausgegangen. Von 
diesem Ereignisse blieb also eine einseitige Handlahmung, Dammer- 
zustande und die Unfahigkeit, sich in einer andern als in der eng- 
lischen Sprache auszudriicken. 

Nun bemerkte Dr. Breuer, daB immer eine Erleichterung des Zu- 
standes dann eintrat, wenn er sie erzahlen lieB, und darauf griindete 
er seinen Heilplan. Er versuchte nach und nach den ganzen Tat- 
bestand herauszubekommen, indem er die Kranke hypnotisierte, und 
es gelang ihm dadurch wirklich, eine wesentliche Besserung des Zu- 
standes herbeizufiihren, so daB die Kranke die Sache gewissermaBen 
los wurde, indem sie sie von sich gab und einem andern mitteilte. 

Breuer und sein Mitarbeiter, Freud in Wien, die dazumal begreif- 
licherweise aus der Zeitgeschichte heraus unter dem EinfluB der 
Charcotschen Schule in Paris standen, hatten es zunachst dem zu- 
geschrieben, was man ein seelisches Trauma, eine seelische Verwun- 
dung nennen konnte, « nervous shock », wie es in England genannt 
wurde. Der seelische Schock sollte also in diesem Erlebnis am 
Krankenbett bestanden haben und so ahnlich gewirkt haben auf die 
Seele wie eine physische Verwundung auf den Leib. 

Von vornherein - das muB bemerkt werden - hat Breuer die ganze 



Sache als eine seelische Krankheit aufgefaBt, hat sie also als eine 
interne Angelegenheit betrachtet. Er war iiberzeugt, daB anatomische 
oder physiologische Veranderungen nicht nachweisbar gewesen 
waren, also zum Beispiel nicht irgendwie eine Veranderung zugrunde 
gelegen hatte in jenen Nerven, welche von der Hand nach dem Gehirn 
gehen oder dergleichen. Davon war er von vornherein iiberzeugt, daB 
er es mit einer innerlich psychischen Tatsache zu tun hatte. Man war 
in den ersten Zeiten geneigt, die Sache so zu betrachten, daB man sich 
sagte: Solche Dinge konnen eintreten dutch seelische Verwundung, 
Traumata, Schocks und dergleichen. - Bald aber nahm die Sache 
dadurch, daB sich insbesondere Dr. Freud damit beschaftigte - mit 
dessen weiterem Verfolgen der Sache Dr. Breuer keineswegs etwa 
vollig einverstanden war -, einen etwas andern Charakter an, und 
zwar dadurch, daB sich Freud sagte: Mit dem seelischen Schock, mit 
der seelischen Verwundung die Sache zu erklaren, geht doch nicht an ; 
man kommt damit nicht aus. - Auch Breuer war davon iiberzeugt, 
daB man damit nicht auskomme, wenn man bloB von der seelischen 
Verwundung spricht. - Ich bemerke in Parenthese, daB Dr. Breuer 
ein vielbeschaftigter praktischer Arzt war, wissenschaftlich griindlich 
durchgebildet, ein ausgezeichneter Schiller von Nothnagel war, der 
nur durch auBere Umstande nicht Professor geworden ist. Man kann, 
wenn man solche Dinge iiberhaupt hypothetisch aussprechen will, 
des Glaubens sein, daB, wenn Breuer eine Professur bekommen hatte 
und die Sache hatte verfolgen konnen, wahrend er einer der viel- 
beschaftigtsten Internisten von Wien war und also wissenschaftlich 
sich wenig damit befassen konnte, so wiirde sie vielleicht ganz andere 
Gestalten bekommen haben! - Nun beschaftigte sich vorzugsweise 
Dr. Freud mit der Sache. Er sagte sich, mit dem bloBen Trauma, mit 
der Seelenverwundung kommen wir nicht aus; es handelt sich darum, 
nachzuforschen, unter welchen Bedingungen eine solche — man kann 
sie ja so nennen - Seelenverwundung wirkt. Denn nicht wahr, mit 
Recht sagte man sich: Das Madchen saB am Krankenbett des Vaters, 
aber viele Menschen sitzen am Krankenbett, die ganz gewiB ebenso 
tiefe Eindriicke haben, denen passiert solch eine Sache nicht. - Der 
unwissenschaftliche Laie ist ja in solch einem Fall sehr bald fertig mit 



einer auBerordentlich tiefsinnigen Erklarung; er sagt: Nun ja, der 
eine hat die Disposition, der andere hat die Disposition nicht. - Nun 
also, nicht wahr, sehr tiefsinnig zwar, aber das Albemste, was man 
aussprechen kann. Denn wenn man die Dinge, die da sind in der 
Welt, alle als Dispositionen erklart, so kann man eben leicht Erkla- 
rungen fur alles finden, denn man braucht dann nur zu sagen: Es ist 
eben die Disposition zu etwas da. 

Also mit solchen Dingen wollten sich natiirlich die Menschen, die 
immerhin ernsthaft dachten, nicht befassen, und so suchte man nach 
den Bedingungen der Sache. Auf solche Bedingungen glaubte nun 
Freud durch Falle zu kommen, wie etwa der folgende ist. Sie finden 
unzahlige solche Falle in der Literatur der Psychoanalytiker heute 
schon verzeichnet, und man kann sagen, daB wirklich ungeheuerstes 
Material zusammengetragen ist, um auf dies oder jenes auf diesem 
Gebiete zu kommen. Also ein Fall, den Psychoanalytiker verzeichnen, 
ist etwa der folgende. Ich will ihn so erzahlen, wie er am verstandlich- 
sten sein kann. Es handelt sich ja dabei durchaus nicht um eine 
absolute historische Genauigkeit fur uns. 

Eine Dame war mit andern Gasten in einer Abendgesellschaft. In 
dieser Abendgesellschaft feierte man das Abschiedsfest fur die Frau 
des Hauses, welche nervos geworden war und einen auslandischen 
Kurort aufsuchen muBte. Sie sollte an dem Abend abreisen. Man 
feierte das Abschiedsfest. Als man auseinandergegangen war, die 
Dame des Hauses abgereist war, da ging die Dame, um die es sich 
handelt, deren Fall eben gerade beschrieben werden soil, mit einigen 
andern Gasten, die aus dem Souper kamen - wie man sagt -, auf der 
StraBe zusammen, da kam, von hinterriicks her um die Ecke gebogen, 
in die StraBe einbiegend eine Pferdedroschke sehr rasch gefahren. 
Wie man das in Stadten, wenn man nach Hause geht, ofter macht - 
ich weiB nicht, ob Sie diese Erfahrung gemacht haben man geht 
dann nicht auf dem Seitentrottoir, sondern haufig mitten auf der 
StraBe. Als nun der Wagen hinten heransauste, da liefen die Leute, 
die von dem Souper kamen, nach rechts und links aufs Trottoir. Nur 
die Dame, um die es sich handelt, die lief nicht aufs Trottoir, sondern 
lief vor dem Wagen fort, vor den Pferden davon auf der StraBe weiter, 



und sie war trotz des Fluchens und Schimpfens des Kutschers - 
Kutscher tun dies in diesem Falie - nicht davon abzubringen, vor 
dem Wagen herzusausen. So lange rannte sie vor dem Wagen her, 
trotz des Knallens mit der Peitsche, bis sie an eine Briicke kam, und 
da wollte sie sich ins Wasser stiirzen, aus Furcht, uberfahren zu wer- 
den. Sie wurde von Passanten gerettet, zu ihrer Gesellschaft zuriick- 
gebracht und wurde auf diese Weise vor einem groBen Unfall bewahrt. 

Nun, diese Erscheinung hangt naturlich zusammen mit dem ganzen 
Befinden der betreffenden Dame. Es ist eine ausgesprochen hyste- 
rische Sache, wenn man vor den Pferden davonlauft, statt aufs Trot- 
toir abzubiegen. Nun handelte es sich darum, nach den Ursachen einer 
solchen Angelegenheit zu forschen. Da kam Freud zunachst darauf, 
weil er in diesem Falle wie in andern Fallen bestrebt war, gewisse 
Teile der Ursachen im riickgelegenen Leben zu suchen, also in dem 
Leben, welches der Betreffende als Kind oder uberhaupt friiher 
durchgemacht hatte. Wenn da etwas aufgetreten ist, was gewisser- 
maBen seelisch nicht ganz verarbeitet ist, so kann es eine Impuls- 
anlage zuriicklassen, und die kann dann spater ausgelost werden durch 
irgendwelche schockierenden Ereignisse. 

In der Tat fand sich auch leicht ein solches Erlebnis in der Kindheit 
der betreffenden Dame. Sie war als Kind in einer Kutsche gefahren 
und da passierte es, daB die Pferde scheu wurden und durchgingen 
und gerade losstiirmten auf das Ufer des Flusses. Der Kutscher sprang 
ab, forderte auch das Kind auf, abzuspringen; im letzten Augenblicke 
sprang es noch ab, der Wagen mit den Pferden sauste in den FluB 
hinein, und die Pferde waren mit dem Wagen zugrunde gegangen. 
Also das schockierende Ereignis war da. Eine gewisse Assoziation 
zwischen Pferd und Pferd war auch wiederum da. Im Augenblicke, 
wo die Dame ihre Gefahr den Pferden gegenuber sah, verlor sie den 
Halt, das BewuBtsein, und rannte vor dem Wagen her, statt aus- 
zuweichen, unter dem EinfluB, der Nachwirkung des infantilen Erleb- 
nisses. Aber wiederum, Sie konnen daraus sehen, daB bei den Psycho- 
analytikern schon eine wissenschaftliche Methodik zu finden ist, so 
wie man heute Wissenschaft treibt, das haben die Psychoanalytiker 
schon - aber nicht wahr, es gibt naturlich sehr viele Menschen, denen 



in der Jugend so etwas passiert und die dennoch nicht dasselbe 
machen werden, davonlaufen vor den Pferden, wenn auch Pferd mit 
Pferd sich assoziiert. Also es muB zu der einen Sache noch etwas 
hinzukommen, wenn eine solche Veranlagung eintreten soli, daB man 
vor Pferden davonlauft, statt auszuweichen. 

Da forschte Freud weiter nach. Und in der Tat, es fand sich gerade 
in diesem Fall ein sehr interessanter Zusammenhang. Dieser Zu- 
sammenhang bestand in folgendem: die betreffende Dame, die also 
vor den Pferden davongerannt war, war in Verlobung stehend mit 
einem Herrn. Aber sie liebte zwei; den Herrn, mit dem sie in Ver- 
lobung stand - sie war vollkommen iiberzeugt, daB sie den mehr 
liebte als den andern aber sie liebte auch den andern. Dariiber war 
sie sich nicht ganz klar, aber so halb und halb. Der andere aber, das 
war der Mann ihrer besten Freundin, und diese Freundin war die 
Hausfrau, deren Abschiedssouper gefeiert worden war an jenem 
Abend. Also die Hausfrau, die etwas nervos war, reiste ab; die 
Freundin war mit beim Abschiedssouper, war weggegangen mit den 
andern Gasten, rannte vor den Pferden davon, und als man nach- 
forschte, erfuhr man, daB allerdings friiher bedeutungsvolle Zu- 
sammenhange zwischen dem andern Herrn, also dem Mann ihrer 
besten Freundin, und dieser Dame bestanden haben. Das Liebes- 
verhaltnis hatte immerhin einige, nun, sagen wir, einige Dimensionen 
angenommen. Und nun hingen diese Dimensionen auch sogar etwas 
zusammen mit der Nervositat der Freundin, wie Sie sich ja auch 
denken konnen. Kurz und gut, also nichts ahnend - nach ihrer eigenen 
Meinung - ging diese Dame mit den librigen Gasten weg, rannte 
auf der StraBe vor den Pferden davon, wurde gerettet, die Gaste 
brachten sie zuriick, es war unter den gegebenen Verhaltnissen das 
Selbstverstandliche, in das Haus, woher sie eben gekommen waren, 
wo sie das Abschiedssouper gegessen hatten. Und nun forschte der 
Arzt dem ganzen Krankheitsfall nach. Er brachte es in der Tat dahin, 
daB ihm die Dame die Sache erzahlte. Aber hier stockte sie, und nur 
mit Miihe konnte er sie veranlassen, den weiteren Fortgang zu er- 
zahlen. Da kam denn heraus, daB in der Tat - wir wissen ja, eben war 
die Frau abgefahren, der Mann war allein zu Hause - der Mann in 



dieser Situation, nachdem sie wieder zu sich gekommen und normal 
war, ihr eine Liebeserklarung gemacht hat. Also sehen Sie, eine sehr 
merkwurdige Sache. 

Andern Fallen ahnlicher Art ist nun Dr. Freud nachgegangen und 
nach seinen Forschungen hat sich ihm ergeben, daB solche Dinge 
immer nur dann eintreten, wenn irgendwie eine Liebe im Spiel ist, 
wenn irgend etwas von Liebe dabei im Spiel ist, wenn dabei irgend 
etwas unter der Decke des BewuBtseins schlummert von irgend- 
welchen Liebesdingen. Freud war zu der Oberzeugung gekommen, 
wenn man bei solchen Hysterischen, welche, wie man fruher geglaubt 
hat, durch seelische Verwundungen in ihre Lage gekommen sind, 
wenn man in ihrem Leben nachforscht, kann man finden, mogen was 
immer fur Verhaltnisse vorliegen, es konnen mancherlei Konstella- 
tionen da sein, aber von irgendeiner Seite her muB die Liebe ihr 
Spiel treiben. Wohlgemerkt, es braucht eben, und das sind die charak- 
teristischsten Falle, die bedeutungsvollsten, es braucht diese Liebes- 
geschichte dem betreffenden Patienten durchaus nicht zum BewuBt- 
sein gekommen zu sein. 

Nun, so war dasjenige fertig, was Freud seine Neurosetheorie, seine 
Sexualtheorie nannte. Er fand in alien solchen Fallen, daB das Sexuelle 
in die Sache hineinspielt. Sehen Sie, diese Dinge sind naturlich auBer- 
ordentlich verfiihrerisch. Erstens besteht in der Gegenwart iiberhaupt 
die Neigung, iiberall, wo man irgend etwas Menschliches erklaren 
will, das Sexuelle zu Hilfe zu rufen. Daher braucht es uns nicht zu 
verwundern, daB ein Arzt, der in so und so vielen Fallen bei hysteri- 
schen Krankheitsformen die Liebe mit im Spiel findet, eine solche 
Theorie aufstellt. 

Auf der andern Seite ist gerade dies der Punkt, wo, weil die analy- 
tische Psychologie ein Erkenntnisversuch ist mit unzulanglichen Mit- 
teln, die denkbar groBtmogliche Gefahr beginnt. Deshalb wird die 
Sache so gefahrlich, weil, ich mochte sagen, diese Erkenntnissehn- 
sucht so ungeheuer verfiihrerisch ist; verfiihrerisch durch die Zeit- 
umstande, dann aber auch dadurch, daB wirklich immer nachweisbar 
das sexuelle Verhaltnis irgendeine Rolle spielt. Nun, der Psycho- 
analytiker Jung, der das Buch geschrieben hat «Die Psychologie der 



unbewufiten Prozesse», Professor Jung in Zurich ist nun nicht der 
Meinung, daB man auskomme mit der Freudschen Sexualtheorie, 
Neurosetheorie, sondern er ist einer andern Meinung. 

Jung hat bemerkt, daB Freud auch seine Gegner hat. Unter diesen 
Gegnern Freuds ist auch ein gewisser Adler. Dieser Adler steht auf 
einem ganz andern Standpunkte. Wie Freud eine groBe Anzahl von 
Fallen gepriift hat - Sie konnen das alles bei Jung in seinem Buche 
nachlesen - und uberall das Sexuelle hineinspielen gesehen hat und 
daher die Induktion, den SchluB gezogen hat: Also ist eigentlich das 
Sexuelle die auslosende Ursache -, so hat sich Adler eine andere Seite 
der Sache besonders angesehen und hat gefunden, daB diese andere 
Seite wesentlich wichtiger sei als diejenige, die Freud in den Vorder- 
grund gestellt hat. Adler - ich will im allgemeinen nur charakteri- 
sieren - fand, daB, ebenso wie das Sexuelle im Menschen eine sehr 
dominierende Rolle spielt, noch ein anderer Trieb eine sehr dominie- 
rende Rolle spielt, das ist der Trieb : Macht zu bekommen iiber seine 
Umgebung, der Machttrieb. Wille zur Macht sollte ja bei Nietzsche 
sogar ein philosophisches Prinzip sein. Und man kann, geradeso wie 
Freud das Sexuelle zur Theorie gemacht hat, auch fur den Machttrieb 
unzahlige Falle zusammenstellen. Man braucht nur Hysterische ein- 
mal zu analysieren, die Falle sind gar nicht so selten. Nehmen Sie an, 
eine Dame sei hysterisch; sie bekommt Krampfe - besonders Herz- 
krampfe sind in einem solchen Falle sehr beliebt - und alle moglichen 
Zustande. Das Haus wird in Bewegung gesetzt, die ganze Umgebung, 
alles Mogliche; die Arzte werden herbeigeschafft, die Kranke wird 
ungeheuer bedauert. Kurz, sie iibt eine tyrannische Macht iiber die 
Umgebung aus. Ein vernunftiger Mensch weiB in einem solchen Fall, 
daB einem solchen Menschen meist gar nichts fehlt in Wirklichkeit, 
obwohl sie durchaus ihres krankhaften Zustandes sich bewuBt sind 
und darunter leiden. Aber es fehlt ihnen in Wirklichkeit nichts, sie 
sind eigentlich gesund, und sind auch krank, wenn Sie wollen. Man 
kann sie fur gesund und als krank auffassen. Sie fallen gewiB hin, 
indem sie ohnmachtig werden im Herzkrampf; aber sie fallen in der 
Regel auf den Teppich, und nicht daneben! Man kann diese Dinge 
sehr gut beobachten. 



Dieses nun, was ins UnbewuBte hinunterdrangt, was Machttrieb 
ist, das fiihrt insbesondere leicht zu hysterischen Zustanden. Adler hat 
vorzugsweise versucht, die Falle, die ihm zu Gebote standen, nun 
nach diesem Machttrieb zu untersuchen, hat wiederum gefunden, daB 
iiberall, wo hysterische Falle auftreten, irgendwie etwas nachgewiesen 
werden kann, daB der Machttrieb in irgendeiner Weise aufgestachelt 
worden ist und ins Krankhafte verzerrt worden ist. Jung sagt sich: 
Nun ja, schlieBlich kann man dem Adler nicht Unrecht geben; das, 
was er beobachtet hat, ist da. Man kann dem Freud nicht Unrecht 
geben; das, was er beobachtet hat, ist da. Also wird es halt mal so, 
mal so sein. 

Das ist auch ganz vernunftig, es wird schon bald so, bald so sein. 
Aber nun baut Jung eine besondere Theorie darauf auf. Diese Theorie 
ist nicht uninteressant, wenn man sie nicht bloB abstrakt als Theorie 
nimmt, sondern wenn man sie so betrachtet, daB man in ihr zugleich 
ein Wirken von Zeitimpulsen sieht, von dem, was in die Zeit herein- 
spielt, namentlich von dem Erkenntnisohnmachtigen, mochte ich 
sagen, unserer Zeit, von den Erkenntnisunzulanglichkeiten. Jung 
sagt: Es gibt iiberhaupt zwei Menschentypen, zweierlei Menschen. 
Bei dem einen Menschentypus ist mehr das Fiihlen ausgebildet, bei 
dem andern mehr das Denken. 

Nun, es hat also wiederum einmal ein groBer Gelehrter eine epoche- 
machende Entdeckung gemacht, die eigentlich jeder vernunftige 
Mensch in seiner nachsten Umgebung als auf der StraBe liegend 
immer machen kann; denn daB man die Menschen in Gefiihlsmen- 
schen und in Gedankenmenschen einteilen kann, liegt ja so ziemlich 
auf der Hand. Aber Gelehrsamkeit hat noch eine andere Aufgabe; sie 
muB die Dinge nicht so laienhaft betrachten, dadurch, daB sie etwa 
sagt: Unter den Menschen unserer Umgebung sind zwei Typen, Ge- 
fuhlsmenschen und Verstandesmenschen -, sondern Gelehrsamkeit 
muB etwas anderes noch machen. Gelehrsamkeit sagt in einem solchen 
Falle, der, der sich einfuhlt, begibt sich gewissermaBen aus sich selbst 
heraus zur Objektivitat; der andere zieht sich gewissermaBen vom 
Objekt zuruck oder halt davor an und denkt dariiber. Der erste heiBt 
der extravertierte Typus, der andere heiBt der introvertierte Typus. 



Der erste ware also der Gefuhlsmensch, der 2weite der Verstandes- 
mensch. Also nicht wahr, es ist eine gelehrte Einteilung gemacht, 
scharfsinnig, geistreich, wirklich entsprechend bis zu einem gewissen 
Grade, das ist nicht abzuleugnen. 

Nun sagt Jung weiter: Beim extravertierten Typus - also dem- 
jenigen, wo der Mensch vorzugsweise in Gefuhlen lebt -, bei dem 
bleiben sehr haufig die Verstandesbegriffe im UnterbewuBten stecken; 
er lebt in Gefuhlen, aber im UnterbewuBten bleiben die Verstandes- 
begriffe stecken. Und jetzt kommt er in Kollision mit dem, was er in 
seinem BewuBtsein hat, und dem, was da unten im UnterbewuBten 
herumwimmelt als Verstandesbegriffe. Aus dieser Kollision konnen 
allerlei Zustande herkommen. Diese Zustande werden vorzugsweise 
bei solchen Menschen eintreten, welche gefiihlsmaBige Anlagen haben. 

Dagegen bei den andern, die mehr sich mit dem Geist beschaftigen, 
bei den Verstandesmenschen, bleiben die Gefiihle im Untergrunde 
und drangen im UnterbewuBten, wimmeln im UnterbewuBten und 
kommen in Kollision mit dem bewuBten Leben. Das bewuBte Leben 
kann sich nicht erklaren, was da eigentlich an es heranschlagt. Es sind 
die UnterbewuBten Gefuhle. Und aus dem Umstande, daB der Mensch 
eigentlich nie vollstandig ist, sondern einmal der Typus, einmal jener 
Typus ist, konnen solche Zustande entstehen, daB das UnterbewuBte 
revoltiert gegen das BewuBte. Und das kann eben sehr haufig zu 
hysterischen Zustanden fuhren. 

Nun, nicht wahr, man kann sagen, die Theorie Jungs ist ja eigent- 
lich nichts als eine Umschreibung, wie gesagt des trivialen Urteils von 
dem Gefuhlsmenschen und dem Verstandesmenschen, und es ist keine 
besondere Vertiefung des Tatbestandes. Aber aus alledem mussen Sie 
ersehen, daB immerhin die Menschen der Gegenwart aufmerksam 
werden auf allerlei seelische EigentumHchkeiten, daB ihnen diese see- 
lischen Eigentumlichkeiten vor das Geistesauge treten und sie sich 
damit befassen, daB sie fragen: Was geht vor in einem Menschen, in 
dem solche Dinge auftreten? - Immerhin, die Leute sind so weit, sich 
zu sagen : Physiologische, anatomische Veranderungen sind es nicht. - 
Uber den bloBen Materialismus sind die Leute doch hinaus; den 
bloBen Materialismus geben sie nicht zu; sie reden vom Seelischen. 



Also immerhin sicher ein Weg, auf dem die Leute suchen, aus dem 
bloBen Materialismus herauszukommen und das Seelische ins Auge 
zu fassen. 

Nun ist es aber hochst eigentumlich, wie, wenn man naher zusieht, 
die Erkenntnisunzulanglichkeken eigentumlich wirken, wie wirklich 
der Erkenntnisversuch mit unzulanglichen Mitteln die Leute in merk- 
wurdige Bahnen hineinfiihrt. Nur muB ich ausdriicklich bemerken, 
die Menschen sehen nicht, in was sie hineingetrieben werden, und ihre 
Anhanger und Leser und Zeitgenossen sehen es auch nicht. Die 
Sache wird, wenn man sie richtig betrachtet, wirklich eine sehr ge- 
fahrliche Seite haben, well so vieles nicht gesehen wird dabei, also 
selbst im UnterbewuBten rumort bei den Leuten. Es ist ganz eigen- 
tumlich, die Theorien selbst rumoren im UnterbewuBten. Die Leute 
stellen eine Theorie uber das UnterbewuBte auf, aber sie rumoren 
selber mit ihrer Theorie im UnterbewuBten. 

Jung betreibt die Sache als Arzt, und das ist ja im Grunde bedeut- 
sam, daB man die Patienten seelisch-therapeutisch behandelt von die- 
sem Gesichtspunkte aus. Zahlreiche Menschen arbeiten daran, die 
Sache uberzufuhren in die Padagogik, sie padagogisch anzuwenden. 
Also wir sehen schon, wir stehen hier nicht vor einer eingeschrankten 
Theorie, sondern vor dem Versuche, etwas zu einer Kulturerschei- 
nung zu machen. Es ist sehr interessant, wie also jemand, der als 
Arzt die Sache behandelt wie Jung, wie der, indem er allerlei Falle 
wiederum bepbachtete, behandelte auch, sogar scheinbar auch wirk- 
lich kurierte, wie der immer weiter und weiter getrieben wird. Und 
so wird Jung zu folgendem getrieben. Er sagt sich: Man muB also, 
wenn man solche abnormen Erscheinungen im Seelenleben eines 
Menschen findet, in diesem Seelenleben des Menschen weitersuchen, 
vor alien Dingen suchen, inwiefern infantile, kindliche Ereignisse auf 
das Seelenleben des Menschen einen Eindruck gemacht haben und 
nachwirken. - Das ist ja etwas, was man insbesondere auf diesem 
Gebiete sucht: infantile Nachwirkungen, Nachwirkungen aus der 
Kindheitszeit. Ich habe Ihnen ja das Beispiel angefiihrt, das in der 
psychoanalytischen Literatur eine groBe Rolle spielt. 

Nun kommt aber Jung darauf, daB bei den wirklichen Krankheits- 



fallen sehr zahlr eich diejenigen sind, wo es sich nicht nachweisen laBt, 
da6 der Mensch als Individuum irgend etwas hat, wenn man auch bis 
in die fruheste Kindheit zuriickgeht. Wenn man alles, mit dem der 
Mensch in Beriihrung gekommen ist, ins Auge faBt - man findet den 
Konflikt im Individuum Mensch, das man vor sich hat, nicht, woraus 
sich die Sache erklaren HeBe. Dadurch kommt Jung zu einer Unter- 
scheidung von zwei UnbewuBten: erstens das individuelle Un- 
bewuBte, das also im Menschen drinnensteckt, wenn auch nicht im 
BewuBtsein. Nicht wahr, wenn die junge Dame in der Kindheit aus 
dem Wagen gesprungen ist und einen Schock bekommen hat, so ist 
das langst entschwunden, ist nicht mehr im BewuBtsein, sondern es 
wirkt unterbewuBt. Wenn man nun dieses UnbewuBte nimmt - der 
Mensch hat unzahliges UnbewuBte in sich -, so bekommt man das 
personliche oder individuelle UnbewuBte. Das ist das erste, was Jung 
unterscheidet. 

Das zweite ist aber das uberpersonliche UnbewuBte. Er sagt: Es 
sind auch solche Dinge, die ins Seelenleben hereinspielen, die nicht in 
der Personlichkeit sind, die aber auch nicht im Materiellen drauBen in 
der Welt sind, die also angenommen werden mussen als in einer see- 
lischen Welt vorhanden. 

Nun geht doch die Psychoanalyse darauf hinaus, solche Seelen- 
inhalte zum BewuBtsein zu bringen. Das soli ja gerade die Therapie, 
die Heilmethode sein: die Sache zum BewuBtsein zu bringen. Also 
muB der Arzt darauf ausgehen, nicht nur das aus dem Kranken 
herauszuforschen, was der Kranke individuell erlebt hat, sondern 
auch allerlei anderes, was er gar nicht individuell erlebt hat, was auch 
drauBen in der Welt nicht war, sondern seelischer Inhalt ist. Dabei 
kommen ja die Psychoanalytiker darauf, daB sie sagen : Eigentlich hat 
der Mensch nicht nur das erlebt, was er selbst seit seiner physischen 
Geburt erlebte, sondern von seiner physischen Geburt an weiter 
zuriick alles Mogliche. Und das rumort jetzt in ihm. Ein Mensch, 
der heute geboren wird, erlebt also auch unterbewuBt zum Beispiel 
die Sage von Odipus. Nicht bloB lernt er die Sage von Odipus in der 
Schule, diese Sage erlebt er. Er erlebt die griechischen Gotter; er 
erlebt die ganze Vergangenheit der Menschheit mit. Und das Schlimme 



besteht gerade darinnen, daB der Mensch dieses alles nun erlebt, aber 
es will nicht herauf ins BewuBtsein. Der Psychoanalytiker muB sich 
also sagen - und bis zu diesem Grade geht er sogar : Das griechische 
Kind erlebte das auch; aber dem Griechen, dem erzahlte man das; 
der erlebte es also auch im BewuBtsein. Der heutige Mensch, der 
erlebt es auch, aber es rumort in ihm - bei dem extravertierten Men- 
schen in unterbewuBten Gedanken, bei dem introvertierten als unter- 
bewuBte Gefiihle. Das rumort in den Menschen drinnen; das rumort 
wie Damonen. 

Nun denken Sie sich, vor welcher Notwendigkeit eigentlich der 
Psychoanalytiker steht, wenn er seiner Theorie treu ist! Er stiinde 
eigentlich vor der Notwendigkeit, diese Dinge ernst zu nehmen und 
einfach zu sagen: Nun ja, wenn heute ein Mensch aufwachst, und das 
ihn gerade zur Krankheit fuhren kann, daB er eine Beziehung hat 
zu dem, was in ihm rumort, und er doch nichts weiB von dieser Be- 
ziehung, so muB man ihm eben diese Beziehung bewuBt machen, so 
muB man ihm gerade erklaren, daB es eine geistige Welt gibt, daB es 
darin Gotter gibt, daB es verschiedene Gotter gibt. Denn so weit 
kommt sogar der Psychoanalytiker, daB er sagt: Die menschliche 
Seele hat ihre Beziehung zu den Gottern; aber es liegt eine Krank- 
heitsursache darinnen, daB sie nichts weiB von diesen Beziehungen. - 
Alle moglichen Auskunftsmittel sucht der Psychoanalytiker. Aber 
diese Auskunftsmittel sind manchmal grotesk. - Nehmen wir an, ein 
hysterischer Kranker kommt und zeigt diese oder jene hysterische 
Erscheinung, weil er Furcht hat vor einem Damon, sagen wir einem 
Feuerdamon. Fruhere Menschen haben an Feuerdamonen geglaubt, 
haben von Feuerdamonen auch Anschauungen gehabt, haben gewuBt 
davon. Die jetzigen haben auch Beziehungen zu Feuerdamonen - 
das gibt der Psychoanalytiker zu -, aber die Beziehungen sind nicht 
bewuBt, und man erklart es den Menschen auch nicht, daB es Feuer- 
damonen gibt. Also fuhrt das zur Krankheitsursache. Jung versteigt 
sich sogar so weit, daB er sagt: Die Gotter, zu denen man Beziehungen 
hat, aber von deren Beziehungen man nichts weiB, die rachen sich, die 
ziirnen, die rachen sich; und es kommt die Rache als Hysterie zum 
Vorschein. - Schon. Er sagt also, solch ein heutiger Mensch, der nun 



maltratiert wird in seinem UnterbewuBten von einem Damon, er weiB 
nicht, daB es im Feuer Damonen gibt; ein Feuerdamon qualt ihn, aber 
er kann keine Beziehung zu ihm kriegen, denn - das ist Aberglaube! 
Das geht nicht. Was tut denn soldi ein atmer moderner Mensch, der 
liber der Sache krank wird? Er projiziert die Sacbe nach auBen, das 
heiBt, er sucht sich irgendeinen Freund auf, den er vorher ganz gern 
gehabt hat oder dergleichen, und sagt: Der ist es, der verfolgt mich, 
der schimpft iiber mich. - Er fuhlt sich von ihm verfolgt und so 
weiter. Das heiBt, der betrefFende Kranke hat einen Damon, der ihn 
quake, in einen andern Menschen hineinprojiziert. 

Oftmals besteht die Therapie, die die Psychoanalytiker anwenden, 
darinnen, daB sie die Sache ablenken auf sich. Da kommt es sehr 
haufig vor, daB - in gutem und in bosem Sinne - die Patienten den 
Arzt zum Gott oder zum Teufel machen. 

Sie sehen die auBerordentlich interessante Tatsache, daB der Arzt 
der Gegenwart gedrangt wird, sich zu sagen: Die Menschen sind von 
Geistern gequalt, und weil man ihnen von Geistern keine Lehre gibt, 
weil sie keine Lehre aufnehmen, also in ihrem BewuBtsein nichts 
davon aufnehmen, so werden sie zu Qualgeistern untereinander, pro- 
jizieren ihre Damonen nach auBen, reden einander allerlei damonisches 
Zeug auf und so weiter. - Und wie radikal verhangnisvoll der Psycho- 
analytiker das ansieht, das mag Ihnen daraus hervorgehen, daB Jung 
folgenden interessanten Fall anfuhrt. Er sagt, gewisse seiner Kollegen 
sagen, wenn nun einer solche Seelenenergien in sich hat, die von 
solchen Qualereien kommen, so miisse man sie ableiten auf etwas. 
Also nehmen wir an, gehen wir wieder zuriick auf Elementarfalle der 
Psychoanalyse: Eine Patientin kommt; ihre Krankheit riihrt davon 
her, wie man nach dem Abhoren der psychoanalytischen Beichte 
findet, daB sie in fruherer Zeit in jemand verliebt war, den sie nicht 
gekriegt hat, und das ist ihr geblieben. Es konnte auch ein Damon 
sein, der sie qualt; aber in den meisten Fallen, die die Arzte beobach- 
ten, ist es so, daB irgend etwas sich ereignet hat in dem individuellen 
UnterbewuBten, das sie unterscheiden von dem uberindividuellen 
UnterbewuBten. Und da versucht der Arzt abzuleiten, indem er das, 
was unausgegorene Phantasie ist, ableiten, iiberleiten will. Also er 



sagt: Wenn eine liebebedurftige Seele da ist, die den «Ihren» nicht 
gekriegt hat, miisse sie diese Liebesmenge, die sie da nicht anwenden 
konne, in Samariterdienste wenden, sie miisse diesen oder jenen Wohl- 
tatigkeitsveranstaltungen vorstehen und so weiter. - Na, es kann das 
recht gut gemeint sein; aber Jung sagt selber, es laBt sich nicht immer 
diese Energie so ableiten. Selbstverstandlich, der gelehrte Herr muB 
wiederum ein biBchen eine Auskunft haben; deshalb sagt er, die 
Energien, die auf solche Weise in der Seele sitzen, haben ein gewisses 
Gefalle; das kann man nicht immer dirigieren. Nun, ich habe gar 
nichts gegen diese Ausdriicke^ ich mochte nur hervorheben, daB es 
nur, nicht wahr, durchaus nichts anderes ist als eine Umsetzung des- 
jenigen, was der Laie sehr haufig bespricht, aber naturlich so, wie er 
sich ausdriickt. Aber Jung erzahlt nun einen Fall, der sehr interessant 
ist, der gut ausdriickt, wie dieses Gefalle eben nicht dirigiert werden 
kann. 

Ein Mann, Amerikaner, typischer Mensch der Gegenwart, Self- 
mademan, hat sich zum tiichtigen Fuhrer und Leiter eines Geschaftes 
gemacht, hat mit Riesenkraft diesem Geschaft sich gewidmet, groBen 
Erfolg gehabt, groBe Einkiinfte auch und denkt nun: Demnachst 
werde ich funfundvierzig Jahre alt, nun habe ich mich geplagt genug 
in meinem Leben, jetzt werde ich mir auch einmal Ruhe gonnen. - 
Und er kauft sich einen Landsitz mit Autos und Tennisplatzen und 
allem, was dazu gehort. Er dachte also, mit funfundvierzig Jahren 
sein Geschaft zu verlassen und da hinaus auf den Landsitz zu ziehen 
und da zu leben, bloB die Tantiemen zu beziehen von dem Geschaft. 
Aber siehe da, als er auf seinem Landsitz eine Zeitlang war, spielte er 
nicht Tennis, fuhr nicht Auto, ging nicht in die Theater, hatte keine 
Freude an den Blumen, die angelegt waren, sondern setzte sich einsam 
in sein Zimmer und briitete vor sich hin. Da tat es ihm weh, da tat es 
ihm weh, aUes tat ihm weh, und tatsachlich schmerzte ihn bald der 
Kopf, bald die Brust, bald die Beine. Also er konnte sich selber nicht 
mehr ausstehen, horte auf zu lachen, war miide, abgespannt, hatte 
immerfort Kopfschmerzen, es war schrecklich. Keine Krankheit; 
keine fur den Arzt zu konstatierende Krankheit. So ist es ja bei sehr 
vielen Menschen in der Gegenwart, nicht wahr; sie sind eigentlich 



ganz gesund und sind doch krank. Ja, also eine Krankheit war nicht 
da. Der Arzt wuBte schon nichts anderes, als zu sagen: Sehen Sie, die 
Geschichte ist seelisch - das sagen ja heute schon die Arzte -, Sie 
sind seelisch krank; Sie haben sich den Geschaftsverhaltnissen an- 
gepaBt, da sind Sie drinnen, jetzt konnen Ihre Energien nicht gleich 
andere Gefalle annehmen, sie haben ihr eigenes Gefalle, sie konnen 
nicht dirigiert werden. Gehen Sie wiederum zuriick in Ihr Geschaft, 
das ist das einzige Mittel, das ich weiB. - Nun, der betrefFende Herr 
sieht das auch ein. Aber siehe da, jetzt kann er auch nicht mehr im 
Geschaft etwas leistenl Er ist untauglich, er ist jetzt drinnen ebenso 
krank wie er drauBen war auf seinem Landsitz. 

Daraus schlieSt Jung mit Recht: Man kann die Energien nicht so 
leicht von einem Gefalle auf ein anderes bringen. Selbst wenn man sie 
wieder zuriickbringen will, geht es auch nicht. Der Betreffende kam 
sogar- zu ihm in Behandlung, aber er konnte diesem Manne auch 
nicht helfen, weil es schon zu spat war; es hatte die Krankheit schon 
zu stark um sich gegriffen, man hatte friiher eingreifen mussen. - 
Dies zeigt Ihnen, daB es mit der Therapie der Ableitung auch schon 
seine Schwierigkeiten hat. Jung fuhrt das Beispiel selber an. 

Uberall begegnet man Tatsachen, die von Bedeutung, von Wichtig- 
keit sind, die, jetzt darf ich es wohl sagen, nur durch Geisteswissen- 
schaft oder Anthroposophie zu bewaltigen sein werden, erkenntnis- 
maBig; aber sie sind da. Den Leuten fallen sie auf. Also die Fragen 
sind da, Sie finden sie uberall. Das wird man schon entdecken, daB der 
Mensch ein kompliziertes Wesen ist, daB er nicht jenes einfache 
Wesen ist, von dem man sich eine illusionare Vorstellung gemacht hat 
durch die fortgeschrittene Wissenschaft des 19. Jahrhunderts. Vor 
dem Psychoanalytiker von heute steht eine merkwiirdige Tatsache. 
Wenn Sie diese Tatsache nehmen, ja, fur die heutige Wissenschaft ist 
sie geradezu unerklarlich. In der Anthroposophie werden Sie mit den 
Mitteln, die Sie schon haben in meinen Vortragen, leicht eine Er- 
klarung finden. Ich kann aber auf die Erscheinung noch einmal 
zuriickkommen, wenn Sie die Erklarung nicht selber finden sollten. 
Es kann zum Beispiel vorkommen, dafi jemand hysterisch blind wird, 
also nicht sieht. Es gibt hysterisch Blinde, die also durchaus sehen 



konnten und doch nicht sehen, seelisch Blinde. Nun kann es sein, daB 
solche Menschen parti ell geheilt werden, sie fangen wieder an zu 
sehen, aber sie sehen nicht alles. So zum Beispiel kann der eigentum- 
liche Fall eintreten, daB ein solcher hysterisch Blinder wiederum sein 
Sehvermogen bekommt, alles am Menschen sieht, just nicht den 
Kopf ! Solch ein partiell Geheilter geht also in den StraBen herum und 
sieht alle Menschen ohne Kopf. Das gibt es wirklich. Es gibt noch 
viel kuriosere Erscheinungen. 

Nun, das alles ist, wie gesagt, mit anthroposophisch orientierter 
Geisteswissenschaft schon zu bewaltigen, und aus einem Vortrage, 
den ich hier im Lauf des vorigen Jahres gehalten habe, konnen Sie 
die Erklarung zum Beispiel fur diese Erscheinung leicht finden, daB 
man auch einmal die Kopfe der Menschen nicht sehen kann. Aber, 
wie gesagt, dem heutigen Psychoanalytiker liegen alle diese Erschei- 
nungen vor. Und so viel liegt ihm schon vor, daB er sich sagt: Es 
kann fiir den Menschen auBergewohnlich verharignisvoll werden, 
wenn er nun Beziehungen gar zu dem Uberpersonlich-UnbewuBten 
hat. Aber um Gottes willen, ja, um Gottes willen sagt der Psycho- 
analytiker nicht, aber um der Wissenschaft willen nur ja nicht etwa 
jetzt Ernst machen mit der geistigen Welt! Nur ja das nicht! Das geht 
den Leuten nicht ein, mit der geistigen Welt Ernst zu machen. Und 
da kommt denn etwas ganz Merkwiirdiges zustande. Es wird von 
den wenigsten Menschen bemerkt, was fiir sonderbare Erscheinungen 
unter dem EinfluB dieser Dinge zustande kommen. Ich will sie aus 
dem Jungschen Buche «Die Psychologie der unbewuBten Prozesse», 
das vor kurzem erst erschienen ist, aufmerksam machen auf eine 
auBerordentlich interessante Sache, aus der Sie sehen werden, wozu 
der Psychoanalytiker heute schon kommt. Ich muB Ihnen allerdings 
ein Stiickchen vorlesen: «Nach diesem Beispiel », es sind solche Bei- 
spiele, wo er zeigt, daB der Mensch nicht nur mit dem, was in seinem 
individuellen Leben oder in der Gegenwart ist, sondern weit zuriick 
Beziehungen hat zu allem moglichen Damonischen und Gottlichen 
und Geisterhaften und so weiter, «nach diesem Beispiel fiir die Ent- 
stehung neuer Ideen aus dem Schatze der urtiimlichen Bilder», hier 
nennt er es nicht Gotter, sondern urtiimliche Bilder, «wollen wir die 



weitere Darstellung des Ubertragungsprozesses wieder aufnehmen, 
Wir sahen, daB die Libido eben in jenen anscheinend ungereimten 
und absonderlichen Phantasien ihr neues Objekt ergriffen hat, namlich 
die Inhalte des absoluten Unbewu6ten.» Also das absolute Un- 
bewuBte ist das uberpersonlich UnbewuBte, nicht das personliche. 
«Wie ich bereits sagte, ist die nicht eingesehene Projektion der urtum- 
lichen Bilder auf den Arzt eine nicht zu unterschatzende Gefahr fur 
die weitere Behandlung.» Also der Patient setzt seine Damonen 
heraus und setzt sie auf den Arzt. Das ist eine Gefahr. «Die Bilder 
enthalten namlich nicht nur alles Schonste und GroBte, das die 
Menschheit je dachte und fuhlte, sondern auch jede schlimmste 
Schandtat und Teufelei, deren die Menschen je fahig waren. » 

Denken Sie, so weit kommt Jung schon, daB er einsieht: Der 
Mensch hat in sich unbewuBt alle Schandtaten und Teufeleien neben 
dem Schonsten, was die Menschheit je fahig war zu denken und zu 
fuhlen. Also nicht wahr, irgendwie herbei lassen sich die Leute nicht, 
von Luzifer und Ahriman zu sprechen; aber zu einem solchen Satze 
versteht er sich : «Die Bilder enthalten namlich nicht nur alles Schonste 
und GroBte, das die Menschheit je dachte und fuhlte, sondern auch 
jede schlimmste Schandtat und Teufelei, deren die Menschen je fahig 
waren. Wenn nun der Patient die Personlichkeit des Arztes von diesen 
Projektionen nicht unterscheiden kann, dann geht jede Verstandi- 
gungsmoglichkeit verloren, und die menschliche Beziehung wird 
unmoglich. Wenn aber der Patient diese Charybdis vermeidet, so 
fallt er in die Scylla der Introjektion dieser Bilder, d. h. er rechnet ihre 
Qualitaten nicht dem Arzte zu, sondern sich selber. » Also dann ist er 
selber der Teufel; er findet selber, daB er der Teufel ist. « Diese Gefahr 
ist ebenso schlimm. Bei der Projektion schwankt er zwischen einer 
uberschwanglichen und krankhaften Verhimmelung und einer haB- 
erfullten Verachtung seines Arztes. Bei der Introjektion gerat er in 
eine lacherliche Selbstvergotterung oder moralische Selbstzerflei- 
schung. Der Fehler, den er beide Male macht, besteht darin, daB er 
sich personlich die Inhalte des absoluten UnbewuBten zurechnet. So 
macht er sich selber zum Gott und zum Teufel. Hier liegt der psycho- 
logische Grund, warum die Menschen immer der Damonen bedurften 



und nie ohne Gotter leben konnten, ausgenommen einige besondere 
kluge Specimina des homo occidentalis von gestern und vorgestern, 
Ubermenschen, deren Gott tot ist, weshalb sie selber zu Gottern 
werden, und zwar zu rationalistischen Duodezgottern mit dickwandi- 
gen Schadeln und kalten Herzen.» 

Also Sie sehen, der Psychoanalytiker kommt dazu, zu sagen: Die 
Menschenseele ist so geartet, daB sie die Gotter braucht, daB sie die 
Gotter notwendig hat, daB sie krank werden muB, wenn sie die Gotter 
nicht hat. Daher hat sie immer die Gotter gehabt; die Menschen 
brauchen die Gotter. Er spottet sogar, der Psychoanalytiker, daB 
wenn sie die Gotter nicht haben, so mussen sie selber zu Gottern 
werden, aber nur zu « rationalistischen Duodezgottern mit dickwandi- 
gen Schadeln und kalten Herzen». «Der GottesbegrifF», sagt der 
Psychoanalytiker weiter, «ist namlich eine schlechthin notwendige 
psychologische Funktion irrationaler Natur. . .» 

Nun, nicht wahr, Sie sehen, weiter kann ja nicht gegangen werden, 
als auf naturwissenschaftliche Weise die Notwendigkeit des Gottes- 
begriffes in dieser Art darzustellen. Der Mensch muB den Gott haben, 
das weiB der Psychoanalytiker heute, er braucht ihn. Aber, ich habe 
den Satz nicht zu Ende gelesen, lesen wir ihn zu Ende: «Der Gottes- 
begriff ist namlich eine schlechthin notwendige psychologische Funk- 
tion irrationaler Natur, die mit der Frage nach der Existenz Gottes 
iiberhaupt nichts zu tun hat.» 

Also hier stoBen Sie, indem Sie Vorder- und Nachsatz zusammen- 
lesen, auf das groBe Dilemma der Gegenwart. Der Psychoanalytiker 
beweist einem, daB der Mensch krank wird, wenn er seinen Gott 
nicht hat; aber diese Notwendigkeit hat mit einer Existenz Gottes 
nichts zu tun. Und er fahrt fort: «Denn diese letztere Frage », namlich 
die nach der Existenz Gottes, «gehort zu den dummsten Fragen, die 
man stellen kann. Man weiB doch hinlanglich, daB man sich einen 
Gott nicht einmal denken kann, geschweige denn sich vorstellen, daB 
er wirklich existiere, so wenig wie man sich einen Vorgang denken 
kann, der nicht notwendig kausallbedingt ware.» 

Nun bitte ich Sie, hier stehen Sie vor dem Punkt, wo Sie die Dinge 
abfangen konnen. Die Dinge sind da, pochen an der Ture der Er- 



kenntnis. Die Leute, die suchen, sind auch da; sie erkennen die abso- 
lute Notwendigkeit, aber - sie betrachten dasjenige, was sie als absolute 
Notwendigkeit halten, wenn es als ernste Frage aufgeworfen wird, 
als eine der dummsten Fragen, die uberhaupt aufgeworfen werden. 

Da haben Sie einen der Punkte, wo Sie aus dem heutigen Geistes- 
leben heraus unmittelbar sehen konnen, woran man eigentlich immer 
vorbeigeht. Ich kann Ihnen die Versicherung geben, diese Psycho- 
analytiker als Seelenkenner oder als Seelenforscher sind noch immer 
weit, weit iiber das hinaus, was die landlaufige Universitatspsychiatrie 
bietet - sie sind weit, weit, weit iiber das hinaus, was die Universitats- 
psychiatrie, die Universitatspsychologie zumeist bietet, und sie haben 
Recht in einer gewissen Weise, auf diese schreckliche sogenannte 
Wissenschaft herabzusehen. Aber man kann sie abfangen an solch 
einer Stelle, wo man so recht sieht, welchen Dingen die gegenwartige 
Menschheit gegeniibersteht, indem sie der zeitgenossischen Wissen- 
schaft gegenubersteht. 

Das bemerken ja zahlreiche Menschen nicht. Die Menschen wissen 
heute gar nicht, wie heutiger Autoritatsglaube ist. Es war ja niemals 
solcher Autoritatsglaube, wie er in* der Gegenwart herrscht; niemals 
ist er mehr in dem UnterbewuBten drunten gewesen als heute. Man 
muB immer wieder und wiederum sagen: Ja, um Gottes willen, was 
tut ihr denn eigentlich, wenn ihr als Therapeuten hysterische Men- 
schen behandelt? - Ihr sucht einen unterbewuBten Inhalt, der nicht 
gelost ist vom BewuBtsein. Ja, aber man findet solche unterbewufite 
Inhalte bei den Theoretikern in Hiille und Fiille. Wenn man den 
heraufhebt aus dem UnterbewuBten, dann kommt eben so etwas zum 
BewuBtsein, wie das, was Ihnen jetzt zum BewuBtsein kommen muB, 
was in dem UnterbewuBten der modernen Arzte und modernen 
Patienten rumort. Die ganze Literatur ist davon durchsetzt; es ist ja 
das iiberall drinnen, und Sie sind taglich und stundlich dem aus- 
gesetzt, das aufzunehmen. Und weil man nur mit der Geisteswissen- 
schaft auf solche Dinge aufmerksam werden kann, deshalb nehmen 
so viele Menschen diese Dinge unbewuBt auf, saugen sie ein in ihr 
UnterbewuBtsein, und sie sind dann im UnterbewuBtsein darinnen. 

Diese Psychoanalyse hat wenigstens die Menschen aufmerksam ge- 



macht darauf, daB Seelisches als Seelisches zu nehmen ist. Das tun sie. 
Aber iiberall sit2t ihnen der Teufel im Nacken. Ich mochte sagen, sie 
konnen nicht heran an die geistige WifkKchkeit und wolien vor alien 
Dingen nicht heran an die geistige Wirklichkeit. Daher findet man 
iiberall in der Gegenwart Vor der- und Nachsatze, die das Unglaub- 
lichste darstellen. Aber die Menschen in der Gegenwart haben nicht 
den Aufmerksamkeitsgrad, diese Dinge anzuschauen. Natiirlich, wer 
das Buch von Jung liest «Die Psychologie der unbewuBten Prozesse», 
der muBte ja eigentlich unter den Tisch fallen, wenn er auf seinem 
Stuhle sitzt, wenn er solch einen Satz liest. Das tut aber der heutige 
Mensch nicht. Also denken Sie, wieviel wirklich in diesem UnbewuB- 
ten darinnen liegt bei dieser modernen Menschheit. Und deshalb auch, 
weil diese Psychoanalytiker sehen, wieviel im UnterbewuBten liegt - 
denn das sehen sie ja -, sehen sie manche Dinge anders als andere 
Leute, Gleich in der Vorrede sagt zum Beispiel Jung etwas, was in 
dem einen Teil des Satzes nicht schlecht ist: «Die psychologischen 
Vorgange, welche den gegenwartigen Krieg begleiten, vor allem die 
unglaubliche Verwilderung des allgemeinen Urteils, die gegenseitigen 
Verleumdungen, die ungeahnteZerstorungswut, die unerhorteLugen- 
fiut und die Unfahigkeit der Menschen, dem blutigen Damon Einhalt 
zu tun, sind wie nichts geeignet, das Problem des unter der geordneten 
BewuBtseinswelt unruhig schlummernden chaotischen UnbewuBten 
dem denkenden Menschen aufdringlich vor die Augen zu riicken. 
Dieser Krieg hat es dem Kulturmenschen unerbittlich gezeigt, daB er 
noch ein Barbar ist, und zugleich, was fur eine eiserne Zuchtrute fur 
ihn bereit liegt, wenn es ihm etwa noch einmal emfallen sollte, seinen 
Nachbarn fiir seine eigenen schlechten Eigenschaften verantwortlich 
zu machen. Die Psychologie des Einzelnen aber entspricht der Psycho- 
logie der Nationen.» Und nun kommt ein Nachsatz, mit dem man 
wiederum nicht weiB, was man mit ihm anfangen soli. «Was die 
Nationen tun, tut auch jeder Einzelne, und so lang es der Einzelne 
tut, tut es auch die Nation. Nur die Veranderung der Einstellung des 
Einzelnen ist der Beginn zur Veranderung der Psychologie der 
Nation. » 

Also diese Satze nebeneinander sind wiederum so, daB sie zeigen, 



wie destruktiv es auf das Denken wirkt. Denn ich mochte Sie einmal 
fragen, ob es einen Sinn hat zu sagen: «Was die Nationen tun, tut 
auch jeder Einzelne.» Dann muBte es ja einen Sinn haben, zu fragen: 
Konnte es auch der Einzelne tun, ohne daB es die Nationen tun? - 
Nicht wahr, es ist ein absoluter Unsinn, soiches zu sagen. Und der 
Unsinn ist es, der heute selbst bei hervorragenden, groBen Geistern 
uberwaltigend wirkt; er wirkt uberwaltigend. Nun soli gar diese 
Sache, in der solch destruktives Denken wirkt, Therapie nicht nur 
sein, soil auch padagogisch leiten. Wiederum liegt die berechtigte 
Sehnsucht zugrunde, in die Padagogik ein neues seelisches, spirituelles 
Element hineinzutragen. Soil dasjenige hineingetragen werden, was 
mit ganz unzulanglichen Erkenntnismitteln gefunden wird? Das sind 
die wichtigen Fragen heutzutage! 

Wir werden nun auch vom Standpunkte anthroposophischer Orien- 
tierung auf die Sache zuruckkommen, die Sache beleuchten von einem 
groBeren Horizonte aus, werden dann sehen, wie man die Sache viel, 
viel groBer anfangen muB, wenn man uberhaupt mit diesen Dingen 
zurechtkommen will. Aber man muB sie auch konkret anfangen. Man 
muB vor alien Dingen solche Probleme, die gewohnlich nur noch mit 
den alten unzulanglichen Erkenntnismitteln gesucht werden, in das 
Licht anthroposophischer Erkenntnis riicken. 

Nehmen Sie zum Beispiel das Problem Nietzsche. Ich will heute das 
Problem nur andeuten; wir wollen solchen Problemen morgen naher- 
treten. Wir wissen nun schon aus den verflossenen Vortragen: Von 
1841 bis 1879 Geisterkampf oben; von 1879 an die gestiirzten Geister 
im Reiche der Menschen. Solche Dinge und ahnliche werden in 
kunftigen Zeiten eine Rolle spielen mussen, wenn man das Leben der 
Menschen betrachtet. Denn Nietzsche ist 1844 geboren; drei Jahre 
gerade ist seine Seele, bevor sie auf die Erde herunterstieg, oben im 
Reich der Geister im Geisteskampf darinnen. Er ist ein Knabe, als 
Schopenhauer noch lebt. Schopenhauer stirbt 1860. Erst nachdem 
Schopenhauer gestorben ist, widmet Nietzsche sich der Lektiire der 
Schopenhauerschen Schriften. Da wirkt die Seele Schopenhauers mit, 
die oben in den geistigen Reichen ist. Das ist das reale Verhaltnis. 
Nietzsche liest Schopenhauer; aber Schopenhauer wirkt in den Ge- 



danken Nietzsches, die die Schopenhauerschen Schriften aufnehmen, 
weiter. 

Aber in welcher Lage ist denn Schopenhauer da oben? Schopen- 
hauer ist da oben von 1860 bis in die ganzen Jahre hinein, wo Nietzsche 
Schopenhauer liest, drinnen im Kampf der Geister, wahrend dieser 
noch oben ausgefochten wird. Was also Schopenhauer Nietzsche 
inspiriert, das nimmt er selber auf im Zusammenhange mit dem 
Kampf der Geister, in den er hineinversetzt wird. 1879 werden diese 
Geister vom Himmel auf die Erde heruntergestiirzt. Bis 1879 sehen 
wir Nietzsches Geistesgang sehr merkwiirdige Barmen gehen. Man 
wird sie kiinftig erklaren aus dem Einflusse Schopenhauers und Wag- 
ners. Sie finden in meiner Schrift «Friedrich Nietzsche, ein Kampfer 
gegen seine Zeit» manche Anhaltspunkte dafiir. Wagners EinfluB war 
bis dahin nicht anders, als daB er auf der Erde wirkte. Denn Wagner 
ist 1813 geboren; 1841 hat erst der Geisterkampf begonnen. Aber 
Wagner stirbt 1883. Nietzsches Geistesgang beginnt dann seine merk- 
wiirdige Richtung in einer gewissen Weise, als der EinfluB Wagners 
beginnt. Aber Wagner kommt 1883 in die geistige Welt, als der 
Geisterkampf oben schon vorbei ist, als die Geister schon vom Him- 
mel auf die Erde gestiirzt waren. Nietzsche steht drinnen, als die 
Geister hier auf der Erde herumgehen, Wagner lebt oben, als sie 
schon heruntergesturzt waren. Der EinfluB Wagners auf Nietzsche 
post mortem zeigt eine ganz andere Aufgabe, nicht so wie der Ein- 
fluB Schopenhauers auf Nietzsche. Hier beginnen die iiberperson- 
lichen konkreten Einflusse; nicht jene abstrakten damonischen, von 
denen die Psychoanalyse spricht. Die Menschheit wird sich ent- 
schlieBen miissen, in diese konkrete geistige Welt einzutreten, die 
Dinge, die auf der Hand liegen, wenn man nur die Tatsachen priift, 
wirklich auch aufzufassen. Man wird kiinftig eine Biographie Nietz- 
sches darnach schreiben, daB er angeregt war von jenem Richard 
Wagner, der 1813 geboren ist, alles das mitgemacht hat, was fiihrte 
zu dem glanzenden Wesen, was ich ja charakterisiert habe in meinem 
Buch, bis 1879; daB er den EinfluB Schopenhauers hatte von seinem 
sechzehnten Jahre ab, aber Schopenhauer den Geisterkampf mit- 
gemacht hat in der geistigen Welt oben vor dem Jahre 1879, daB er 



dem Einflusse Wagners ausgesetzt war, nachdem Wagner post mor- 
tem in die geistige Welt hineingefiihrt war, und er herunten war, wo 
die Geister der Finsternis walteten. 

Jung findet, daB es Tatsache ist: Nietzsche findet einen Damon, er 
projiziert ihn nach auBen, auf Wagner. Nun ja, Projektionen - Ge- 
falle, introvertierte, extravertierte Menschentypen -, alles Worte fur 
Abstraktionen, aber nichts von Wirklichkeiten ! Sehen Sie, meine 
lieben Freunde, die Dinge sind bedeutungsvoll. Und es ist nicht so, 
daB man bloB agitieren will fur eine Weltanschauung, fiir die man 
eingenommen ist, sondern gerade das, was da ist auBer dieser Welt- 
anschauung, das zeigt, wie notwendig diese Weltanschauung der 
gegenwartigen Menschheit ist. 

Davon dann morgen weiter. 



Ober die psychoanalyse 



Dornach, 11. November 1917 
Zweiter Vortrag 

Einen Versuch, Erkenntnisse zu gewinnen auf seelischem Gebiete mit 
unzulanglichen Erkenntnismitteln - so habe ich gestern dasjenige be- 
zeichnet, was auftritt als analytische Psychologie oder Psychoanalyse. 
Es ist vielleicht nichts so sehr als diese Psychoanalyse geeignet, darauf 
hinzuweisen, wie in unserer Gegenwart alles dazu drangt, die anthro- 
posophisch orientierte Geisteswissenschaft zu bekommen, und wie auf 
der andern Seite aus unterbewuBten Vorurteilen heraus die Menschen 
sich strauben, in eine geisteswissenschaftliche Betrachtung der Sach- 
lage einzutreten. Ich habe Ihnen ja gestern wiederum eine solche 
Sache vorgefuhrt, aus der Sie sehen konnen, wie man die grotesken 
Sprunge, in welche das Denken der modernen Gelehrsamkeit hinein- 
kommt, wenn es sich an seelische Probleme wagt, aufzeigen und wie 
man solche Sprunge in den Gedankengangen der modernen Gelehr- 
ten, ich mochte sagen, abfangen kann, Wir haben darauf hingewiesen, 
daB einer der besseren Psychoanalytiker, Jung, zu der Einteilung ge- 
kommen ist des mehr denkenden und des mehr fuhlenden Menschen, 
daB er von da ausgehend dann beim denkenden Menschen im Unter- 
bewuBtsein Gefuhlsimpulse vermutet, welche heraufstiirmen gegen 
das im BewuBtsein anwesende Denken und dadurch seelische Kon- 
jflikte herbeifiihren, oder umgekehrt, daB Gedanken, die im Unter- 
bewuBten sind, gegen das Gefiihlsleben stiirmen und seelische Kon- 
flikte hervorrufen. 

Nun konnte man sagen : Ja, diese Dinge werden ausgefochten inner- 
halb der wissenschaftlichen Diskussionen, und man konne abwarten, 
bis sich die Leute bequemen, die unterbewuBten Vorurteile gegen 
anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft zu uberwinden. 
Allein, so ganz passiv abzuwarten geht dann schwer, wenn sich solche 
Dinge nicht bloB auf das theoretische Gebiet begeben, sondern wenn 
solche Dinge in das Praktische des Lebens, in die Kulturentwicke- 
lung eingreifen wollen. Und es will sich ja die Psychoanalyse betatigen 



auf dem Gebiete der Therapie nicht nur, was vielleicht weniger noch 
bedenklich ware, weil sie ja da wohl sich kaum allzuviel zunachst zu 
unterscheiden scheint - aber ich sage scheint - von manchen andern 
therapeutischen Methoden; aber sie will sich auch betatigen auf dem 
Gebiete des padagogischen Wirkens; sie will gewissermaBen die 
Grundlage werden eines padagogischen Wirkens. Und da kommt man 
denn schon in die Notwendigkeit, auf die Gefahren, die in Viertels- 
wahrheiten liegen, starker hinzuweisen, als das der Fall ist innerhalb 
einer bloBen theoretischen Diskussion. 

Nun werden wir aber heute unser Betrachtungstableau weiter aus- 
dehnen miissen, wenn wir wenigstens zunachst - alles mogliche, was 
auf die Sache bezuglich ist, kann ja nur im Laufe der Zeit besprochen 
werden -, wenn wir wenigstens zunachst einiges Licht auf den einen 
oder andern Gesichtspunkt werfen wollen. Zunachst mochte ich dar- 
auf aufmerksam machen, daB die Tatsachen, welche der Psycho- 
analyse vorliegen, in der Tat geeignet waren, auf ein wichtiges spiri- 
tuelles Gebiet hinzuweisen, das der gegenwartige Mensch, wenig- 
stens nicht genau, nicht exakt betreten mochte, das er sehr gern in 
allerlei unterbewuBten, nebulosen Regionen lassen will; denn nichts 
Hebt die noch immer selbst auf solchem Gebiete vom MateriaHsmus 
angekrankelte Betrachtungsweise der Gegenwart mehr, als - ge- 
statten Sie das Paradoxon - ein unklares, mystisches Herumschwim- 
men in allerlei nicht ausgefuhrten Begriffen. Man findet ja die gro- 
teskeste Mystik, die abstofiendste Mystik gerade innerhalb des Mate- 
riaHsmus, wenn Mystik in dem Sinne gebraucht wird, daB man gern 
in allerlei nebulosen Begriffen herumschwimmt und seine Welt- 
anschauung nicht ausarbeiten will bis zu klaren, scharf konturierten 
Begriffen. Dasjenige Gebiet, auf welches die Seelentatsachen die 
Psychoanalytiker drangen, das ist das Gebiet des auBerbewuBten Ver- 
standeswirkens, Vernunft wirkens. Wie oft habe ich, ich mochte 
sagen, nur die Dinge heranziehend, nicht ausfuhrlich behandelt - weil 
das eigentlich fur den Geisteswissenschafter selbstverstandlich ist, 
was dabei zu sagen ist -, wie oft habe ich aber dabei darauf aufmerk- 
sam gemacht, daB verminftige Wirkung, Verstandeswirkung, Klug- 
heit, nicht bloB im menschlichen BewuBtsein vorhanden ist, sondern 



iiberall; daB wif umgeben sind von wirksamer Verstandestatigkeit, 
wie wir umgeben sind von der Luft; also ganz eingesponnen ist der 
Mensch in wirksame Verstandestatigkeit, und die andern Wesen 
auch. 

Nun konnten die Tatsachen, die vorliegen, den Psychoanalytiker 
sehr leicht auf diese Sache verweisen. Ich habe Ihnen gestern den 
Fall angefuhrt, den Jung erzahlt in seinem Buche «Die Psychologie 
der unbewuBten Prozesse», der sich auf die Dame bezieht, welche aus 
einer Abendgesellschaft mit andern Genossen weggeht, vor den Pfer- 
den auf der StraBe herlauft bis zu einer Briicke, dann von Passanten 
gerettet wird und wiederum zuruckgebracht wird in das Haus, von 
dem sie gekommen ist, wo ihr dann der Hausherr eine Liebeserkla- 
rung macht. - Wenn man sich auf den Standpunkt von Freud oder 
Adler stellt, braucht man, um solch eine Sache zu erklaren, nur zu 
Hilfe zu nehmen entweder den Liebestrieb oder den Machttrieb. Aber 
man trifft damit nicht das eigentlich Durchgreifende, das Fundamen- 
tale der Sache. Das Fundamentale der Sache trifft man nur, wenn man 
sich zu der Einsicht entschlieBt, daB das BewuBtsein nicht die Klug- 
heit, die Gescheitheit, aber auch das Raffinement desjenigen erschopft, 
was im Menschen als Verstand wirkt, wenn man die Lebensgesetze 
nicht beengt durch die BewuBtseinsgrenze. Denken Sie einmal, es 
kann ja die Frage aufgeworfen werden: Was wollte denn die Dame 
eigentlich, nachdem sie die Abendgesellschaft mitgemacht hatte, die 
Freundin gliicklicherweise ins Bad abgeschickt worden ist? - Die 
Dame wollte eine Gelegenheit herbeifuhren zu dem, was dann ja auch 
gekommen ist, mit dem Hausherrn allein zu sein. Ja, nicht wahr, mit 
alledem, was im BewuBtsein lebt, was man sich gesteht, was man zu- 
gibt, ging das ja doch wohl an jenem Abend nicht recht. Es ging 
nicht. Es ware nicht anstandig gewesen, wie man sagt, nicht wahr. Es 
handelt sich darum, irgend etwas zustande zu bringen, was man nicht 
einzugestehen braucht. Und auf die richtige Erklarung gerade dieser 
Tatsache wird man daher viel mehr kommen, wenn man den in die- 
sem Falle unterbewuBt bleibenden rafiinierten Verstand der Dame, 
dessen sie sich nicht bewuBt ist, zu Hilfe nimmt. Sie wollte - durch 
die ganze Abendgesellschaft hindurch - mit dem Hausherrn zusam- 



menkommen; sie wollte das herbeifuhren. Wie man, wenn man etwas 
weniger gescheit ist, in den Mitteln sich vergreift, um es herbeizu- 
fuhren, wenn man gescheiter ist, es gescheiter einrichtet, um es herbei- 
zufuhren, so kann in diesem Falle gesagt werden, in dem gewohn- 
Hchen BewuBtsein der Dame, wo Begriffe von dem, was anstandig 
oder nicht anstandig, erlaubt oder nicht erlaubt ist, zum Gestand- 
nisse kommen, da ging es nicht, die gehorigen Mittel zu wahlen, 
welche das Zusammensein herbeifuhren konnten. Aber in dem, was 
unter der gewohnlichen BewuBtseinsschicht lagert, da wirkt der Ge- 
danke: Ich muB mit dem Mann zusammenkommen; die nachste Ge- 
legenheit, die sich mir bietet auf der StraBe, muB ich verwenden dazu, 
um in das Haus zuruckzukommen. 

Man kann sagen: Hatte sich nicht die Gelegenheit mit den Pferden 
geboten, die auBerdem noch unterstiitzt war durch die friihere Asso- 
ziation mit dem Pferdeungliick, so hatte sich halt eine andere Gelegen- 
heit gefunden; die Dame hatte nur ohnmachtig zu werden gebraucht. 
Und man kann mit einer gewissen hypothetischen Sicherheit sagen: 
sie ware ganz gewiB ohnmachtig geworden, wenn sich nicht die Ge- 
legenheit mit der heranruckenden Droschke gefunden hatte. Sie ware 
auf der StraBe ohnmachtig hingefallen, und man hatte sie dann auch 
in das Haus zuruckgebracht. Oder wenn sie nicht ohnmachtig ge- 
worden ware, so hatte sich ein anderes Mittel gefunden. Man kann 
sagen: Das UnterbewuBtsein, das sah hinweg uber alle Bedenken, 
\iber welche das OberbewuBtsein nicht hinwegsieht. Das Unter- 
bewuBtsein stellte sich auf den Standpunkt: Wer den Zweck haben 
will, muB auch die Mittel wahlen, ganz gleichgultig, wie es sich nun 
gerade mit den Begriffen vom Anstand oder Nichtanstand verhalt. - 
Also man wird in einem solchen Falle verwiesen auf das, was Nietzsche, 
der von solchen Dingen manches geahnt hat, die groBe Vernunft 
gegemiber der kleinen Vernunft nennt, die umfassende, die nicht zum 
BewuBtsein kommt, die unter der Schwelle des BewuBtseins wirkt 
und durch die die Menschen das Mannigfaltigste tun, das sie sich 
nicht gestehen in ihrem BewuBtsein. Durch das gewdhniiche BewuBt- 
sein, das auBere BewuBtsein, ist der Mensch im Zusammenhange mit 
der sinnlichen Welt, aber uberhaupt mit der ganzen physischen Welt, 



also auch mit dem, was in der ganzen physischen Welt lebt. Das sind 
vor alien Dingen die Begriffe von Anstand, von burgerlicher Moral 
und so weiter. Das gehort ja alles zum physischen Plane, mit diesem 
BewuBtsein ist der Mensch da. 

Im UnterbewuBtsein aber hangt der Mensch mit einer ganz andern 
Welt zusammen, mit derjenigen, von der Jung sagt, die Seele bedurfe 
ihrer, weil sie einfach im Zusammenhang mit dieser Welt stehe, aber 
wovon er auch sagt, es sei toricht, nach der Existenz zu fragen. Ja, so 
ist es eben; sobald die Schwelle des BewuBtseins uberschritten wird, 
ist der Mensch mit seiner Seele nicht in einem bloBen materiellen Zu- 
sammenhange drinnen, sondern in einem Zusammenhange, wo Ge- 
danken walten, Gedanken, die sehr raffiniert sein konnen. 

Nun, Jung sieht ganz recht, wenn er sagt, daB der Mensch der 
Gegenwart, der sogenannte Kulturmensch der Gegenwart ganz be- 
sonders notig hat, auf solche Dinge aufmerksam zu sein. Denn diese 
sogenannte Gegenwartskultur hat die Eigentiirnlichkeit, daB sie zahl- 
reiche Impulse ins UnterbewuBtsein hinunterdrangt, die dann aber 
sich geltend machen in einer solchen Art, daB irrationale Handlungen, 
wie man sie nennt, daB ein ganz irrationales Verhalten des Menschen 
zustande kommt. Wenn vom Machttrieb und vom Liebestrieb ge- 
sprochen wird, so ruhrt das nur davon her, weil in dem Augenblick, 
wo der Mensch mit seiner Seele eintritt in die unterbewuBten Regio- 
nen, er den Regionen naher kommt, in denen diese Triebe walten. 
Nicht diese Triebe sind die Ursachen, sondern daB der Mensch mit 
seiner unterbewuBten Vernunft untertaucht in die Regionen, in denen 
diese Triebe wirksam sind. 

Fur irgendeine Angelegenheit, welche sie weniger interessierte als 
ihr Liebesverhaltnis zu dem Manne, wiirde die Dame sich nicht der 
Strapaze unterzogen haben, erst ihre unterbewuBte Schlauheit walten 
zu lassen; es bedurfte dazu eben dieses besonderen Interesses. Und 
daB oftmals das Liebesinteresse da eine Rolle spielt, riihrt eben nur 
davon her, weil das Liebesinteresse ein sehr verbreitetes ist. Aber 
wenn die Psychoanalytiker mehr ihr Augenmerk verwenden wurden 
auf andere Gebiete, wenn, ich mochte sagen, nicht die psychoanaly- 
tischen Sanatorien ins Auge gefaBt wurden, wo, wie mir scheint, die 



Mehrzahl doch noch weibliche Insassen sind - man wirft das ja audi 
den anthroposophischen Veranstaltungen vor, aber ich glaube, mit 
mehr Recht konnte man das solchen Anstalten vorwerfen wenn 
man mehr bewandert ware auf seiten der psychoanalytischen For- 
scher, mit einem andern Gebiete, was ja auch zum Teil der Fall ist, 
und es wiirden mehr Insassen in den Sanatorien sein aus einem andern 
Gebiete her, so wiirde man auch vielleicht ein weitergehendes Erken- 
nen erzielen konnen. Nehmen wir zum Beispiel an, es wiirde ein Sana- 
torium eingerichtet werden, in dem man speziell unterbringen wiirde 
zur psychiatrischen Behandlung Leute, die nervos oder hysterisch 
geworden sind beim Borsenspiel. Da wiirde man mit demselben 
Rechte, wie von Freud die Liebe eingefiihrt worden ist in die unter- 
bewuBten Regionen, ganz andere Dinge einfiihren konnen. Da wiirde 
man sehen, mit welcher ausgebreiteten, unterbewuBten, raffinierten 
Vorstellung derjenige arbeitet, der also zum Beispiel Borsenspieler ist. 
Da wiirde dann, ich mochte sagen, durch die AusschlieBungsmethode 
die geschlechtliche Liebe keine besondere Rolle spielen konnen, und 
man wiirde doch das Walten des unterbewuBten Raffinements, der 
unterbewuBten Schlauheit und so weiter in hochstem MaBe studieren 
konnen. Auch der Machttrieb wiirde dann nicht immer dasjenige 
sein, was man wiirde aussprechen konnen, sondern da wiirden ganz 
andere Triebe noch, die in den unterbewuBten Regionen walten, in 
die man sich einsenkt mit der Seele, wenn man iiberhaupt in das 
UnterbewuBte kommt, in Frage kommen. Und wenn man ein Sana- 
torium einrichten wiirde fur hysterisch gewordene Gelehrte, dann 
wiirde auch unter dem, was unterbewuBt wirkt, wenig gerade auf den 
Liebestrieb zuruckfuhren konnen; denn fur denjenigen, dem die Tat- 
sachen auf diesem Gebiete hinlanglich bekannt sind, steht fest, daB 
unter den heutigen Verhaltnissen Gelehrte sehr wenig durch die Liebe 
zu ihrer Wissenschaft getrieben werden, sondern durch ganz andere 
Triebe, die dann sich zeigen wiirden, wenn sie psychoanalytisch an die 
Oberflache gefuhrt wiirden. Dasjenige aber, was das Umfassende ist, 
das ist eben, daB die Seele aus den bewuBten Regionen heruntergefiihrt 
wird in die unterbewuBten Regionen - die nur durch Geistesforschung 
bewuBt werden konnen - und in denen waltet, was an Trieben im 



Menschen lebt, ohne daB der Mensch sie dann meistern kann, weil er 
nur dasjenige meistern kann, was in seinem BewuBtsein ist. 

Wiederum eine recht unbequeme Wahrheit. Denn selbstverstand- 
lich muB man ja dann zugeben in noch weit groBerem MaBe, als das 
von den Psychoanalytikern zugegeben wird, daB der Mensch in seinen 
unterbewuBten Regionen ein recht schlaues Wesen sein kann, viel 
schlauer als er in seinem gewohnlichen BewuBtsein ist. Nun, auch auf 
diesem Gebiete kann man ja gerade mit der gewohnlichen Wissen- 
schaft sonderbare Erfahrungen machen. Und ein Kapitel iiber diese 
Erfahrungen konnen Sie lesen in dem zweiten Kapitel, das in meinem 
neuen Buche «Von Seelenratseln», das demnachst erscheint, verzeich- 
net ist, wo ich mich mit dem Kapitel beschaftige, das das akademische 
Individuum Dessoir in seinem Buche «Vom Jenseits der Seele» iiber 
Anthroposophie sich geleistet hat. Dieses zweite Kapitel meines 
Buches «Von Seelenratseln» wird auch ein hubscher Beitrag sein 
konnen, wenn sich heute denkende Menschen ein Urteil bilden wol- 
len iiber die Gelehrtenmoral der Gegenwart. Sie werden sehen, wenn 
Sie dieses Kapitel lesen werden, mit was fur Gegnerschaften man es 
eigentlich zu tun hat. Ich will von den Gesichtspunkten, die dort an- 
gegeben sind, nur ein paar erwahnen, die nicht ganz unzusammen- 
hangend mit dem Thema des heutigen Tages sind. 

Dieser Mann findet zum Beispiel allerlei einzuwenden gegen das 
und jenes und beruft sich immer auf Stellen, die er aus meinen Biichern 
vorbringt. In einem netten Zusammenhange erzahlt er auch, wie ich 
aufeinanderfolgende Kulturperioden unterscheide : die indische, die 
urpersische, die chaldaisch-agyptische, die griechisch-lateinische, und 
wir leben jetzt in der sechsten, sagt er, nach Steiner. 

Nun, diese Sache weist einen in die Notwendigkeit, schulmeister- 
lich widerlegen zu miissen; denn es zeigt einem den Weg, auf den 
man zunachst solch einem Individuum zu Leibe riicken muB. Wie 
kommt in all seinem sonstigen Unsinnsgestriippe dieser Max Dessoir 
dazu, zu sagen, ich hatte behauptet, wir leben jetzt in der sechsten 
nachatlantischen Kulturperiode? Man kann es leicht nachweisen, 
wenn man einige Ubung in der Handhabung der philologischen Me- 
thoden hat. Ich war sechseinhalb Jahre am Weimarischen Goethe- 



Archiv und kenne ein wenig die Handhabung der philologischen 
Methoden und konnte leicht nachweisen, nach philologischen Metho- 
den, wie Dessoir darauf kommt, diese sechste Kulturperiode jetzt mir 
zu unterschieben. Namlich, er hat mein Buch gelesen «Die Geheim- 
wissenschaft im UmriB». In diesem Buche «Die Geheimwissenschaft>> 
steht ein Satz, der bereitet vor die Besprechung der fiinften nach- 
atlantischen Kulturperiode, der Gegenwart. Da sage ich, daB sich 
die Dinge langsam vorbereiten, und in einem Abschnitt sage ich, 
es haben sich vorbereitet die Dinge, die dann im 14. Jahrhundert, 
15. Jahrhundert herausgekommen sind, im 4., 5. und 6. Jahrhundert. 
Also ich sage: «. . .im 4., 5. und 6. Jahrhundert. . .» in einer Zeile, und 
nach vier oder fiinf Zeilen steht, daB dann dieses 6. Jahrhundert die 
Vorbereitung war fur die funfte nachatlantische Zeit. Dessoir liest so, 
wie das ihm eigen ist, oberflachlich; er sieht dann, wie das bei man- 
chen Gelehrten iiblich ist, rasch die Stelle nach, die er sich mit rotem 
oder auch anderem Bleistift an den Rand notiert hat, und verwechselt, 
als er mein Buch «Die Geheimwissenschaft» besprach, dasjenige, was 
fiinf Zeilen spater steht, die nachatlantische Kulturperiode mit dem, 
was uber das 4., 5. und 6. Jahrhundert steht, und da sagt er: « sechste 
Kulturperiode », statt funfte, weil er den Blick vier Zeilen weiter her- 
aufriickte ! 

Also Sie sehen, mit welch grandioser Oberflachlichkeit solch ein 
Individuum eigentlich arbeitet. Hier haben wir ein Beispiel, wo man 
direkt philologisch solche Gelehrsamkeit abfangen kann. Solcherlei 
Fehler durchziehen das ganze Kapitel dieses Machwerkes. Und wah- 
rend Dessoir behauptet, daB er eine ganze Reihe von Schriften von 
mir studiert hat, konnte ich wiederum philologisch nachweisen, wor- 
innen diese ganze Reihe von Schriften besteht. Er hat namlich ge- 
lesen - und ganz wenig verstanden - «Die Philosophic der Freiheit»; 
daruber formuliert er einen Satz, der einfacher Unsinn ist. Dann aber 
hat er gelesen «Die Geheimwissenschaft», so aber gelesen, daB sol- 
cherlei Zeug herauskommt, wie ich Ihnen eben charakterisiert habe. 
Dann hat er noch gelesen die Schrift von der «Geistigen Fuhrung des 
Menschen und der Menschheit», die kleine Schrift iiber «Reinkarna- 
tion und Karma » und «Blut ist ein ganz besonderer Saft». Das ist 



alles, was er von mir gelesen hat; das kann man nachweisen aus seinem 
Aufsatze, den er geschrieben hat. Sonst hat et nichts gelesen. Das ist 
Gelehrtenmoral der Gegenwart! Wichtig ist es, einmal bei einer sol- 
chen Sache die Gelehrsamkeit der Gegenwart abzufangen. In diesem 
Falle Hegt diesem Gelehrten aus der Zahl meiner Biicher diese kleine 
Zahl vor, die ich eben genannt habe, und darauf gnindet er nun, 
auBerdem mit einem ganz korrupten Denken, seine ganzen Darstel- 
iungen. So aber machen es zahlreiche Gelehrte der Gegenwart iiber- 
haupt. Es liegen ihnen, wenn sie zum Beispiel iiber Tiere sprechen, 
nicht genugende Unterlagen vor, sondern ungefahr so viel aus dem 
Leben der Tiere, wie dem Dessoir aus meinen Schriften vorliegt. 

Man konnte ein hiibsches Kapitel formen, wenn man das Unter- 
bewuBte bei Max Dessoir ins Auge fassen wiirde. Allein Dessoir gibt 
einem selbst Gelegenheit, an einer besonderen Stelle seines Buches 
auf sein UnterbewuBtsein ein wenig Riicksicht zu nehmen. Er erzahlt 
namKch grosteskerweise, daB es ihm manchmal passiere, wenn er zu 
einer Versammlung spricht, daB er plotzlich merkt: ohne daB seine 
Seele dabei ist, wirken die Gedanken fort, dann spricht er noch eine 
Zeitlang fort, und erst an der Art und Weise, wie sich das Publikum 
dazu verhalt, merkt er, daB seine Gedanken eine andere Richtung 
genommen haben als seine Aufmerksamkeit. Das erzahlt er ganz naiv. 
Nun denken Sie sich einmal, aus dieser Tatsache redet er dann von 
allerlei Eigentumlichkeiten des menschlichen BewuBtseins. Ich habe 
zart darauf hingewiesen, daB Dessoir sich da in einer merkwurdigen 
Weise enthiillt. Ich habe gesagt, es sei ganz unmoglich, daB er sich 
selbst meine; es konne nur so sein, daB er in diesem Falle so spricht, 
wie wenn man sich mit andern ungeschickten Rednern identifiziert 
und per ich spricht, indem man sich in den andern versetzt; denn es 
wiirde eine zu starke Zumutung sein, wenn man ihm selber zumuten 
wollte, daB er sich da selber charakterisiere. Aber - er charakterisiert 
sich namlich selber! Es ist schon so. Nun, wenn man solche Sachen 
bespricht, muB man manchmal auf sehr merkwurdige Dinge hin- 
weisen. «Die Philosophic der Freiheit» behandelt er nur in einer An- 
merkung, indem er einen trivialen Satz daraus formuliert, der zwar 
Dessoirisch ist, aber nicht von mir stammt. Diese ganze Sache ist toll. 



Aber er sagt dabei: In Steiners Erstling, «Die Philosophic der Frei- 
heit». Also da ist man wirklich dann genotigt, da «Die Philosophic 
der Freiheit» nicht mein erstes Buch ist, sondern der Abschlufi einer 
zehnjahrigen Schriftstellerarbeit, auf solche Ausgiisse einer akaderni- 
schen Paranoia, eines akademischen Wahnsinns hinzuweisen bei einer 
solchen Handhabung der Gelehrtenmoral. Ich weiB selbstverstand- 
lich, trotzdem ich in diesem Kapitel gezeigt habe, wie korrupt diese 
ganze Darstellung ist, daB immer wiederum die Leute kommen wer- 
den und sagen werden: Na, der Dessoir hat ja den Steiner widerlegt, 
und so weiter. Selbstverstandlich weiB ich das ganz gut. Ich weiB, 
daB man heute wie gegen Wande redet, wenn man zu durchbrechen 
hat dasjenige, was die Menschen ja heute ganz und gar nicht haben, 
den Autoritatsglauben, denn den haben sie ja abgeschafft! 

Allein gerade dieses Kapitel wird einen Beweis liefern, gegen welche 
Schwierigkeiten in der gegenwartigen Kulturstromung Geisteswissen- 
schaft einfach aus dem Grunde anzukampfen hat, weil sie genotigt ist, 
auf klare, scharfe BegrifFskonturen und konkrete geistige Erlebnisse 
hinzuweisen. Von Logik zum Beispiel ist bei einem solchen Indivi- 
duum wie bei Dessoir uberhaupt nicht im allerentferntesten die Rede, 
nicht im allerentferntesten. Und Logik fehlt uberhaupt in dem weite- 
sten Umfange in der gegenwartigen sogenannten wissenschaftlichen 
Literatur. 

Das sind die Grunde, warum die offizielle Gelehrsamkeit und die 
offiziellen Geistesrichtungen, selbst wenn sie sich herausarbeiten aus 
dem Allerinferiorsten, wie es zum Beispiel die Universitatspsychiatrie 
oder -psychologic ist, nicht in der Lage sind, auf einen grunen Zweig 
zu kommen, weil sie ermangeln der allerersten Anforderungen: einer 
wirklichen Betrachtung des Lebens. Solange nicht in weitesten Krei- 
sen eine Uberzeugung davon Platz greift, wie weit entfernt von echter 
Forschung und echtem Wirklichkeitssinn dasjenige ist, was heute als 
wissenschaftliche Literatur - ich sage nicht als Wissenschaft, sondern 
als wissenschaftliche Literatur - figuriert und oftmals den Inhalt auch 
von Universitats- und namentlich popularen Vortragen bildet, so- 
lange nicht in weitesten Kreisen dieser Autoritatsglaube durchbro- 
chen wird, so lange kann auch nicht Heil kommen. Diese Dinge muB 



man sagen, auch wenn man den groBten Respekt hat vor naturwissen- 
schaftlicher Denkweise, wenn man gerade die gr oBen Errungenschaf- 
ten der naturwissenschaftlichen Denkweise immer wieder und wieder- 
um betont. DaB solche Dinge wider spruchsvoll ins Leben eingreifen, 
damit muB man sich schon bekanntmachen. 

Nun, nach dieser Abschweifung mochte ich zum Thema zuriick- 
kehren. Besonders gravierend findet namlich Dessoir bei einer Ge- 
legenheit, bei der er sich noch eine Kombination von objektiver Un- 
wahrheit und Verleumdung gestattet, daB ich in dem Buchelchen «Die 
geistige Fiihrung des Menschen und der Menschheit» auf ein wich- 
tiges, unterbewuBtes Wirken geistiger Impulse hingewiesen habe, in- 
dem ich gezeigt habe, daB in dem Kinde, das sich sein Gehirn auf baut, 
eine gescheitere Weisheit wirkt als diejenige, die spater bewuBt wird, 
wenn das Gehirn aufgebaut ist. Sie kennen dieses Kapitel aus der 
«Geistigen Fiihrung des Menschen und der Menschheit». Bei solchen 
normalen Wirkungen des UnterbewuBten miiBte eine gesunde Wis- 
senschaft eigentlich einsetzen. Aber es braucht diese Wissenschaft auch 
noch etwas anderes. Wenn Sie sich die Schrift vornehmen «Wie er- 
langt man Erkenntnisse der hoheren Welten?», dann finden Sie dort 
das Geheimnis der Schwelle besprochen. Sie finden dieses Geheimnis 
der Schwelle so besprochen, daB gezeigt wird, daB nach dem (Jber- 
schreiten der Schwelle in die geistigen Welten hinein in gewissem 
Sinne eine Trennung, eine DifFerenzierung der drei Grundkrafte des 
Seelenlebens stattfindet: Denken, Fiihlen, Wollen. Erinnern Sie sich 
nur, wie bei der Besprechung des Hiiters der Schwelle in der Schrift 
«Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten ?» gezeigt ist, wie 
dasjenige, was im gewohnlichen BewuBtsein gewissermaBen zusam- 
menwirkt, so daB man es nicht recht trennen kann - Denken, Fiihlen, 
Wollen -, wie das auseinandertritt, jedes selbstandig wird, so daB ich 
sagen kann, wenn ich diese Sache aufzeichnen wiitde: Wenn hier (Zeich- 
nung S. 160) die Grenze ist zwischen dem gewohnlichen BewuBt- 
sein und jener Region, in der die Seele lebt als in der geistigen Welt 
drinnen, so miiBte ich Denken, Fiihlen und Wollen schematisch so auf- 
zeichnen, daB dies das Gebiet des Wollens ware (rot), das aber un- 
mittelbar angrenzt an das Gebiet des Fiihlens (griin), und wiederum 



dieses angrenzt an das Gebiet des Denkens unmittelbar (gelb). Hatte 
ich den Weg zu skizzieren in die geistige Welt hinein nach dem tlber- 
schreiten der Schwelle, so miiBte ich folgendes schematisieren, fol- 
gende schematische Zeichnung anfuhren: ich miiBte zeigen, wie das 
Denken auf der einen Seite selbstandig wird (gelb, rechts) ; das Fiihlen 
selbstandig wird (griin, rechts) und sich trennt von dem Denken; 
das Wollen selbstandig wird (rot^ rechts), was ich hier schematisch 
zeichne. So daB sich Denken, Fiihlen und Wollen facherartig ausein- 
andertrennen. 

Das flnden Sie mit Worten dargestellt in meinem Buche «Wie er- 
langt man Erkenntnisse der hoheren Welten?». DaB nun vor der 
Schwelle diese drei Tatigkeiten, die da getrennt wirkend aneinander- 
grenzen, in der richtigen Weise zusammenwirken, nicht in Verwir- 
rung kommen, das ist bewirkt dadurch, daB gewissermaBen die 
Schwelle eine gewisse Breite hat, in der unser Ich selber lebt. Und 
wenn das Ich gesund wirkt, wenn das Ich seine voile seelische Ge- 
sundheit hat, dann wird durcheinanderwirkend Denken, Fiihlen und 
Wollen so gehalten, daB sie nicht ineinanderpurzeln, aber sich doch 
gegenseitig so beeinflussen, indem sie aneinandergrenzen - das ist das 
wesentliche Geheimnis unseres Ich daB Denken, Fiihlen, Wollen 
nebeneinandergehalten werden; so daB sie sich gegenseitig beeinflus- 
sen in der richtigen Weise, aber nicht das eine in das andere hinein- 



purzeln kann. Kommen wir iiber die Schwelle in die geistige Welt, so 
konnen sie nicht ineinander hineinpurzeln, weil sie sich sogar trennen. 

Solch ein Philosoph, wie zum Beispiel Wundt ist, solche Philoso- 
phen reden davon, daB man die Seele nicht dreigliedern soli, weil die 
Seele eine Einheit ist. Da macht Wundt auch alles konfus durchein- 
ander. Aber die Sache ist doch diese, daB in der geistigen Welt Den- 
ken, Fiihlen und Wollen in dreifacher Weise urstanden; in der Seele 
wirken sie allerdings zu einer Einheit zusammen. Das ist das, worauf 
man Riicksicht nehmen muB. Und wenn gesagt wird, was vor kiirzerer 
oder langerer Zeit auch einmal gesagt worden sein soil, die Anthropo- 
sophie unterscheide eigentlich drei Seelen und es gabe doch nur eine 
Seele, daran sehe man schon, daB Anthroposophie keine Begriindung 
habe - so muB man dagegen einwenden: es stort auch nicht die Ein- 
heit des Menschen, daB er zwei Hande hat, selbstverstandlich. 

Nun aber haben wir hier (siehe Zeichnung Mitte und rechte Seite) 
das Verhaltnis der Seelenkrafte, die im Ich wirken, mit dem Ich zu- 
sammen und ihre Wirkungsweise jenseits der Schwelle des BewuBt- 
seins hinein in die geistige Welt. Aber es kann der andere Fall ein- 
treten. Der kann dadurch eintreten, daB das Ich durch irgend etwas 
geschwacht wird. Dann wird gewissermaBen die Schwelle nach der 
umgekehrten Seite uberschritten, dann schwenkt das Denken ab 
(siehe Zeichnung, gelb, links) und vermischt sich mit dem Fiihlen 
(griin, links) und vermischt sich mit dem Wollen (rot, links) und Sie 
haben im Seelischen durcheinander Denken, Fiihlen und Wollen; die 
purzeln ineinander. Das aber tritt dann ein, wenn, sagen wir, das 
Denken irgendwie der Gefahr ausgesetzt wird, nicht vollstandig um- 
faBt zu werden, sondern sich selbstandig geltend macht im BewuBt- 
sein. Und weil das Ich nicht ordentlich wirkt, rutscht das Denken in 
die Gefuhls- oder gar in die Willenssphare hinein. Statt daB die Dinge 
nun nebeneinandergehen, Denken, Fiihlen und Wollen, ergreift das 
Denken, ohne daB das Ich seine Tatigkeit entfalten kann, das Fiihlen 
oder gar das Wollen. 

Das geschieht in den Fallen, die geschildert werden von den Psycho- 
analytikern als hysterische oder nervose Falle. Da schwenkt gewisser- 
maBen Denken, Fiihlen und Wollen nach der entgegengesetzten Seite 



ab von jener gesunden Richtung, die in das geistige Gebiet hinein- 
fiihren wiirde. 

Wenn man wirkliche Anlage, Begabung zur Priifung hat, kann man 
dann die Dinge, ich mochte sagen, handgreiflich sehen, wie sie ge- 
schehen. Nehmen Sie die Dame, die am Krankenbett ihres Vaters 
sitzt, in ihrem starken Ich-BewuBtsein durch viele Nachtwachen her- 
abgedampft ist - das geringste kann geschehen, so wird ein Gedanke 
nicht ordentlich neben dem Gefiihl einherlaufen, sondern hinunter- 
purzeln in die Region der Gefuhle. Dann aber ist der Gedanke so- 
gleich von den Gefiihlswogen ergrifFen, die starker sind als die Wogen 
des Gedankens ; und die Folge davon ist, daB dann in einem solchen 
Falle der Organismus ergrifFen wird von den Gefiihlswogen. Von den 
Gefiihlswogen wird namlich der Organismus in dem Augenblicke 
ergrifFen, in dem das Denken nicht stark genug ist, sich auBer den 
Gefiihlen zu halten. 

Das ist eine wichtige Anforderung, daB das Denken des modernen 
Menschen immer mehr in die Lage kommt, sich auBer den Gefiihls- 
wogen und den Willenswogen zu halten. Ergreift das Denken im 
UnterbewuBten - hier ist das UberbewuBte (siehe Zeichnung, rechts), 
hier ist das BewuBte (Mitte), hier ist das UnterbewuBte (links) -, er- 
greift das Denken die Gefiihlswogen im UnterbewuBten, so geschieht 
etwas Unordentliches im Organismus. Das ist auBerordentlich wich- 
tig. 

Nun konnen Sie sich denken, wie in diesem modernen Leben, wo 
so vieles an die Menschen herangebracht wird, was sie nicht ordent- 
lich verstehen, was sie nicht weiter durchdringen, wie da die Gedan- 
ken fortwahrend in die Gefuhle hinunterstromen. Aber: nur das Den- 
ken ist orientiert auf den physischen Plan; das Fiihlen ist nicht mehr 
bloB auf dem physischen Plane, sondern das Fiihlen steht eo ipso im 
Zusammenhang mit der geistigen Welt. Das Fiihlen steht wirklich 
im Zusammenhang mit all den geistigen Wesen, von denen man als 
real sprechen muB. So daB der Mensch, wenn er mit unzulanglichen 
Begriffen untertaucht in sein Gefiihlsleben, in Kollisionen kommt mit 
den Gottern - wenn man so sagen will -, aber auch mit den bosen 
Gottern. Da kommt er in Kollisionen. Und da treten alle diese Kol- 



lisionen auf, die davon herkommen, daB der Mensch mit unzulang- 
lichen Erkenntnismitteln untertaucht. Er muB mit unzulanglichen 
BegrifFen untertauchen, wenn in der Gefuhlssphare viel mehr ist, als 
in der gewohnlichen Verstandessphare. In der Gefuhlssphare kann 
sich der Mensch nicht emanzipieren von seinem Zusammenhang mit 
der geistigen Welt. Wenn er nun in der materialistischen Zeit sich in 
der Verstandessphare emanzipiert, so kommt er mit unzulanglichen Be- 
grifFen immer in seine Gefuhlswelt hinein, und er muB krank werden. 

Was wiirde daher die einzige Hilfe sein, den Menschen umfanglich 
gesund zu machen? Ihn wiederum hinzufiihren zu solchen BegrifFen, 
die auch die Gefuhlssphare umfassen; das heiBt, den modernen Men- 
schen wiederum zu reden von der geistigen Welt, im umfanglichsten 
Sinne zu reden von der geistigen Welt. Nicht die dem Individuum an- 
gepaBten therapeutischen Methoden des Psychoanalytikers kommen 
dabei in Betracht, sondern die fur die Allgemeinheit geltende Geistes- 
wissenschaft. Nimmt man die BegrifFe der Geisteswissenschaft wirk- 
lich auf - nicht alle nehmen sie ja auf, die sie sich anhoren, oder die 
dariiber lesen -, nimmt man sie wirklich auf, dann kommt man nicht 
in die Moglichkeit, daB sich im UnterbewuBten die drei Spharen der 
Seele - Denken, Fiihlen und Wollen - chaotisch durcheinanderwirren, 
worauf alle Hysterie und alle Nervositat in Wirklichkeit beruht, die 
innerseelisch ist - und von solchem spricht ja die Psychoanalyse. 

Dazu ist aber allerdings notwendig, daB man den Mut hat, heran- 
zukommen an das konkrete Wirken der geistigen Welten, daB man 
den Mut hat, anzuerkennen, daB wir in unserer Zeit in einer Krise 
leben, die wesentlich zusammenhangt mit einer Krise, die wir ja 
konstatiert haben fur das Jahr 1879 und unter deren Nachwehen wir 
stehen. Ich sagte schon gestern, gewisse Dinge miissen ganz anders 
betrachtet werden, als sie von der materialistischen Gesinnung unse- 
rer Zeit betrachtet werden; und ich wies auf das Beispiel Nietzsche 
run: Nietzsche ist 1844 geboren; 1841 begann der Kampf in der gei- 
stigen Welt, von dem ich gesprochen habe; drei Jahre lang war 
Nietzsche darinnen in diesem Kampfe. Richard Wagner hat ihn zu- 
nachst nicht mitgemacht; er ist 1813 geboren. Also drei Jahre lebt 
Nietzsche in der geistigen Welt, nachdem dieser Kampf stattfindet. 



Da nimmt er all die Impulse auf, die er unter dem EinfluB dieses 
Kampfes aufnehmen kann in der geistigen Welt; er kommt damit her- 
unter. Nun lese man Nietzsches erste Schriften, wie die Kampfes- 
stimmung sich hineinmischt in seine Schriftstellerei, wie in jedem 
Satze, ich mochte sagen, eine Nachwirkung desjenigen vorhanden 
ist, was er in den drei Jahren seines geistigen Aufenthalts, von 1841 
bis 1844, erlebt hat. Dadurch bekommen die Nietzscheschen Schriften 
der ersten Zeit ihre ganz besondere Farbung. Dann aber ist weiter 
wichtig, ich habe Ihnen ausgefuhrt: ein sechzehnjahriger Bub war er, 
als Schopenhauer stirbt; er liest dann Schopenhauers Schriften. Eine 
reale Beziehung findet statt von Schopenhauers Seele ausgehend in 
der geistigen Welt in die Seele Nietzsches hinein. Jeden Satz bei 
Schopenhauer liest Nietzsche so, daB dieser Impuls aus der geistigen 
Welt in ihn eindringt. Denn Schopenhauer kommt 1860 hinauf in die 
geistige Welt, als der Kampf oben noch wiitet. Was will Schopen- 
hauer? Schopenhauer will unter dem EinfluB dieses Kampfes nicht so 
sehr seine Schriften als seine Gedanken fortwirkend machen. Nietzsche 
setzt wirklich die Gedanken Schopenhauers fort, aber er setzt sie auf 
eine eigenturnliche Weise fort. Schopenhauer sieht, als er durch die 
Pforte des Todes gegangen ist: er hat hier herunten seine Schriften 
verfaBt in einer Epoche, in der heranriickten die Geister der Finster- 
nis ; noch nicht waren sie da; seine Gedanken will er fortgesetzt haben, 
die Impulse, die daraus entstehen. Also noch, indem er den Kampf 
der Geister der Finsternis oben in der geistigen Welt gegen die Gei- 
ster des Lichtes vor sich hat, will er seine Schriften fortgesetzt haben; 
die Impulse bildet er in Nietzsches Seele hinein, seine Gedanken fort- 
zusetzen. Das, was da aus der geistigen Welt in Nietzsches Seele hin- 
eingeht, kontrastiert mit dem, was auf dem physischen Plane im per- 
sonlichen Umgange mit Wagner geschieht. So setzt sich Nietzsches 
Seelenleben zusammen, so setzt sich Nietzsches Schriftstellerlauf bahn 
zusammen. 

Jetzt riickt das Jahr 1879 heran. Der Kampf, der sich in den geisti- 
gen Reichen abgespielt hat, beginnt unten sich abzuspielen, nachdem 
die Geister der Finsternis gestiirzt sind. 1883 geht Wagner hinauf in 
die geistige Welt. Nietzsche ist durch dieses sein ganzes Karma, in 



das ich jetzt einbezogen habe sein konkretes Verhaltnis zur geistigen 
Welt, einer gewissen Gefahr ausgesetzt. Er ist der Gefahr ausgesetzt, 
daB die Geister der Finsternis ihn in ganz besonders schlimme Pfade 
hineinbringen. Schopenhauer hatte, ich mochte sagen, einen trans- 
zendent-egoistischen Grund. Als Seele steht er in der geistigen Welt 
drinnen, inspiriert Nietzsche, so daB der seine Gedanken fortsetzt. 
Das ist ein post mortem dauernder transzendent-egoistischer Grund. 
Das Egoistische muB ja nicht immer bose sein. Aber als Wagner hin- 
auf kommt in die geistige Welt, da sind die Geister der Finsternis 
schon herunten. Er kommt gewissermaBen in eine ganz andere Atmo- 
sphare hinauf. Er wird - da muB man Dinge aussprechen, die ja para- 
dox sind, aber die doch eben wahr sind -, er wird in einer unegoisti- 
schen Weise der Lenker Nietzsches von der geistigen Welt aus. Er 
laBt nicht seine Gedanken fortsetzen, sondern er laBt Nietzsche in 
dem Fahrwasser spielen, das fur Nietzsche gerade angemessen ist, in- 
dem er Nietzsche die Wohltat zukommen laBt, im richtigen Momente 
geistig umnachtet zu werden; er laBt ihn davor bewahrt sein, in sei- 
nem BewuBtsein in gefahrvolle Regionen hineinzukommen. Das 
schaut naturlich sehr paradox aus, aber das ist zugrunde liegend der 
unegoistischen Art, wie Richard Wagners Seele auf Nietzsche wirkt 
aus den reineren Regionen heraus, als zunachst Schopenhauers Seele 
gewirkt hat, der noch mitten drinnen war in dem Kampf der Geister 
der Finsternis gegen die Geister des Lichtes driiben in der geistigen 
Welt. Was Wagner wirklich will fur Nietzsche, das ist, so gut es geht, 
ihn zu bewahren in seinem Karma vor den nun schon auf die Erde 
herabgekommenen Geistern der Finsternis. 

Und Nietzsche ist bewahrt worden bis zu einem hohen Grade vor 
diesen Geistern der Finsternis. Denn wer die letzten Schriften Nietz- 
sches in entsprechender Weise auf sich wirken laBt, der wird finden, 
daB man groBe Gedanken daraus finden kann, gerade wenn man los- 
lost die starken Widerstande oder die Dinge, die von den starken 
Widerstanden hergekommen sind. Ich habe mich ja bemiiht, in mei- 
nem Buche «Friedrich Nietzsche, ein Kampfer gegen seine Zeit», die 
groBen Gedankenimpulse hinzustellen, abgesondert von alledem, was 
aus widerstrebenden Impulsen bei Nietzsche gekommen ist. 



Ja, die Welt ist tief, und es ist wirklich etwas Wahres an dem, was 
Nietzsche selbst gesagt hat: «Die Welt ist tief, und tiefer als der Tag 
gedacht.» Und man mu6 nicht mit dem gewdhnlichen BewuBtsein 
die weiten Regionen des geistigen Lebens kritisieren wollen. Die 
weisheitsvolle Weltenlenkung versteht man nur, wenn man beim Ein- 
gehen in das Konkrete der Weltenfuhrung egoistische Gedanken fern- 
zuhalten versteht, wenn man auch tragische Erscheinungen der Wel- 
tenentwickelung einzureihen vermag in den weisheitsvollen Gang. 
Und man kommt auf viele, viele unbequeme Stellen, wenn man die 
Dinge wirklich durchschauen will. 

Wer solch ein Leben fur die Zukunft durchschauen will, wie es das 
Nietzsches war, der wird gar nicht mehr auskommen konnen, wenn er 
nur die Dinge beschreibt, die hier auf der Erde in Nietzsches Um- 
gebung sich zugetragen haben. Die Betrachtung des Lebens wird 
sich ausdehnen mussen auf die geistige Welt. Und wie mit der Nase 
wird der Mensch hingewiesen auf die Notwendigkeit der Ausdeh- 
nung durch diejenigen Ereignisse, die heute dem Psychoanalytiker 
vorliegen, und die er nur mit unzulanglichen Erkenntnismitteln mei- 
stern will, aber nicht meistern wird. Daher wiirde die menschliche 
Gesellschaft in schwierige Situationen hineintreiben, wenn der Psycho- 
analyse Folge geleistet wiirde, insbesondere auf padagogischem Ge- 
biete. Warum? 

Bedenken Sie die Tatsache, daB das Denken herunterrutscht in die 
Gefuhlssphare. Ja, sobald man mit der Seele in der Gefuhlssphare 
lebt, lebt man nicht mehr in dem Leben, das durch Geburt und Tod 
begrenzt ist (a) oder durch Empfangnis und Tod begrenzt ist, sondern 
da lebt man schon in der ganzen Welt drinnen, welche sich ausdehnt - 
wenn das der gewohnliche Lebenslauf ist (siehe Zeichnung), lebt man 
mit der Gefuhlssphare auch in der Zeit vom letzten Tode bis zu dieser 
Geburt (b) und mit dem Willen gar in der vorhergehenden Inkarna- 
tion (c). 





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Denken Sie sich das Verhaltnis des Padagogen, der psychoanalytisch 
vorgehen will, zu einem Zogling oder zu einem Patienten. Indem er 
sich heranmacht an seinen Seeleninhalt, der in die Gefuhlssphare hin- 
einrutscht, macht er sich nicht nur an das individuelle Leben des 
Menschen heran, sondern er macht sich heran an das umfassende 
Leben, das iiber das Individuelle weit hinausgeht. Fur dieses umfas- 
sende Leben liegen aber zwischen den Menschen nicht Zusammen- 
hange vor, die sich dutch bloBe Vorstellungen erschopfen lassen, son- 
dern die fiihren hinein in reale Lebenszusammenhange - das ist sehr 
wichtig ! Denken Sie also, es wiirde ein solches Verhaltnis des psycho- 
analytischen Erziehers zu dem Zogling stattfinden, so wiirde das, was 
sich da abspielt, sich nicht abspielen konnen bloB auf dem Vorstel- 
lungsgebiete, indem man dem BetrefTenden etwas beibringt, sondern 
es wurden sich reale karmische Beziehungen ankniipfen miissen, weil 
man viel mehr in das Leben hineingreift. Man wiirde gewissermaBen 
das betreffende Individuum herausreiBen aus seinem Karma, wiirde es 
in seinem karmischen Verlauf andern. Das kann nicht gehen, daB man 
dasjenige, was iiber das Individuum hinausfiihrt, individuell behan- 
delt, sondern das muB generell, allgemein-menschlich behandelt wer- 
den. Wir sind in einer gewissen Zeitepoche zusammengefiihrt, also 
muB wirken ein Gemeinsames, sobald man iiber das Individuelle hin- 
ausgeht. Das heiBt, es darf nicht gegeniibertreten Individuum dem 
Individuum und das Individuum therapeutisch oder padagogisch so 
behandeln, wie es der Psychoanalytiker macht, sondern es muB etwas 
Allgemeines eintreten. In die Zeitkultur muB etwas hereintreten, was 
die Seele hinweist auf dasjenige, was sonst unterbewuBt bleibt; und 
das, was heraufzieht, das muB nur Milieu werden, nicht eine Angele- 
genheit, die sich von Individuum zu Individuum abspielt. 

Hier liegt der groBe Fehler, der gemacht wird, der von einer un- 
geheuern Tragweite, von einer riesigen Bedeutung ist. Statt die Be- 
strebung dahinzufiihren, das Geistesleben zu durchdringen mit dem, 
was Wissen von der geistigen Welt werden kann, wie es in der Gegen- 
wart sein muB, sperrt man diejenigen Seelen, an denen sich zeigt, wie 
das zuriickgestaute Geistesleben krankhaft wirkt, in Sanatorien ein 
und behandelt einen einzelnen. Das kann niemals zu etwas anderem 



fiihren, als daB karmisch verworrene Verhaltnisse sich anknupfen, 
daB aus dem, was sich vollzieht zwischen den Individuen, nicht her- 
auskommt ein wirkliches Heben des unterbewuBten Seeleninhaltes, 
sondern daB sich karmische Beziehungen zwischen den Behandelnden 
und dem Behandelten anknupfen, weil es iibergreift in das Indivi- 
duelle. 

Sie sehen, man kommt in das reale, in das konkrete Leben hinein, 
mit dem man nicht spielen darf, das man dann erst meistern kann, 
wenn nichts anderes angestrebt wird als dasjenige, was allgemein- 
menschlich ist auf diesem Gebiete, Man muB an den konkreten Be- 
ziehungen von Menschen zur geistigen Welt diese Dinge eben lernen. 
Daher wurde es mitzlich sein, wenn sich die Menschen darauf ein- 
lieBen, nicht wiederum abstrakt herumzureden, wie es Jung tut, da- 
von, daB der Mensch alles erlebt, was die Menschheit durchgemacht 
hat, alle moglichen Damonen; aber er macht sie zu abstrakten Damo- 
nen, nicht zu Wirklichkeiten, indem er gerade sagt, iiber ihre Existenz 
zu diskutieren ist eine Dummheit. Er macht sie zu abstrakten Damo- 
nen, zu bloBen Gedankendamonen. Ja, bloBe Gedankendamonen 
konnten niemals einen Menschen krank machen, die konnen niemals 
im UnterbewuBten sein, sondern die konnen nur im BewuBtsein sein. 
Das ist das Wesentliche, daB die Menschen, die sich solchen Theorien 
hingeben, selber mit so viel unbewuBten Vorstellungen arbeiten, daB 
sie auf das Richtige nicht kommen konnen. Die Menschen kommen 
zu Absolutierungen von gewissen Begriffen. Und ich muB immer wie- 
der sagen, da wo die Begriffe anfangen verabsolutiert zu werden, 
kommt man immer in eine Sackgasse hinein, oder man kommt vor 
eine Grube, in die man hineinfallt mit seinem Denken. 

Ein Mensch wie Dr. Freud ist genotigt, das Sexualgebiet auszudeh- 
nen iiber das gesamte menschliche Wesen, damit er aus dem Sexual- 
gebiet heraus alles erklaren kann, was an solchen Seelenerscheinungen 
auftritt. Ich sagte zu verschiedenen Menschen, die mit psychoanaly- 
tischen Tendenzen an mich herankommen, eine Theorie, eine Welt- 
anschauung muB standhalten konnen, wenn man sie auf sie selbst an- 
wendet, sonst zerbrockelt sie in nichts. Ich sagte, der einfache logische 
TrugschluB ist das Muster, wenn man ihn nur konkret genug aus- 



dehnt. Alle Kretenser sind Liigner -, sagt ein Kretenser. Wenn es ein 
Kretenser sagt und wenn es wahr ware, miiBte es erlogen sein, und 
dann hebt sich diese Behauptung von selber auf, sie vernichtet sich. 
Also das geht nicht, daB ein Kretenser sagt: Alle Kretenser sind Liig- 
ner - mit der Pretention: der Satz gelte unbedingt. Das ist nur das 
Muster, das logische Muster fur die Verabsolutierung. Aber so muB 
jede Theorie mit sich selbst behandelt werden konnen, ohne daB sie 
zerbrockelt. Behandeln Sie Freud mit Freud, wie er seine unterbewuB- 
ten Dinge heraufbringt, dann miissen Sie sagen: Die Freudsche Theo- 
rie kommt aus dem Sexualleben; sie ist nur ein Ergebnis des Sexual- 
lebens. - Geradeso wie die Behauptung: Alle Kretenser sind Liigner - 
aus einer Luge stammen miiBte beim Kretenser und zerbrockelt, so 
zerbrockelt die Behauptung von der Universalitat des Sexualismus, 
wenn man sie selbst an der Sache priift. Und so ist es mit andern Din- 
gen. Allerdings, solch ein Prinzip kann man lange einsehen, ohne es 
durchgreifend lebensvoll, wirklichkeitssinnig anzuwenden. Aber das 
gerade wird eine besondere Errungenschaft sein der anthroposophisch 
orientierten Geisteswissenschaft, daB sie auch auf sich selbst in dieser 
Weise angewendet werden kann. 



INDIVIDUELLE GEISTWESEN 
UND EINHEITLICHER WELTENGRUND 

Dornach, 18. November 1917 
Erster Vortrag 

Sie erinnern sich an die Betrachtungen, die wir anzukniipfen ver- 
suchten an verschiedene Behauptungen und Aufstellungen der gegen- 
wartigen Psychoanalytiker. Es kam mir bei jenen Betrachtungen 
darauf an, Klarheit anzur egen dariiber, daB der Begriff des UnbewuB- 
ten eigentlich so, wie er in der Psychoanalyse herrscht, ein unbegriin- 
deter ist. Und solange man nicht uber diesen Begriff des UnbewuBten- 
einen rein negativen Begriff - hinauskommen wird, wird man nicht 
anders sagen konnen, als daB diese Psychoanalyse mit unzulanglichen 
Erkenntnismitteln an einem von der Gegenwart ganz besonders ge- 
forderten Phanomen arbeitet. Und weil die Psychoanalytiker auf der 
einen Seite sich bestreben, das Geistig-Seelische zu erforschen und, 
wie wir gesehen haben, dieses Geistig-Seelische auch im sozialen 
Leben verfolgen, so muB man sagen, daB hier ein Ansatz ist, der 
immerhin mehr bedeutet als dasjenige, was die offizielle Universitats- 
wissenschaft gerade auf diesem Gebiete liefern kann. Aber auf der 
andern Seite, weil die analytische Psychologie versucht, durch das 
Padagogische, durch das Therapeutische und wahrscheinlich dem- 
nachst auch durch das Sozialpolitische in das Leben einzugreifen, 
sind die Gefahren, die mit einer solchen Sache doch verbunden sind, 
immerhin als sehr ernstliche anzusehen. 

Nun entsteht die Frage : Was ist es denn eigentlich, woran die For- 
scher der Gegenwart so ganz und gar nicht herankommen konnen 
und nicht kommen wollen? Sie erkennen an, daB ein Seelisches auBer- 
halb des BewuBtseins vorhanden ist; sie suchen ein Seelisches auBer- 
halb des BewuBtseins ; aber sie konnen sich nicht aufschwingen zu der 
Erkenntnis des Geistes selbst. Geist kann niemals durch den Begriff 
des UnbewuBten irgendwie erfaBt werden; denn ein unbewuBter 
Geist ist wie ein Mensch ohne Kopf. Nun habe ich Sie ja darauf auf- 
merksam gemacht, daB aus gewissen hysterischen Zustanden heraus 



es sogar Menschen gibt, die auf der StraBe herumgehen und bei 
andern Menschen nur die Korper, nicht die Kopfe sehen. Das ist eine 
bestimmte Krankheitsform, wenn man von niemandem den Kopf 
sieht. So gibt es unter den heutigen Forschern auch Menschen, welche 
glauben, den ganzen Geist zu sehen; aber indem sie ihn als unbewuBt 
hinstellen, zeigen sie zugleich, daB sie selbst von der Wahnvorstellung 
befallen sind, als ob es einen unbewuBten Geist, einen Geist ohne 
BewuBtsein geben wiirde, wenn wir die Schwelle des BewuBtseins 
uberschreiten, sei es in richtigem Sinne, wie wir das immer auf Grund 
geisteswissenschaftlicher Forschung beschrieben haben, sei es in 
krankhaft abnormer Weise, wie ja in den Fallen immer, die den 
Psychoanalytikern vorliegen. 

Wenn man die Schwelle des BewuBtseins uberschreitet, so kommt 
man immer in geistiges Gebiet hinein; ganz gleichgultig, ob man ins 
UnterbewuBte oder ins UberbewuBte kommt, man kommt immer in 
geistiges Gebiet hinein, aber in ein Gebiet, in dem der Geist in einer 
gewissen Weise bewuBt ist, irgendeine Form des BewuBtseins ent- 
wickelt. Wo Geist ist, ist auch BewuBtsein. Man muB nur aufsuchen 
die Bedingungen, unter denen das betreffende BewuBtsein steht; man 
muB eben gerade durch Geisteswissenschaft die Moglichkeit haben, 
zu erkennen, welche Art von BewuBtsein eine bestimmte Geistigkeit 
hat. Wenn wir also hier vor acht Tagen den Fall jener Dame angefiihrt 
haben, welche aus einer Gesellschaft herausgeht, dann vor den Pferden 
einherlauft, abgehalten wird in einen FluB zu springen, dann zuriick- 
getragen wird in das Haus, von dem sie gekommen ist, um dort mit 
dem Hausherrn zusammengebracht zu werden, weil sie den Haus- 
herrn in irgendeiner ihr unklaren, unterbewuBten Weise liebt, dann 
darf nicht gesagt werden, daB der Geist, der nicht dem BewuBtsein 
dieser Dame angehort, der sie drangt und fiihrt, ein unbewuBter 
Geist sei, oder daB er ein unbewuBtes Seelisches sei : der ist etwas sehr 
BewuBtes. Die BewuBtheit dieses damonischen Geistes, der diese 
Dame wiederum zuruckfiihrt zu dem unrechtmaBig Geliebten, dieser 
Damon ist sogar viel gescheiter in seinem BewuBtsein als die Dame 
in ihrem Oberstubchen - wollte sagen: BewuBtsein - eigentlich ist. 
Und diese Geister, wenn der Mensch in irgendeiner Weise die Schwelle 



seines BewuBtseins iiberschreitet, diese Geister, die da regsam, wirk- 
sam werden, das sind nicht unbewuBte Geister, das sind solche 
Geister, die sehr gut fur sich bewuBt regsam, wirksam werden. Das 
Wort unbewuBter Geist, wie es die Psychoanalytiker brauchen, hat 
gar keinen Sinn; denn ebensogut konnte ich, wenn ich bloB von mir 
aus sprechen wiirde, von der ganzen erlauchten Versammlung, die 
hier sitzt, sagen, sie ist mein UnbewuBtes, wenn ich nichts davon 
weiB. Ebensowenig darf man die geistigen Wesenheiten, die um uns 
sind und die in einem solchen Falle erfassen die Personlichkeit, wie in 
dem Fall, den ich Ihnen vor acht Tagen erzahlte, ebensowenig diirfen 
wir diese unbewuBte Geister nennen. Sie sind unterbewuBt; sie sind 
nicht erfaBt von dem BewuBtsein, das in uns gerade lebt; aber fur sich 
sind sie vollstandig bewuBt. 

Dies ist - gerade fur die Aufgabe der Geisteswissenschaft in unserer 
Zeit - auBerordentlich wichtig zu wissen, aus dem Grunde, weil das 
Wissen von dem jenseits der Schwelle gelegenen Geistgebiet, das 
Wissen von wirklichen, ihrer selbst bewuBten Individualitaten nicht 
bloB eine Errungenschaft etwa der heutigen Geisteswissenschaft ist, 
sondern weil dies tatsachlich ein uraltes Wissen ist. Fruher hat man 
es eben gewuBt im Sinne der alten atavistischen Hellseherkunst. Heute 
weiB man es mit andern Mitteln, lernt es allmahlich wissen. Aber das 
Wissen von wirklichen, auBerhalb des menschlichen BewuBtseins be- 
findlichen Geistern, die unter andern Bedingungen leben als die Men- 
schen, die aber in fortwahrendem Verhaltnisse stehen zu den Men- 
schen, von denen auch der Mensch ergriffen werden kann in seinem 
Denken, Fiihlen und Wollen, dieses Wissen war immer da. Und dieses 
Wissen, das wurde immer betrachtet als ein Geheimgut bestimmter 
Briiderschaften, die dieses Wissen in ihrem Kreise als ein streng Esote- 
risches behandelten. Warum behandelten sie es als streng esoterisch? 
Diese Frage zu erortern, das wiirde in diesem Augenblick etwas zu 
weit fiihren; aber das soil gesagt werden, daB einzelne Briiderschaften 
von der ehrlichen Uberzeugung immer durchdrungen waren, daB 
eben die Mehrzahl der Menschen nicht reif sei fur dieses Wissen. Nun, 
das war ja auch bis zu einem hohen Grade der Fall. Aber viele andere 
Briiderschaften, die man Briiderschaften der Linken nennt, waren 



bestrebt, dieses Wissen fiir sich audi aus dem Grunde zu behalten, 
weil solches Wissen, von einer kleinen Gruppe in Besitz genommen, 
eine Macht gibt xiber die andern, die dieses Wissen nicht haben. Und 
immer hat es Bestrebungen gegeben, die darauf ausgingen, gewissen 
Gruppen Macht zu sichern iiber andere. Das konnte man dadurch 
herbeifiihren, daB man ein gewisses Wissen betrachtete als ein esote- 
risches Gut, aber es ausnutzte, um die Macht iiber irgend etwas 
anderes auszudehnen. 

In der heutigen Zeit ist es ganz besonders notwendig, iiber diese 
Dinge sich wirklich aufzuklaren. Derm Sie wissen, seit 1879 - ich 
habe das gerade in den letzten Vortragen ausgefiihrt - lebt die Mensch- 
heit in einer ganz besonderen spirituellen Situation. Ganz besonders 
wirksame Geister der Finsternis sind seit 1879 aus der geistigen Welt 
in das Reich der Menschen versetzt, und diejenigen, welche die Ge- 
heimnisse, die zusammenhangen mit dieser Tatsache, in unberech- 
tigter Weise innerhalb von kleinen Gruppen halten, die konnen alles 
mogliche anrichten mit diesen Dingen. Nun werde ich Ihnen zunachst 
heute zeigen, wie gerade gewisse Geheimnisse, welche die Entwicke- 
lung der Gegenwart betreffen, in unrichtiger Weise ausgenutzt werden 
konnen. Sie miissen nur dann gut zusammenhalten dasjenige, was ich 
heute sagen werde, was mehr historischer Art sein wird, und das- 
jenige, was ich morgen dazu sagen werde. 

Sie wissen alle : seit langerer Zeit wird innerhalb unserer anthropo- 
sophischen geisteswissenschaftlichen Stromung aufmerksam darauf 
gemacht, wie dieses 20. Jahrhundert dasjenige ist, welches ein be- 
sonderes Verhaltnis der Menschheitsentwickelung zu dem Christus 
bringen soil, zu dem Christus insoferne, als im Laufe des 20.Jahr- 
hunderts - schon in der ersten Halfte, wie Sie wissen - dieses Ereignis 
eintreten soli, das ja auch in dem ersten meiner Mysteriendramen an- 
gedeutet ist, daB fiir eine geniigend groBe Anzahl von Menschen im 
Atherischen der Christus eine wirklich daseiende Wesenheit sein soli. 

Nun wissen wir, wir leben eigentlich in der Zeit des Materialismus. 
Wir wissen, daB seit der Mitte des 19. Jahrhunderts dieser Materialis- 
mus auf seinen Hohepunkt gelangt ist. Aber in der Wirklichkeit 
miissen Gegensatze zusammenfallen. Gerade der Hohepunkt des 



Materialismus in der Menschheitsentwickelung muB auf der andern 
Seite zusammenfallen mit jener Verinnerlichung der Menschheits- 
entwickelung, die dazu fiihrt, daB der Christus wirklich atherisch 
geschaut wird. Man kann begreifen, daB gerade die Bekanntmachung 
dieses Geheimnisses von dem Schauen des Christus, von diesem neuen 
Verhaltnis, das der Christus mit der Menschheit eingehen soli, MiB- 
stimmung und Widerwillen hervorruft bei jenen Menschen, welche als 
Angehorige gewisser Briiderschaften dieses Ereignis vom 20.Jahr- 
hundert, dieses Ereignis der Erscheinung des atherischen Christus 
ausnutzen wollen in ihrem Sinne und es nicht zu einem Gemeingut 
der allgemeinen menschlichen Erkenntnis machen wollen. Es gibt 
Briiderschaften - und Briiderschaften beeinflussen immer die offent- 
lichen Meinungen, indem sie dies oder jenes zum Beispiel gerade 
durch solche Mittel verbreiten lassen, durch die es am wenigsten den 
Menschen auffallt -, es gibt gewisse okkulte Briiderschaften, die lassen 
verbreiten, daB die Zeit des Materialismus bald abgelaufen sein werde, 
ja, daB sie in einer gewissen Weise schon abgelaufen sei. Die armen, 
bemitleidenswerten «gescheiten Leute» - das «gescheite Leute» ist 
jetzt selbstverstandlich in GansefiiBchen gestellt die heute in so 
zahlreichen Versammlungen und Biichern und Vereinen die Lehre 
verbreiten, daB der Materialismus abgewirtschaftet habe, daB man 
schon wiederum etwas vom Geiste begreife, aber die den Leuten 
nicht mehr geben konnen als das Wort Geist und einzelne Phrasen, 
diese Leute stehen mehr oder weniger im Dienste derjenigen, die ein 
Interesse daran haben, zu sagen, was nicht wahr ist, zu sagen, der 
Materialismus habe abgewirtschaftet; denn wahr ist dieses nicht, son- 
dern im Gegenteil, die materialistische Gesinnung ist in Zunahme 
begriffen, und sie wird am besten gedeihen, wenn sich die Leute ein- 
bilden werden, daB sie nicht mehr Materialisten seien. Die materia- 
listische Gesinnung ist im Zunehmen begriffen und wird noch im 
Zunehmen sein durch etwa vier bis funf Jahrhunderte. 

Was notwendig ist, das ist das hier oftmals Betonte: in klarem 
BewuBtsein zu erfassen diese Tatsache, zu wissen, daB das so ist. 
Dann wird die Menschheit schon zum Heile kommen, wenn man das 
ordentlich weiB, wenn man so arbeitet im Geistesleben, daB man weiB : 



die fiinfte nachatlantische Epoche ist dazu da, materialistisches Wesen 
herauszugestalten aus der allgemeinen Menschheitsentwickelung. 
Aber es muB um so mehr spirituelles Wesen dem entgegengestellt 
werden. Ich habe in den vorangehenden Vortragen gesagt, was die 
Menschen des funften nachatlantischen Zeitraums kennenlernen 
miissen, das ist: den vollbewuBten Kampf gegen das in der Mensch- 
heitsentwickelung auftretende Bose. So wie in der vierten nachatlanti- 
schen Kulturperiode der Kampf stattfand um die Auseinandersetzung 
mit Geburt und Tod, so findet jetzt statt die Auseinandersetzung mit 
dem Bosen. Also auf das vollbewuBte Erfassen der geistigen Lehre, 
darauf kommt es jetzt an, nicht darauf, Sand in die Augen zu streuen 
den Zeitgenossen, als ob der Teufel des Materialismus nicht da sei. Er 
wird noch immer mehr und mehr zunehmen. Diejenigen, die in einer 
nicht richtigen Weise diese Dinge behandeln, die wissen von dem 
Ereignis der Christus-Erscheinung gerade so gut wie ich; aber sie 
behandeln dieses Ereignis der Christus-Erscheinung in einer andern 
Weise. Und um das zu verstehen, muB man folgendes ins Auge fassen. 

Wie jetzt die Menschheit geworden ist in dieser funften nachatlanti- 
schen Zeit, da ist ganz unberechtigt der Satz, den viele in ihrer Be- 
quemlichkeit sprechen: Nun ja, wahrend wir hier zwischen Geburt 
und Tod leben, da kommt es darauf an, sich dem Leben zu iibergeben; 
ob dann, wenn wir durch den Tod gegangen sind, wir in eine geistige 
Welt eintreten, das wird sich schon zeigen, das konnen wir ja ab- 
warten. Hier genieBen wir unser Leben, wie wenn es nur eine mate- 
rielle Welt gabe; wenn man durch den Tod in die geistige Welt ein- 
tritt, nun ja, dann wird sich schon zeigen, ob eine geistige Welt da 
ist! - Es ist das ungefahr ebenso gescheit wie der Schwur, den einer 
ablegt, der da sagt: So wahr ein Gott im Himmel ist, bin ich ein 
Atheist ! - Es ist ungefahr ebenso gescheit wie dieses ; aber es ist die 
Gesinnung sehr vieler, die da sagen: Es wird sich zeigen nach dem 
Tode, wie es da ist, bis dahin braucht man sich gar nicht mit irgend- 
welcher spirituellen Wissenschaft zu befassen. 

Es war zu alien Zeiten eine solche Gesinnung hochst anfechtbar, 
aber verhangnisvoll wird sie insbesondere in dieser funften nach- 
atlantischen Zeit, in der wir leben, weil sie durch die Herrschaft des 



Bosen gerade besonders nahegelegt wird dem Menschen. Indem der 
Mensch. unter den gegenwartigen Entwickelungsbedingungen durch 
die Pforte des Todes tritt, nimmt er die BewuBtseinsbedingungen mit, 
welche er sich selbst hergestellt hat zwischen der Geburt und dem 
Tode. Derjenige Mensch, welcher unter den gegenwartigen Verhalt- 
nissen ganz und gar sich nur beschaftigt hat mit Vorstellungen und 
Begriffen und Empfindungen uber die materielle, iiber die Sinneswelt, 
der verurteilt sich unter den gegenwartigen Verhaltnissen dazu, daB 
er nach dem Tode nur in einer Umgebung lebt, auf welche die wahrend 
des leiblichen Lebens ausgepragten Begriffe Bezug haben. Wahrend 
der, welcher spirituelle Vorstellungen aufnimmt, rechtmaBig in die 
geistige Welt einzieht, muB derjenige, der es ablehnt, geistige Vor- 
stellungen aufzunehmen, in gewissem Sinne in irdischen Verhaltnissen 
verbleiben, bis er - und das dauert eine lange Zeit - gelernt hat, 
driiben so viel geistige Begriffe aufzunehmen, daB er durch sie in die 
geistige Welt getragen werden kann. Also, ob wir hier geistige Be- 
griffe aufnehmen oder nicht, das bestimmt unsere Umgebung driiben. 
Viele von denen, die - man kann es nur mit Mitleid sagen - sich ge- 
straubt haben oder verhindert waren, geistige Begriffe hier im Leben 
aufzunehmen, die wandeln auch noch als Tote auf Erden umher, 
bleiben mit der Erdensphare in Verbindung. Und da wird dann die 
Seele des Menschen, wenn sie nicht mehr abgeschlossen ist von der 
Umgebung durch den Leib, der nun nicht mehr verhindert, daB sie 
zerstorerisch wirkt, da wird die Seele des Menschen, wenn sie in der 
Erdensphare lebt, zum zerstorenden Zentrum. 

Also betrachten wir diesen, ich mochte sagen, mehr normalen Fall, 
daB unter den gegenwartigen Verhaltnissen Seelen nach dem Tode in 
die geistige Welt hinuberkommen, die ganz und gar nichts wissen woll- 
ten von spirituellen Begriffen und Empfindungen : sie werden zu zer- 
storerischen Zentren, weil sie in der Erdensphare aufgehalten werden. 
Nur Seelen, welche schon hier durchdrungen sind von einem ge- 
wissen Zusammenhang mit der geistigen Welt, gehen durch die Pforte 
des Todes so, daB sie in der richtigen Weise in die geistige Welt auf- 
genommen, der Erdensphare entriickt werden und jene Faden spinnen 
konnen auch zu den hier Zuriickgebliebenen, welche fortwahrend 



gesponnen werden. Denn dariiber miissen wir uns nur klar sein: die 
geistigen Faden zwischen den toten Seelen und uns selber, die mit 
ihnen verbunden waren, die werden durch den Tod nicht abgerissen, 
die bleiben, sind sogar viel inniger nach dem Tode, als sie hier ge- 
wesen sind. Aber das, was ich gesagt habe, das muS man als eine 
ernste, bedeutungsvolle Wahrheit aufnehmen. 

Wiederum ist das etwas, was ich nicht etwa allein weiB, was andere 
auch wissen, daB dies in der Gegenwart so ist. Aber es gibt viele, 
welche gerade in recht schlimmem Sinne diese Wahrheit ausnutzen. 
Es gibt heute verfuhrte Materialisten, die glauben, daB das materielle 
Leben das einzige sei; aber es gibt auch Eingeweihte, die Materia- 
listen sind und die durch Bruderschaften materialistische Lehren ver- 
breiten lassen. Von diesen Eingeweihten diirfen Sie nicht glauben, 
daB sie etwa auf dem albernen Standpunkte stehen, daB es keinen 
Geist gibt, oder daB der Mensch nicht eine Seele hat, die von dem 
Leibe unabhangig sein kann und ohne ihn leben kann. Sie konnen 
getrost annehmen, daB derjenige, der in die geistige Welt wirklich 
eingeweiht ist, sich nie der Albernheit hingibt, an die bloBe Materie 
zu glauben. Aber es gibt viele, welche in einer gewissen Weise ein 
Interesse daran haben, den Materialismus verbreiten zu lassen, und die 
allerlei Veranstaltungen treffen, damit ein groBer Teil der Menschen 
an den Materialismus allein glaubt und ganz und gar unter dem Ein- 
fluB des Materialismus steht. Nun gibt es Bruderschaften, welche an 
ihrer Spitze Eingeweihte haben, die eben ein solches Interesse haben, 
den Materialismus zu pflegen, zu verbreiten. Diesen Materialisten 
dient es sehr gut, wenn immerfort davon geredet wird, daB der Mate- 
rialismus eigentlich schon iiberwunden sei. Denn man kann auch 
irgendeine Sache mit den entgegengesetzten Worten anstreben; die 
Verfahrungsweisen sind oftmals recht komplizierte. 

Was wollen nun solche Eingeweihte, welche eigentlich ganz gut 
wissen, daB die Menschenseele ein rein spirituelles Wesen ist, ein 
spirituelles Wesen, ganz selbstandig gegeniiber der Leiblichkeit, und 
die dennoch die materialistische Gesinnung der Menschen hegen und 
pflegen? Diese Eingeweihten wollen, daB moglichst viele Seelen da 
seien, welche hier zwischen Geburt und Tod nur materialistische 



BegrifFe aufnehmen. Dadurch werden diese Seelen prapariert, in der 
Erdensphare zu bleiben. Sie werden gewissermaBen in der Erden- 
sphare gehalten. Und nun denken Sie sich, daB Briiderschaften ein- 
gerichtet werden, die das genau wissen, die jene Verhaltnisse gut 
kennen. Diese Briiderschaften praparieren dadurch gewisseMenschen- 
seelen so, daB diese Menschenseelen nach dem Tode im Reiche des 
Materiellen verbleiben. Wenn diese Briiderschaften dann - was mog- 
licherweise in ihrer verruchten Macht Hegt - die Veranstaltung treffen, 
daB diese Seelen nach dem Tode in den Bereich der Machtsphare 
ihrer Briiderschaft kommen, dann wachst dieser Briiderschaft dadurch 
eine ungeheure Macht zu. Also diese Materialisten sind nicht Materia- 
listen, weil sie nicht an den Geist glauben, so toricht sind diese Ein- 
geweihten-Materialisten nicht, die wissen ganz gut, wie es um den 
Geist steht; aber sie veranlassen die Seelen, bei der Materie auch nach 
dem Tode zu bleiben, um sich solcher Seelen zu ihrem Zwecke be- 
dienen zu konnen. Also wird von solchen Briiderschaften eine Klientel 
geschaffen von Totenseelen, die im Bereiche der Erde verbleiben. 
Diese Totenseelen, die haben in sich Krafte, die in der verschiedensten 
Weise gelenkt werden konnen, mit denen man Verschiedenes be- 
wirken kann, wodurch man gegeniiber denen, die in diese Dinge nicht 
eingeweiht sind, zu ganz besonderen Machtentfaltungen kommen kann. 

Das ist einfach eine Veranstaltung gewisser Briiderschaften. Und 
in dieser Sache sieht nur derjenige klar, der sich keine Finsternis und 
nichts Nebuloses vormachen laBt; der sich nicht vormachen laBt, daB 
es solche Briiderschaften entweder gar nicht gibt, oder daB ihre Dinge 
harmlos sind. Sie sind ganz und gar nicht harmlos, sie sind sehr harm- 
voll; die Menschen sollen im Materialismus noch immer weiter und 
weiter schreiten. Sie sollen nach dem Sinne solcher Eingeweihter 
glauben, daB es zwar geistige Krafte gibt, aber daB diese geistigen 
Krafte nichts anderes sind als auch gewisse Naturkrafte. 

Nun mochte ich Ihnen doch das Ideal charakterisieren, das solche 
Briiderschaften haben. Man muB sich ein biBchen anstrengen, um die 
Sache zu verstehen. Denken Sie sich also eine harmlose Welt von 
Menschen, die ein wenig beirrt ist durch die heute herrschenden mate- 
rialistischen BegrifFe, die ein wenig abgeirrt ist von den alten, er- 



probten Religionsvorstellungen. Denken Sie sich soldi eine harmlose 



Menschheit. Vielleicht konnen wir es uns gut graphisch vorstellen 
(es wird gezeichnet) : Wir denken uns hier das Gebiet einer solchen 
harmlosen Menschheit (groBerer Kreis, hell). Wie gesagt, diese 
Menschheit ist sich nur nicht recht klar iiber die geistige Welt; beirrt 
durch den Materialismus, weiB sie nicht recht, wie sie sich verhalten 
soil gegeniiber der geistigen Welt. Namentlich weiB sie nicht recht, 
wie sie sich verhalten soil gegeniiber denjenigen, die durch die Pforte 
des Todes gegangen sind. 



Nun nehmen wir an, hier sei das Gebiet solch einer Bruderschaft 
(kleiner Kreis, griin): diese Bruderschaft verbreite die Lehre des 
Materialismus, sie sorge, daB diese Menschen jedenfalls rein materiali- 
stisch denken. Dadurch bringt es diese Bruderschaft dahin, sich Seelen 
zu erzeugen, die nach dem Tode in der Erdensphare bleiben. Diese 
werden eine spirituelle Klientel fur diese Loge (siehe Zeichnung, 
orange); das heiBt, man hat sich dadurch Tote geschaffen, die nicht 
aus der Erdensphare hinausgehen, sondern bei der Erde bleiben. 
Macht man nun die richtigen Veranstaltungen, so behalt man sie in 
den Logen darinnen. Also man hat auf diese Weise Logen geschaffen, 
welche Lebende enthalten und auch Tote, aber Tote, welche verwandt 
worden sind den Erdenkraften. 




Nun dirigiert man die Sache so, daB diese Menschen hier Sitzungen 
abhalten, oder auf solch einem Wege, wie es bei Veranstaltungen der 
spiritistischen Sitzungen im Laufe der zweiten Halfte des 19.Jahr- 
hunderts war, von denen ich ofter gesprochen habe. Dann kann es 
vorkommen - ich Htte Sie, das zu beriicksichtigen daB dasjenige, 
was hier in diesen Sitzungen geschieht, dirigiert wird von der Loge 
aus mit Hilfe der Toten. Aber nach den eigentlichen Intentionen der 
Meister, die in jenen Logen sind, sollen die Menschen nicht wissen, 
daB sie es mit Toten zu tun haben, sondern glauben, daB sie es einfach 
mit hoheren Naturkraften zu tun haben. Man will den Leuten bei- 
bringen, das seien hohere Naturkrafte: Psychismus und dergleichen, 
bloB hohere Naturkrafte. Man will ihnen den eigentlichen Seelen- 
begrifT nehmen und sagen: Wie es Elektrizitat, wie es Magnetismus 
gibt, so gibt es auch solche hohere Krafte. DaB das von Seelen kommt, 
das kaschieren gerade diejenigen, die in der Loge fuhrend sind. Da- 
durch aber werden die andern, die harmlosen Seelen, ganz abhangig 
nach und nach, seelisch abhangig von der Loge, ohne daB sie wissen, 
wovon sie abhangig sind, woher sie eigentlich dirigiert werden. 

Es gibt kein anderes Mittel gegen diese Dinge als das Wissen davon. 
WeiB man davon, so ist man schon geschiitzt. WeiB man es so, daB 
dieses Wissen ein richtiges Furwahrhalten, ein wirkliches Glauben ist, 
so ist man schon geschiitzt. Aber man muB nicht zu bequem sein, sich 
das Wissen von diesen Dingen wirklich zu erwerben. Nun, zunachst 
muB gesagt werden, daB es in diesen Dingen noch immer nicht eigent- 
lich ganz zu spat ist. Denn ich habe Sie ofter darauf aufmerksam ge- 
macht - diese Dinge konnen ja erst allmahlich klarwerden, und ich 
kann nur allmahlich die Elemente zusammentragen, um Ihnen die 
vollige Klarheit zu bringen -, ich habe Sie ofter darauf aufmerksam 
gemacht, daB im Verlaufe der zweiten Halfte des 19. Jahrhunderts 
viele Briiderschaften des Westens probeweise den Spiritismus ein- 
gefiihrt haben, um durch diese Probe sich zu uberzeugen, ob sie nun 
schon so weit waren mit der Menschheit, wie sie wollten. Es war ein 
Probieren, wie weit sie waren mit der Menschheit. In den spiritisti- 
schen Sitzungen - das haben sie erwartet - sollten eigentlich die Leute 
sagen : Es gibt hohere Naturkrafte. - Und sie waren dann enttauscht, 



die Briider der Linken, daB die Menschen zumeist nicht gesagt haben : 
Es gibt hohere Naturkrafte -, sondern gesagt haben : In den Sitzungen 
erscheinen Geister der Toten. - Das war die herbe Enttauschung 
der Eingeweihten, das war gerade das, was sie nicht wollten; denn den 
Glauben an die Toten, den wollten diese Eingeweihten gerade den 
Menschen nehmen. Nicht die Wirksamkeit der Toten, nicht die Wirk- 
samkeit der Krafte der Toten, aber dieser Gedanke, daB das von den 
Toten kommt, dieser richtige, dieser bedeutsame Gedanke, der sollte 
den Menschen genommen werden. Sie sehen, es ist ein hoherer 
Materialismus ; es ist ein Materialismus, der den Geist nicht nur 
leugnet, sondern der den Geist hereinzwingen will in die Materie. 
Sie sehen, der Materialismus hat noch Formen, unter denen man ihn 
schon leugnen kann. Man kann sagen, der Materialismus ist ver- 
schwunden, wir reden schon vom Geist. Aber alle reden sie vom 
Geiste in verschwommener Weise. Da kann man ganz gut Materialist 
sein, wenn man alle Natur so zum Geiste macht, daB dann der 
Psychismus herauskommt. Worauf es ankommt, das ist, daB man in 
die konkrete geistige Welt, in die konkrete Geistigkeit den Blick 
hineinwerfen kann. 

Hier haben Sie den Anfang von dem, wie es in den nachsten fiinf 
Jahrhunderten immer intensiver und intensiver werden wird. Nun 
haben sich die bosen Bruderschaften darauf beschrankt; aber sie wer- 
den die Dinge schon fortsetzen, wenn ihnen nicht das Handwerk 
gelegt wird, das ihnen nur gelegt werden kann, wenn man die Be- 
quemlichkeit gegeniiber der geisteswissenschaftlichen Weltanschau- 
ung iiberwindet. 

Also verraten haben sie sich gewissermaBen in den spiritistischen 
Sitzungen. Statt sich zu couvrieren, haben sie sich decouvriert durch 
die spiritistischen Sitzungen. Das war also eher etwas, wodurch sich 
gezeigt hat, daB ihnen ihre Wirtschaft noch nicht ganz gut gelungen 
war. Daher auch ging gerade von diesen Bruderschaften selber schon 
von den neunziger Jahren an das Bestreben aus, auch den Spiritismus 
als solchen wiederum fur eine Zeitlang zu diskreditieren. Kurz, Sie 
sehen, es wird auf diesem Wege mit den Mitteln der geistigen Welt 
sehr, sehr Einschneidendes gemacht. Dasjenige, um was es sich dabei 



handelt, das ist also : Erhohung der Macht, Ausnutzung gewisser Ent- 
wickelungsbedingungen, die im Laufe der Menschheit herauskommen 
mussen. 

Gegen die Vermaterialisierung der Menschenseelen, gegen dieses 
Gebanntsein der Menschenseelen in die Sphare der Irdischheit - und 
Logen sind ja auch im Irdischen - wird entgegengearbeitet. Wenn 
also die Seelen mit in den Logen spuken und dort wirken sollen, dann 
mussen sie ins Irdische gebannt sein. Gegen dieses Bestreben, diesen 
Impuls, im Irdischen zu wirken durch die Seelen, dem wird entgegen- 
gearbeitet durch den bedeutsamen Impuls des Mysteriums von Gol- 
gatha. Und dieser Impuls des Mysteriums von Golgatha ist auch die 
Weltheilung gegen die Vermaterialisierung der Seele. Es liegt voll- 
standig auBer dem Willen und auBer den Intentionen der Menschen 
selbst, wie der Weg des Christus selber ist. Also kein Mensch irgend- 
welchen Wissens, auch kein Eingeweihter hat EinfluB darauf, daB der 
Christus dasjenige tut, was im Laufe des 20. Jahrhunderts zu der Er- 
scheinung fiihrt, von der ich Ihnen oft gesprochen habe, die Sie in den 
Mysteriendramen auch angedeutet finden. Das hangt bloB von dem 
Christus selbst ab. Der Christus wird als atherische Wesenheit in der 
Erdensphare vorhanden sein. Fur die Menschen handelt es sich 
darum, wie sie sich zu ihm verhalten. Also auf die Erscheinung des 
Christus selbst hat niemand, kein noch so machtiger Eingeweihter 
irgendeinen EinfluB. Das kommt. Das bitte ich Sie festzuhalten. Aber 
man kann Veranstaltungen treffen, daB dieses Christus-Ereignis so 
oder so aufgenommen werde, daB dieses Christus-Ereignis so oder 
so wirke. 

Ja, diejenigen Briiderschaften, von denen ich Ihnen eben gesprochen 
habe, welche die Seelen der Menschen in die materialistische Sphare 
bannen wollen, diese Bruderschaften haben das Bestreben, den 
Christus unvermerkt voriibergehen zu lassen im 20. Jahrhundert, sein 
Kommen als atherische Individualitat nicht bemerkbar werden zu 
lassen fur die Menschen. Und diese Bestrebung entwickelt sich unter 
dem EinfluB einer ganz bestimmten Idee, eigentlich eines ganz be- 
stimmten Willensimpulses ; sie haben namlich das Bestreben, die Ein- 
fluB sphare, die durch den Christus im 20. Jahrhundert und weiter 



kommen soil, fur eine andere Wesenheit - wir werden dariiber noch 
genauer sprechen -, fiir eine andere Wesenheit zu erobern. Es gibt 
westliche Bruderschaften, welche das Bestreben haben, dem Christus 
seinen Impuls streitig zu machen und eine andere Individualitat, die 
nicht einmal irgendwann im Fleische erschienen ist, sondern nur eine 
atherische Individualitat, aber streng ahrimanischer Natur ist, an die 
Stelle zu setzen. 

Alle jene MaBnahmen, von denen ich Ihnen jetzt eben gesprochen 
habe, mit den Toten und so weiter, die dienen letzten Endes solchen 
Zielen, die Menschen abzulenken von dem Christus, der durch das 
Mysterium von Golgatha gegangen ist, und einer andern Individua- 
litat die Herrschaft iiber die Erde zuzuschanzen. Das ist ein ganz 
realer Kampf und nicht irgend etwas, was etwa nur abstrakte BegrifFe 
oder was weiB ich sein soil, sondern das ist ein ganz realer Kampf; 
ein Kampf, der sich eigentlich darauf bezieht, eine andere Wesenheit 
an die Stelle der Christus -Wesenheit im Verlaufe der Menschheits- 
entwickelung fiir den Rest der funften nachatlantischen Zeit, fiir die 
sechste und fiir die siebente zu setzen. Es wird zu den Aufgaben einer 
gesunden, einer ehrlichen spirituellen Entwickelung gehoren, solche 
Bestrebungen, die im eminentesten Sinne antichristlich sind, solche 
Bestrebungen zu vertilgen, wegzuschaffen. Aber nur klare Einsicht 
kann da etwas erreichen. Denn das andere Wesen, das diese Briider- 
schaften zum Herrscher machen wollen, dieses andere Wesen, das 
werden die ja als den « Christus » benennen, richtig als den « Christus » 
benennen! Und worauf es ankommen wird, das wird sein, daB man 
wirklich unterscheiden lernt zwischen dem wahren Christus, der ja 
auch jetzt, wie er erscheinen wird, nicht eine im Fleische verkorperte 
Individualitat ist, und zwischen diesem Wesen, das sich von dem 
wahren Christus dadurch unterscheidet, daB es eben nie wahrend der 
Erdenentwickelung verkorpert war, das ein Wesen ist, welches nur 
bis zu der atherischen Verkorperung geht, und das von diesen Briider- 
schaften eingesetzt werden soil anstelle des Christus, der unvermerkt 
voriibergehen soil. 

Da haben wir also auf der einen Seite den Teil des Kampfes, der 
sich darauf bezieht, gewissermaBen die Christus-Erscheinung des 



20. Jahrhunderts zu falschen. Ja, wer das Leben nur an seiner Ober- 
flache so beobachtet, vor alien Dingen die auBerlichen Diskussionen 
iiber den Christus und die Jesus-Frage und so weiter, der sieht eben 
nicht in die Tiefe. Das ist Nebel, das ist Dunst, was den Leuten vor- 
gemacht wird, um sie gerade abzulenken von den tieferen Dingen, 
von demjenigen, um was es sich eigentlich handelt. Wenn die Theo- 
logen iiber den Christus diskutieren, so ist in alien solchen Diskus- 
sionen immer von irgendwoher ein spiritueller EinfluB, und diese 
Leute fordern da ganz andere Ziele und Zwecke, als sie selbst mit 
ihrem BewuBtsein glauben. 

Das ist nun das Gefahrliche des Begriffes des UnbewuBten, daB man 
selbst iiber solche Verhaltnisse heute die Leute ins Unklare hinein- 
reitet. Wahrend solche bosen Briiderschaften sehr bewuBt ihre 
Zwecke verfolgen, wird natiirlich das, was diese Briiderschaften be- 
wuBt verfolgen, zum UnbewuBten fur diejenigen, die auf der Ober- 
flache eben allerlei Diskussionen und dergleichen anstellen. Aber man 
triflt das Wesen der Sache nicht, wenn man vom UnbewuBten redet; 
denn dieses sogenannte UnbewuBte ist einfach jenseits der Schwelle 
des gewohnlichen BewuBtseins, und es ist diejenige Sphare, in welcher 
der Wissende solche Dinge entfalten kann. Sehen Sie, das ist eigentlich 
eine Seite der Sache, daB es wirklich so ist, daB sich gegeniiberstellt 
eine Summe von Briiderschaften, welche die Wirksamkeit des Christus 
durch die Wirksamkeit einer andern Individualitat ersetzen wollen 
und alle Dinge so einrichten, daB sie dieses erreichen. 

Dem gegeniiber stehen ostliche Briiderschaften, namentlich in- 
dische, die nicht minder bedeutungsvoll eingreifen wollen in die Ent- 
wickelung der Menschheit. Diese indischen Briiderschaften wiederum, 
die verfolgen ein anderes Ziel; sie haben niemals eine Esoterik ent- 
wickelt, diese indischen Briiderschaften, durch die sie Tote in ihren 
Bereich, in den Bereich ihrer Logen etwa hereinbringen wiirden; das 
liegt ihnen fern, solche Dinge wollen sie nicht. Aber sie wollen auf 
der andern Seite auch nicht, daB das Mysterium von Golgatha mit 
seinem Impuls die Entwickelung der Menschheit ergreife. Das wollen 
sie auch nicht. Sie wollen aber nicht, weil ihnen die Toten nicht in der 
Weise zur Verfugung stehen, wie ich das bei den westlichen Briider- 



schaften angedeutet habe, sie wollen den Christus - der ja als athe- 
rische Individualitat im Laufe des 20. Jahrhunderts in die Mensch- 
heitsentwickelung eintreten wird - nicht bekampfen durch Aufstellen 
einer andern Individualitat; dazu brauchten sie die Toten, und die 
haben sie nicht, dagegen wollen sie das Interesse ablenken von diesem 
Christus ; sie wollen nicht hochkommen lassen das Christentum, diese 
ostlichen Briiderschaften, namentlich die indischen. Sie wollen nicht 
das Interesse fur den wirklichen, durch das Mysterium von Golgatha 
gegangenen Christus hochkommen lassen, der in einer einmaligen 
Inkarnation hier auf der Erde war drei Jahre lang und der dann nicht 
mehr in einer Inkarnation auf die Erde kommen kann. Tote wollen 
diese in ihren Logen nicht benutzen, aber doch auch etwas anderes 
als bloB das, was sie selber sind als lebende Menschen. In diesen 
indischen, ostlichen Logen, da wird namlich statt der Toten der west- 
lichen Logen eine andere Art von Wesenheiten benutzt. 

Wenn der Mensch stirbt, so hinterlaBt er ja seinen atherischen Leib; 
der trennt sich sehr bald nach dem Tode, wie Sie wissen. Dieser 
atherische Leib wird unter normalen Verhaltnissen von dem Kosmos 
aufgenommen. DaB diese Aufnahme auch etwas Kompliziertes ist, 
habe ich Ihnen ja in der verschiedensten Weise dargestellt. Aber vor 
dem Mysterium von Golgatha, und auch noch nach dem Mysterium 
von Golgatha, namentlich in ostlichen Gegenden, war etwas ganz 
Bestimmtes moglich. Wenn der Mensch einen solchen Atherleib ab- 
gibt nach dem Tode, so konnen gewisse Wesenheiten diesen Atherleib 
beziehen; sie werden dann atherische Wesenheiten mit solchen von 
den Menschen abgelegten Atherleibern. So daB es vorkommt in ost- 
lichen Gegenden, daB, jetzt nicht tote Menschen, aber allerlei damo- 
nische Geister veranlaBt werden, abgelegte Atherleiber von Menschen 
anzuziehen. Und solche mit Atherleibern von Menschen angetanen 
damonischen Geister, die werden in die ostlichen Logen aufgenom- 
men. Die westlichen Logen also, die haben direkt in die Materie 
gebannte Tote; die ostlichen Logen der linken Hand haben damo- 
nische Geister; also Geister, die nicht der Erdenentwickelung an- 
gehoren, die aber dadurch sich in die Erdenentwickelung hinein- 
schleichen, daB sie anziehen von Menschen abgelegte Atherleiber. 



Exoterisch macht man das so, daB man diese Tatsache in Verehrung 
umwandelt. Sie wissen, daB zu den Kiinsten gewisser Briider schaften 
die Hervorrufung der Illusionen gehort, weil, wenn die Menschen 
nicht wissen, wie weit Illusion iiberhaupt in der Wirklichkeit vor- 
handen ist, sie sehr leicht durch kunstlich hervorgerufene Illusionen 
getauscht werden konnen. Man macht also das, was man da erreichen 
will, indem man dies in die Form von Verehrung kleidet. Also denken 
Sie sich, ich habe einen Stamm von Menschen, einen zusammen- 
gehorigen Stamm; dem sage ich - nachdem ich vorher als ein «boser» 
Bruder bei einem Vorfahr die Moglichkeit herbeigefiihrt habe, daB 
der Atherleib bezogen wird von einem damonischen Wesen -, dem 
sage ich, er miisse diesen Ahnen verehren. Der Ahne ist einfach der- 
jenige, der abgelegt hat seinen Atherleib, welcher von Damonen be- 
zogen ist durch die Machinationen der Loge. Man fuhrt also die 
Ahnenverehrung ein. Aber diese Ahnen, die verehrt werden, die sind 
einfach irgendwelche damonischen Wesenheiten in dem Atherleib des 
betreffenden Ahnen. 

Man kann nun die Weltanschauung der ostlichen Menschen dadurch 
abbringen von dem Mysterium von Golgatha, daB man in dieser 
Weise arbeitet wie in den ostlichen Logen. Dann wird auch dadurch 
fur die ostlichen Menschen, fur die Menschen vielleicht iiberhaupt - 
das will man ja erreichen — das erreicht, daB der Christus als Indivi- 
dualitat, wie er uber die Erde gehen soli, unbemerkt bleibt. Also die 
wollen nicht einen andern Christus substituieren, sondern sie wollen 
nur, daB die Erscheinung des Christus Jesus unbemerkt bleibe. 

So wird gewissermaBen von zwei Seiten ein Kampf gefiihrt gegen 
den atherisch zutage tretenden Christus-Impuls im Laufe des 20. Jahr- 
hunderts. In diese Entwickelung ist die Menschheit wirklich hinein- 
gestellt. Und was so im einzelnen geschieht, das ist eigentlich nur 
immer eine Konsequenz desjenigen, was sich als die groBen Impulse 
in der Menschheitsentwickelung vollzieht. Deshalb ist es ja so traurig, 
daB man den Menschen immer wieder vormachen will, wenn Un- 
bewuBtes, sogenanntes UnbewuBtes in ihnen wirkt, so seien dies 
irgendwelche zuriickgetretenen, was weiB ich, Liebesaffekte oder der- 
gleichen, wahrend in der Tat der Impuls sehr bewuBter Geistigkeit 



von alien Seiten her durch die Menschheit geht, aber relativ unbewuBt 
bleibt, wenn man sich nicht in seinem BewuBtsein um ihn bekiimmert. 

Zu diesen Dingen miissen Sie verschiedenes andere hinzunehmen. 
Die Menschen, welche es mit der Menschheitsentwickelung ehrlich 
gemeint haben von jeher, die haben mit solchen Dingen, wie wir sie 
jetzt charakterisiert haben, immer gerechnet und - viel mehr kann und 
darf auch der Mensch nicht tun - von ihrer Seite das Richtige unter- 
nommen. 

Eine gute Pnegestatte fur spirituelles Leben, eine ganz auBerordent- 
lich gute Pflegestatte, geschiitzt vor alien moglichen Illusionen, war 
in den ersten christlichen Jahrhunderten Irland, die irische Insel. Sie 
war richtig geschiitzt vor alien moglichen Illusionen, mehr als irgend- 
ein anderes Gebiet der Erde. Das ist auch der Grund, warum so viele 
Verbreiter des Christentums in den ersten christlichen Jahrhunderten 
von Irland ausgegangen sind. Aber diese Verbreiter des Christentums 
muBten alle eine naive Menschheit beriicksichtigen, unter der sie 
wirkten; denn die europaische Menschheit, unter der sie wirkten, war 
dazumal naiv, sie muBten diese naive Menschheit in ihrer Naivitat 
beriicksichtigen; aber sie muBten fur sich die groBen Impulse der 
Menschheit wissen und verstehen. Im 4. und 5. Jahrhundert wirkten 
namentlich irische Eingeweihte in Mitteleuropa; da fingen sie an und 
sie wirkten so, daB sie das vorbereiteten, was in der Zukunft ge- 
schehen muBte. Sie standen in einer gewissen Weise unter dem Ein- 
fluB jenes Einweihungswissens, daB im 15. Jahrhundert - Sie wissen: 
1413 - die funfte nachatlantische Zeit kommen werde. Unter diesem 
EinfluB standen sie. Sie wuBten also, vorzubereiten haben sie eine 
ganz neue Zeit, eine naive Menschheit muB fur diese neue Zeit be- 
hiitet werden. Was tat man dazumal, um diese naive Menschheit 
Europas so zu behuten, daB sie gewissermaBen umzaunt war und 
gewisse schadliche Einflusse nicht hereinkommen konnten, was tat 
man? 

Man lenkte, von jetzt gut unterrichteter und dazumal ehrlicher 
Seite die Evolution so, daB allmahlich jene Schiffahrt unterdriickt 
wurde, welche von nordlichen Landern nach Amerika hiniiber ge- 
macht worden ist in den alteren Zeiten. So daB, wahrend in alteren 



Zeiten die Schiffe namentlich von Norwegen aus nach Amerika hin- 
iibergingen zu gewissen Zwecken - ich werde morgen noch iiber 
diese Dinge sprechen — , man die Sache allmahlich so einrichtete, daB 
Amerika von der europaischen Bevolkerung voliig verges sen wurde, 
daB der Zusammenhang mit Amerika allmahlich dahinschwand. Und 
im 15. Jahrhundert wuBte ja die europaische Menschheit von Amerika 
nichts. Namentlich von Rom aus wurde die Entwickelung so dirigiert, 
daB man aus bestimmten Grxinden den Zusammenhang mit Amerika 
allmahlich verlor, weil die europaische Menschheit geschutzt werden 
muBte vor den amerikanischen Einflussen. Wesentlich beteiligt an 
diesem, daB vor dem amerikanischen Einflusse die europaische 
Menschheit geschutzt werden muBte, waren gerade von Irland aus 
die Monche, welche als irische Eingeweihte auf dem europaischen 
Kontinente christianisierten. 

In den alteren Zeiten brachte man von Amerika ganz bestimmte 
Einflusse heniber; aber in dem Zeitalter gerade, wo die funfte nach- 
atlantische Epoche anting, da sollte die Sache so sein, daB die euro- 
paische Menschheit von Amerika unbeeinfluBt war, iiberhaupt nichts 
davon wuBte, in dem Glauben lebte, es gibt gar kein Amerika. Erst 
als dann die funfte nachatlantische Zeit hereingebrochen war, da 
wurde Amerika wieder entdeckt, wie das in der Geschichte bekannt 
ist. Es gehort zu den Wahrheiten, die Ihnen ja schon gelaufig sein 
konnen, daB das, was man in der Schule als Geschichte lernt, vielfach 
eine Fable convenue ist. Auch das ist eine Fable convenue, daB 
Amerika 1492 zum erstenmal entdeckt worden sei. Es ist nur wieder 
entdeckt worden. Es war nur eine Zeitlang der Zusammenhang so 
geschickt kaschiert, wie es geschehen muBte. Aber wissen muB man 
wiederum, wie die Dinge lagen und was wirkliche Geschichte ist. So 
daB also eine Zeitlang Europa sehr umzaunt worden ist und man 
Europa sorgfaltig gehiitet hat vor gewissen Einflussen, die nicht nach 
Europa kommen sollten. 

Solche Dinge zeigen Ihnen, wie bedeutungsvoll es ist, dieses so- 
genannte UnbewuBte nicht als ein UnbewuBtes aufzufassen, sondern 
als etwas, was sich sehr bewuBt vollzieht hinter der Schwelle des 
menschlichen BewuBtseins, wie dieses als AlltagsbewuBtsein ist. Es 



ist schon wichtig, daB heute ein groBerer Teil der Menschheit erfahrt 
von gewissen Geheimnissen. Daher habe ich so viel getan, als jetzt 
nur irgend moglich ist ganz offentlich zu tun, in den Ziircher Vor- 
tragen, wo ich, wie Sie wissen, sogar so weit gegangen bin, den Leuten 
zu erklaren, inwiefern das geschichtliche Leben von den Menschen 
nicht mit dem gewohnlichen BewuBtsein gewuBt wird, sondern in 
Wirklichkeit getraumt wird; wie der Inhalt der Geschichte in Wirk- 
lichkeit von den Menschen getraumt wird, und daB erst dann, wenn 
die Menschen sich bewuBt werden, daB der Inhalt der Geschichte 
getraumt wird, Gesundheit in diese Vorstellungen kommen wird. 

Das sind Dinge, durch die man allmahlich das BewuBtsein auf- 
weckt. Die Erscheinungen, die Tatsachen, die sich vollziehen, die be- 
wahrheiten schon diese Dinge. Man muB sie nur nicht ubersehen. 
Nur gehen die Menschen blind und schlafend durch die Tatsachen, 
sie gehen auch blind und schlafend durch solche tragischen Katastro- 
phen wie die jetzige. Das sind Dinge, die ich zunachst mehr historisch 
in Ihr Herz legen mochte. Ich werde morgen genauer liber diese 
Dinge sprechen. 

Ich mochte nur noch eine Vorstellung zu den Dingen hinzufugen. 
Erstens haben Sie aus der Auseinandersetzung gesehen, welch ge- 
waltiger Unterschied zwischen Westen und Osten in der Menschheits- 
entwickelung ist. Zweitens bitte ich Sie, noch das Folgende zu be- 
rucksichtigen. Sehen Sie, der Psychoanalytiker redet vom Unter- 
bewuBten, vom unterbewuBten Seelenleben und so weiter. Ja, darauf 
kommt es nicht an, mit einem solchen unbestimmten Begriff von den 
Dingen zu reden, sondern darauf kommt es an, zu erfassen: Was ist 
denn da nun eigentlich jenseits der Schwelle des BewuBtseins? Was 
gibt es denn da? Es ist gewiB sehr vieles da unten unter der Schwelle 
des BewuBtseins. Fur sich ist es aber sehr bewuBt, was da drunten 
ist. Aber man muB darauf kommen, was da fur bewuBte Geistigkeit 
jenseits der Schwelle des BewuBtseins ist. Man muB von bewuBter 
Geistigkeit jenseits der Schwelle des BewuBtseins reden, nicht von 
unbewuBtem Geistigen. Ja, da muB man sich klar sein dariiber, daB 
der Mensch vieles hat, wovon er nichts weiB im gewohnlichen Be- 
wuBtsein. Es ware auch schlimm um den Menschen bestellt, wenn er 



im gewohnlichen BewuBtsein von allem wissen miiBte, was in ihm 
vorgeht. Denken Sie sich, wie er sich eigentlich sein Essen und 
Trinken einrichten miiBte, wenn er genau die Vorgange kennen- 
zulernen hatte, physiologisch und biologisch, die sich abspielen vom 
Aufnehmen einer Speise an und so weiter ! Das vollzieht sich alles im 
UnbewuBten; dabei sind iiberall geistige Krafte wirksam, auch bei 
diesem nur rein Physiologischen. Aber der Mensch kann nicht warten 
mit dem Essen und Trinken, nicht wahr, bis er gelernt hat, was da in 
ihm eigentlich vorgeht. So geht vieles in dem Menschen vor. Es ist 
fur den Menschen schon ein groBer Teil, ja der weitaus groBte Teil 
seines Wesens unbewuBt, besser gesagt, unterbewuBt. 

Nun ist das Eigentumliche, daB von diesem UnterbewuBten, das 
wir mit uns tragen, unter alien Umstanden Besitz ergreift eine andere 
Wesenheit. So daB wir nicht nur diese Zusammenfugung sind von 
Leib, Seele und Geist, und unsere von uns unabhangige Seele in 
unserem Leib durch die Welt tragen, sondern kurz vor der Geburt 
ergreift Besitz von den unterbewuBten Teilen des Menschen eine 
andere Wesenheit. Diese ist da, diese unterbewuBte Wesenheit, die 
geht mit dem Menschen den ganzen Weg zwischen Geburt und Tod. 
Etwas vor der Geburt kommt sie in den Menschen hinein und geht 
mit dem Menschen. Man kann sie auch etwa so charakterisieren, diese 
Wesenheit, die den Menschen ausfullt in denjenigen Partien, die ihm 
nicht ins gewohnliche BewuBtsein kommen: Sie ist eine sehr intelli- 
gente und eine solche, welche in ihrem Willen den Naturkraften ahn- 
lich ist, eine Wesenheit also, die sehr intelligent ist, und mit einem 
Willen begabt, der den Naturkraften sehr verwandt ist, viel ver- 
wandter, als der Mensch mit seinem Willen den Naturkraften ver- 
wandt ist. Die Eigentumlichkeit muB ich aber doch hervorheben, daB 
sie auBerordentlich groBe Gefahr leiden wiirde, wenn sie unter den 
jetzigen Verhaltnissen mit dem Menschen den Tod mitmachen 
wiirde. Unter den gegenwartigen Verhaltnissen kann die Wesenheit 
nicht den Tod mitmachen; sie verschwindet also auch kurz vor dem 
Tode, muB sich dann immer retten, doch sie hat allerdings das Be- 
streben, das Menschenleben so einzurichten, daB sie sich den Tod 
erobern kann. Aber das ware etwas Furchtbares fur die menschliche 



Entwickelung, wenn diese Wesenheit, die so von dem Menschen 
Besitz ergreift, auch noch den Tod sich erobern konnte, wenn sie mit 
dem Menschen sterben konnte und auf diese Weise in die Welten 
hineinkommen konnte mit dem Menschen, die der Mensch nach dem 
Tode betritt. Sie muB immer vorher von dem Menschen Abschied 
nehmen, bevor der Mensch nach dem Tode die geistige Welt betritt. 
Das wird ihr in manchen Fallen recht schwierig, und da kommen 
allerlei Komplikationen vor. Aber die Sache ist so : diese Wesenheit, 
die vollig im UnterbewuBten waltet, ist sehr, sehr abhangig von der 
Erde als ganzem Organismus. 

Die Erde ist keineswegs ein solches Wesen, wie es Geologen oder 
Mineralogen oder Palaontologen hinstellen; diese Erde ist ein voll- 
belebtes Wesen. Der Mensch sieht davon eben nur das Knochen- 
geriiste, denn der Geologe und Mineraloge und Palaontologe stellt 
nur das Mineralische hin, das ist das Knochengeriist. Wenn Sie nur 
das wissen, so wissen Sie ungefahr nur so viel, wie wenn Sie hier 
hereinkommen wiirden und von der gesamten erlauchten Gesellschaft 
durch eine besondere Einrichtung Ihres Sehvermogens nichts anderes 
als die Knochen sehen wiirden, das Knochensystem. Nun stellen Sie 
sich einmal vor, wenn Sie hier herekikamen zu der Tiire und auf diesen 
Stiihlen saBen lauter Knochengerippe, nicht daB Sie etwa nichts als 
Knochen hatten, das mute ich Ihnen nicht zu, aber wir nehmen an, 
der Mensch hatte nur die Fahigkeit, die Knochen zu sehen, er ware 
wie mit irgendeinem Rontgenapparat ausgebildet. So viel nur sieht 
die Geologie von der Erde, die sieht nur das Knochengeriist. Diese 
Erde hat aber nicht nur das Knochengeriist, sondern sie ist ein 
lebendiger Organismus, und diese Erde sendet an jedem Punkte, auf 
jedem Territorium aus ihrem Mittelpunkt besondere Krafte an die 
Oberflache. Stellen Sie sich also so die Oberflache der Erde vor (siehe 
Zeichnung S. 1 92), hier ostliches Gebiet, hier westliches Gebiet — nur um 
das GroBe ins Auge zu fassen. Die Krafte nun, welche heraufgesendet 
werden von der Erde, sind etwas, was zum Lebensorganismus der 
Erde gehort. Und je nachdem der Mensch an diesem oder jenem 
Orte der Erde lebt, kommt nicht seine Seele, nicht diese unsterbliche 
Seele mit diesen Erdenkraften in Verbindung - die nur indirekt; die 




unsterbliche Seele des Menschen ist verhaltnismaBig sehr unabhangig 
von Erdenverhaltnissen, sie wird nur kiinstlich auf solche Weise, wie 
es heute gezeigt wurde, von den Erdenverhaltnissen abhangig ge- 
macht. Aber auf dem Umwege durch diesen andem, der vor der 
Geburt vom Menschen Besitz ergreift und vor dem Tode ihn wieder 
verlassen muB, durch diesen andern wirken besonders stark diese ver- 
schiedenen Krafte, welche durch Rassentypen und geographische 
Verschiedenheiten in den Menschen hereinwirken. Also es ist dieser 
Doppelganger, den der Mensch in sich tragt, auf den insbesondere 
die geographischen und sonstigen Differenzierungen wirken. 

Das ist auBerordentlich bedeutsam. Denn wir werden morgen 
sehen, wie auf diesen Doppelganger von verschiedenen Punkten der 
Erde aus gewirkt wird, und was das fur Konsequenzen hat. Ich habe 
eben hingewiesen : es ist notwendig, daB Sie das, was ich heute sage, 
mit dem morgigen recht direkt zusammenhalten, weil das eine ohne 
das andere kaum verstanden werden kann. Und wir mussen jetzt ver- 
suchen, solche Begriffe in uns aufzunehmen, welche noch mehr ernst 



machen mit dem, was sich bezieht auf die gesamte Wirklichkeit, auf 
jene Wirklichkeit, in welcher die menschliche Seele ihrem ganzen 
Wesen nach lebt. Und diese Wirklichkeit, sie metamorphosiert sich 
ja in verschiedener Weise; aber es hangt viel von dem Menschen ab, 
wie sie sich metamorphosiert. Und eine bedeutungsvolle Metamor- 
phose ist schon diese: wenn man gewahr wird, wie Menschenseelen, 
je nachdem, ob sie materialistische oder spirituelle BegrifFe zwischen 
Geburt und Tod aufnehmen, dementsprechend sich an die Erde 
barmen oder in richtige Spharen kommen. Fur diese Dinge miissen 
immer mehr klare BegrifFe unter uns herrschen. Dann werden wir 
auch das richtige Verhaltnis zur Gesamtwelt finden, miissen es immer 
mehr und mehr finden. Liegt das doch nicht nur im Sinne einer 
abstrakten Geistesbewegung, sondern muB bei uns liegen im Sinne 
einer ganz konkret aufgefaBten spirituellen Bewegung, die mit dem 
geistigen Leben einer Summe von Individualitaten rechnet. 

Mir selbst ist es recht befriedigend, daB solche Besprechungen, die 
ganz besonders auch bedeutsam sind fur diejenigen unter uns, die 
nicht mehr zum physischen Plane gehoren, sondern durch die Pforte 
des Todes gegangen, aber unsere treuen Mitglieder sind, daB solche 
Besprechungen wie die jetzigen, gepflegt werden als eine Wirklichkeit, 
die uns auch mit unseren hinweggegangenen Freunden immer tiefer 
und tiefer zusammenbringt. Ich mache diese Bemerkungen heute aus 
dem Grunde, weil es ja an uns ist, heute uns besonders liebevoll zu 
erinnern an den Hingang von Fraulein Stinde, die so innig mit dem 
Bau verkniipft ist, deren Impulse mit den Impulsen unseres Baues so 
innig zusammenhangen, und deren Todestag sich gestern jahrte. 



INDIVIDUELLE GEISTWESEN 
UND EINHEITLICHER WELTENGRUND 

Dornoch, 19. November 1917 
Zweiter Vortrag 

Zunachst bitte ich Sie, mit Bezug auf die Betrachtungen, die wir jetzt 
pflegen, und die ich angekniipft habe an das Hereinleuchten einer 
Erkenntnisbestrebung mit unzulanglichen Erkenntnismitteln, die uns 
aber zu weiten historischen Perspektiven gefiihrt haben, dabei zu- 
nachst zu beachten, daB sowohl bei diesen Dingen wie auch bei dem, 
was ich aus der gleichen Absicht, dem gleichen Impuls heraus bei 
meinem vorigen Hiersein gesagt habe: es handelt sich umMitteilungen 
tatsachlicher Vorgange, nicht um irgendeineTheorie, nicht urn irgend- 
eine Vorstellungssystematik, sondern um Mitteilungen von Tatsachen. 
Also gerade das ist der Punkt, den wir benicksichtigen miissen aus 
dem Grunde, weil uns sonst das Verstandnis dieser Dinge Schwierig- 
keiten bereiten kann. Es handelt sich nicht darum, daB ich Ihnen ge- 
schichtliche Gesetze oder historische Ideen entwickle, sondern Tat- 
sachlichkeiten, die zusammenhangen mit den Intentionen, mit den 
Absichten sowohl gewisser Personlichkeiten, die in Briiderschaften 
zusammengeschlossen sind, als auch anderer Wesenheiten, welche auf 
solche Briiderschaften einwkken, deren EinfluB von diesen Briider- 
schaften auch gesucht wird, die aber, so wie sie sind, nicht zu den im 
Fleische verkorperten Menschen gehoren, sondern solche Wesen sind, 
die sich in der geistigen Welt verkorpern. Insbesondere bei einer Mit- 
teilung wie diejenige ist, die ich gestern gemacht habe, ist dies sehr 
notwendig zu benicksichtigen. Denn bei diesen Briiderschaften haben 
wir es ja - das haben Sie schon aus den Auseinandersetzungen des 
vorigen Jahres erkennen konnen - gewissermaBen mit verschiedenen 
Parteien zu tun. Ich habe Sie dazumal darauf aufmerksam gemacht, 
daB wir es innerhalb solcher Briiderschaften mit einer solchen Partei 
zu tun haben, welche von sich aus fur die absolute Geheimhaltung 
gewisser hoherer Wahrheiten ist; daneben, neben andern Schattie- 
rungen, hat man es zu tun mit Mitgliedern solcher Briiderschaften, 



welche namentlich seit der Mitte des 19. Jahrhunderts dafiir sind, daB 
gewisse Wahrheiten - wenn auch zunachst noch jene Wahrheiten, fur 
deren Bekanntmachung nur die nachste Notwendigkeit besteht - vor- 
sichtig und entsprechend sachgemaB der Menschheit enthiillt werden. 
Neben diesen Hauptparteien gibt es andere Parteinuancen. Daraus 
aber ersehen Sie, daB dasjenige, was beabsichtigt wird, was gerade 
ausgehend von solchen Briiderschaften in die Menschheitsentwicke- 
lung als Impuls hineinverlegt wird, sehr haufig die Sache eines Kom- 
promisses sein wird. 

Nun, gerade als die Briiderschaften, die bekannt sind mit den gei- 
stigen Wirkensimpulsen der Menschheitsentwickelung, herankommen 
sahen das bedeutsame Ereignis vom Anfang der vierziger Jahre : den 
Kampf gewisser Geister mit hoheren Geistern, der dann 1879 damit 
beschlossen worden ist, daB gewisse Geister mit Engelnatur, Geister 
der Finsternis, verfallen sind dem Ereignisse, das als die Oberwindung 
des Drachens durch Michael symbolisiert wird, als also in der Mitte 
des 19. Jahrhunderts, am Anfang der vierziger Jahre, diese Briider- 
schaften jenes Ereignis herankommen fiihlten, da muBten sie dazu 
Stellung nehmen, muBten sich fragen: Was ist zu tun? 

Diejenigen Mitglieder dieser Briiderschaften, welche vor alien Din- 
gen Rechnung tragen wollten den Forderungen der Zeit, sie waren 
bis zu einem gewissen Grade von den besten Absichten beseelt, und 
sie waren es, welche unter dem irrtiimlichen Impulse standen, mit dem 
Materialismus der Zeit rechnen zu wollen; sie waren es, welche vor- 
zugsweise darauf bedacht waren, den Menschen, die eigentlich nur 
auf physischem Wege etwas wissen wollten, gerade auf materialistische 
Weise auf diesem physischen Wege, ich mochte sagen, etwas bei- 
zubringen von der geistigen Welt. Es war also gut gemeint, als in den 
vierziger Jahren von dieser Seite der Spiritismus in die Welt hinein- 
lanciert worden ist. 

Notwendig war es in der Zeit dieses Kampfes, in der, wie ich an- 
gedeutet habe, auf Erden vorzugsweise herrschen sollte der kritische 
Geist, der bloB auf die AuBenwelt gerichtete Verstand, notwendig war 
es, den Menschen wenigstens eine Empfindung, ein Gefiihl dafur bei- 
zubringen, daB es eine geistige Welt um die Menschen herum gibt. 



Und nun, wie eben Kompromisse zustande kommen, so kam auch 
dieser KompromiB zustande. Diejenigen Mitglieder solcher Briider- 
schaften, die sich durchaus ablehnend verhielten gegen die Bekannt- 
gabe gewisser spiritueller Wahrheiten an die Menschheit, die sahen 
sich, ich mochte sagen, majorisiert, muBten sich herbeilassen, der 
Sache zuzustimmen. Es war nicht ihre ureigene Absicht, diese Dinge 
in die Welt zu setzen, die mit dem Spiritismus zusammenhingen. Wo 
es sich um Korper schaften handelt und der Wille der Korperschaften 
vorliegt, da hat man es mit Kompromissen zu tun. Aber naturlich, 
wie es auBerlich im Leben ist: wenn in irgendeiner Korperschaft 
etwas beschlossen wird, so erwarten da nicht nur diejenigen etwas 
von dem Beschlossenen, welche aus ihren eigenen Absichten heraus 
die Sache in Szene gesetzt haben, sondern auch jene, die urspriinglich 
dagegen waren, erwarten das eine oder das andere davon, wenn es 
einmal beschlossen ist. 

So waren denn gutmeinende spirituelle Mitglieder der Bruderschaf- 
ten der irrtumlichen Ansicht, daB durch die Beniitzung der Medien 
die Menschen von dem Vorhandensein einer geistigen Welt um sie 
herum iiberzeugt werden wurden; dann wiirde man ihnen auf Grund- 
lage dieser Oberzeugung weiter hohere Wahrheiten beibringen kon- 
nen. Das ware dann gegangen, wenn das eingetroffen ware, was diese 
gutmeinenden Mitglieder von Briiderschaften vorausgesetzt hatten: 
wenn es eingetroffen ware, daB dasjenige, was durch solche Medien 
zutage tritt, in dem Sinne ausgelegt worden ware, daB man es mit 
einer geistigen Welt ringsherum zu tun hat. Es ist etwas ganz anderes 
eingetreten - wie ich auch gestern angedeutet habe. Was durch die 
Medien zutage trat, das wurde interpretiert von den Menschen, die 
daran teilnahmen, als herkommend von den Toten. Dadurch war das, 
was durch den Spiritismus zutage trat, eigentlich eine Enttauschung 
fur alle. Denn diejenigen, welche sich haben uberstimmen lassen, 
waren naturlich aufs auBerste betriibt dariiber, daB in den spiritisti- 
schen Sitzungen - zuweilen mit Recht - von Manifestationen der 
Geister Verstorbener geredet werden konnte. Die gutmeinenden fort- 
schrittlichen Eingeweihten, die erwarteten iiberhaupt nicht, daB von 
Toten gesprochen wiirde, sondern sie erwarteten, daB von einer all- 



gemeinen elementaren Welt gesprochen wiirde; auch sie waren also 
enttauscht. Vor allem aber verfolgen solche Dinge jene, die in einer 
gewissen Weise eingeweiht sind. Und nun haben wir - auBer den 
bereits angefuhrten Mitgliedern von Bruderschaften - solche Mit- 
glieder anderer Bruderschaften oder zum Teil auch derselben, 
workmen sich Minoritaten, manchmal auch Majoritaten bilden kon- 
nen; wir haben andere Eingeweihte zu beachten: jene, welche ge- 
nannt werden innerhalb der Bruderschaften «die Briider der Linken », 
also jene, welche vor alien Dingen ausnutzen ein jegliches, was als 
Impuls der Menschheitsentwickelung einverleibt wird, im Sinne einer 
Machtfrage. Und selbstverstandlich, diese Briider der Linken er- 
warteten nun auch ihrerseits allerlei von dem, was durch den Spiritis- 
mus zutage trat. Ich habe gestern bemerklich gemacht, daB es solche 
Briider der Linken vor alien Dingen waren, welche die Veranstal- 
tungen mit den Seelen der toten Menschen gemacht haben. Fur sie 
war vor alien Dingen das interessant, was durch die spiritistischen 
Sitzungen herauskommen werde. Sie bemachtigten sich nach und 
nach des ganzen Feldes. Die gutmeinenden Eingeweihten verloren 
nach und nach alles Interesse an dem Spiritismus, fiihlten sich in einer 
gewissen Weise sogar beschamt, weil diejenigen, die den Spiritismus 
von Anfang an nicht wollten, ihnen sagten, das hatte man von Anfang 
an wissen konnen, daB mit dem Spiritismus jetzt nichts herauskommen 
kann. Dadurch kam aber gerade der Spiritismus in die Machtzone, ich 
mochte sagen, der Briider der Linken. Nun, von solchen Briidern der 
Linken habe ich gestern gesprochen, die vor alien Dingen sich da- 
durch enttauscht fuhlten, da sie sahen, es konne durch diesen nun 
einmal in Szene gesetzten Spiritismus sich das enthullen, was sie 
eigentlich angeregt hatten, wovon sie aber vor alien Dingen wollten, 
daB es nicht herauskame : es konne ja gerade in spiritistischen Sitzun- 
gen, weil sich die Teilnehmer von den Toten beeinfluBt glaubten, 
durch Mitteilung der Toten sich offenbaren, was gewisse Briider der 
Linken mit den Seelen Verstorbener machen. Gerade solche Seelen 
konnten sich in den spiritistischen Sitzungen manifestieren, die miB- 
braucht wurden gewissermaBen von den Briidern der Linken. 

Das miissen Sie eben durchaus in Betracht Ziehen, daB es sich bei 



diesen Mitteilungen nicht um Theorien handelt, sondern daB es sich 
darum handelt, Tatsachen zu erzahlen, die auf Individualitaten zuriick- 
gehen. Und wenn nun diese Individualitaten wiederum vereinigt sind 
in Briiderschaften, so kann von ein und derselben Sache die eine 
Individuality dies, die andere jenes erwarten. Es geht schon einmal 
nicht, wenn man von dem Tatsachlichen der geistigen Welt redet, es 
geht schon einmal nicht, da etwas anderes zu suchen als ein Wirken 
aus den Impulsen der Individualitaten heraus. Was der eine macht und 
was der andere macht, widerspricht sich ja auch im Leben. Redet man 
von Theorien, dann darf der Satz des Widerspruchs nicht verletzt 
werden. Redet man aber von Tatsachen, dann wird sich - gerade weil 
man von Tatsachen redet - sehr hauflg zeigen, daB diese Tatsachen in 
der geistigen Welt ebensowenig zusammenstimmen wie die Hand- 
lungen der Menschen hier auf dem physischen Plane. Also ich bitte 
Sie, das immer zu beriicksichtigen. Man kann ja, wenn man von diesen 
Dingen spricht, nicht iiber Wirklichkeiten reden, wenn man nicht von 
individuellen Tatsachen redet. Das ist es, um was es sich handelt. 
Also es miissen die einzelnen Stromungen auseinandergehalten, aus- 
einandergeschalt werden. 

Dies hangt aber zusammen mit einer sehr bedeutsamen Sache, die 
man, will man in der Gegenwart zu einer einigermaBen befriedigenden 
Weltanschauung kommen, sich vor alien Dingen zum BewuBtsein 
bringen muB. Es ist das, was ich nun sage, eine ganz prinzipielle und 
bedeutungsvolle Sache, trotzdem sie etwas abstrakter ist; aber wir 
miissen uns einmal diese Tatsache vor die Seele fiihren. 

Der Mensch strebt namlich, wenn er sich eine Weltanschauung 
bilden will, mit Recht danach, daB die einzelnen Teile dieser Welt- 
anschauung zusammenstimmen. Dies tut er aus einer gewissen Ge- 
wohnheit heraus, aus einer Gewohnheit heraus, die so berechtigt ist 
wie nur moglich; denn sie hangt zusammen mit alledem, was durch 
viele Jahrhunderte hindurch der Menschheit teuerstes Seelen- und 
Geistesgut war: mit dem Monotheismus. Man will dasjenige, was 
einem in der Welt als Erlebnis begegnet, auf einen einheitlichen 
Weltengrund zuriickfuhren. Dies hat seine gute Berechtigung, aber 
nicht nach derjenigen Seite hin, nach welcher es die Menschen ge- 



wohnlich berechtigt glauben, sondern nach einer ganz andern Seite 
hin, von der wir das nachste Mai sprechen werden. Heute mochte ich 
Ihnen nur das prinzipiell Wichtige vor die Seele fuhren. 

Wer mit der Voraussetzung an die Welt herantritt: alles muB sich 
widerspruchslos so erklaren lassen, als ob es aus einem einheitlichen 
Weltengrunde hervorgehe, der wird viele Enttauschungen erleben 
gerade dann, wenn er in unbefangener Art der Welt und ihren Erleb- 
nissen gegemibertritt. Es ist einmal so hergebracht, daB der Mensch 
alles das, was er in der Welt wahrnimmt, behandelt nach der pastoralen 
Weltanschauung: alles fuhrt zuriick zu dem einheitlichen gottlichen 
Urgrund; aus Gott stammt alles, also muB es in einheitlicher Weise 
sich erklaren lassen. 

Nun ist das aber nicht so. Es ist nicht so, es stammt nicht dasjenige, 
was uns in der Welt an Erlebnissen umgibt, aus einem einheitlichen 
Urgrund, sondern es stammt aus voneinander verschiedenen spiri- 
tuellen Individualitaten. Es wirken verschiedene Individualitaten zu 
dem zusammen, was uns in der Welt als Erlebnisse umgibt. So ist es 
zunachst. Uber anderes, was den Monotheismus berechtigt macht, 
werden wir das nachste Mai noch sprechen. Aber so ist es zunachst. 
Wir miissen uns bis zu einem gewissen Grade, ja bis zu einem hohen 
Grade voneinander unabhangige Individualitaten denken, sobald wir 
nur die Schwelle der geistigen Welt iibertreten. Aber dann kann man 
nicht verlangen, daB dasjenige, was auftritt, aus einem einheitlichen 
Prinzip heraus zu erklaren ist. Denn denken Sie, schematisch dar- 
gestellt (siehe Zeichnung S. 200), dies ware irgendein Erlebnis, meinet- 
willen waren das die Erlebnisse, sagen wir vom Jahre 1913 bis zum 
Jahre 1918. Die Erlebnisse der Menschen gehen natiirlich nach beiden 
Richtungen fort. Ja, der Historiker wird immer versucht sein, nun ein 
einheitliches Prinzip in diesem ganzen Werdegang vorauszusetzen. 
So ist es aber nicht; sondern sobald man die Schwelle zur geistigen 
Welt iiberschreitet, die man nach unten und nach oben iiberschreiten 
kann (siehe Zeichnung, rot), es ist ein und dieselbe, so wirken in diese 
Ereignisse herein verschiedene Individualitaten zusammen, die von- 
einander verhaltnismaBig unabhangig sind (siehe Zeichnung, Pfeile). 
Und wenn Sie das nicht bemcksichtigen, wenn Sie einen einheitlichen 



Weltengrund iiberall voraussetzen, so werden Sie die Ereignisse nie- 
mals verstehen. Nur dann, wenn Sie in dem, was gewissermaBen der 
Wellenschlag der Ereignisse ist, die verschiedensten Individualitaten, 
die gegeneinander oder miteinander arbeiten, in Betracht ziehen, dann 
werden Sie die Dinge in der richtigen Weise verstehen. 




Diese Sache hangt ja zusammen mit den tiefsten Geheimnissen des 
Menschenwerdens uberhaupt. Und nur das monotheistische Gefiihl 
hat diese Tatsache fur Jahrhunderte oder Jahrtausende verschleiert; 
aber in Betracht Ziehen muB man sie. Man muB daher, wenn man 
heute in Weltanschauungsfragen weiterkommen will, vor alien Dingen 
Logik nicht verwechseln mit abstrakter Widerspruchslosigkeit. 
Abstrakte Widerspruchslosigkeit kann in einer Welt, in der von- 
einander unabhangige Individualitaten zusammenwirken, nicht da 
sein; daher wird es immer, wenn abstrakte Widerspruchslosigkeit an- 
gestrebt wird, zur Verarmung der BegrifFe fuhren; die BegrifFe werden 
nicht mehr die voile Wirklichkeit umspannen konnen. Nur dann 
konnen die BegrifFe die voile Wirklichkeit umspannen, wenn diese 
BegrifFe jene widerspruchsvolle Welt in sich zu fassen vermogen, 
welche eben die Wirklichkeit ist. 



Dasjenige, was der Mensch als Naturgebiet vorliegend hat, das 
kommt auf eine sehr merkwiirdige Weise zustande. Auch an der 
Natur, an allem, was der Mensch Natur nennt und mit Naturwissen- 
schaft auf der einen Seite, mit Naturdienst, Naturasthetik und so 
weiter auf der andern Seite zusammenfaBt, wirken verschiedene Indi- 
vidualitaten mit. Aber in dem gegenwartigen Entwickelungszyklus 
der Menschheit ist durch die weisheitsvolle Weltenlenkung eine fur 
den Menschen sehr segensvolle Einrichtung getroffen worden. Nam- 
lich, der Mensch kann die Natur begreifen mit den Begriffen, die sich 
auf eine einheitliche Lenkung beziehen, weil von der Natur durch die 
Sinneswahrnehmung nur dasjenige an den Menschen als Erlebnis 
herankommt, was von der einheitlichen Lenkung abhangt. Hinter 
dem Teppich der Natur liegt etwas anderes, was von ganz anderer 
Seite beeinfluBt wird. Aber das wird ausgeschaltet, wenn der Mensch 
die Natur wahrnimmt. So kommt es, daB dasjenige, was der Mensch 
Natur nennt, ein einheitliches System ist, aber nur deshalb, weil es 
durchgesiebt ist. Indem wir wahrnehmen durch unsere Sinne, wird 
uns die Natur gleichsam durchgesiebt. Alles das, was widerspruchsvoll 
in ihr ist, das wird herausgesiebt, und es wird die Natur uns so iiber- 
liefert, daB sie ein einheitliches System ist. In dem Augenblick aber, 
wo man die Schwelle uberschreitet und dasjenige, was zur Wirklich- 
keit gehort, auch zur Naturerklarung heranzieht - die elementaren 
Geister oder die Beeinflussungen der Menschenseelen, die sich auf die 
Natur auch richten konnen -, in dem Augenblick ist man nicht mehr 
in der Lage, auch bei der Natur von einem einheitlichen System zu 
reden, sondern da muB man sich dann auch schon wiederum klar- 
werden, daB man es mit dem Hereinwirken einander bekampfender 
oder einander tragender, einander verstarkender Individualitaten zu 
tun hat. 

In der elementaren Welt finden wir Geister der Erde, gnomenhafte 
Wesen; Geister des Wassers, undinenhafte Wesen; Geister der Luft, 
sylphenhafte Wesen; Geister des Feuers, salamanderartige Wesen. Die 
sind alle da. Ja, die sind nicht so, daB sie nun alle ein einheitliches 
Regiment bilden wiirden. So ist das nicht. Sondern diese verschiede- 
nen Reiche : Gnomen, Undinen, Sylphen, Salamander, sie sind in einer 



gewissen Weise selbstandig; sie arbeiten nicht nut in Reih und Glied 
alle aus einem System heraus, sondern sie bekampfen auch einander. 
Ihre Intentionen haben nichts miteinander zu tun von vornherein, 
sondern das, was entsteht, entsteht durch das verschiedenartigste Zu- 
sammenwirken der Intentionen. Kennt man die Intentionen, dann 
sieht man in dem, was vor einem auftritt, daB da hereinwif ken meinet- 
willen Feuergeister und Undinen zusammen. Aber man darf niemals 
glauben, daB hinter diesen nun wiederum einer stent, der ihnen ein 
gewisses Kommando gibt. Das ist nicht so. Es ist dieser Geist sehr 
verbreitet in der Gegenwart, und solche Philosophen, wie zum Bei- 
spiel der Philosoph Wundt - von dem Frit^ Mauthner nicht mit Un- 
recht gesagt hat: «Autoritat von seines Verlegers Gnaden», aber 
Autoritat ist er fast fur die ganze Welt vor dem Kriege gewesen 
die gehen darauf aus, alles dasjenige, was in der menschlichen Seele 
lebt, Vorstellungsleben, Gefuhlsleben, Willensleben in eine Einheit 
zu fassen, weil sie sagen : Die Seele ist eine Einheit, also muB alles das 
zu einer Einheit, zu einem gemeinsamen System gehoren. - Das ist 
aber eben nicht so, und es wiirden jene starken, bedeutungsvollen 
Diskrepanzen des menschlichen Lebens, auf die gerade die analy- 
tische Psychologie kommt, nicht herauskommen, wenn nicht unser 
Vorstellungsleben hinter der Schwelle zuriickfuhrte in ganz andere 
Regionen, wo andere Individualitaten unser Vorstellungsleben be- 
einflussen als unser Gefuhlsleben und dann wiederum unser Willens- 
leben. 

Es ist so sonderbar ! Sehen Sie, wenn das die menschliche Wesenheit 
ist (siehe Zeichnung, Oval) und wir haben in der menschlichen Wesen- 
heit Vorstellungsleben, Gefuhlsleben, Willensleben (drei Kreise), dann 
kann sich so ein Systematiker wie Wundt nichts anderes vorstellen, als 
daB das alles ein System ist. 

Indessen, es fiihrt das Vorstellungsleben in eine andere Welt (W 1), 
es fiihrt das Gefuhlsleben in eine andere Welt (W 2), und wiederum 
das Willensleben in eine andere Welt (W 3). Dazu ist gerade die 
Menschenseele da, um eine Einheit zu bilden aus demjenigen, was in 
der vormenschlichen, also augenblicklich vormenschlichen Welt eine 
Dreiheit ist. 



Vortrellungfleben / 0"% 



geftihlsleben j q^^^^> \[/ % 



Wltenslebeh \ W^,,, 



Nun, mit alien diesen Dingen muB gerechnet werden, sobald fur die 
geschichtliche Entwickelung der Menschheit in Betracht kommen die 
Impulse, die dieser geschichtlichen Entwickelung einmal einverleibt 
werden. 

Ich habe im Verlaufe dieser Betrachtungen gesagt, daB ein jeder 
Zeitraum der nachatlantischen Zeit seine besondere Aufgabe hat. Ich 
habe im allgemeinen die Aufgabe des funften nachatlantischen Zeit- 
raumes charakterisiert, indem ich angedeutet habe, daB es einmal 
schon fur die Menschheit die Aufgabe dieses Zeitraumes ist, sich mit 
dem Bosen als Impuls in der Weltenentwickelung auseinander- 
zusetzen. Was das heiBt, das haben wir ja verschiedentlich besprochen. 
Es ist nicht anders moglich, als daB die Krafte, welche, wenn sie am 
schlechten Orte auftreten, als das Bose auftreten, durch die An- 
strengungen der Menschen im funften nachatlantischen Zeitraum fur 
die Menschheit erobert werden, so daB sie mit diesen Kraften des 
Bosen etwas Gunstiges fur die Zukunft der ganzen Weltenentwicke- 
lung anzufangen in der Lage ist. Dadurch wird die Aufgabe dieses 
funften nachatlantischen Zeitraums eine ganz besonders schwierige. 
Derm sehen Sie, eine groBe Anzahl von Versuchungen steht der 
Menschheit bevor. Und wenn so nach und nach die Gewalten des 
Bosen erscheinen, dann ist naturlich der Mensch unter Umstanden 
viel mehr geneigt, sich diesem Bosen auf alien Gebieten zu iiber- 
lassen, als daB er den Kampf aufnimmt, um dasjenige, was ihm als 
Boses erscheint, in den Dienst der guten Weltenentwickelung zu 



stellen. Und dennoch, dieses muB geschehen ; es muB das Bose bis zu 
einem gewissen Grade in den Dienst der guten Weltenentwickelung 
gestellt werden. Ohne dieses konnte nicht eingetreten werden in den 
sechsten nachatlantischen Zeitraum, der dann eine ganz andere Auf- 
gabe haben wird, der die Aufgabe haben wird, die Menschheit leben 
zu lassen, trotzdem sie mit der Erde noch zusammenhangt, vor alien 
Dingen in einer fortdauernden Anschauung der geistigen Welt, in 
geistigen Impulsen. Gerade mit dieser Aufgabe gegeniiber dem Bosen 
im funften nachatlantischen Zeitraum hangt es zusammen, daB eine 
gewisse Art von personlicher Verfinsterung fur die Menschen ein- 
treten kann. 

Nun wis sen wir, daB seit dem Jahre 1879 die dem Menschen nachst- 
stehenden Geister der Finsternis, die dem Reiche der Angeloi an- 
gehoren, im Menschenreiche selber wandeln, weil sie aus der geistigen 
Welt in das Menschenreich herabgestoBen worden sind und nun in 
den menschlichen Impulsen drinnen vorhanden sind, durch die 
menschlichen Impulse wirken. Ich sagte, gerade durch dieses, daB 
dem Menschen so nahestehende Wesen auf unsichtbare Art unter den 
Menschen wirken und der Mensch durch die hereinspielenden Krafte 
des Bosen abgehalten ist davon, das Spirituelle mit der Vernunft an- 
zuerkennen - denn das ist wiederum die damit zusammenhangende 
Aufgabe des funften nachatlantischen Zeitraums -, gerade dadurch 
werden diesem funften nachatlantischen Zeitraum viele Gelegenheiten 
gegeben, sich finsteren Irrtiimern und dergleichen hinzugeben. Es 
muB gewissermaBen der Mensch sich dazu bequemen, in diesem 
funften nachatlantischen Zeitraum das Spirituelle durch seine Ver- 
nunft zu erfassen. Geoffenbart wird es schon; dadurch, daB die Geister 
der Finsternis 1879 besiegt worden sind, dadurch wird immer mehr 
und mehr spirituelle Weisheit aus den geistigen Welten herunter- 
flieBen konnen. Nur wenn die Geister der Finsternis oben geblieben 
waren in den geistigen Reichen, wiirden sie ein Hemmnis sein konnen 
fur dieses HerunternieBen. Das HerunterflieBen von spiritueller Weis- 
heit konnen sie fortan nicht verhindern; aber Verwirrung konnen sie 
fortan stiften, die Seelen konnen sie verfinstern. Und welche Gelegen- 
heiten zur Verfinsterung ergriffen werden, haben wir ja zum Teil 



schon geschildert. Was fur Vorkehrungen getroffen werden, haben 
wir angefiihrt, um die Menschen abzuhalten davon, das spirituelle 
Leben zu empfangen. 

Das alles kann natiirlich nicht zum Jammern oder irgend so etwas 
AnlaB geben, sondern zu einer Starkung der Kraft und Energie der 
Menschenseele nach dem Spirituellen hin. Denn wird in diesem fiinf- 
ten nachadantischen Zeitraum von den Menschen dasjenige erreicht, 
was erreicht werden kann durch die Einverleibung der Krafte des 
Bosen im guten Sinne, dann wird zu gleicher Zeit etwas Ungeheures 
erreicht: dann wird dieser fiinfte nachatlantische Zeitraum fiir die- 
Entwickelung der Menschheit etwas wissen aus groBeren Vorstellun- 
gen als irgendein nachatlantischer Zeitraum, ja als irgendein fruherer 
Zeitraum der Erdenentwickelung. Erschienen ist zum Beispiel der 
Christus durch das Mysterium von Golgatha dem vierten nachatlanti- 
schen Zeitraum; aneignen fiir die menschliche Vernunft kann ihn 
sich der fiinfte nachatlantische Zeitraum erst. Im vierten nachadanti- 
schen Zeitraum haben die Menschen begreifen konnen, daB sie in dem 
Christus-Impuls etwas haben, was sie iiber den Tod hinausfiihrt als 
Seelen; das ist ja durch das Paulinische Christentum hinlanglich klar- 
geworden. Aber ein noch Bedeutsameres wird eintreten fiir die Ent- 
wickelung des fiinften nachatlantischen Zeitraums, in dem die Men- 
schenseelen erkennen werden, daB sie in dem Christus den Heifer 
haben, um die Krafte des Bosen in Gutes umzuwandeln. Aber eines 
ist mit dieser Eigentiimlichkeit des fiinften nachatlantischen Zeit- 
raums verbunden, eines, das man sich jeden Tag aufs neue in die 
Seele schreiben soil, das man ja nicht vergessen soli, obwohl der 
Mensch besonders fiir das Vergessen dieser Sache angelegt ist: ein 
Kampfer um das Spirituelle muB der Mensch sein in dieser fiinften 
nachatlantischen Zeit; erleben muB er, daB seine Krafte erschlaffen, 
wenn er sie nicht fortwahrend im Zaume halt fiir die Eroberung der 
spirituellen Welt. Im hochsten MaBe ist der Mensch auf seine Freiheit 
gestellt in diesem fiinften nachatlantischen Zeitraum! Das muB er 
durchmachen. Und gewissermaBen an der Idee der menschlichen Frei- 
heit muB gepriift werden alles dasjenige, was die Menschen trifft in 
diesem fiinften nachatlantischen Zeitraum. Denn wiirden die Krafte 



der Menschen erschlaffen, so konnte gewissermaBen alles zum Schlim- 
men ausfallen. Der Mensch ist nicht in der Lage, in diesem funften 
nachatlantischen Zeitraum wie ein Kind gefiihrt zu werden. Sind ge- 
wisse Briiderschaften da, welche sich gewissermaBen das Ideal vor- 
halten, die Menschen wie Kinder zu fiihren, wie sie noch gefiihrt 
wurden im dritten nachatlantischen Zeitraum und im vierten, so tun 
diese Briiderschaften gar nicht das rechte; sie tun gar nicht dasjenige, 
was fur die Entwickelung der Menschheit eigentlich geschehen soil. 
Die Menschen so auf die spirituelle Welt hinzuweisen, daB Annahme 
oder Ablehnung der spirituellen Welt in die Freiheit der Menschen 
gestellt ist, das muB sich derjenige, der in dieser funften nachatlanti- 
schen Zeit von dieser spirituellen Welt spricht, immer wieder und 
wiederum vorhalten. Daher konnen gewisse Dinge in dieser funften 
nachatlantischen Zeit nur gesagt werden; aber das Sagen ist jetzt 
ebenso wichtig, wie irgend etwas anderes wichtig war in andern Zeit- 
raumen. Dafiir will ich Ihnen ein Beispiel geben. 

In unserer Zeit ist das Mitteilen von Wahrheiten, wenn ich trivial 
sprechen darf, das Vortragen von Wahrheiten das Allerwichtigste. 
Danach richten sollen sich die Menschen aus ihrer Freiheit heraus. 
Weiter sollte eigentlich nicht gegangen werden als bis zum Vortrag, 
bis zur Mitteilung der Wahrheiten; das andere sollte in freiem Ent- 
schlusse daraus folgen; so daraus folgen, wie die Dinge folgen, die 
man als Enrschlusse faBt aus dem Impulse des physischen Planes 
heraus. Das bezieht sich auch auf die Dinge, die gewissermaBen nur 
von der geistigen Welt aus selbst gelenkt und geleitet werden konnen. 

Wir werden uns gleich besser verstehen, wenn wir auf Einzelheiten 
eingehen. Noch im vierten nachatlantischen Zeitraum war es so, daB 
andere Dinge in Betracht kamen als das bloBe Wort, die bloBe Mit- 
teilung. Was kam da in Betracht? Nun, nehmen wir einen bestimmten 
Fall an : die Insel Irland, wie wir sie heute nennen, hat ganz besondere 
Eigentiimlichkeiten. Diese Insel Irland unterscheidet sich durch ge- 
wisse Dinge von der ganzen ubrigen Erde. Jedes Gebiet der Erde 
unterscheidet sich von den andern durch gewisse Dinge ; das ist also 
nichts Besonderes; nur will ich den verhaltnismaBig starken Unter- 
schied heute hervorheben, der im Vergleich von Irland mit andern 



Gegenden der Erde besteht. In der Entwickelung der Erde kann man 
ja - wie Sie schon aus meiner «Geheimwissenschaft im UmriB» 
sehen - zuriickgehen und verschiedene Einflusse, verschiedene Ge- 
schehnisse konstatieren in demjenigen, was als Tatsachen aus der 
geistigen Welt herausgeholt werden kann. Sie wissen aus der «Ge- 
heimwissenschaft», wie sich die Dinge verhalten, wenn man zuriick- 
geht bis zu dem, was die lemurische Zeit genannt wird, was da alles 
geschehen ist seit der lemurischen Zeit, wie sich die verschiedenen 
Dinge entwickelt haben. Ich habe Sie nun gestern darauf aufmerksam 
gemacht, daB die ganze Erde eigentlich als ein Organismus zu be- 
trachten ist, daB sie fur verschiedene Territorien Verschiedenes aus 
sich herausstrahlt auf die Bewohner. Dieses Ausgestrahlte hat auf den 
Doppelganger, auf den ich gestern zum SchluB aufmerksam gemacht 
habe, einen ganz besonderen EinfluB. Bei Irland ist es so, daB in 
alteren Zeiten die Menschheit, die Irland gekannt hat, die ganz be- 
sondere Eigentiimlichkeit von Irland marchenhaft, legendenhaft zum 
Ausdruck gebracht hat. Ich mochte sagen, eine esoterische Legende 
hat man gekannt als aussprechend das Wesen von Irland im Erden- 
organismus. Man hat gesagt: Die Menschheit ist einstmals aus dem 
Paradiese vertrieben worden, weil im Paradiese Luzifer die Mensch- 
heit verfiihrt hat; und sie ist dann in die iibrige Welt zerstreut worden. 
Aber diese iibrige Welt war schon da zur Zeit, als die Menschheit aus 
dem Paradiese vertrieben worden 1st. Man unterscheidet also - so 
sagte man in dieser marchenhaften, in dieser legendenhaften Dar- 
stellung -, man unterscheidet also das Paradies mit dem Luzifer 
darinnen von der iibrigen Erde, in welche die Menschheit verstoBen 
worden ist. Aber mit Irland ist es nicht so, das gehort nicht in dem- 
selben Sinne zu der iibrigen Erde, weil, bevor Luzifer das Paradies 
betreten hat, sich ein Abbild des Paradieses auf der Erde gebildet hat, 
und dieses Abbild ist Irland geworden. 

Verstehen Sie wohl: Irland ist also dasjenige Stuck Erde, welches 
keinen Teil hat an Luzifer, zu dem Luzifer keine Beziehung hat, Das- 
jenige, was abgesondert hat werden miissen vom Paradiese, damit sein 
irdischer Abglanz entstehe, das hatte verhindert, daB Luzifer ins Para- 
dies hineingekonnt hatte. Also Irland wurde so aufgefaBt nach dieser 



Legende, daB es erst eine Absonderung war desjenigen Teiles des 
Paradieses, der Luzifer verhindert hatte, in das Paradies hinein- 
2ukommen. Erst als Irland aus dem Paradiese heraus abgesondert 
war, konnte Luzifer in das Paradies hinein. 

Diese esoterische Legende, die ich Ihnen sehr unvollkommen dar- 
gestellt habe, ist etwas sehr Schones. Sie war vielen Menschen die Er- 
klarung fur die ganz eigentiimliche Aufgabe von Irland durch Jahr- 
hunderte hindurch. Im ersten Mysteriendrama, das ich geschrieben 
habe, finden Sie schon dasjenige, was ja so viel erzahlt wird: wie die 
Christianisierung Europas von irischen Monchen ausgegangen ist. Als 
Patrick das Christentum eingefuhrt hatte in Irland, da verhielt sich die 
Sache ja so, daB dort das Christentum zur hochsten Frommigkeit 
fiihrte. Umdeutend die eben besprochene Legende, nannte man sogar 
Irland, das die Griechen «Ierne», die Romer «Ivernia» genannt hat- 
ten - in diesen Zeiten, in denen die Krafte des europaischen Christen- 
tums gerade in seinen besten Impulsen von Irland ausgingen, von 
irischen, ins Christentum liebevoll Eingeweihten -, wegen der From- 
migkeit, die dort in den christlichen Klostern herrschte : die Insel der 
Heiligen. Das hangt damit zusammen, daB allerdings die Krafte, von 
denen ich gesprochen habe, diese territorialen Krafte, die aus der 
Erde aufsteigend den menschlichen Doppelganger erfassen, fur die 
Insel Irland die allerbesten sind. 

Sie werden sagen: dann miiBten ja in Irland die allerbesten Men- 
schen sein. Ja, so ist es aber doch nicht auf der Welt. In jedes Gebiet 
wandern andere ein und haben Nachkommen und so weiter. Also, 
so ist es eben nicht, daB der Mensch bloB das Ergebnis des Stiickes 
Erde ist, auf dem er steht. Es kann sehr wohl der Charakter der Men- 
schen widersprechen dem, was aus der Erde aufsteigt. Man darf nicht 
dasjenige, was sich in den Menschen wirklich entwickelt, zur Charak- 
teristik des Erdenorganismus mit Bezug auf ein bestimmtes Territo- 
rium anfiihren. Da wiirde man sich eben wiederum nur der Welt der 
Illusionen uberlassen. 

Aber so etwas wie das, was ich Ihnen jetzt angedeutet habe, daB 
Irland ein ganz besonderer Boden ist, das konnen wir heute sagen. 
Und aus solchem Sagen miiBte erflieBen ein Faktor unter den vielen 



Faktoren, welche heute in fruchtbarer Weise zu sozialpolitischen Ideen 
fiihren konnen. Man miiBte mit solchen Faktoren rechnen. Das, was 
ich eben von Irland gesagt habe, ist ein Faktor, man miiBte mit 
solchen Faktoren rechnen. Man muBte das alies zusammensetzen. Das 
miiBte Wissenschaft sein von der Gestaltung der menschlichen Ver- 
haltnisse auf der Erde. Bevor das sein wird, wird mit Bezug auf die 
Einrichtung der offentlichen Angelegenheiten kein rechtes Heil sein. 
Das, was aus der geistigen Welt heraus gesagt werden kann, miiBte 
einflieBen in die MaBnahmen, die man trifft. Deshalb habe ich in 
offentlichen Vortragen jetzt gesagt, es sei wichtig, daB alle, die mit 
offentlichen Angelegenheiten zu tun haben, Staatsmanner und so 
weiter, sich mit diesem bekanntmachen; denn dadurch allein wiirden 
sie die Wirklichkeit beherrschen. Sie tun es nur nicht, haben es vor 
alien Dingen nicht getan bis jetzt. Aber eine Notwendigkeit ist es 
deshalb doch. 

Heute liegt das vor, daB in GemaBheit der Aufgaben der funften 
nachatlantischen Zeit es auf das Sagen ankommt, auf das Mitteilen; 
denn ehe das Gesagte zur Tat werden soli, miissen die Entschliisse 
so gefaBt werden, wie man sie aus dem Impulse des physischen Planes 
heraus faBt. Das war in friiheren Zeiten eben anders ; da hat man noch 
anderes tun konnen. 

In einem bestimmten Zeitpunkte des dritten nachatlantischen Zeit- 
raumes hat eine gewisse Briiderschaft Veranlassung genommen, eine 
groBere Anzahl von Kolonisten aus Kleinasien nach der Insel Irland 
zu schicken. Dazumal wurden dort angesiedelt Kolonisten aus dem- 
selben Gebiete von Asien, aus dem spater der Philosoph Thales 
stammte. Lesen Sie nach in meinen «Ratseln der Philosophic » iiber 
die Philosophic des Thales. Thales stammte aus derselben Gegend, 
wenn auch spater; er ist ja erst in der vierten nachatlantischen Zeit 
geboren. Aber schon friiher, aus dem Milieu heraus, aus der ganzen 
geistigen Substanz heraus, aus welcher spater der Philosoph Thales 
stammte, haben die Eingeweihten nach Irland Kolonisten geschickt. 
Warum? Weil sie die Eigentiimlichkeit eines solchen Gebietes der 
Erde, wie es Irland ist, gekannt haben. Sie haben dasjenige gewuBt, 
was angedeutet wurde durch die esoterische Legende, von der ich 



Ihnen gesprochen habe. Sie haben gewuBt : die Krafte, die aufsteigen 
aus der Erde durch den Boden der irischen Insel, diese Krafte wirken 
so auf die Menschen, daB der Mensch dadurch wenig beeinfluBt wird 
nach der Richtung der Intellektualitat hin, wenig nach der Richtung 
des Egoismus, wenig nach der Richtung der EntschluBfahigkeit. Das 
haben diese Eingeweihten, die jene Kolonisten dahin geschickt haben, 
sehr gut gewuBt, und sie haben Leute ausgewahlt, welche durch ihre 
besonderen karmischen Anlagen geeignet erschienen, gerade den Ein- 
fliissen der Insel Irland ausgesetzt zu werden. Heute gibt es noch 
immer in Irland Nachkommen jener alten Bevolkerung, die dazumal 
von Kleinasien hiniiber verpflanzt worden ist, und die sich entwickeln 
sollte so, daB nicht die kleinste Intellektualitat, nicht der kleinste Ver- 
stand, nicht die EntschluBfahigkeit, dagegen gewisse besondereEigen- 
schaften des Gemiites hervorragend sich entwickeln sollten. 

Dadurch ist von langer Hand her vorbereitet gewesen das, was 
dann als die friedliche Ausbreitung des Christentums in Irland Platz 
gegriffen hat und jene gloriose Entwickelung des Christentums in 
Irland, von der dann ausgestrahlt ist die Christianisierung Europas. 
Von langer Hand her ist das vorbereitet gewesen. Die Landsleute des 
spateren Thales haben Leute dorthin geschickt, welche sich dann ge- 
eignet erwiesen, solche Monche zu werden, die in der Weise, wie ich 
es angedeutet habe, wirken konnten. Solche Dinge hat man iiberhaupt 
viele gemacht in alteren Zeiten, und wenn Sie in der auBeren exote- 
rischen Geschichte heute von unverstandigen Historikern - die aber 
viel Verstand haben konnen selbstverstandlich, denn der Verstand ist 
ja heute auf der StraBe zu finden -, wenn Sie heute von solchen 
Historikern Kolonisationen der Alten dargestellt finden, so miissen 
Sie immer sich klar sein: in solchen Kolonisationen lag eine tief- 
gehende Weisheit; die wurden gelenkt und geleitet, indem man uber- 
all Riicksicht nahm auf dasjenige, was in der Zukunft stattfinden 
sollte, indem man in jener Zek rechnete mit den Eigentiimlichkeiten 
der Erdenentwickelung. 

Das war eine andere Art, spirituelle Weisheit in die Welt zu setzen. 
Das diirfte heute derjenige, der den rechten Pfad geht, so nicht 
machen; er diirfte nicht einfach den Leuten gegen ihren Willen, um 



die Erde einzuteilen, etwas vorschreiben, sondern er hat so zu wirken, 
daB er den Leuten die Wahrheiten sagt, und sie sollen sich selber dar- 
nach richten. 

Sie sehen also damit angedeutet einen wesentlichen Fortschritt vom 
dritten, vierten zum funften nachatlantischen Zeitraum. Solch eine 
Sache muB man sehr gut ins Auge fassen. Und erkennen muB man, 
wie dieser Impuls der Freiheit sich hindurchziehen muB durch all das- 
jenige, was den fiinften nachatlantischen Zeitraum beherrscht. Denn 
gerade gegen diese Freiheit des menschlichen Gemiites lehnt sich auf 
jener Widersacher, von dem ich Ihnen gesagt habe, daB er wie ein 
Doppelganger den Menschen von einiger Zeit vor der Geburt bis 
zum Tode hin begleitet, aber bei dem Tode, vor dem Tode den Men- 
schen verlassen muB. Wenn man unter diesem Einflusse steht, der 
unmittelbar mit dem Doppelganger wirkt, dann kommt allerlei heraus, 
das schon in diesem fiinften nachatlantischen Zeitraum herauskom- 
men kann, aber nicht fur diesen funften nachatlantischen Zeitraum so 
geeignet ist, daB es ihm die Moglichkeit gibt, seine Aufgabe so zu 
erreichen, daB im Kampf mit dem Bosen die Umwandlung des Bosen 
in das Gute bis zu einem gewissen Grade sich vollzieht. 

Denken Sie, was also eigentlich hinter all den Dingen steht, in 
welche der Mensch des funften nachatlantischen Zeitraums hinein- 
gestellt ist. Die einzelnen Tatsachen miissen in der richtigen Weise 
beleuchtet werden; sie miissen verstanden werden. Denn da, wo stark 
der Doppelganger wirkt, von dem ich gestern gesprochen habe, da 
wirkt man auch der eigentlichen Tendenz des funften nachatlantischen 
Zeitraums entgegen. Es ist nur in diesem funften nachatlantischen 
Zeitraum die Menschheit noch nicht so weit, die Tatsachen richtig zu 
taxieren; insbesondere seit diesen letzten drei traurigen Jahren ist die 
Menschheit gar nicht geeignet, die Tatsachen irgendwie in der richti- 
gen Weise zu taxieren. 

Aber nehmen Sie eine scheinbar von dem, was ich heute aus- 
einandergesetzt habe, sehr weit abliegende Tatsache. Die Tatsache, 
die ich Ihnen vorfuhren will, ist diese: In einem groBen Eisenwerke 
sollten Zehntausende von Tonnen GuBeisen verladen werden in 
Eisenbahnziige. Dazu wurde selbstverstandlich eine bestimmte An- 



zahl von Arbeitern angestellt. Fiinfundsiebzig Mann sollten an die 
Arbeit gehen, und es stellte sich heraus, daB jeder zwolfeinhalb Ton- 
nen am Tage verladen konnte; also von fiinfundsiebzig Mann je 
zwolfeinhalb Tonnen am Tage. 

Ein Mann, der mehr auf den Doppelganger gab als auf dasjenige, 
was im Sinne des Fortschrittes der Menschheit fur das menschliche 
Gemiit im funften nachatlantischen Zeitraum erobert werden muB, ein 
solcher Mann ist Taylor. Dieser Mann fragte zunachst die Fabrikanten, 
ob sie nicht glaubten, daB ein einzelner Mann viel mehr verladen 
konne als zwolfeinhalb Tonnen am Tag? Die Fabrikanten meinten, 
daB ein Arbeiter hochstens achtzehn Tonnen verladen konnte. Da 
sagte Taylor: Dann machen wir Experimente; wir wollen einmal 
experimentieren. 

Taylor ging daran, mit den Menschen zu experimentieren. Das 
MaschinenmaBige wird dadurch in das menschliche soziale Leben 
iibertragen. Es sollte mit den Menschen experimentiert werden! Er 
probierte, ob das wirklich so ware, wie die praktischsten Fabrikanten 
sagten, daB ein Mann nur hochstens achtzehn Tonnen am Tag ver- 
laden kann. Er richtete Pausen ein, die er nach der Physiologie so be- 
rechnete, daB die Menschen in diesen Pausen gerade so viel Krafte 
wiederum sammelten, als sie vorher ausgegeben hatten. Es stellte sich 
natiirlich heraus, daB es unter Umstanden beim einen so, beim andern 
so war. Da nahm er - Sie wissen, im Mechanismus kommt dabei 
nichts darauf an, da nimmt man das arithmetische Mittel, beim Men- 
schen kann man nicht das arithmetische Mittel nehmen, weil jeder 
Mensch seine Berechtigung zum Dasein hat — , aber Taylor nahm 
arithmetische Mittel, das heiBt, er wahlte diejenigen Arbeiter heraus, 
welche in ihrer Gesamtheit rationelle Pausen abwarfen, und diese 
rationellen Pausen gestattete er ihnen. Die andern, die nicht in diesen 
Pausen ihre Krafte wiederherstellen konnten, wurden einfach heraus- 
geworfen. Da stellte sich denn heraus, wenn man in dieser Weise 
experimentierte mit den Menschen, daB die Ausgewahlten, die durch 
Selektion Ausgewahlten, wenn sie in den Pausen sich wieder voll- 
standig erholten, jeder siebenundvierzigeinhalb Tonnen verladen 
konne. 



Sie haben den Mechanismus der Darwinschen Theorie auf das 
Arbeiterleben angewendet: die Unpassenden weg, die Passenden 
durch Selektion ausgewahlt. Die Passenden sind diejenigen, die mit 
entsprechender Ausniitzung der Pausen, nicht, wie man friiher an- 
genommen hat, als Maximum achtzehn Tonnen, sondern siebenund- 
vierzigeinhalb Tonnen verladen konnen. Dadurch konnen aber auch 
die Arbeiter zufriedengestellt werden; denn man erspart ungeheuer 
viel dabei, und man konnte dadurch den Lohn jener Arbeiter um 
sechzig Prozent erhohen. Also man macht die Ausgewahlten, die im 
Kampfe urns Dasein Passendsten, die man auf diese Weise heraus- 
gewahlt hat durch Selektion, auBerdem zu sehr zufriedenen Leuten. 
Aber - die Unpassenden mogen verhungern I 

Das ist der Anfang eines Prinzips! Solche Sachen beachtet man 
wenig, weil man sie nicht von groBen Gesichtspunkten aus beleuchtet. 
Man muB sie aber von groBen Gesichtspunkten aus beleuchten. Heute 
ist es noch ein bloBes Anwenden irrtumlicher naturwissenschaftlicher 
Vorstellungen auf das Menschenleben. Der Impuls bleibt. Und dann 
wird der Impuls angewendet auf diejenigen Dinge, die im Verlauf des 
funften nachatlantischen Zeitraums als okkulte Wahrheiten kommen. 
Der Darwinismus enthalt keine okkulten Wahrheiten; seine Anwen- 
dung wiirde aber schon zu groBen ScheuBlichkeiten fiihren: die An- 
wendung der darwinistischen Anschauung in bezug auf das unmittel- 
bare Experimentieren mit Menschen. Wenn aber dazu okkulte Wahr- 
heiten wirklich kommen, wie sie enthullt werden miissen im Verlauf 
des funften nachatlantischen Zeitraums, dann wiirde man eine un- 
geheure Macht uber Menschen auf diese Weise gewinnen, allerdings 
nur dadurch, daB man die Passendsten immer auswahlt. Aber man 
wiirde nicht nur die Passendsten auswahlen, sondern man wiirde da- 
durch, daB man anstrebt eine gewisse okkulte Erfindung, um die 
Passenden immer passender und passender zu machen — dadurch 
wiirde man zu einer ungeheuren Machtausniitzung kommen, die ge- 
rade entgegengesetzt wirken wiirde der guten Tendenz des funften 
nachatlantischen Zeitraums. 

Solche Zusammenhange, wie ich sie Ihnen jetzt dargestellt habe, 
wollte ich nur anfuhren, um Ihnen zu zeigen, wie sich die Anfange 



zukunftsumspannender Intentionen ausnehmen und wie man diese 
Dinge beleuchten muB von gewissen hoheren Gesichtspunkten aus. 
Es wird nun unsere weitere Aufgabe sein, das nachste Mai hinzu- 
weisen auf die drei bis vier groBen Wahrheiten, zu denen der fiinfte 
nachatlantische Zeitraum kommen muB. Es wird daran gezeigt war- 
den, wie diese Wahrheiten miBbraucht werden konnen, wenn sie 
nicht im Sinne der richtigen guten Tendenz des funften nachatlanti- 
schen Zeitraums angewendet werden, sondern wenn vorzugsweise die 
Bedingungen des Doppelgangers erfullt wiirden, die vertreten werden 
durch diejenigen Briiderschaften, die an die Stelle des Christus ein 
anderes Wesen setzen wollen. 



INDIVIDUELLE GEISTWESEN 
UND EINHEJTLICHER WELTENGRUND 

Dornach, 25. November 1917 
Drifter Vortrag 

Ich mochte heute an einzelne Betrachtungen, die wir angestellt haben 
im Laufe der Zeit, das eine und das andere ankniipfen, um dieses oder 
jenes zu erganzen. Wenn Sie aufmerksam die Zeit verfolgen, werden 
Sie schon ab und zu bemerken konnen, daB man fuhlt, wie in den 
Gedanken, Empfindungen und Impulsen, in denen die Menschen 
durch lange Zeiten dasjenige gefunden haben, wodurch man es «so 
herrlich weit gebracht» hat, man jetzt nicht mehr das finden kann, 
was in die nachste Zukunft hinuberhelfen kann. Gestern ist mir von 
einem unserer Mitglieder eine Nummer der « Frankfurter Zeitung» 
vom letzten Mittwoch, 21. November 1917, in die Hand gedriickt 
worden. Da spricht sich ein sehr gelehrter Herr aus - es muB ein sehr 
gelehrter Herr sein, denn er hat vor seinem Namen nicht nur das 
Doktorzeichen der Philosophic, sondern auch das Doktorzeichen der 
Theologie, und auBerdem steht noch Professor davor: also er ist Pro- 
fessor, Doktor der Theologie und Doktor der Philosophic, also ein 
sehr gescheiter Mann selbstverstandlich. Er hat einen Aufsatz ge- 
schrieben, der uber allerlei gegenwartige geistige Bedurfnisse handelt. 
Im Verlaufe dieses Aufsatzes ist eine Stelle enthalten, die in der fol- 
genden Weise sich ausspricht: «Das Erleben tries Seins y das hinter den 
Dingen liegt, bedarf nicht der frommen Weihe oder der religiosen 
Wertung, denn es ist selbst Religion. Es handelt sich ja nicht um das 
Erfuhlen und Erfassen eigenen individuellen Gehalts, sondern des 
groBen Irrationalen, das hinter allem Dasein verborgen ist. Wer daran 
riihrt, so dafi der gottliche Funke iibersprlngt, der macht ein Erlebnis, 
das primaren Charakter beansprucht, <Urerlebnis> heiBen will. Dieses 
eint den Erlebenden mit allem, was vom gleichen Lebensstrome be- 
wegt wird, verleiht ihm, um das Lieblingswort der neuen Zeit zu 
brauchen, ein kosmisches Lebensgefiihl. » 

Verzeihen Sie, liebe Freunde, ich lese das nicht vor, um in Ihnen 



irgendwie besonders hervorragende Vorstellungen zu erwecken fur 
diese verwaschenen Satze, sondern urn Ihnen ein Zeitsymbolum vor- 
zufiihren: «Eine kosmische Religiositdt ist unter uns im Werden, und 
wie stark das Verlangen nach ihr ist, zeigt das wahrnehmbare Wachs- 
tum der theosophischen Bewegung, die jenes hintersinnlichen Lebens 
Kreislaufe zu entdecken und zu entschleiern unternimmt.» - Es ist ja 
schwierig, iiber all diese verwaschenen BegrifTe hinwegzuhumpeln, 
aber nicht wahr, als Zeitsymbolum ist das doch eine Merkwiirdigkeit. 
Weiter sagt er: «Es handelt sich bei dieser kosmischen Frommigkeit 
nicht um eine quietistische Mystik, die mit Weltabwendung beginnt 
und in Kontemplation endigt, sondern um etwas, das gerade in der 
Brandung des Geschehens empfangen wird und immer neue Bewegt- 
heit hervorbringt» - und so weiter. 

Etwas Gescheites kann man sich bei diesen Satzen ja nicht denken ! 
Da aber « Professor, Dr. theol. und Dr. phil.» davorsteht, muB man 
es naturlich fiir etwas Gescheites halten, sonst wiirde man es fur etwas 
halten, was stammelnd in einigen unklaren Tiraden zum Ausdruck 
bringt, wie der gelehrte Herr eben auf dem Pfade, den er gewandelt 
ist, nicht mehr weiterkommt und nun doch sich genotigt fiihlt, auf 
etwas hinzuweisen, was auch da ist und ihm offenbar nicht ganz aus- 
sichtslos erscheint. 

Man sollte gar nicht entziickt sein iiber solche Auslassungen, denn 
solche Auslassungen diirfen uns vor alien Dingen nicht in irgend- 
einen Schlaf einlullen dariiber, daB nun wiederum von irgendeiner 
Seite jemand gemerkt hat, daB doch hinter der geisteswissenschaft- 
lichen Bewegung etwas steckt. Das wiirde sogar sehr schadlich sein. 
Denn jene, welche solche Auslassungen machen, sind zuweilen auch 
dieselben, die sich bei solchen Auslassungen befriedigt fiihlen, die 
nicht weitergehen, die eben mit solchen verwaschenen Dingen hin- 
weisen auf etwas, was in die Welt hereintreten will und dabei gerade 
zu denen gehoren, welche durchaus viel, viel zu bequem sind, um sich 
einzulassen auf das, was als ernstes Studium der Geisteswissenschaft 
notwendig ist und was wirklich hereinbrechen und die Menschen- 
gemiiter ergreifen muB, wenn das, was mit der Wirklichkeit verbunden 
ist, mit dem Zeitenstrom des Werdens so verwachsen soil, daB Heil- 



sames daraus entstehen kann. Es ist natiirlich leichter, von « Bran- 
dung » und von «kosmischen Gefiihlen» zu sprechen, als sich ernst- 
haft einzulassen auf jene Dinge, die - von den Zeichen der Zeit ge- 
fordert - gegenwartig der Menschheit verkundet werden miissen. 
Deshalb erscheint es mir notwendig, gerade jetzt hier die Dinge zu 
sagen, welche in den offentlichen Vortragen vorgebracht worden sind 
und weiter vorgebracht werden, gerade mit scharfer Betonung des 
Unterschiedes, der besteht zwischen dem Abgelebten, nicht mehr 
Lebensfahigen, das in die katastrophalen Zeiten hineingefuhrt hat, 
und dem, was die Menschenseele wirklich ergreifen muB, wenn irgend- 
ein Schritt nach vorwarts gemacht werden soil. 

Mit der alten Weisheit, durch welche die Menschen eingelaufen 
sind in unsere Zeit, konnen Tausende von Kongressen abgehalten 
werden, Weltkongresse und Volkskongresse und was immer, es kon- 
nen Tausende und Tausende von Vereinen begnindet werden: klar 
muB man sich daruber sein, daB diese Tausende von Kongressen, Tau- 
sende von Vereinen nichts bewirken werden, wenn nicht das geistige 
Lebensblut der Wissenschaft vom Geiste durch sie flieBen wird. Das- 
jenige, was den Menschen heute fehlt, das ist der Mut, einzutreten in 
die wirkliche Erforschung der geistigen Welt. So sonderbar es klingt, 
es muB einmal gesagt werden, es brauchte nichts anderes zum Bei- 
spiel zunachst als einen nachsten Schritt: die kleine Broschure «Das 
menschliche Leben vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft» in 
weitesten Kreisen zu verbreiten, und es wiirde etwas anderes damit 
getan sein im Hervorrufen des Wissens eines Zusammenhanges des 
Menschen mit der kosmischen Ordnung. Auf dieses Wissen ist gerade 
in dieser kleinen Broschure «Das menschliche Leben vom Gesichts- 
punkte der Geisteswissenschaft» aufmerksam gemacht; im Konkreten 
ist darauf aufmerksam gemacht, wie die Erde alljahrlich ihre BewuBt- 
seinszustande andert und dergleichen. Gerade das, was in diesem Vor- 
trage und in dieser Broschure gesagt wird, ist mit vollem Bedacht 
gesagt mit Bezug auf die Bedurfnisse unserer Zeit. Das aufzunehmen, 
wiirde mehr bedeuten, als alles Wischiwaschi reden von kosmischem 
Gefuhl und vom Einlaufen in irgendeine «Brandung», oder was weiB 
ich, ich habe Ihnen ja gerade diese Dinge vorgelesen; zu wiederholen 



sind sie mir nicht moglich, weil sie zu sinnlos sind in ihrer Formu- 
lierung. 

Das hindert selbstverstandlich nicht, aufmerksam zu sein auf diese 
Dinge, denn sie sind wichtig und wesentlich. Worauf ich aufmerksam 
machen will, ist, daB wir uns nicht selber benebeln sollen, daB wir 
klar sein mussen, daB auBerste Klarheit notwendig ist, wenn wir wir- 
ken wollen fur die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft. 

Noch einmal will ich darauf hinweisen, daB der Menschheit bevor- 
steht in diesem funften nachatlantischen Zeitraum, Mneinzukommen 
in eine besondere Behandlung groBer Lebensfragen, die in einer ge- 
wissen Weise verdunkelt gewesen sind durch die Weisheit der bis- 
herigen Zeit. Ich habe schon auf sie hingewiesen. Die eine groBe 
Lebensfrage kann damit bezeichnet werden, daB man sagt: Es soli 
versucht werden, das Geistig-Atherische in den Dienst des auBeren 
praktischen Lebens zu stellen. ~ Ich habe Sie aufmerksam darauf 
gemacht, daB der fiinfte nachatlantische Zeitraum das Problem wird 
losen mussen, wie menschliche Stimmungen, die Bewegung mensch- 
licher Stimmungen sich in Wellenbewegung auf Maschinen iiber- 
tragen lassen, wie der Mensch in Zusammenhang gebracht werden 
muB mit dem, was immer mechanischer und mechanischer werden 
muB. Ich habe deshalb heute vor acht Tagen hier darauf aufmerksam 
gemacht, in welcher auBerlichen Weise von einem gewissen Teil 
unserer Erdoberflache diese Mechanisierung genommen wird. Ich 
habe Ihnen ein Beispiel vorgefuhrt, wie aus amerikanischer Denk- 
weise heraus versucht wird, das Maschinelle iiber das Menschenleben 
selber auszudehnen. Ich habe dieses Beispiel angefuhrt von den Pau- 
sen, die man ausniitzen will, so daB, statt viel weniger Tonnen, bis 
gegen funfzig Tonnen verladen werden konnen von einer Anzahl 
Arbeitern: man braucht nur das Darwinsche Selektionsprinzip wirk- 
lich ins Leben einzufiihren. 

An solchen Stellen ist der Wille dazu vorhanden, die Menschenkraft 
zusammenzuspannen mit Maschinenkraft. Diese Dinge durfen nicht 
so behandelt werden, als ob man sie bekampfen miiBte. Das ist eine 
ganz falsche Anschauung. Diese Dinge werden nicht ausbleiben, sie 
werden kommen, Es handelt sich nur darum, ob sie im weltgeschicht- 



lichen Verlaufe von solchen Menschen in Szene gesetzt werden, die 
mit den groBen Zielen des Erdenwerdens in selbstloser Weise ver- 
traut sind und zum Heil der Menschen diese Dinge formen, oder ob 
sie in Szene gesetzt werden von jenen Menschengruppen, die nur 
im egoistischen oder im gruppenegoistischen Sinne diese Dinge aus- 
niitzen. Darum handelt es sich. Nicht auf das Was kommt es in diesem 
Falle an, das Was kommt sicher; auf das Wie kommt es an, wie man 
die Dinge in Angriff nimmt. Denn das Was Hegt einfach im Sinne der 
Erdenentwickelung. Die Zusammenschmiedung des Menschenwesens 
mit dem maschinellen Wesen, das wird fur den Rest der Erden- 
entwickelung ein groBes, bedeutsames Problem sein. 

Ich habe vollbedacht ofter jetzt darauf aufmerksam gemacht, auch 
in offentlichen Vortragen, daB das BewuBtsein des Menschen zu- 
sammenhangt mit abbauenden Kraften. Zweimal habe ich es in offent- 
lichen Vortragen in Basel gesagt: In unser Nervensystem hinein er- 
sterben wir. - Diese Krafte, diese ersterbenden Krafte, sie werden 
immer machtiger und machtiger werden. Und es wird die Verbindung 
hergestellt werden zwischen den im Menschen ersterbenden Kraften, 
die verwandt sind mit elektrischen, magnetischen Kraften und den 
auBeren Maschinenkraften. Der Mensch wird gewissermaBen seine 
Intentionen, seine Gedanken hineinleiten konnen in die Maschinen- 
krafte. Noch unentdeckte Krafte in der Menschennatur werden ent- 
deckt werden, solche Krafte, welche auf die auBeren elektrischen und 
magnetischen Krafte wirken. 

Das ist das erne Problem : das Zusammenfuhren des Menschen mit 
dem Mechanismus, das immer mehr und mehr um sich greifen muB in 
der Zukunft. Das andere Problem liegt in demjenigen, was die geisti- 
gen Verhaltnisse zu Hilfe rufen wird. Das kann aber nur gemacht 
werden, wenn die Zeit reif ist, und wenn eine gemigende Anzahl 
Menschen dazu in der richtigen Weise vorbereitet ist. Aber kommen 
muB es, daB die geistigen Krafte mobil gemacht werden fur die Be- 
herrschung des Lebens in bezug auf Krankheit und Tod. 

Die Medizin wird vergeistigt werden, sehr, sehr vergeistigt werden. 
Von alien solchen Dingen werden von gewissen Seiten her Karika- 
turen geschaffen; aber die Karikaturen zeigen nur, was da wirklich 



kommen muB. Wieder handelt es sich darum, daB dieses Problem von 
jener Seite her, auf die ich bei dem andern Problem hingewiesen habe, 
in AngrifT genommen werden soil in einer auBeren egoistischen oder 
gruppenegoistischen Weise. 

Das dritte ist: die Menschengedanken einzufuhren in das Werden 
des Menschengeschlechtes selber in Geburt und Erzeugung. Ich habe 
darauf hingewiesen, wie ja auch schon dariiber Kongresse gehalten 
worden sind, wie man sogar eine materialistische Ausgestaltung der 
Wissenschaft von der Zeugung und von der Zusammenspannung von 
Mann und Weib in der Zukunft begriinden will. Diese Dinge alle 
weisen uns hin auf Bedeutsamstes, das im Werden begriffen ist. Billig 
ist es heute noch, zu sagen: Wie kommt es, daB diejenigen, die im 
richtigen Sinne von diesen Dingen wissen, sie nicht anwenden? Man 
wird sich zukiinftig schon iiberzeugen, was es mit dieser Anwendung 
fur eine Bewandtnis hat, und welche hindernden Krafte gegenwartig 
noch am Werke sind, um zum Beispiel in ausgiebigerem MaBe eine 
spiritualisierte Medizin zu begriinden oder eine spiritualisierte Volks- 
wirtschaft. Heute kann nicht mehr geleistet werden, als daB von diesen 
Dingen geredet wird, bis die Menschen sie gemigend verstanden 
haben werden, jene Menschen, die geneigt sind, sie in selbstlosem 
Sinne aufzunehmen. Das glauben heute viele schon, daB sie das kon- 
nen; allein das zu konnen, verhindern eben heute noch viele Lebens- 
faktoren, die nur in der richtigen Weise uberwunden werden konnen, 
wenn zunachst ein immer tieferes und tieferes Verstandnis Platz greift, 
und wenn gerade verzichtet wird, eine Zeitlang wenigstens, auf die 
unmittelbar praktische Anwendung in groBerem MaBe. 

Diese Dinge haben sich alle so entwickelt, daB man sagen kann : Von 
dem, was eigentlich bis in das 14., 15. Jahrhundert herein gesteckt hat 
hinter der alten atavistischen Bestrebung, hat sich wenig erhalten. 
Man spricht heute viel von alter Alchimie; man erinnert sich auch 
zuweilen an den Vorgang der Homunkulus-Erzeugung und so weiter. 
Was dariiber gesprochen wird, ist zumeist unzutreflfend. Wird man 
einmal dasjenige verstehen, was in Anlehnung an die Homunkulus- 
Szene bei Goethe gesagt werden kann, so wird man iiber diese Dinge 
besser belehrt sein; derm das Wesentliche ist, daB vom 16. Jahrhundert 



an iiber diese Dinge Nebel verbreitet worden sind; sie sind im 
MenschheitsbewuBtsein zuriickgetreten. 

Das Gesetz, das in diesen Dingen waltet, ist durchaus dasselbe 
Gesetz, welches beim Menschen auch bestimmt den rhythmischen 
Wechsel von Wachen und Schlafen. Sowenig sich der Mensch iiber 
den Schlaf hinwegsetzen kann, so wenig konnte sich die Menschheit 
in bezug auf das spirituelle Werden jenem Verschlafen der spirituellen 
Wissenschaft verschlieBen, welches die Jahrhunderte seit dem 16. Jahr- 
hundert auszeichnet. Es muBte einmal die Menschheit verschlafen das 
Spirituelle, damit es wieder auftreten kann in anderer Form. Solche 
Notwendigkeiten muB man eben einsehen. Aber man muB sich von 
lhnen auch nicht niederdriicken lassen. Man muB deshalb doch sich 
klar sein dariiber, daB nun die Zeit des Erwachens gekommen ist, und 
daB man an dem Erwachen mitzutun hat, daB die Ereignisse dem 
Wissen vielfach voraneilen und daB man die Ereignisse, die um uns 
herum geschehen, nicht verstehen wird, wenn man nicht zum Wissen 
sich bequemen will. 

Ich habe Sie nun wiederholt darauf hingewiesen, daB gewisse Grup- 
pen von egoistisch okkult Strebenden am Werke sind, welche eben in 
der Richtung wirken, die ich ja in diesen Betrachtungen wiederholt an- 
gedeutet habe. Zunachst war notwendig, daB ein gewisses Wissen inner- 
halb der Menschheit zuriicktrat - ein Wissen, das heute bezeichnet 
wird mit den unverstandenen Worten, wie Alchimie, Astrologie und so 
weiter -, daB ein gewisses Wissen zuriicktrat, verschlafen wurde, damit 
der Mensch nicht mehr die Moglichkeit habe, Seelisches herauszuziehen 
aus der Naturbetrachtung, damit er mehr auf sich selber hingewiesen 
werde. Und damit er die Krafte in seinem Innern erweckte, dazu war 
notwendig, daB zunachst gewisse Dinge in abstrakter Form zutage 
traten, die wieder konkrete geistige Gestalt annehmen miissen. 

Drei Ideen haben sich allmahlich herausgebildet im Laufe des Wer- 
dens der letzten Jahrhunderte, die eigentlich so, wie sie unter die 
Menschen getreten sind, abstrakte Ideen sind. Kant hat sie falsch be- 
nannt, Goethe hat sie richtig benannt. Diese drei Ideen, Kant hat sie 
genannt: Gott, Freiheit und Unsterblichkeit; Goethe hat sie richtig 
genannt: Gott, Tugend und Unsterblichkeit. 



Wenn man auf die Dinge sieht, welche hinter diesen drei Worten 
stecken, so sind es durchaus dieselben, die der heutige Mensch mehr 
abstrakt ins Auge faBt und die bis ins 14., 15. Jahrhundert mehr 
konkret, aber im alten atavistischen Sinne auch mehr materiell ge- 
meint waren. Man experimentierte in der alten Art; man versuchte ja 
dazumal im alchimistischen Experiment solche Vorgange zu beobach- 
ten, welche das Wirken Gottes im Vorgang zeigten. Man versuchte, 
den Stein der Weisen zu erzeugen. 

Hinter all diesen Dingen steckt etwas Konkretes. Dieser Stein der 
Weisen sollte den Menschen in die Moglichkeit versetzen, tugendhaft 
zu werden, aber es war mehr materiell gedacht. Er sollte den Menschen 
auch dazu fuhren, Unsterblichkeit zu erleben, sich in eine gewisse 
Beziehung zu setzen zum Weltenall, auf daB er in sich erlebe, was iiber 
Geburt und Tod hinausgeht. All die verwaschenen Ideen, mit denen 
man heute diese alten Dinge zu begreifen sucht, decken sich nicht 
mehr mit dem, was damals gewollt war. Die Dinge sind eben abstrakt 
geworden, und die moderne Menschheit hat von abstrakten Ideen 
gesprochen. Gott hat sie verstehen wollen durch die abstrakte Theo- 
logie; Tugend auch als etwas nur Abstraktes. Je abstrakter, desto 
lieber ist es der modernen Menschheit, von diesen Dingen zu sprechen ; 
ebenso Unsterblichkeit. Man spekulierte iiber das, was im Menschen 
unsterblich sein konne. Ich habe im ersten Basler Vortrag davon 
gesprochen, daB diejenige Wissenschaft, die sich als philosophische 
heute mit solchen Fragen wie die der Unsterblichkeit befaBt, eine ver- 
hungerte Wissenschaft ist, eine unterernahrte Wissenschaft. Das ist 
nur eine andere Form des Ausdrucks fur die Abstraktheit, in der 
solche Sachen angestrebt werden. 

Aber in ge wis sen Bmderschaften des Westens hat man sich noch 
den Zusammenhang gewahrt mit den alten Uberlieferungen und ver- 
sucht, ihn in der entsprechenden Weise anzuwenden, ihn in den 
Dienst eines gewissen Gruppenegoismus zu stellen. Es ist schon not- 
wendig, einmal auf diese Dinge hinzuweisen. Naturlich, wenn von 
dieser Ecke des Westens her in der offentlichen exoterischen Literatur 
davon gesprochen wird, dann wird auch von Gott, Tugend oder 
Freiheit und Unsterblichkeit im abstrakten Sinne geredet. Allein in 



den Eingeweihtenkreisen weiB man, daB das alles nur Spekulation ist, 
daB dies alles Abstraktionen sind. Fur sich selber sucht man dasjenige, 
was mit den abstrakten Formeln Gott, Tugend und Unsterblichkeit 
angestrebt wird, in etwas viel Konkreterem. Und daher iibersetzt man 
in den entsprechenden Schulen diese Worte fur die Eingeweihten. 
Gott iibersetzt man mit Gold und sucht hinter das Geheimnis zu 
kommen, welches man bezeichnen kann als das Geheimnis des Goldes. 
Denn Gold, der Reprasentant des Sonnenhaften innerhalb der Erden- 
kruste selber, Gold ist in der Tat etwas, was ein bedeutsames Ge- 
heimnis in sich einschlieBt. Gold steht materiell in der Tat in einem 
solchen Verhaltnis zu den andern Stoffen, wie in den Gedanken der 
Gedanke von Gott zu den andern Gedanken steht. Es handelt sich nur 
darum, wie dieses Geheimnis aufgefaBt wird. 

Und zusammen hangt das mit der gruppenegoistischen Ausniitzung 
des Mysteriums der Geburt. Man strebt darnach, hier wirkliches kos- 
misches Verstandnis zu erringen. Dieses kosmische Verstandnis hat 
ja der Mensch der neueren Zeit ganz und gar durch ein tellurisches 
Verstandnis ersetzt. Wenn der Mensch heute untersuchen will, wie 
sich zum Beispiel der Lebenskeim der Tiere oder Menschen ent- 
wickelt, dann untersucht er mit dem Mikroskop dasjenige, was gerade 
an dem Orte der Efde vorhanden ist, auf den er seinen mikroskopie- 
renden Blick richtet; das betrachtet er als das, was man untersuchen 
soil. Aber es kann sich nicht darum handeln. Man wird dahinter- 
kommen - und gewisse Kreise sind nahe daran, dahinterzukommen -, 
daB was als Krafte wirkt, nicht in dem darinnen steckt, worauf man 
den mikroskopierenden Blick richtet, sondern daB dies vom Kosmos 
hereinkommt, von der Konstellation im Kosmos. Wenn ein Lebens- 
keim entsteht, so entsteht er dadurch, daB in das Lebewesen, in wel- 
chem der Lebenskeim sich ausbildet, Krafte von alien Seiten des 
Kosmos her wirken, kosmische Krafte. Und wenn eine Befruchtung 
geschieht, handelt es sich bei dem, was aus der Befruchtung wird, 
darum, welche kosmischen Krafte bei der Befruchtung tatig sind. 

Eines wird man einsehen, was man heute noch nicht einsieht. Heute 
denkt man, da ist irgendein Lebewesen, sagen wir ein Huhn. Wenn 
in diesem Lebewesen ein neuer Lebenskeim entsteht, so untersucht 



gewissermaften der Biologe, wie gleichsam aus diesem Huhn das Ei 
herauswachst. Die Krafte untersucht er, die aus dem Huhn selber das 
Ei wachsen lassen sollen. Ein Unsinn ist dieses. Aus dem Huhn 
wachst gar nicht das Ei heraus, das Huhn ist nur die Unterlage; aus 
dem Kosmos herein wirken die Krafte, die auf dem Boden, der im 
Huhn bereitet ist, das Ei erzeugen. Was der mikroskopierende Biologe 
heute unter seinem Mikroskop sieht, davon glaubt er, daB da, wo sein 
mikroskopisches Feld ist, auch die Krafte sind, auf die es ankommt. 
Was er da sieht, hangt aber von den Sternenkraften ab, die in einem 
Punkte in einer gewissen Konstellation zusammenwirken. Und wenn 
man hier das Kosmische entdeckt, wird man erst die Wahrheit, die 
Wirklichkeit entdecken : das Weltenall ist es, das in das Huhn hinein 
das Ei zaubert. 




All dieses hangt aber vor alien Dingen zusammen mit dem Ge- 
heimnis der Sonne, und irdisch betrachtet mit dem Geheimnis des 
Goldes. Ich mache heute, ich mochte sagen, eine Art programma- 
tischer Andeutung ; im Laufe der Zeit werden uns diese Dinge schon 
viel klarer werden. 

Tugend nennt man in denselben Schulen, von denen da die Rede 
ist, nicht Tugend, sondern man nennt sie einfach Gesundheit und 
strebt danach, diejenigen kosmischenKonstellationenkennenzulernen, 



welche mit der Gesundung und Erkrankung des Menschen in einem 
Zusammenhang stehen. Dadurch, daB man die kosmischen Konstella- 
tionen kennenlernt, lernt man aber die einzelnen Stoffe, die in der 
Erdoberflache sind, die Safte und so weiter kennen, die wiederum mit 
dem Gesund- und Kranksein zusammenhangen. Immer mehr wird 
von einer gewissen Seite her eine mehr materielle Form der Gesund- 
heitswissenschaft ausgebildet werden, die aber auf spiritualistischer 
Grundlage ruhen wird. 

Und verbreitet soil werden von dieser Seite her die Auffassung, daB 
nicht in dem abstrakten Lernen von allerlei ethischen Prinzipien das 
liegt, wodurch der Mensch gut werden kann, sondern daB der 
Mensch gut werden kann dadurch, daB er, sagen wir, unter einer 
gewissen Sternkonstellation Kupfer oder unter einer andern Stern- 
konstellation Arsenik einnimmt. Sie konnen sich denken, wie von 
gruppenegoistisch gesinnten Menschen diese Dinge im Sinne des 
Machtprinzipes ausgeniitzt werden konnen! Man braucht nur dieses 
Wissen vorzuenthalten den andern, die dann nicht daran teilnehmen 
konnen, und man hat das beste Mittel, groBe Massen von Menschen 
zu beherrschen. Man braucht ja uber diese Dinge gar nicht zu reden, 
sondern man braucht nur zum Beispiel irgendeine neue Leckerei auf- 
zubringen. Dann kann man fur diese neue Leckerei, die aber in ent- 
sprechender Weise tingiert ist, die Absatzstromungen suchen, und 
man kann das Notige veranlassen, wenn man diese Dinge materiali- 
stisch auffaBt. Man muB sich nur klar sein dariiber, daB in allem Mate- 
riellen geistige Wirksamkeiten stecken. Nur derjenige, der da weiB, 
daB es eigentlich im wahren Sinn gar nichts Materielles gibt, sondern 
nur Geistiges, der kommt hinter die Geheimnisse des Lebens. 

Ebenso handelt es sich darum, von dieser Seite das Problem der 
Unsterblichkeit in materialistisches Fahrwasser zu bringen. Dieses 
Problem der Unsterblichkeit kann auf ebensolche Weise, durch Aus- 
niitzung der kosmischen Konstellation, in materiaHstisches Fahr- 
wasser gebracht werden. Dann erreicht man zwar nicht das, was viel- 
fach unter Unsterblichkeit erspekuliert wird, aber man erreicht eine 
andere Unsterblichkeit: Man hat irgendeine Bruderloge - man be- 
reitet sich vor, solange es noch nicht geht, auf den physischen Leib 



einzuwirken, um dadurch das Leben kunstlich zu verlangern -, man 
bereitet sich vor, mit seiner Seele solche Dinge durchzumachen, die 
einen befahigen, auch nach dem Tode in der Bruderloge drinnen zu 
sein, dort mitzuhelfen mit den Kraften, die einem dann zur Ver- 
fiigung stehen. Unsterblichkeit wird in diesen Kreisen daher einfach 
Lebensverlangerung genannt. 

Von all diesen Dingen sehen Sie ja auBere Zeichen. Ich weiB nicht, 
ob einige unter Ihnen das Buch bemerkt haben, das eine Zeitlang 
etwas Aufsehen er regt hat, das auch vom Westen herubergekommen 
ist und den Titel fuhrt «Der Unfug des Sterbens». Diese Dinge 
laufen alle in jener Richtung. Sie sind erst am Anfange, denn dasjenige, 
was weiter ist als der Anfang, das wird heute noch sehr fur den 
Gruppenegoismus bewahrt, sehr esoterisch gehalten. Aber diese 
Dinge sind tatsachlich moglich, wenn man sie ins materialistische 
Fahrwasser bringt, wenn man die abstrakten Ideen von Gott, Tugend 
und Unsterblichkeit zu den konkreten Ideen macht von Gold, Ge- 
sundheit und Lebensverlangerung, wenn man im gruppenegoisti- 
schen Sinne das ausmitzt, was ich als die groBen Probleme der fiinften 
nachatlantischen Zeit Ihnen vorgefuhrt habe. Dasjenige, was ver- 
waschen der Professor Dr. theoL, Dr. phil. «kosmisches Gefuhl» 
nennt, das wird von vielen schon - und leider auch von vielen im 
egoistischen Sinne - als kosmische Erkenntnis an den Menschen 
herangebracht. Wahrend die Wissenschaft durch Jahrhunderte hin- 
durch nur auf das, was auf der Erde nebeneinander wirkt, geschaut 
hat, sich entauBert hat alles Aufblickens zu dem, was als das Wich- 
tigste im Geschehen von AuBerirdischem, AuBertellurischem heran- 
kommt, wird gerade in der fiinften nachatlantischen Zeit das Aus- 
niitzen der Krafte in Betracht kommen, die aus dem Kosmos herein- 
dringen. Und ebenso wie es jetzt fur den regularen Professor der Bio- 
logie von besonderer Wichtigkeit ist, ein moglichst gut vergroBerndes 
Mikroskop zu haben, moglichst treffende Laboratoriumsmethoden 
und so weiter, so wird es in der Zukunft, wenn die Wissenschaft sich 
spiritualisiert haben wird, sich darum handeln, ob man gewisse Pro- 
zesse am Morgen oder am Abend vollfuhrt oder am Mittag; ob man 
das, was man am Morgen gemacht hat, von dem Einwirken des 



Abends irgendwie weiter beeinflussen laBt, oder den kosmischen 
EinfluB vom Morgen bis zum Abend ausschlieBt, paralysiert. Solche 
Prozesse werden sich in der Zukunft notwendig erweisen, werden 
sich auch abspielen. Natiirlich wird noch tranches Wasser den Rhein 
hinabrinnen, bis ausgeliefert werden an Geisteswissenschafter die rein 
materialistisch gearteten Katheder und Laboratorien und so weiter; 
aber ersetzt mussen sie werden, wenn die Menschheit nicht ganz in 
die Dekadenz kommen will, ersetzt mussen sie werden, diese Labora- 
torienarbeiten, durch solche Arbeiten, welche zum Beispiel, wenn es 
sich handelt um das Gute, das erreicht werden soil in der nachsten 
Zeit, so vollzogen werden, daB gewisse Prozesse am Morgen statt- 
finden, unterbrochen werden den Tag uber, und daB dann der kos- 
mische Strom durch sie wiederum durchgeht am Abend, und rhyth- 
misch das aufbewahrt wird wiederum bis zum Morgen. So daB die 
Prozesse in der Art verlaufen, daB immer unterbrochen werden ge- 
wisse kosmische Wirkungen wahrend des Tages und der kosmische 
Morgen- und AbendprozeB hereingeleitet wird. Dazu werden mannig- 
faltige Veranstaltungen notig sein. 

Sie konnen daraus schon entnehmen, daB, wenn man nicht in der 
Lage ist, offentlich mitzuwirken an dem, was geschieht, man liber 
diese Dinge nur sprechen kann. Aber von derselben Seite her, die 
Gold, Gesundheit und Lebensverlangerung an die Stelle von Gott, 
Tugend und Unsterblichkeit setzen will, von derselben Seite her wird 
angestrebt, nicht mit den Morgen- und Abendprozessen zu wkken, 
sondern mit ganz andern. Und ich habe Sie das letzte Mai darauf auf- 
merksam gemacht, daB auf der einen Seite der Impuls des Mysteriums 
von Golgatha aus der Welt entfernt werden soli, indem man vom 
Westen her den andern Impuls, eine Art Antichrist, einfiihrt; daB 
von Osten her der Christus-Impuls so, wie er im 20. Jahrhundert her- 
vortritt, dadurch paralysiert werden soli, daB man die Aufmerksam- 
keit, das Interesse gerade ablenkt von dem atherisch kommenden 
Christus. 

Von der Seite, wo man gewissermaBen den Antichrist wird als den 
Christus einfuhren wollen, wird angestrebt, auszuniitzen dasjenige, 
was insbesondere durch die materiellsten Krafte wirken kann, aber 



durch die materiellsten Krafte eben geistig wirkt. Vor alien Dingen 
wird von dieser Seite angestrebt, Elektrizitat, und namentlich Erd- 
magnetismus auszuniitzen, um Wirkungen hervorzubringen iiber die 
ganze Erde hin. Ich habe Ihnen ja gezeigt, wie in dem, was ich den 
menschlichen Doppelganger genannt habe, aufsteigen die Erden- 
krafte. Hinter dieses Geheimnis wird man kommen. Es wird ein 
amerikanisches Geheimnis sein, den Erdmagnetismus in seiner Dop- 
pelheit, im Nord- und Sudmagnetismus zu verwenden, um dirigie- 
rende Krafte iiber die Erde hinzusenden, die geistig wirken. Sehen 
Sie sich die magnetische Karte der Erde an, und vergleichen Sie ein- 
mal die magnetische Karte mit dem, was ich jetzt sage: den Verlauf 
der magnetischen Linie, wo die Magnetnadel nach Osten und Westen 
ausschlagt und wo sie gar nicht ausschlagt. Ich kann iiber diese Dinge 
nicht mehr als Andeutungen zunachst geben: Von einer gewissen 
Himmelsrichtung her wirken fortwahrend geistige Wesenheiten; man 
braucht nur diese geistigen Wesenheiten in den Dienst des Erden- 
daseins zu stellen, so wird man - weil diese geistigen, vom Kosmos 
hereinwirkenden Wesenheiten das Geheimnis des Erdmagnetismus 
vermitteln konnen - hinter dieses Geheimnis des Erdmagnetismus 
kommen und mit Bezug auf die drei Dinge Gold, Gesundheit, Lebens- 
verlangerung sehr bedeutsames Gruppenegoistisches wirken konnen. 
Es wird sich eben darum handeln, den zweifelhaften Mut zu diesen 
Dingen aufzubringen. Den wird man innerhalb gewisser Kreise schon 
auf bringen ! 

Von bstlicher Seite her wird es sich darum handeln, das zu ver- 
starken, was ich schon auseinandergesetzt habe, indem man wiederum 
von der entgegengesetzten Seite des Kosmos die einstromenden, die 
einwirkenden Wesenheiten in den Dienst des Erdendaseins stellt. Ein 
groBer Kampf wird entstehen in der Zukunft. Auf das Kosmische 
wird die menschliche Wissenschaft gehen; aber in verschiedener 
Weise wird die menschliche Wissenschaft aufs Kosmische zu gehen 
versuchen. Es wird die Aufgabe der guten, der heilsamen Wissen- 
schaft sein, gewisse kosmische Krafte zu finden, welche durch das 
Zusammenwirken zweier kosmischer Richtungsstromungen auf der 
Erde entstehen konnen. Diese zwei kosmischen Richtungsstromungen 



werden sein: Fische-Jungfrau. Vor alien Dingen wird das Geheimnis 
zu entdecken sein, wie dasjenige, was aus dem Kosmos in der Rich- 
tung von den Fischen her als Sonnenkraft wirkt, sich verbindet mit 
dem, was in der Richtung von der Jungfrau her wirkt. Das wird das 
Gute sein, daB man entdecken wird, wie von zwei Seiten des Kosmos 
her, Morgen- und Abendkrafte, in den Dienst der Menschheit gestellt 
werden konnen; auf der einen Seite von seiten der Fische, auf der 
andern Seite von seiten der Jungfrau her. 

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Um diese Krafte wird man sich nicht kummern da, wo man ver- 
suchen wird, alles zu erreichen durch den Dualismus der Polaritat, 
durch positive und negative Krafte. Die spirituellen Geheimnisse, 
welche auf der Erde - mit Hilfe der zwiefachen Krafte des Magnetis- 
mus, dem positiven und negativen - Geistiges durchstromen lassen 
konnen von Kosmischem, die kommen im Weltenall aus den Zwil- 
lingen her; das sind Mittagskrafte. Schon im Altertum hat man ge- 
wuBt, da6 es sich da um Kosmisches handelt, und es ist ja auch heute 
exoterisch den Wissenschaftern bekannt, daB hinter den Zwillingen 
im Tierkreise in irgendeiner Weise positiver und negativer Magnetis- 
mus steckt. Da wird es sich dann darum handeln, dasjenige zu para- 



lysieren, was durch die Offenbarung der Zweiheit aus dem Kosmos 
gewonnen werden soil, das zu paralysieren auf materialistisch- 
egoistische Weise durch die Krafte, die insbesondere von den Zwil- 
lingen her der Menschheit zustromen und ganz und gar in den Dienst 
des Doppelgangers gestellt werden konnen. 

Bei andern Briiderschaften wiederum, die vor alien Dingen an dem 
Mysterium von Golgatha vorbeigehen wollen, wird es sich darum 
handeln, die zwiefache Menschennatur auszunutzen; diese zwiefache 
Menschennatur, die, so wie der Mensch in die funfte nachatlantische 
Zeit hereingezogen ist, enthalt auf der einen Seite den Menschen, aber 
in dem Menschen die niedere Tiernatur. Der Mensch ist ja gewisser- 
maBen wirklich ein Kentaur : er enthalt die niedere Tiernatur astraliter, 
er enthalt die Menschheit gewissermaBen nur auf diese Tiernatur 
aufgesetzt. Durch dieses Zusammenwirken der Zwienatur im 
Menschen gibt es auch einen Dualismus von Kraften. Das ist jener 
Dualismus von Kraften, der mehr nach der ostlichen, indischen Seite 
hin von gewissen egoistischen Briiderschaften benutzt werden wird, 
um auch den europaischen Osten zu verfuhren, welcher die Aufgabe 
hat, den sechsten nachatlantischen Zeitraum vorzubereiten. Und der 
verwendet die Krafte, welche vom Schiitzen her wirken. 

Das Kosmische fur die Menschheit zu erobern in zwiefach unrechter 
Weise oder in einfach richtiger Weise, das ist dasjenige, was der 
Menschheit bevorsteht. Das wird eine wirkliche Erneuerung fur das 
Astrologische geben, das in der alten Form ein Atavistisches war und 
in dieser alten Form nicht fortbestehen kann. Bekampfen werden 
sich die Wissenden des Kosmos, indem die einen die Morgen- und 
Abendprozesse in Anwendung bringen in der Weise, wie ich es schon 
angedeutet habe; im Westen vorzugsweise die Mittagsprozesse mit 
Ausschaltung der Morgen- und Abendprozesse, und im Osten die 
Mitternachtsprozesse. Man wird nicht mehr bloB nach den chemischen 
Anziehungs- und AbstoBungskraften Substanzen herstellen, sondern 
man wird wissen, daB eine andere Substanz entsteht, je nachdem ob 
man sie mit Morgen- und Abendprozessen oder mit Mittags- oder 
Mitternachtsprozessen herstellt. Man wird wissen, daB solche StofFe 
in einer ganz andern Weise auf die Dreigliedrigkeit : Gott, Tugend 



und Unsterblichkeit - Gold, Gesundheit und Lebensverlangerung 
wirken. Aus dem Zusammenwirken dessen, was von den Fischen und 
von der Jungfrau kommt, wird man nichts Unrechtes zuwege bringen 
konnen; da wird man dasjenige erreichen, was zwar den Mechanismus 
des Lebens in einem gewissen Sinne von den Menschen loslosen wird, 
aber keinerlei Herrschaft und Macht einer Gruppe iiber die andere 
begriinden kann. Die kosmischen Krafte, die von dieser Seite geholt 
werden, die werden merkwiirdige Maschinen erzeugen, aber nur 
solche, die dem Menschen die Arbeit abnehmen werden, weil sie 
selber in sich eine gewisse Intelligenzkraft tragen werden. Und eine 
selber auf das Kosmische gehende spirituelle Wissenschaft wird dafur 
zu sorgen haben, daB alle die groBen Versuchungen, die von diesen 
Maschinentieren, die der Mensch selber hervorbringt, ausgehen wer- 
den, auf den Menschen keinen schadlichen EinfluB ausiiben. 

Zu alledem muB aber gesagt werden: Notwendig ist, daB die Men- 
schen sich vorbereiten dadurch, daB sie Wirklichkeiten nicht mehr fur 
Illusionen nehmen, daB sie wirklich eintreten in eine spirituelle Auf- 
fassung der Welt, in ein spirituelles Begreifen der Welt. Die Dinge 
sehen, wie sie sind, darauf kommt vieles an ! Man kann sie aber nur 
sehen, wie sie sind, wenn man in der Lage ist, die Begriffe, die Ideen, 
die aus der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft kom- 
men, auf die Wirklichkeit anzuwenden. In hohem MaBe werden fur 
den Rest des Erdendaseins gerade die Toten mitwirken. Wie sie mit- 
wirken, darum wird es sich handeln. Vor alien Dingen wird der groBe 
Unterschied hervortreten, daB durch das Verhalten der Menschen 
auf Erden die Mitwirkung der Toten auf der einen, der guten Seite, 
in eine solche Richtung gelenkt wird, daB diese Toten dann wirken 
konnen da, wo der Impuls zum Wirken von ihnen selber ausgeht, wo 
er aus der spirituellen Welt genommen wird, die der Tote post mor- 
tem erlebt. 

Dagegen werden viele Bestrebungen auftreten, welche die Toten in 
kunstlicher Weise in das menschliche Dasein hereinfuhren. Und auf 
dem Umweg durch die Zwillinge werden in das Menschenleben Tote 
hereingefuhrt werden, wodurch in einer ganz bestimmten Weise die 
menschlichen Vibrationen fortklingen, fortvibrieren werden in den 



mechanischen Verrichtungen der Maschine. Der Kosmos wird die 
Maschinen bewegen auf jenem Umwege, den ich eben angedeutet 
habe. 

Dabei kommt es eben darauf an, daB man nicht Ungehoriges ver- 
wendet, wenn diese Probleme eintreten, sondern nur dasjenige ver- 
wendet, was elementare Krafte sind, die ohnedies zur Natur gehoren; 
daB man darauf verzichtet, ungehorige Krafte in das maschinelle 
Leben einzufiihren. Man wird auf okkultem Gebiete darauf verzichten 
miissen, den Menschen selbst in das mechanische Triebwerk auf eine 
solche Weise einzuspannen, daB die darwinistische Selektionstheorie 
fur die Bestimmung der Arbeitskraft des Menschen so ausgenutzt 
wird, wie ich es Ihnen das letzte Mai in einem Beispiel angefuhrt habe. 

Ich mache alle diese Andeutungen, die ja natiirlich in so kurzer Zeit 
die Sache nicht erschopfen konnen, aus dem Grunde, weil ich mir 
denke, daB Sie iiber diese Dinge weiter noch meditieren werden, daB 
Sie versuchen, eine Briicke zu schlagen zwischen Ihren eigenen 
Lebenserfahrungen und diesen Dingen, vor allem denjenigen Lebens- 
erfahrungen, die gerade heute in dieser schweren Zeit gewonnen 
werden konnen. Sie werden sehen, wie viele Dinge sich Ihnen auf- 
klaren, wenn Sie sie mit dem Lichte betrachten, das Ihnen von solchen 
Ideen kommen kann. Denn wirklich, in unserer Zeit handelt es sich 
nicht darum, daB die Krafte und die Kraftekonstellationen einander 
gegeniiberstehen, von denen man im auBeren exoterischen Leben 
immer wieder spricht, sondern es handelt sich um ganz andere Dinge. 
Es handelt sich darum, daB in der Tat gegenwartig eine Art Schleier 
gebreitet werden soli iiber die wahren Impulse, um die es sich handelt. 
Es sind ja durchaus gewisse Menschenkrafte daran, fiir sich etwas zu 
retten. Was denn zu retten? Gewisse Menschenkrafte sind daran, die 
Impulse, die bis zur Franzosischen Revolution berechtigte Impulse 
waren und von gewissen okkulten Schulen auch vertreten worden 
sind, jetzt in ahrimanisch-luziferischer Zuruckhaltung zu vertreten; 
sie so zu vertreten, um eine solche gesellschaftliche Ordnung aufrecht- 
zuerhalten, wie die Menschheit glaubt, sie iiberwunden zu haben seit 
dem Ende des 18. Jahrhunderts. 

Hauptsachlich stehen die zwei Machte einander gegeniiber : die Ver- 



treter des Prinzips, das mit dem Ende des 18. Jahrhunderts iiber- 
wunden war, und die Vertreter der neuen Zeit. Instinktiv sind selbst- 
verstandlich eine groBe Anzahl von Menschen Vertreter der Impulse 
der neuen Zeit. Daher miissen diejenigen, die Vertreter der alten 
Impulse, noch des 18., 17., 16. Jahrhunderts sein sollen, durch kiinst- 
liche Mittel eingespannt werden in die Krafte, die von gewissen 
gruppenegoistisch wirkenden Bniderschaften ausgehen. Das wirk- 
samste Prinzip in der neueren Zeit, um die Macht auszudehnen iiber 
so viel Menschen als man braucht, ist das wirtschaftliche Prinzip, das 
Prinzip der wirtschaftlichen Abhangigkeit. Aber diese ist nur das 
Werkzeug. Um was es sich handelt, das ist etwas ganz anderes. Um 
was es sich handelt, das ist eben, was Sie entnehmen konnen aus all 
den Andeutungen, die ich gemacht habe. Das wirtschaftliche Prinzip 
ist mit alldem verbunden, um eine groBe Anzahl von Menschen iiber 
die Erde hin gewissermaBen zum Heer fur diese Prinzipien zu machen. 

Das sind die Dinge, die einander gegemiberstehen. Da wird hin- 
gewiesen auf das, was eigentlich gegenwartig in der Welt kampft : im 
Westen verankertes Prinzip des 18., 17., 16. Jahrhunderts, welches 
sich dadurch unbemerkbar macht, daB es sich gerade umkleidet mit 
den Phrasen der Revolution, mit den Phrasen der Demokratie, das 
diese Maske annimmt und die Bestrebung hat, auf diesem Wege mog- 
lichst viel Macht zu erlangen. Gunstig ist fur diese Bestrebungen, 
wenn moglichst viele Menschen nicht darnach trachten, die Dinge 
anzusehen, wie sie sind, und sich auf diesem Gebiete immer wieder und 
wieder von der Maja einlullen zu lassen, von jener Maja, welche man 
etwa mit den Worten aussprechen kann, es gabe heute einen Krieg 
zwischen der Entente und den Mittelmachten. 

Den gibt es ja gar nicht in Wirklichkeit, sondern um ganz andere 
Dinge handelt es sich, die hinter dieser Maja stehen als die wahren 
Wirklichkeiten. Das letztere, Kampf der Entente mit den Mittel- 
machten, ist ja nur die Maja, ist ja nur die Illusion. Dasjenige, was im 
Kampfe miteinander steht, darauf kommt man, wenn man hinter die 
Dinge blickt, aber sie sich in einer solchen Weise beleuchtet, wie ich 
es eben aus gewissen Griinden nur andeute. Man muB wenigstens fur 
sich darnach trachten, nicht Ulusionen fur Wirklichkeiten zu nehmen: 



dann wird schon nach und nach die Illusion, sofern sie aufgelost wer- 
den muB, aufgelost werden. Man muB vor alien Dingen heute sich 
bestreben, die Dinge so anzusehen, wie sie dem unbefangenen wirk- 
lichen Sinn sich darstellen. 

Nehmen Sie all das zusammen, was ich so entwickelt habe, dann 
wird Ihnen selbst eine nebensachliche Bemerkung, die ich im Verlauf 
dieser Vortrage gemacht habe, nicht als nebensachlich erscheinen. 
Wenn ich einmal gesagt habe, eine gewisse Bemerkung, die der Mephi- 
stopheles dem Faust gegemiber macht: «Ich sehe, daB du den Teufel 
kennst», die wiirde er dem Woodrow Wilson gegemiber sicher nicht 
machen so ist das keine nebensachliche Bemerkung ; das ist etwas, 
was schon die Situation erhellen soil! Diese Dinge muB man wirklich 
ohne Sympathie und Antipathie betrachten, muB sie objektiv be- 
trachten konnen. Man muB vor alien Dingen heute nachdenken kon- 
nen, was Konstellationen bedeuten bei irgend etwas, das wirkt, und 
was Eigenkraft bedeutet; denn hinter dieser Eigenkraft liegt oftmals 
etwas ganz anderes, als was hinter der bloBen Konstellation liegt. 
Nehmen Sie einmal ganz unbefangen das Problem auf, wieviel das 
Gehirn Woodrow Wilsons wert ware, wenn dieses Gehirn nicht auf 
dem Prasidentenstuhl der nordamerikanischen Union saBe? Nehmen 
Sie einmal an, dieses Gehirn ware in einer andern Konstellation drin- 
nen: da wiirde es seine Eigenkraft zeigen! Auf die Konstellation 
kommt es an. 

Es gibt durchaus, wenn ich es jetzt abstrakt und radikal sagen soli, 
selbstverstandlich nicht etwa, um den eben angefiihrten Fall zu charak- 
terisieren - das wiirde mir in einem so neutralen Lande nicht ein- 
fallen, aber unabhangig davon gibt es durchaus eine sehr wichtige 
Einsicht -, wenn man sich bei einem Gehirn zum Beispiel die Frage 
vorlegt, ob es dadurch etwas wert wird, well es wirklich von einer 
besonderen spirituellen Seelenkraft erleuchtet und zu wirken ver- 
anlaBt wird, ob es dadurch ein spirituelles Gewicht hat in dem Sinne, 
wie ich von spirituellem Gewicht in diesen Betrachtungen gesprochen 
habe, oder ob dieses Gehirn eigentlich nicht viel mehr wert ist, als was 
herauskommen wiirde, wenn man es auf die eine Waagschale legte und 
auf die andere Seite Gewichte. 



Denn in dem Augenblick, wo man hinter alle Geheimnisse des 
Ihnen das letzte Mai angefuhrten Doppelgangers dringt, kommt man 
eben gerade in die Lage - ich rede nichts Unreales -, Gehirne zu 
dem Wert zu bringen, den sie nur haben als Masse auf die Waage 
gelegt, weil man imstande ist, wenn sie belebt werden sollen, sie bloB 
durch den Doppelganger beleben zu lassen. 

Alle diese Dinge sind fur den heutigen Menschen grotesk. Aber das- 
jenige, was an ihnen grotesk ist, muB als etwas SelbstverstandHches 
unter die Menschen kommen, wenn gewisse Dinge aus einem unheil- 
samen in einen heilsamen Strom einmiinden sollen. Und was niitzt es, 
wenn man dariiber immer nur herumredet! Sie miissen schon eine 
Vorstellung davon bekommen, daB es mit dem Wischiwaschi reden 
uber «kosmische Religiositat», oder davon «wie stark das Verlangen 
nach ihr ist», bder «von der Bewegung, die jenes hintersinnlichen 
Lebens Kreislaufe zu entdecken und zu entschleiern unternimmt» 
und so welter, daB bei diesem Herumreden es sich auch nur darum 
handelt, Nebel zu verbreiten uber Dinge, die nur in Klarheit in die 
Welt hereinkommen muBten, die nur in Klarheit wirken konnen, und 
vor allem nur in Klarheit als praktische, sittlich-ethische Impulse in 
die Menschheit hineingetragen werden diirften. 

Ich kann nur einzelne Andeutungen machen. Ich uberlasse es Ihrer 
eigenen Meditation, weiterzubauen auf diesem Gebiete. Die Dinge 
sind in vieler Beziehung aphoristisch. Aber aus einer solchen Zu- 
sammenstellung wie dieser hier angefiihrte Tierkreis (siehe Zeichnung 
Seite 229), wenn Sie sie wirklich als MeditationsstofFbenutzen, werden 
Sie die Moglichkeit haben, sehr viel herauszuentnehmen. 




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fur 6.11. Zweig Zurich 

In der Zeit 1841-1879 geschieht viel / durch Menschen, was diese Menschen / gegen die Stimme des 
«Ich» machen -/ Wiederholung des Orakelwesens = es / mischt sich in das, was die Menschen / wollen 
hinein, was aber Machte / wollen. - Es soil in dieser Zeit / das spir. Leben so vorbereitet / werden, dafi es 
«reif fur die / Erde» wird. - Es mufi «begreifliche / Form» annehmen — der Fall der / Medien widerstrebt 
dem. 

— » Die Menschen, die damals an/kamen, hatten «vergeistigte Begriffe» / von 1879 an, und besonders 
von/ 

1879 1879 1917 an 

1841 38 

38 1917 

werden im Geist-Rch. die p.m. [= post mortem]-/Menschen mit «vergeistigten Begriffen» / selten - 
daher suchen sie die / Spiegelung in den Erdenmenschen auf. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:178 Seite:236 




Thugs haben gedungen von / falschen Eingeweihten, Menschen / p. m. gemacht, welche die / unver- 
brauchten Krafte im / Geistreich dazu verwenden konnten, / die Geheimnisse der 5. nachatlantischen / 
Zeit fruhzeitig zu erhalten und so / Medien mitzuteilen = Behandlung / der noch unreifen Volker des 
Ostens. / Es soli noch kommen = gewisse / Geheimnisse der Geburt und Zeugung / und der Heilung von 
Krankheiten - 

Geschichte wird, wenn ein gewisses / dumpfes Leben aufhort - in dem / der Mensch nur dem Ganzen 
sich einfiigt; / dies ist das Schlafbewufitsein - / dann der Traumzustand = der Einzelne / lost sein 
Geschick heraus - oder auch / eine Gruppe. 

Der vdllige Wachzustand ware das / sich bewufit mit den Geistern / der Geschichte zu schaffen 
machen, / doch ist damit die Auflosung gegeben; / wenn z. B. die Sozialdemokratie / den Traum in 
Wirklichkeit verwandelte, / so ware dies der Tod ihres Traumes, / und sie wiirde ergriffen von / der 
Notwendigkeit = Zerstorungs/keime in ihr Schaffen aufzunehmen. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:178 Seite:237 



Dornach - 10.11.1917 



Ankniipfend an die analytische Psychologie Jung's etc. / Damit ein innerseelisches Gebiet / den 
Zeitgenossen eroffnet, fur das / sie keine Vorstellungen haben. 

Besonders grotesk, wo die / Notwendigkeit der Gotter/vorstellungen - besprochen wird, / die mit der 

Existenz Gottes / nichts zu thun haben soli. 

Die Beziehungen der Menschen / zur geistigen Welt bleiben, / 

auch wenn sie der Mensch / bewufit nicht zugiebt. 

Die padagogische und therapeutische / Seite wird gefahrlich, weil sie / in Verhaltnisse eingreift, welche / 
nur zu meistern sind auf / allgemeine Art = nicht indi/viduell - 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:178 Seite: 238 



HINWEISE 



2» dieser Ausgabe 

Rudolf Steiner hat, wenn er in Dornach war, fur die Mitglieder der Anthroposo- 
phischen Gesellschaft und die Mitarbeiter am Goetheanum-Bau zumeist an den 
Wochenenden - Freitag-, Samstag-, Sonntagabend - vorgetragen. Die meisten 
soldier Vortrage aus dem Jahre 1917 wurden schon von Marie Steiner in Reihen 
zusammengefafit herausgegeben und sind so in die Gesamtausgabe eingegliedert 
worden. Die iibrigen Dornacher Vortrage aus dem Monat November sind mit 
einigen Einzelvortragen, die an anderen Orten gehalten worden sind, aber thema- 
tisch mit den Dornacher Vortragen zusammenklingen, in vorliegendem Band 
zusammengefafit. Da dem in St. Gallen gehaltenen Mitgliedervortrag ein offentli- 
cher Vortrag voranging, wurde dieser Vortrag dem Band vorangestellt. 

Textunterlagen: Alle Vortrage dieses Bandes wurden offiziell mitstenographiert 
von der Berufsstenographin Helene Finckh. Dem Druck liegen ihre Klartextiiber- 
tragungen zugrunde. 

Fur die 4. Auflage (1992) wurde von Susi Lotscher der Text neu durchgesehen 
und ein Namenregister erstellt. Drei Doppelseiten aus Notizbiichern Rudolf 
Steiners mit Notizen fur die Vortrage vom 6. und 10. November sind als Faksimi- 
ledruck (mit Transkription) neu hinzugekommen. 

Zu den Titeln der Vortrage: Der Titel des offentlichen Vortrages in St. Gallen am 
15. November 1917 geht auf Rudolf Steiner zuriick; die Titel der Vortrage vom 6., 
13., 16., 18., 19. und 25. November 1917 auf die friiheren von Marie Steiner 
herausgegebenen Einzelausgaben. 

Der Titel des Bandes und die Inhaltsangaben gehen auf den Herausgeber der 1 . 
Auflage in der Gesamtausgabe zuriick. 

FrUhere Veroffentlichungen: 

Zurich, 6. und 13. November 1917: «Hinter den Kulissen des aufieren Gesche- 
hens», Dornach 1943. 

Dornach, 10. November 1917: «Anthroposophie» 1934/35, 17. Jg., Buch 3 und 4: 
«Anthroposophie und Psychoanalyse* I. - «Die Menschenschule» 1937, 11. Jg., 
Heft 10/11 (ohne Schlufi). 

Dornach, 11. November 1917: «Anthroposophie» 1934/35, 17. Jg., Buch 3 und 4: 
«Anthroposophie und Psychoanalyse* II. 

St. Gallen, 15. und 16. November 1917: «Die Erkenntnis des Ubersinnlichen und 
die menschlichen Seelenratsel. Das Geheimnis des Doppelgangers. Geographische 
Medizin», Dornach 1937 (Vortrag vom 15. Nov. ohne Schlufi). 

Dornach, 18., 19. und 25. November 1917: «Drei Vortrage», Dornach 1930. - 
«Individuelle Geistwesen und einheitlicher Weitengrund», Dornach 1946. 



2,u den Zeichnungen im Text: Die Original- Wandtafelzeichnungen und -anschrif- 
ten Rudolf Steiners sind nicht erhalten geblieben. Die Zeichnungen im Text 
wurden von Assja Turgenieff gestaltet nach den Zeichnungen, wie sie von der 
Stenographin festgehalten worden sind. Die Zeichnungen auf S. 179 und 203 
wurden fur die 4. Auflage 1992 von Leonore Uhlig erganzt. 

Hinweise zum Text 

Werke Rudolf Steiners innerhalb der Gesamtausgabe (GA) werden in den Hinweisen mit der 
Bibliographie-Nummer angegeben. 

zu Seite 

9 Nikolaus Kopernikus, 1473-1543, polnischer Astronom, Mathematiker, Arzt, Jurist, 
Humanist und Domherr. Begriindete das heliozentrische Weltbild. - Keine Veroffent- 
lichungen zu Lebzeiten, mit Ausnahme einer Ubersetzung. Sein Werk iiber das helio- 
zentrische Planetensystem vollendete er im wesentlichen 1507. Kopernikus lag bereits 
im Sterben, als «De revolutionibus orbium coelestium libri VI» veroffentlicht wurde. Er 
hatte es Papst Paul HI. gewidmet. Sein Freund und Uberwacher der Drucklegung hat es 
in einem Vorwort als rein hypothetisch-fachwissenschaftliche Berechnungsmethode 
dargestellt. So schlupfte es durch die Zensur, bis es zugleich mit seiner dritten Auflage 
1616/17 verboten wurde. Erst 1822 akzeptierte die katholische Kirche seinen Inhalt. - 
Vgl. u. a. «Die geistige Fiihrung des Menschen und der Menschheit. Geisteswissen- 
schaftliche Ergebnisse iiber die Menschheits-Entwickelung» (1911), GA 15, S. 81-88. 

12 Darwinische Tbeorie: Siehe Hinweis zu S. 40. 

14 «Von Seelenratseln. Anthropologic und Anthroposophie, Max Dessoir iiber An- 
throposophie, Franz Brentano (Ein Nachruf). Skizzenhafte Erweiterungen» (1917), 
GA21. 

15 Friedrich Theodor Vischer, 1807-1887, Asthetiker und Dichter. «Der Traum. Eine 
Studie zu der Schrift Die Traumphantasie von Dr. Joh. Volkelt», abgedruckt in «Altes 
und Neues», 3 Hefte in einem Band, Stuttgart 1881-82; 1. Heft, Stuttgart 1881. 

Johannes Volkelt, 1848-1930, Professor der Philosophic in Leipzig. «Traumphanta- 
sie», Stuttgart 1875. 

einen Satz mochte ich herausbeben: F. T. Vischer (siehe Hinweis oben), S. 194, 
wortlich: «... die Seele, als oberste Einheit aller Vorgange, kann allerdings nicht im 
Leibe lokalisiert sein, obwohl sie anderswo als im Leibe nicht ist». 

16 EmilDu Bois-Reymond, 1818-1896. «Die sieben Weltratsel», Vortrag, gehalten am 8. 
Juni 1880, Leipzig 1882. - Siehe auch «Uber die Grenzen des Naturerkennens», 
Vortrag, gehalten am 14. August 1872, Leipzig 1872. (Spater in einem Band zusam- 
mengefafit unter dem Titel «Uber die Grenzen des Naturerkennens. Die sieben 
Weltratsel».) 

18 Hier seine Worte: F. Th. Fischer: «Der Traum» (siehe Hinweise zu S. 15) S.229f. 

19 «Diremtion»: Das von Vischer verwendete, heute nicht mehr gebrauchliche Wort 
Diremtion (lat. diremtio, f.) bedeutet Scheidung, Auseinandersetzung, Trennung, 
Aufhebung. 



19 «Wie erlangt man Erkenntnisse der hdheren Welten?» (1904/05), GA 10. 

im zweiten Teil meiner «Geheimwissenschaft im Umrifl»: «Die Geheimwissenschaft 
im Umrifi» (1910), GA 13. Mit dem Zweiten Teil ist das Kapitel «Die Erkenntnis der 
hoheren Welten (Von der Einweihung oder Initiation)*, S.299ff. gemeint. (Vgl. dort 
in der «Vorbemerkung zur vierten Auflage» die S. 21 f.). 

20 Materialistische, spiritualistische, pantheistische, individualistische, monadistische und 
so writer: Vgl. Rudolf Steiners Beschreibungen der verschiedenen Weltanschauungen 
in «Der menschliche und der kosmische Gedanke» (4 Vortrage, Berlin 1914), GA 151. 

22 Sir James Dewar, 1842-1923, englischer Physiker und Chemiker, Prof, in Cambridge 
und London. Erfinder der Thermosflasche. - Der Vortrag, den Dewar vor der Royal 
Institution in London gehalten hat, konnte nicht ausfindig gemacht werden. Siehe die 
kurze Wiedergabe des Vortrags bei Carl Snyder: «Das Weltbild der modernen Natur- 
wissenschaft nach den Ergebnissen der heutigen Forschung», dt. Ausgabe Leipzig 
1905, l.Kap., S.20ff. - Vgl. auch Rudolf Steiners Vortrage vom 22. Marz 1917 in 
«Geist und Stoff, Leben und Tod» (7 Vortrage, Berlin 1917), GA 66, und vom 19. 
Oktober 1917 (Basel) in «Freiheit - Unsterblichkeit - Soziales Leben. Vom Zusam- 
menhang des Seelisch-Geistigen mit dem Leiblichen des Menschen» (10 Vortrage, 
Bern u. Basel 1917/18) GA 72. 

23 Rontgenwesen : Wilhelm Conrad Rontgen, 1 845-1923, entdeckte 1 895 die X-Strahlen, 
nach ihm Rontgenstrahlen benannt, die in der Diagnostik und Therapie verwendet 
werden. 1901 erhielt Rontgen den ersten Nobelpreis fur Physik. 

24 Kant-Laplacescbe Theorie: Sie ist hervorgegangen aus der «Nebularhypo these » des 
Philosophen und Mathematikers Immanuel Kant (1724-1804), nach der sich die Erde 
aus einem Urnebel heraus gebildet hat, und - unabhangig von Kant (und in vielem 
abweichend) - aus Theorien des frz. Mathematikers und Astronomen Pierre Simon 
Laplace (1749—1827). - Siehe Kants «Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des 
Himmels oder Versuch von der Verfassung und dem menschlichen Ursprunge des 
ganzen Weltgebaudes nach Newtonschen Grundsatzen abgehandelt», nebst zwei 
Supplementen, Leipzig o.J. (1755), und von Laplace die Werke «Exposition du 
systeme du monde», 1796, und «Traite de Mecanique celeste», 5 Bde., Paris 1799-1825 
(dt.: «Mechanik des Himmels », Berlin). 

Ich habe in meinem Bucb «Vom Menschenratseh . . . unterscbieden: «Vom Menschen- 
ratsel. Ausgesprochenes und Unausgesprochenes im Denken, Schauen, Sinnen einer 
Reihe deutscher und osterreichischer Pers6nlichkeiten» (1916), GA 20, speziell die 
Ausfuhrungen iiber Karl Christian Planck, S. 70 ff., iiber Robert Hamerling, S. 131 ff., 
und iiber die beiden genannten im Kapitel «Ausblicke», S. 146 ff. 

25 Geistaugen, Geistobren, wie icb sie wenigstens prinzipiell beschrieben babe: Siehe S. 19 
und Hinweis dort. 

28 Ich habe davon gesprochen in meinem Buche «Vom Menscbenratsel»: Siehe Hinweis 
zu S. 24, im Kapitel «Ausblicke», spez. ab S. 160. 

Ich babe in der letzten Zeit. . . Bildekrdfteleib genannt: Diese Bezeichnung fur den 
Atherleib verwendet Rudolf Steiner erstmals im Januar 1917 im 2. Teil seines Aufsat- 
zes «Die Erkenntnis vom Zustand zwischen dem Tod und einer neuen Geburt», 
erschienen in der Zeitschrift «Das Reich» (Miinchen), 1 . Jahr, Buch 1 und 4 (April 1916 
und Jan. 1917), abgedruckt in «Philosophie und Anthroposophie. Gesammelte Auf- 



satze 1904-1923*, GA 35. - Siehe hierzu auch Rudolf Steiners Fufinote zu «Atherleib 
oder Lebensleib» in seiner Schrift «Theosophie. Einfiihrung in iibersinnliche Welter- 
kenntnis und Menschenbestimmung* (1904), GA 9, Kap. «Das Wesen des Menschen, 
IV. Leib, Seele und Geist» (ab der 9. Aufl. 1918; Ausgabe 1967: S. 37.) 

40 Charles Darwin, 1 809-1 882, englischer Naturforscher, Mediziner, Geologe und Bota- 
niker. «On the Origin of Species by means of natural Selection*, 1859; dt.: «Uber die 
Entstehung der Arten durch natiirliche Zuchtwahl oder die Erhaltung der begiinstig- 
ten Rassen im Kampfe urn's Dasein», Stuttgart 1875-1878. 

Ernst Haeckel, 1834-1919, Zoologe und Naturforscher. Siehe u. a. «Naturliche Schop- 
fungsgeschichte», 2 Teile, 1868; « Anthropogenic oder Entwickelungsgeschichte des 
Menschen*, 2 Teile, Leipzig 1874; «Die Weltratsel. Gemeinverstandliche Studien iiber 
monistische Philosophie», Bonn 1899. 

Eduard von Hartmann, 1842-1906, Philosoph. «Philosophie des Unbewufken. Ver- 
such einer Weltanschauung*, Berlin 1869. 

Zeile 9 v. u.: In friiheren Auflagen stand 1867 anstatt 1869. 

41 eine Schrift von einem Anonymus: (Eduard von Hartmann:) «Das Unbewufite vom 
Standpunkt der Physiologie und Descendenztheorie. Eine kritische Beleuchtung des 
naturphilosophischen Teils der Philosophic des UnbewuSten*, Berlin 1872, 2. Auflage 
mit Namen 1877. 

Haeckel sagte: In: «Naturliche Sch6pfungsgeschichte», Vorwort zur 4. Auflage, Jena 
1873, S. XXXVIII, wortlich: «Diese ausgezeichnete Schrift sagt im Wesentlichen 
Alles, was ich selbst iiber die Philosophic des Unbewulken der Schopfungsgeschichte 
hatte sagen konnen . . .». 

eine zweite Auflage: Diese erschien 1877 mit «Allgemeinen Vorbemerkungen* und 
«Zusatzen». Hartmann schreibt im Vorwort der 8. Auflage seiner «Philosophie des 
Unbewufiten* von 1878 tiber besagte Schrift: «... erschien die erweiterte zweite 
Auflage der Schrift <Das Unbewufite vom Standpunkt der Physiologie und Descen- 
denztheorio mit meinem Namen. Die erste, anonyme Auflage war als die beste von 
alien Kritiken der Philosophic des Unbewufiten und zugleich als die glanzendste 
Rechtfertigung der naturwissenschaftlichen mechanistischen Weltanschauung gegen- 
iiber dem philosophischen Idealismus allgemein anerkannt worden; die Enthiillung, 
dafi diese Schrift von mir verfafit sei, und die in der zweiten Auflage hinzugefiigte 
detaillierte Widerlegung der Kritik durfte als geniigender Erweis meiner Beherrschung 
des modernen naturwissenschaftlichen Standpunkts gelten, um mich fortan vor jedem 
Vorwurf der Unzulanglichkeit auf diesem Gebiete sicher zu stellen. Es war wesentlich 
nur, um an der amtlich bestallten und berufsmafiig sich spreizenden Unfahigkeit ein 
Exempel zu statuieren, wenn ich mich herbeiliefi, in einem Anhang eine detaillierte 
Widerlegung der Kritik der Naturwissenschaftlichen Grundlagen der <Philosophie des 
Unbewufiten> von Prof. Oscar Schmidt (Leipzig 1877) beizufugen.». 

Oscar Hertwig, 1849-1922, Anatom, Schiiler von Ernst Haeckel. «Das Werden der 
Organismen. Eine Widerlegung von Darwin's Zufallstheorie*, Jena 1916. 



42 er sagt: Ebenda, Nachwort, S. 710. 



44 arbeite ich . . . die Vorstellungen aus, die Goethe an der Wirklickkeit gewonnen hat: 
Siehe Rudolf Steiners Einleitungen zu Goethes naturwissenschaftlichen Schriften in 
Kurschners «Deutsche National-Litteratur», hg. und komm. von Rudolf Steiner, 
5 Bde. (1884-97), NachdruckDornach 1975, GA la-e; Bd. 1, GA la, S. 17 ff.-Sonder- 
ausgabe der Einleitungen unter dem Titel «Einleitungen zu Goethes Naturwissen- 
schaftlichen Schriften. Zugleich eine Grundlage der Geisteswissenschaft (Anthropo- 
sophie)» (1884-97), GA 1. - Siehe ferner «Goethes Weltanschauung* (1897), GA 6. 

den Bau in Dornach: Der in Holz errichtete Doppelkuppelbau des ersten Goethe- 
anum. - Siehe den Bildband «Das Goetheanum als Gesamtkunstwerk», mit einem 
Lichtbildervortrag Rudolf Steiners vom 29. Juni 1921 in Bern: «Der Baugedanke des 
Goetheanum*, hg. v. Walter Roggenkamp, Dornach 1986. 

"Gedacht hat sie und sinnt bestandig»: Goethe: «Die Natur. Aphoristisch» (um das 
Jahr 1780), in: «Naturwissenschaftliche Schriften» (siehe oben), Bd.2, GA lb, S. 7. 

45 gegeniiber einem verdienten Forscher: Albrecht von Haller, (1708-1777), schweizer 
Mediziner, Botaniker und Dichter. In dem Gedicht «Die Falschheiten der menschli- 
chen Tugenden», an Herrn Professor Stahelin, April 1730, in «Versuch Schweizeri- 
scher Gedichte» (1732), Zurich 1768, S. 53: 

«Ins Innre der Natur dringt kein erschaffener Geist; 
Zu gliicklich, wenn sie noch die aufiere Schale weis't.» 

«Ins Inner e der Natur. . .»: Goethe: Gedichte, 3. Teil, «Gott und Welt. Allerdings. 
Dem Physiker». (Auch in «Naturwissenschaftliche Schriften* , siehe oben, Bd. 1, GA 
la, S. 170 f., «Verfolg. Freundlicher Zuruf».) 

Kopernikus: Siehe Hinweis zu S. 9. 

46 «Wer Wissenschaft und Kunst besitzt»: Goethe: Gedichte, 3. Teil, Zahme Xenien IX, 
in «Deutsche National- Litteratur», Bd. 84, S.297, bzw. in der Sophien-Ausgabe, 
5. Bd., I, S. 134. 

47 in dem gestrigen offentlichen Vortrage: Es handelt sich um den vorangegangenen 
Vortrag vom 15. November in diesem Band. 

Uber das Recht, . . . Wahrheiten zuruckzuhalten, . . . wollen wir uns heute weniger 
aussprechen: Eine Zusammenstellung von Aufierungen Rudolf Steiners uber das Pro- 
blem der Veroffentlichung esoterischer Inhalte findet sich, zusammengetragen und 
eingeleitet von Walter Kugler, in «Beitrage zur Rudolf Steiner Gesamtausgabe», 
Nr. 105, Michaeli 1990, S. 39 ff. 

48 die fiinfte Epoche der nachatlantischen Zeit: Siehe Hinweis zu S. 78. 

49 Sie wissen ja schon aus der Bibel: Paulus, 1. Korinther, 1, 20: «Hat nicht Gott die 
Weisheit der Welt zur Torheit gemacht?» und 3, 19: «Denn die Weisheit dieser Welt ist 
Torheit vor Gott». 

52 die Welt der hdheren Hierarchien: Nebst unzahligen anderen Schilderungen der 
hoheren Hierarchien im Werke Rudolf Steiners siehe z. B. die Schriften «Aus der 
Akasha-Chronik» (1904-1908), GA 11, und «Die Geheimwissenschaft im Umrifi» 
(1910), GA 13, Kap. «Die Weltentwickelung und derMensch», sowie den Vortragszy- 
klus «Geistige Hierarchien und ihre Widerspiegelung in der physischen Welt. Tier- 
kreis, Planeten, Kosmos» (10 Vortrage, Dusseldorf 1909), GA 110. 



62 ich babe dariiber in Zurich gesprochen: Siehe den Vortrag vom 13. November 1917 in 
diesem Band und den vom 14. November 1917 in «Die Erganzung heutiger Wissen- 
schaften durch Anthroposophie» (8 Vortrage, Zurich 1917/18), GA 73. 

64 Paracelsus, Tbeophrastus von Hohenheim, 1493-1541. Arzt, Naturforscher und Phi- 
losoph. Stadtarzt und Ordinarius an der Universitat in Basel. 

67 Columban, um 550-61 5, irischer Monch, der mit zwolf Schiilern, darunter Gallus, ab 
595 missionierend durch Franken, Burgund, Alemannien und die Lombardei zog. 

(St.) Gallus (eig. Gallo, auch Gall von Hibernien genannt), um 550/555—641 od. 645. 
Schiiler von Columban und ein Begleiter auf dessen Missionszug, jedoch blieb er um 
612 im Gebirge am Bodensee als Einsiedler zuriick. 

71 Gestern babe icb aufmerksam gemacht: Im Vortrag vom 15. November in diesem 
Band. 

Ralph Waldo Emerson, 1803-1882, amerikanischer Philosoph und Essayist. 

Woodrow Wilson, 1856-1924, President der Vereinigten Staaten von Amerika von 
1912 bis 1920. 

74 von der icb in Zurich vor ein paar Tagen bewiesen babe : Siehe den off entlichen Vortrag 
«Anthroposophie und Geschichtswissenschaft. Geisteswissenschaftliche Ergebnisse 
iiber die Entwickelung der Menschheit und ihrer Kulturformen» vom 7. November 
1917 in «Die Erganzung heutiger Wissenschaften durch Anthroposophie» (8 Vor- 
trage, Zurich 1917/18), GA 73. 

75 Gleicbnis, das icb oftmals schon gebraucht babe: Siehe z. B. im Vortrag vom 11. Juni 
1908 in «Das Hereinwirken geistiger Wesenheiten in den Menschen» (13 Vortrage, 
Berlin 1908), GA 102. 

76 Fraulein Sophie Stinde, 1853-1915. Siehe die Ansprachen Rudolf Steiners iiber Sophie 
Stinde im Band «Unsere Toten. Ansprachen, Gedenkworte und Meditationsspriiche 
1906-1924», GA 261. 

Am Schlufi des Vortrages (vor dem letzten gedruckten Abschnitt auf S. 76) sprach 
Rudolf Steiner noch einige Worte, die wir hier wiedergeben (vgl. auch Hinweis zu 
S.121): 

«Leider raufi ich auch hier ganz kurz anfiigen an diese Betrachtungen, daft 
anthroposophische Bewegung heute nicht nur Widerstand findet, Vorur- 
teile, sondern dafi sich in der letzten Zeit ganz besonders die Verleumdung, 
die Verunglimpfung geltend gemacht hat, und dafi das nun leider dazu fiihren 
mufi, daft, weil diese Verleumdung sich besonders anknupft an die personli- 
chen Besprechungen mit den einzelnen lieben Freunden der Gesellschaft, mit 
schwerem Herzen ich mich dazu entschlieften mufi, diese personlichen Be- 
sprechungen iiber das esoterische Leben zunachst zuriicktreten zu lassen. 
Die Verleumdungen, die in der letzten Zeit durch unberufene Mitglieder 
aufgetreten sind, sind soldier Art - ich will hier nicht im einzelnen dariiber 
sprechen — , dafi es schon notwendig ist, dafi gerade diejenigen Dinge, die ja 
aus wirklichem Herzensbediirfnis heraus gemacht worden sind, die personli- 
chen Besprechungen, fur eine kiirzere oder langere Zeit vdllig unterbrochen 



werden. Und als zweites - wenn nur das erste gesagt wird, so wird es nicht 
der Wirklichkeit voll entsprechen -, dafi ich meinerseits diejenigen verehrten 
lieben Freunde, die mit mir solche Besprechungen personlichst gehabt ha- 
ben, in der Zukunft entbinde davon, irgendwelches Schweigen iiber dasje- 
nige, was personlich mit mir besprochen worden ist, zu bewahren. Das, was 
personlich zwischen mir und irgendeinem Mitgliede verhandelt worden ist, 
kann, sofern es das Mitglied selber will - es mufi es naturlich nicht -, jedem 
erzahlt werden. Die ganze Welt kann alles dasjenige wissen, was sich jemals 
auf anthroposophischem Boden abgespielt hat, wenn die Mitglieder es selber 
wollen. 

Diese Dinge sind schon einmal notwendig geworden, weil soldi wirklich 
Abscheuliches auf dem Boden der anthroposophischen Bewegung auch 
auftreten konnte in der letzten Zeit. Derjenige, welcher esoterisch vorwarts- 
kommen will, wird auch so die Gelegenheit finden; ich werde Ersatz schaf- 
fen fur dasjenige, was nun wegfallen mufi. Lassen Sie mir nur ein wenig Zeit. 
Es werden Mittel und Wege gefunden werden, dafi jeder dasjenige, was er auf 
seinem esoterischen Wege braucht, den er nur mit aller Ruhe und Energie 
fortsetzen soil, auch fortsetzen kann, wenn auch eine langere Zeit von 
personlichen Besprechungen deshalb abgesehen werden rauS, weil sich nun 
eben leider nur dadurch die Tragkraft der anthroposophischen Bewegung 
vorwartsbringen lafit, dafi man auf diese Weise, wenn auch schweren Her- 
zens, den Verleumdungen begegnet, die, wie so vieles in dieser Zeit, absolut 
aus den Fingern gesogen sind. Aber es gibt viele Menschen, die heute nicht 
nur entstellen, sondern die erfinden, um zu verleumden. Dann mufi man 
auch ganz besondere Mafiregeln treffen.» 

Anschliefiend an den letzten gedruckten Abschnitt folgten noch die Worte: 

«Andererseits darf ich insbesondere diesmal angesichts der schwierigen Zeit- 
verhaltnisse auch unsern St. Galler Freunden im Namen derjenigen, die die 
anthroposophische Bewegung leiten, den ganz besonderen Dank ausspre- 
chen, dafi sie unter diesen schwierigen Saal- und anderen Verhaltnissen es 
auch gegenwartig moglich gemacht haben, uns offentlich und im Zweige 
auch hier in dieser Stadt in dieser tragischen Zeit, trotz der Hindernisse, 
unser Zusammensein zu ermoglichen. Dafiir besonderen Dank an unsere 
daran beteiligten lieben St. Galler Freunde. » 

77 Vor Jahren war ich gerade in Berlin in beruflichen Angelegenheiten tdtig : Zu jener Zeit 
(September 1898) war Rudolf Steiner Mitherausgeber der Zeitschrift «Magazin fur 
Litteratur» und der daran angeschlossenen «Dramaturgischen Blatter*. Fur diese 
Zeitschrift schrieb Rudolf Steiner eine Fiille von Artikeln, die in den funf Aufsatzban- 
den GA 29—33 veroffentlich sind. - Siehe Rudolf Steiners Darstellung dieser Berliner 
Zeit in «Mein Lebensgang» (1923-1925), GA 27, Kap.XXIVff. 

Elisabeth, 1837-1898, Kaiserin von Osterreich, vermahlt mit Kaiser Franz Joseph I. 
Sie wurde am 10. September 1898 vom italienischen Anarchisten Luccheni in Genf 
erdolcht. 



77 eines Marines, der dazumal Berliner Kritiker war: Es ist nicht bekannt, um wen es sich 
hier handelt. 

78 wir haben es ja oftmals auseinandergesetzt, in den Zyklen ist dariiber viel zu lesen : Zu 
den verschiedenen Perioden siehe u. v. a. im Werk Rudolf Steiners zwei grundlegende 
Darstellungen in den Schriften «Aus der Akasha-Chronik» (1904-1908), GA 11, und 
«Die Geheimwissenschaft im Umrifl» (1910), GA 13, Kap. «Die Weltentwickelung 
und der Mensch». 

83 von welchen ich in Zyklen ab und zu gesprochen habe: Vgl. z. B. den Vortrag vom 29. 
November 1915 in «Mitteleuropa zwischen Ost und West» (12 Vortrage, Munchen 
1914-18), GA 174a. 

Kaiserin von Osterreicb : Siehe Hinweis zu S. 77. 

85 Marie-Franqois-Sadi Carnot, 1837-1894, Physiker, 4. President der Franzosischen 
Republik, vom italienischen Anarchisten Caserio 1894 in Lyon erdolcht. 

89 Da handelt es sich namentlich um solcbe Dinge, wie ich sie schon angedeutet babe 
gegeniiber einigen Freunden: Siehe den Vortrag vom 7. Oktober 1917 in «Die spiritu- 
ellen Hintergriinde der aufieren Welt. Der Sturz der Geister der Finsternis» (14 
Vortrage, Dornach 1917), GA 177. 

91 Ich habe ofter in diesen und jenen Kreisen unserer Freunde hingewiesen : Siehe u. a. den 
Vortragszyklus GA 177, siehe oben. 

93 ich habe das wiederholt angedeutet in den Mysteriendramen: Siehe Rudolf Steiner: 
«Vier Mysteriendramen» (1910-1913), GA 14: 1. «Die Pforte der Einweihung (Initia- 
tion)*. Ein Rosenkreuzermysterium (1910). II. «Die Priifung der Seele». Szenisches 
Lebensbild als Nachspiel zur «Pforte der Einweihung» (1911). III. «Der Hiiter der 
Schwelle». Seelenvorgange in szenischen Bildern (1912). IV. «Der Seelen Erwachen». 
Seelische und geistige Vorgange in szenischen Bildern (1913). - Siehe hier insbesondere 
das letzte Bild von «Der Seelen Erwachen*. 

«In deinem Nichts hoff ich das All zu finden»: Goethe: «Faust» II, Finstere Galerie, 
Vers 6256. 

94 «Ich ruhme dich»: Goethe: «Faust» II, 1. Akt, Finstere Galerie, Verse 6257 f. 

Neulich sagte ich spajiend in Dornach driiben : Im Vortrag «Faust und das Problem des 
B6sen» vom 3. November 1917, siehe in «Geisteswissenschaftliche Erlauterungen zu 
Goethes <Faust>. Band II: Das Faust-Problem. Die romantische und die klassische 
Walpurgisnacht» (13 Vortrage, Dornach und Prag 1916-19), GA 273. 

Woodrow Wilson: Siehe Hinweis zu S. 71. 

«den Teufel spiirt das Volkchen nie»: Goethe: «Faust» I, Auerbachs Keller, Verse 
2181 f. 

96 Was ich in meinem Buche « Vom MenschenratseU als schauendes Bewufitsein bezeich- 
net habe: Siehe Hinweis zu S. 28. 

99 Vortrage, den ich bier vor acht Tagen gehalten habe: Gemeint ist der vorangegangene 
Vortrag vom 6. November in diesem Band. 



106 iiber den Rebellenkampf von 1841-1879: Siehe Hinweis zu Seite 91. 

108 gestern. . . im offentlichen Vortrage: Gemeint ist der Vortrag « Anthroposophie und 
Naturwissenschaft. Geisteswissenschaftliche Ergebnisse iiber die Natur und den Men- 
schen als Naturwesen» vom 12. November 1917 in Zurich, abgedruckt in «Die 
Erganzung heutiger Wissenschaften durch Anthroposophie (8 Vortrage, Zurich 1917/ 
18), GA73. 

110 Der Mensch ist, was er iflt : Siehe Ludwig Feuerbach, 1 804-1 872, deutscher Philosoph. 
«In Gedanken iiber Tod und Unsterblichkeit», Stuttgart 1903, Kap. «Der kritische 
Unsterblichkeitsgedanke», S. 134, wortlich: «Ist das, was der Mensch ist, unabhangig 
von dem, was er ifit?» 

112 Man kann jetzt nach Zurich kaum herkommen: Siehe den 2. Hinweis zu S. 123. - Zur 
Psychoanalyse siehe auch die zeitlich vorangegangenen Vortrage vom 10. und 11. 
November 1917, in diesem Band anschliefiend an diesen Vortrag abgedruckt. - Vgl. 
ferner u.a. den Vortrag « Anthroposophie und Sozialwissenschaft. Geisteswissen- 
schaftliche Ergebnisse iiber Recht, Moral und soziale Lebensformen» vom 14. No- 
vember 1917 in «Die Erganzung heutiger Wissenschaften durch Anthroposophie* (8 
Vortrage, Ziirich 1917/18), GA 73; den Vortrag vom 22. Januar 1918 in «Erdensterben 
und Weltenleben. Anthroposophische Lebensgaben. Bewufitseins-Notwendigkeiten 
fur Gegenwart und Zukunft» (21 Vortrage, Berlin 1918), GA 181 ; oder die Fragenbe- 
antwortung anschliefiend an den Vortrag vom 28. April 1920 in «Die Erneuerung der 
padagogisch-didaktischen Kunst durch Geisteswissenschaft» (14 Vortrage, Basel 
1920), GA 301,S.238ff. 

115 von denen ich am letzten Dienstag gesprochen habe: Im Vortrag vom 6. November in 
diesem Band. 

was wir durch viele Jahre hindurch immer wiederum . . . gesagt haben : Siehe z. B. die 
Vortrage vom 16. Juni 1910 in «Die Mission einzelner Volksseelen im Zusammen- 
hange mit der germanisch-nordischen Mythologie» (11 Vortrage, Kristiania 1910), 
GA 121; vom 13. Februar 1915 in «Die geistigen Hintergriinde des Ersten "Weltkrie- 
ges» (16 Vortrage, Stuttgart 1914-21), GA 174b; und vom 9. und 17. Dezember 1916 in 
«Zeitgeschichtliche Betrachtungen. Das Karma der Unwahrhaftigkeit - Erster Teil» 
(13 Vortrage, Dornach u. Basel 1916), GA 173. 

Ich habe Sie das letzte Mai... aufmerksam gemacht: Siehe den Vortrag vom 6. 
November in diesem Band. 

116 Eliphas Levi, 1810-1875. Pseudonym fur den Abbe Alphonse Louis Constant. Fran- 
zosischer okkulter Schriftsteller. 

Franz Xaver Benedikt von Baader, 1765-1841, Arzt, Philosoph und Theologe. 

Louis Claude Marquis de Saint-Martin, 1743-1803, franzosischer Philosoph, Theo- 
soph und Okkultist. 

121 Nach Zeile 3 v.o.: An dieser Stelle fiigte Rudolf Steiner noch Bemerkungen gleichen 
Inhalts wie die am Schlufi des Vortrages vom 16. November (siehe Hinweis zu S. 76) 
hinzu, und schlofi sie mit folgenden Worten: 

«Wenn jemand das als ungerecht empfinden und sagen mochte: da mussen 
Unschuldige fur die Schuldigen leiden, dann kann ich nur sagen, meine lieben 
Freunde, man wende sich an diejenigen Orte, von denen die Verleumdungen 
ausgehen. 



Es mufi einmal auf solchem Gebiete Ernst gemacht werden, sonst wird es 
innerhalb der Gesellschaft nicht besser. Und es mufi besser werden. Es mufi 
der voile Ernst diese Gesellschaft durchdringen. Denn die Gesellschaft ist ein 
Trager fur die wichtigsten Wahrheiten fur die Gegenwart und kann nicht 
dadurch vor der Mitwelt - ich habe heute gesagt, welche Empfindungen man 
fur die Verbreitung der anthroposophischen Wahrheiten haben mufi - ver- 
dachtigt werden, dafi sich gewisse Leute finden, die immer alles in der 
ruchlosesten Weise entstellen. Ich glaube, dafi gerade diejenigen unserer 
lieben Freunde, die es ganz ernst meinen mit unserer Sache, diese Mafiregel 
am allerbesten einsehen werden. Ich mufi sie hier auch erwahnen, da ich sie in 
anderen Zweigen erwahnte, und weil ich Sie bitte, sie in der entsprechenden 
Weise zu wiirdigen. Ich habe bisher eben nicht finden konnen, dafi man in 
den zahlreichen Dingen, die ich auf diesem Felde gesagt habe, soweit ernst 
gemacht hat, und dafi man immer wieder gefunden hat, die Mafiregeln 
werden durchbrochen. Es mufi einmal etwas ernst unternommen werden, 
sonst wird man nicht genugend aufmerksam auf dasjenige, um was es sich 
allmahlich handelt.» 

121 fur die offentlichen wiefur diese Zweigvortrdge: Mit den offentlichen Vortragen sind 
gemeint: «Anthroposophie und Seelenwissenschaft» (5. Nov.), «Anthroposophie und 
Geschichtswissenschaft» (7. Nov.), «Anthroposophie und Naturwissenschaft» (12. 
Nov.) und «Anthroposophie und Sozialwissenschaft» (14. Nov.), enthalten im Band 
«Die Erganzung heutiger Wissenschaften durch Anthroposophie» (8 Vortrage, Zurich 
1917/18), GA73. 

123 Gelegentlich der Vortrage, die ich in Ziirich zu halten habe: Siehe Hinweis oben. 

dafi man kaum mit dem geistigen Leben dieser Stadt in Beruhrung kommen kann, 
ohne dafi man den Blick hinlenkt auf . . . die Psychoanalyse: Der Schweizer Psychologe 
und Philosoph Carl Gustav Jung, (1875-1961), ein ehemaliger Schtiler Freuds, lebte 
seit 1909 in Kiisnacht bei Zurich, hatte dort seine Privatpraxis als Psychoanalytiker 
und lehrte seit 1910 an der Universitat Zurich. - Zur Psychoanalyse siehe auch den 
Vortrag vom 13. November 1917 in diesem Band und den Hinweis zu S. 112. 

124 Krankheitsfall, . . .beobachtet . . . schon in den achtziger Jahren: Entnommen dem 
Buch von C. G. Jung: «Die Psychologie der unbewufiten Prozesse. Ein Uberblick 
iiber die moderne Theorie und Methode der analytischen Psychologies Zurich 1917, 
S. 13 ff. (Ab 1925 unter dem Titel: «Das Unbewufite im normalen und kranken 
Seelenleben», ab 1942: «Uber die Psychologie des Unbewufiten». Es mufi darauf 
hingewiesen werden, dafi gegeniiber der von Rudolf Steiner zitierten 1. Auflage die 
spateren Auflagen von C. G. Jung erheblich umgearbeitet w or den sind.) 

Joseph Breuer, 1842-1925, Wiener Internist. Begriindete mit Freud zusammen die 
Psychoanalyse. Siehe Breuer und Freud: «Studien iiber Hysterie», Leipzig und Wien 
1895. 



den ich selbst kannte: Siehe Rudolf Steiner: «Mein Lebensgang» (1923-25), GA 28, 
S. 195 f. 



125 eine Darstellung, die sie gab, . . .ist die folgende: In C. G. Jung (siehe Hinweis zu 
S. 124), S. 16. 



126 Sigmund Freud, 1856-1939, Wiener Arzt und Psychologe. Mit Breuer zusammen 
Begriinder der Psychoanalyse. - «Abhandlungen zur Sexualtheorie*, 1905 (2. Aufl.: 
«Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie», Leipzig und Wien 1910), «Die Traumdeu- 
tung», 1900. Siehe auch Hinweis zu S. 124: Breuer. 

Charcotsche Schule: Jean-Martin Charcot, 1825-1893. Franzosischer Mediziner, der 
besonders durch seine Arbeiten iiber die Hysterie und die Hypnose bekannt wurde. 

127 dafi sich Freud sagte: Siehe Hinweis zu S. 124 (C. G. Jung), S. 17 f. 

Hermann Nothnagel, 1841-1905, Mediziner. 

127/128 Der unwissenscbaftlicbe Late . . .; er sagt: C. G. Jung (siehe Hinweis zu S. 124), 
S. 17: «Auf dieses Problem gibt es in der Medizin eine ausgezeichnete Antwort: man 
sagt: <das x in der Rechnung ist die Disposition.) Man ist eben zu diesen Dingen 
<disponiert>.» 

128 ein Fall, den Psychoanalytiker verzeicbnen, ist etwa der folgende: Entnommen C. G. 
Jung (siehe Hinweis zu S. 124), S. 18ff. 

131 nacb seinen Forschungen bat sich ibm ergeben: Siehe Ebenda, S. 20 ff. 

was Freud seine Neurosetheorie, seine Sexualtbeorie nannte: Siehe Ebenda, Kap. 2: Die 
Sexualtheorie, bes. S. 38 ff. 

131 f. Jung . . . «Die Psychologie der unbewufiten Prozesse»: Siehe Hinweis zu S. 123 und 

124. 

132 Alfred Adler, 1870-1937, Mediziner. Begriinder der Individualpsychologie, durch die 
er sich von Freud trennte. - «Praxis und Theorie der Individualpsychologie*, 1919. 

Friedrich Nietzsche, 1844-1900, Philosoph. 

Wille zur Macht sollte ja bei Nietzsche sogar ein pbilosophisches Prinzip sein: Seit dem 
ersten Teil von «Also sprach Zarathustra» (1883) vertrat Nietzsche in seinen Werken 
in zunehmendem Mafie die Auffassung, das Prinzip des Lebens und der Welt sei 
« Wille zur Macht - und nichts auflerdem». Nietzsche hat auch in den achtziger Jahren 
ein umfangreiches Werk mit dem Titel «Der Wille zur Macht» geplant, diesen Plan 
aber wieder aufgegeben. Nach seinem Tod haben seine Schwester und Mitarbeiter des 
Nietzsche-Archivs aus unzusammenhangenden Nachlafifragmenten das angeblich 
systematisch-philosophische Hauptwerk «Der Wille zur Macht» (1901/1906) willkiir- 
lich zusammengestellt. 

133 Jung sagt sich: Siehe Hinweis zu S. 124, S. 57. 

Aber nun baut Jung eine besondere Theorie darauf auf: Ebenda, Kap. 4: Die zwei 
psychologischen Typen. 

133 u. a. der extravertierte Typ: Die friiher uneinheitliche Schreibweise extro- bzw. extra- 
vertiert konnte jetzt auf Grund eines Stenogrammvergleichs und der Tatsache, dafi 
Jung im betr. Buch immer extravertiert schreibt, festgesetzt werden. 



135 Ich habe Ihnen ja das Beispiel angefiihrt: Siehe die FaJlschilderung auf S. 128 ff. in 
diesem Band. 

1 36 Dadurch kommt Jung zu einer Unterscheidung von zwei Unbewuflten : Siehe Hinweis 
zu S. 124, Kap. 5: Das personliche und das uberpersonliche Unbewufite. 

Dabei kommen ja die Psychoanalytiker darauf, daft sie sagen: Ebenda. 

137 Denn so weit kommt sogar der Psychoanalytiker, daft er sagt: Ebenda, Kap. 7: Die 
Dominanten des iiberpersonlichen UnbewuGten. 

Jung versteigt sich sogar so weit, daft er sagt: Ebenda. 

138 Jung folgenden interessanten Fall anfiihrt: Ebenda, S. 49 ff. und 79 ff. 

139 Jung erzahlt nun einen Fall: Ebenda, S. 70 ff. 

140 Es kann zum Beispiel vorkommen: Ebenda, S. 14. 

141 aus einem Vortrage, den ich hier im Laufdes vorigen Jahres gehalten habe, kbnnen Sie 
die Erkldrung. . . leicht finden: Uber die Hysterie hat Rudolf Steiner im Jahre 1916 
gesprochen in den beiden Vortragen vom 11. April 1916 in «Gegenwartiges und 
Vergangenes im Menschengeiste» (12 Vortrage, Berlin 1916), GA 167, und vom 13. 
August 1916 in «Das Ratsel des Menschen. Die geistigen Hintergriinde der menschli- 
chen Geschichte» (15 Vortrage, Dornach 1916), GA 170. - Zwei Tage nach dem 
vorliegenden Vortrag, am 12. November 1917, beschreibt Rudolf Steiner das gleiche 
Phanomen in einer Fragenbeantwortung, siehe «Die Erganzung heutiger Wissenschaf- 
ten durch Anthroposophie» (8 Vortrage, Zurich 1917/18), GA 73. 

daft er sich sagt: Siehe Hinweis zu S. 124, Kap. 7. 

Ich mufi Ihnen . . . ein Stiickchen vorlesen: Ebenda, S. 90 f. 

143 «Denn diese letztere Frage gehort zu den dummsten Fragen, die man stellen kann»: 
Ebenda, S. 91. Die spateren Auflagen haben diesen Satz nicht mehr, sondern: «... denn 
diese Frage kann der menschliche Intellekt niemals beantworten.» 

145 Gleich in der Vorrede sagt zum Beispiel Jung etwas: Siehe Hinweis zu S. 124, S. 6f. 

146 Wir wissen nun schon aus den verflossenen Vortragen: Siehe den Vortragszyklus «Die 
spirituellen Hintergriinde der aufieren Welt. Der Sturz der Geister der Finsternis» (14 
Vortrage, Dornach 1917), GA 177. 

Arthur Schopenhauer, 1788-1860, Philosoph. Er schrieb u. a. «Die Welt als Wille und 
Vorstellung», 2Bde, Leipzig 1819/1844. - Siehe auch Rudolf Steiners Biographie 
« Arthur Schopenhauer* in «Biographien und biographische Skizzen 1894-1905. 
Schopenhauer — Jean Paul - Uhland — Wieland. Literatur und geistiges Leben im 
neunzehnten Jahrhundert», GA 33. 

1 47 Richard Wagner, 1813-1883, deutscher Opernkomponist. Nietzsches Bruch mit Wag- 
ner 1878. 

«Friedrich Nietzsche, ein Kampfer gegen seine Zeit» (1895), GA 5. 



148 Jungfindet, daft es Tatsache ist: Siehe Hinweis zu S. 124, Kap. 3, bes. S. 48. 



151 Ich babe Ihnen gestern den Fall angefiihrt: Siehe den Vortrag vom 10. November in 
diesem Band, S. 128 ff. und Hinweis don. 

1 52 was Nietzsche . . . die grofie Vernunft gegeniiber der kleinen Vernunft nennt: In « Also 
sprach Zarathustra», 1. Teil (1883), «Von den Verachtern des Leibes», wortlich: «Der 
Leib ist eine grofie Vernunft, eine Vielheit mit Einem Sinne, ein Krieg und ein Frieden, 
eine Heerde und ein Hirt. / Werkzeug deines Leibes ist auch deine kleine Vernunft, 
mein Bruder, die du <Geist> nennst, ein kleines Werk- und Spielzeug deiner grofien 
Vernunft.* 

153 von der Jung sagt, . . . aber wovon er auch sagt: Siehe Hinweis zu S. 124, S. 91 ff. Vgl. 
auch den Vortrag vom 10. November in diesem Band, bes. S. 141 ff. 

155 « Von Seelenratseln. Anthropologic und Anthroposophie, Max Dessoir iiber Anthro- 
posophie, Franz Brentano (Ein Nachruf). Skizzenhafte Erweiterungen» (1917), 
GA21, 2. Kap. «Max Dessoir iiber Anthroposophie». 

Max Dessoir, 1867-1947, Philosoph; Professor fur Philosophic in Berlin. «Vom Jen- 
seits der Seele. Die Geheimwissenschaften in kritischer Beleuchtung», Stuttgart 1917, 
Kap. «Geheimwissenschaft, II. Theosophisches: Anthroposophie», S. 254-263. 

In einem netten Zusammenhange erzahlt er auch: Ebenda, S. 259. 

156 «Die Geheimwissenschaft im Umrifi» (1910), GA 13. 

und in einem Abschnitt sage ich : Ebenda, S. 294 f ., gemeint ist die Stelle «Im vierten, 
fiinften und sechsten Jahrhundert n. Chr. bereitete sich in Europa ein Kulturzeitalter 
vor, das mit dem fiinfzehnten Jahrhundert begann und in welchem die Gegenwart 
noch lebt. Es sollte das vierte, das griechisch-lateinische allmahlich abldsen. Es ist das 
fiinfte nachatlantische Kulturzeitalter. » - In der kurz darauf erschienenen Schrift 
«Von Seelenratseln » (siehe oben) kommt Rudolf Steiner im Kapitel iiber Max Dessoir 
auch auf diese falsche Darstellung seitens Dessoir zu sprechen (S.40, 44 ff.). Dessoir 
versucht sich darauf im Vorwort der 2. Auflage seines Buches «Vom Jenseits der 
Seele», Stuttgart 1918, gegeniiber Rudolf Steiner zu rechtfertigen. Wie er aber mit den 
Aussagen Rudolf Steiners umgeht, zeigt gerade seine Antwort auf diese von Rudolf 
Steiner richtiggestellte Stelle betr. 5. und 6. Kulturperiode deutlich «. . .ich bitte ihn 
(den Leser) ferner auf das dringendste, davon Kenntnis zu nehmen, dafi er nicht etwa 
im sechsten, sondern im fiinften <nachatlantischen> Kulturzeitalter lebt. Mir aber moge 
er glauben, dafi ich mich iiber das Versehen in der Zahlenangabe (auf S. 259) nicht 
allzusehr grame, denn fur mich sind diese nach-atlantischen Perioden . . . eitel Dunst.» 
(S.XI). 

«Die Philosophic der Freiheit. Grundziige einer modernen Weltanschauung - Seelische 
Beobachtungsresultate nach naturwissenschaftlicher Methode» (1894), GA4. 

die Schrift von der «Geistigen Fuhrung . . .»: «Die geistige Fiihrung des Menschen und 
der Menschheit. Geisteswissenschaftliche Ergebnisse iiber die Menschheits-Entwik- 
kelung»(1911), GA15. 

die kleine Schrift iiber «Reinkarnation undKarma»: «Reinkarnation und Karma, vom 
Standpunkte der modernen Naturwissenschaft notwendige Vorstellungen» (1903), 
abgedruckt in « Lucifer -Gnosis. Grundlegende Aufsatze zur Anthroposophie und 
Berichte aus den Zeitschriften <Luzifer> und <Lucifer-Gnosis> 1903— 1908», GA34, 
S. 67-91. 



1 56 Blut ist ein ganz besonderer Saft» : Offentlicher Vortrag, gehalten am 25. Oktober 1906 
im Architektenhaus in Berlin, abgedruckt in «Die Erkenntnis des Ubersinnli- 
chen in unserer Zeit und deren Bedeutung fur das heutige Leben» (13 Vortrage, Berlin 
1906/07), GA 55. 

157 Er erzahlt ndmlich groteskerweise: «Vom Jenseits der Seele» (siehe oben), S. 34. 

Ich habe zart darauf hingewiesen: In «Von Seelenratseln» (siehe oben), S. 65 ff. 

indem er einen trivialen Satz darauf formuliert, der. . . nicht von mir stammt: «Vom 
Jenseits der Seele» (siehe oben), S. 254, Anmerkung: «In Steiners Erstling, der Philo- 
sophic der Freiheit> (Berlin 1894), finden sich nur Ansatze zur eigentlichen Lehre: es 
wird dort gesagt, dafi der Mensch etwas aus der Natur in sich heriibergenommen hat 
und daher durch die Erkenntnis des eigenen "Wesens das Ratsel der Natur losen kann; 
dafi im Denken eine Schaffenstatigkeit dem Erkennen vorausgeht, wahrend wir am 
Zustandekommen der Natur unbeteiligt und auf nachtragliches Erkennen angewiesen 
sind. Intuition gilt hier blofi als die Form, in der ein Gedankeninhalt zunachst 
hervortritt.» 

158 in diesem Kapitel: Kapitel iiber Max Dessoir in «Von Seelenratseln» (siehe oben). 

159 Besonders gravierend findet ndmlich Dessoir: Siehe in «V6m Jenseits der Seele» (siehe 
oben), S. 260. 

Sie kennen dieses Kapitel aus der «Geistigen FUhrung. . .»: Siehe Hinweis zu S. 156, 
bes. S. 20 ff . - Vgl. hierzu auch «Von Seelenratseln» (siehe oben), S. 52 ff. 

dann finden Sie dort das Geheimnis der Schwelle besprocben: Siehe «Wie erlangt man 
Erkenntnisse derhoheren Welten?» (1904/05), GA 10, Kap. «Der Hiiter der Schwelle» 
und «Leben und Tod. Der grofie Hiiter der Schwelle*; siehe (zur Trennung von 
Denken, Fiihlen und Wollen) aber auch das Kap. «Die Spaltung der Personlichkeit 
wahrend der Geistesschulung». 

159 f. Zeichnung: Siehe den die Zeichnungen betreffenden Hinweis unter «Zu dieser 
Ausgabe», S. 240. 

161 Wilhelm Wundt, 1832-1920, Arzt, Philosoph und Psychologe, griindete das erste 
Institut fur experimentelle Psychologie in Leipzig. 

wenn gesagt wird, was vor kiirzerer oder Idngerer Zeit auch einmal gesagt worden sein 
soil: Diese Aussage konnte nicht nachgewiesen werden. 

162 Nehmen Sie die Dame, die am Krankenbett ihres Water sitzt: Siehe die Beschreibung 
dieses Falles im Vortrag vom 10. November in diesem Band, S. 124 ff. 

1 63 ff . Nietzsche, Wagner, Schopenhauer: Siehe auch den Schlufi des vorangegangenen 

Vortrags. vom 10. November 1917 und die Hinweise dort. - Vgl. auch den Vortrag vom 
31. August 1921 in «Anthroposophie, ihre Erkenntniswurzeln und Lebensfriichte» (8 
Vortrage, Stuttgart 1921), GA 78. 

164 Nietzsches erste Schriften: «Die Geburt der Tragodie aus dem Geiste der Musik» 
(1872) - «Unzeitgema8e Betrachtungen»: «David Straufi, der Bekenner und Schrift- 
steller» (1873) - «Vom Nutzen und Nachtheil der Historie fur das Leben» (1874) - 
«Schopenhauer als Erzieher» (1874) — «Richard Wagner in Bayreuth» (1876). 



165 die letzten Schriften Nietzsches: Vor allem: «Der Fall Wagner* (1888) - «G6tzen- 
Dammerung» (1889) - «Der Antichrist* (1888, ersch. 1894) - «Ecce homo» (1888, 
ersch. 1908). 

«Friedrich Nietzsche, ein Kdmpfer gegen seine Zeit» (1895), GA5. 

166 was Nietzsche selhst gesagt hat: In «Also sprach Zarathustra», 4. Teil (1891), «Das 
Nachtwandler-Lied» (auch publ. als «Das trunkene Lied»), S. 6 und 12. 

169 Alle Kretenser sind Liigner: Bekanntes Beispiel aus der altgriechischen Lehre der 
formalen Logik (Sophisten). 

170 Betrachtungen, die wir anzukniipfen versuchten: Siehe die Dornacher Vortrage vom 
1 0. und 1 1 . November und den Ziircher Vortrag vom 1 3. November in diesem Band. 

Nun habe ich Sie ja darauf aufmerksam gemacht: Im Vortrag vom 10. November in 
diesem Band. 

171 hier vor acht Tagen: Siehe die Vortrage vom 10. und 11. November in diesem Band. 

172 Briiderschaften, die man Briiderschaften der Linken nennt: Im Vortrag vom 11. 
Oktober 1915 in «Die okkulte Bewegung im neunzehnten Jahrhundert und ihre 
Beziehung zur Weltkultur» (13 Vortrage, Dornach 1915), GA254, erklart Rudolf 
Steiner die Bezeichnung «links» genauer: «<Links> ist man im Okkultismus, wenn man 
etwas als Endzweck erreichen will mit Hilfe dessen, was man als okkulte Lehre 
vertritt. <Rechts> ist man im Okkultismus, wenn man ihn nur um seiner selbst willen 
verbreitet. Die Mittelpartei kommt eben darauf hinaus, das Esoterische, das in unserer 
Zeit notwendig ist fur das allgemeine Menschliche, exoterisch zu machen. Diejenigen 
aber, die ganz nach links stehen, sind solche, die Sonderzwecke verbinden mit dem, 
was sie als okkulte Lehre verbreiten. Man steht links in dem Mafie, als man Sonder- 
zwecke verfolgt, die Menschen in die geistige Welt fiihrt, ihnen allerlei Kundgebungen 
aus der geistigen Welt gibt und in einer unrichtigen Weise in sie hineinpflanzt, was nur 
zur Reahsierung von solchen Sonderzwecken dienen soll.» 

173 gerade in den letzten Vortrdgen: Siehe Hinweise zu S.91. - Vgl. ferner die Ziircher 
Vortrage vom 6. und 13. November 1917 in diesem Band. 

Uber das Erscheinen des Christus im Atherischen siehe u. a. die Bande «Das 
Ereignis der Christus- Erscheinung in der atherischen Welt» (16 Vortrage, div. Orte 
1910), GA118, und «Das esoterische Christentum und die geistige Fuhrung der 
Menschheit* (23 Vortrage, div. Orte 1910/11), GA 130. 

in dem ersten meiner Mysteriendramen: «Die Pforte der Einweihung», siehe Hinweis 
zu S.93. 

175 Ich habe in den vorangehenden Vortrdgen gesagt: Siehe den Vortragszyklus «Die 
spirituellen Hintergriinde der aufieren Welt. Der Sturz der Geister der Finsternis* (14 
Vortrage, Dornach 1917), GA 177. - Vgl. ferner z. B. die Vortrage vom 24. September 
1916 in «Innere Entwicklungsimpulse der Menschheit. Goethe und die Krisis des 
neunzehnten Jahrhunderts* (16 Vortrage, Dornach 1916), GA 171, und vom 3. und 4. 
November 191 7 in «Geisteswissenschaftliche Erlauterungen zu Goethes <Faust>. Band 
II: Das Faust-Problem. Die romantische und die klassische Walpurgisnacht» (13 
Vortrage, Dornach u. Prag 1916-19), GA273. 



1 75 der Schwur, den einer ablegt: Ludwig Anzengruber, 1 839-1 889, Wiener Schriftsteller. 
«Ein Faustschlag», Schauspiel in drei Akten, 3. Akt, 6. Szene, wortlich: «so wahr ein 
Gott lebt! - ich bin Atheist!* 

180 Veranstaltungen der spiritistischen Sitzungen . . ., von denen ich bfter gesprochen babe : 
So z. B. in folgenden Vortragen: 23. September 1916 in «Innere Entwicklungsimpulse 
der Menschheit. Goethe und die Krisis des neunzehnten Jahrhunderts» (16 Vortrage, 
Dornach 1916), GA 171; 27. November 1916 in «Das Karma des Berufes des Men- 
schen in Anknupfung an Goethes Leben» (10 Vortrage, Dornach 1916), GA 172; 26. 
Dezember 1916 in «Zeitgeschichtliche Betrachtungen. Das Karma der Unwahrhaftig- 
keit - Erster Teil» (13 Vortrage, Dornach u. Basel 1916), GA 173; sowie im Zyklus 
«Die okkulte Bewegung im neunzehnten Jahrhundert und ihre Beziehung zur Welt- 
kultur. Bedeutsames aus dem aufieren Geistesleben urn die Mitte des neunzehnten 
Jahrhunderts» (13 Vortrage, Dornach 1915), GA254. 

Ich habe Sie ofter darauf aufmerksam gemacht, daft . . . viele Bruderschaften des 
Westens: Siehe u. a. die oben genannten Vortrage. 

183 vertilgen: Das Stenogramm ist an dieser Stelle undeutlich zu lesen, es konnte auch 
heifien: eliminieren. In der Nachschrift steht «verligieren». 

185 Daft diese Aufnahme auch etwas Kompliziertes ist, habe ich Ihnen ja in der verschie- 
densten Weise dargestellt: Siehe u. a. den Band «Das Prinzip der spirituellen Okono- 
mie im Zusammenhang mit Wiederverkorperungsfragen. Ein Aspekt der geistigen 
Fiihrung der Menschheit» (23 Vortrage, div. Orte 1909), GA 109. 

,188 ich werde morgen noch uber diese Dinge sprechen: Siehe aufler dem hier gemeinten 
Vortrag vom 19. November auch den vom 16. November in diesem Band. 

189 in den Ztircher Vortragen, wo ich ... sogar so weit gegangen bin: Siehe Hinweis zu 
S. 123, dort speziell den Vortrag vom 7. November. 

193 Fraulein Stinde: Siehe Hinweis zu S. 76. 

194 das haben Sie schon aus den Aaseinandersetzungen des vorigen Jahres erkennen 
konnen: Siehe die Vortragszyklen «Innere Entwicklungsimpulse der Menschheit. 
Goethe und die Krisis des neunzehnten Jahrhunderts» (16 Vortrage, Dornach 1916), 
GA 171, «Das Karma des Berufes des Menschen in Anknupfung an Goethes Leben» 
(10 Vortrage, Dornach 1916), GA172, und «Zeitgeschichtliche Betrachtungen. Das 
Karma der Unwahrhaftigkeit - Erster Teil» (13 Vortrage, Dornach u. Basel 1916), 
GA173. 

197 «die Briider der Linken»: Siehe Hinweis zu S. 172. 

202 Wilhelm Wundt: Siehe Hinweis zu S. 161. 

Fritz Mauthner, 1849-1923, Schriftsteller und Philosoph. «W6rterbuch der Philoso- 
phic Neue Beitrage zu einer Kritik der Sprache», 2 Bande, Miinchen u. Leipzig 1910, 
1. Bd., Artikel «Geschichte», S. 411, wortlich: «So Wundt, von eines Verlegers Gna- 
den ein Klassiker der Philosophic* 

Ich habe im Laufe dieser Betrachtungen gesagt: So z. B. in den Vortragen vom 6. und 
18. November in diesem Band. Siehe ferner den 1. Hinweis zu S. 175. 

204/205 haben wir zum Teil ja schon geschildert . . . haben wir angefiihrf. Siehe die 
Vortrage vom 6. und 13. November in diesem Band. 



207 «Geheimwissenscbaft im Umrifi» (1910), GA 13. 

208 im ersten Mysteriendrama: «Die Pforte der Einweihung», siehe Hinweis zu S. 93. 
Patricius Patrick, 389-460, Apostel und Schutzheiliger Irlands. 

209 in offentlichen Vortragen: Siehe 2. Hinweis zu S. 121, dort speziell den Vortrag vom 

14. November. 

Thales von Milet, um 624/640 - um 545 v. Chr., griechischer Philosoph. 

Lesen Sie nacb in meinen «Rdtseln der Philosophies : «Die Ratsel der Philosophic in 
ihrer Geschichte als Umrifi dargestellt» (1914), GA 18, Kap. «Die Weltanschauung der 
griechischen Denker». 

212 Frederick Winslow Taylor, 1856-1915, amerikanischer Ingenieur. Urheber der Zeit- 
studien in Industriebetrieben, Begriinder der wissenschaftlichen Betriebsfuhrung 
(Taylor-System). «The Principles of Scientific Management*, 1912; deutsch: Mun- 
chen und Berlin 1913. 

213 Darwinistische Theorie: Siehe Hinweis zu S.40. 

215 ein sehr gelehrter Herr: Prof. Dr. Martin Dibelius, in dem Aufsatz: «Im vierten 
Kriegsjahr»; in: «Frankfurter Zeitung» Nr. 322 vom 21. 11. 1917, 1. Morgenblatt, 
S. 1-2. 

217 in den offentlichen Vortragen: Siehe 2. Hinweis zu S. 121. Vgl. auch den Vortrag vom 

15. November in diesem Band. 

die kleine Broschiirei «Das menschliche Leben vom Gesichtspunkte der Geisteswis- 
senschaft (Anthroposophie)», Autoreferat eines off. Vortrages vom 16. Okt. 1916 in 
Liestal. Enthalten in «Philosophie und Anthroposophie. Gesammelte Aufsatze 
1904-1 923», GA35; Sonderausgabe Dornach 1982 und gleichnamiges Taschenbuch 
Tb612. 

* 

218 Ich habe schon auf sie hingewiesen: Siehe den Vortrag vom 6. November in diesem 
Band (spez. S. 82). Siehe ferner z. B. die Vortrage vom 24. September und 7. und 14. 
Oktober 1916 in « Inn ere Entwicklungsimpulse der Menschheit. Goethe und die Krisis 
des neunzehnten Jahrhunderts» (16 Vortrage, Dornach 1916), GA 171. 

Ich habe Sie aufmerksam darauf gemacht: Siehe die Vortrage vom 12. November 1916 
in «Das Karma des Berufes des Menschen in Ankniipfung an Goethes Leben» (10 
Vortrage, Dornach 1916), GA 172, und vom 18. Dezember 1916 in «Zeitgeschichtliche 
Betrachtungen. Das Karma der Unwahrhaftigkeit - Erster Teil» (13 Vortrage, Dor- 
nach u. Basel 1916), GA 173. Vgl. ferner den Vortrag vom 1. Dezember 1918 in «Die 
soziale Grundforderung unserer Zeit- In geanderter Zeitlage» (12 Vortrage, Dornach 
u. Bern 1918), GA 186. - Vgl. auch Rudolf Steiners Ausfuhrungen iiber John Worrell 
Keely und den von ihm erfundenen Motor, z. B. im Vortrag vom 20. Juni 1916 in 
«Weltwesen und Ichheit» (7 Vortrage, Berlin 1916), GA169. (Diesem sog. Keely- 
Motor hat auch H. P. Blavatsky ein Kapitel in ihrer «Geheimlehre» gewidmet, siehe 
«Die Geheimlehre. Die Vereinigung von Wissenschaft, Religion und Philosophie» 
(Orig.: «Secret Doctrine. The Synthesis of science, religion and philosophy »), 3 
Bande, 1887-1897, Bd. 1, 3. Teil, Abt. IX «Die kommende Kraft».) - Siehe auch Nr. 
107 der «Beitrage zur Rudolf Steiner Gesamtausgabe», Dornach, Michaeli 1991 : «Der 
Strader-Apparat. Modell - Skizzen - Berichte». 

heute vor acht Tagen: Siehe den Vortrag vom 19. November in diesem Band. 



219 Zweimal habe ich es in bffentlicben Vortragen in Basel gesagt: Siehe die Vonrage «Die 
Menschenseele im Reich des Ubersinnlichen und ihr Verhaltnis zum Leib» (vom 18. 
Oktober 1917) und «Geisteswissenschaftliche (anthroposophische) Forschungsergeb- 
nisse viber das Ewige in der Menschenseele und itber das Wesen der Freiheit» (vom 23. 
November 1917) in «Freiheit - Unsterblichkeit — Soziales Leben. Vom Zusammen- 
hang des Seelisch-Geistigen mit dem Leiblichen des Menschen» (10 Vortrage, Basel u. 
Bern 1917/18), GA72. - Vgl. auch den Vortrag vom 15. November (St. Gallen) in 
diesem Band. 

220 Zeile 6 v.o.: In den fruheren Auflagen stand Erziehung anstatt Erzeugung. Das 
Stenogramm ist an dieser Stelle nicht eindeutig lesbar; es handelt sich um eine sinnge- 
mafie Korrektur. 

Ich habe darauf hingewiesen: Siehe hierzu den Vortrag vom 7. Oktober 1917 in «Die 
spirituellen Hintergriinde der aufieren Welt. Der Sturz der Geister der Finsternis» (14 
Vortrage, Dornach 1917), GA 177, und don auch die Hinweise zu S. 84 und 85. 

Honmnkulus-Szene bei Goethe: Goethe, «Faust» II, 2. Akt, Laboratorium. 

221 Kant hat sie falsch benannt: In «Kritik der praktischen Vernunft», 1788, 1. Teil, 2. 
Buch, 2. Hauptstuck, Kap.VIII: Vom Fiirwahrhalten aus einem Bedurfnisse der 
reinen Vernunft, S. 256 f.; Reclam 1945, S. 196, wortlich: «Dagegen ist ein Bedvirfnis 
der reinen praktischen Vernunft, auf einer Pflicht gegriindet, etwas (das hochste Gut) 
zum Gegenstande meines Willens zu machen, um es nach alien meinen Kraften zu 
befordern; wobei ich aber die Moglichkeit desselben, mithin auch die Bedingungen 
dazu, namlich Gott, Freiheit und Unsterblichkeit, voraussetzen mufi, weil ich diese 
durch meine spekulative Vernunft nicht beweisen, obgleich auch nicht widerlegen 
kann.» 

Goethe hat sie richtig genannt: In seinen «Tagebiichern», Sept. 1807, 7. Abschn., 
wortlich: «Es kommt darauf an, dafi der Mensch immerfort an seine drey idealen 
Forderungen: Gott, Unsterblichkeit, Tugend erinnert und sie ihm moglichst garantirt 
werden.» 

222 im ersten Basler Vortrag: Gemeint ist der Vortrag vom 18. November 1917, siehe 
Hinweis zu S.219. 

226 «Der Unfug des Sterbens»: Ausgewahlte Essays von Prentice Mulford, aus dem 
Englischen ubersetzt und bearbeitet von Sir Galahad (Pseud, fur Bertha Eckstein- 
Diener), Miinchen o. J. (1909). 

228 Ich habe Ihnen ja gezeigt: Im Vortrag vom 19. November in diesem Band. Vgl. auch 
den Vortrag vom 16. November in St. Gallen. 

230 Zeilen 12ff. v. o. : Hier erfolgte eine sinngemafie Korrektur gegeniiber den fruheren 
Auflagen. Fruher stand: «...er enthalt die niedere Tiernatur astraliter, er enthalt 
gewissermafien die Menschheit nur auf diesem astraliter aufgesetzten Tier.» 

234 Bemerkung, die ich im Verlauf dieser Vortrage gemacht habe: Im Vortrag vom 6. 
November in diesem Band. Siehe S. 94 und 2. Hinweis don. 

«Icb sehe, dafi du den Teufel kennst»: Goethe, «Faust» II, 1. Akt, Finstere Galerie, 
Vers 6258. 



Woodrow Wilson: Siehe Hinweis zu S. 71. 



NAMENREGISTER 



* = ohne Namensnennung 



Adler, Alfred 132 f„ 151 
Anzengruber, Ludwig 175* 

Baader, Franz Xaver Benedikt von 116 
Breuer, Josef 124-127 

Carnot, Marie-Francois-Sadi 85 
Charcot, Jean-Martin 1 26 
Columban 67, 68* 

Darwin, Charles 12,40-42,213,218, 
232 

Dessoir, Max 155-159 
Dewar, Sir James 22 f. 
Dibelius, Martin 215 f.*, 226* 
Du Bois-Reymond, Emil 16 

Elisabeth (Kaiserin v. Osterreich) 77*, 
83*, 85 

Emerson, Ralph Waldo 71 

Fichte, Johann Gottlieb 1 9 
Freud, Sigmund 126-133, 151, 154, 
168f. 

Gallus 67f.,71 

Goethe, Johann Wolfgang von 44-46, 
93f *,220f. 

Haeckel, Ernst 40 f . 
Haller, Albrecht von 45* 
Hartmann, Eduard von 40 f . 
Hegel, Georg Wilhelm Friedrich 19 
Hertwig, Oscar 41 f. 

Jung, Carl Gustav 131-142, 143*, 145, 
148f.l51,153,168 

Kant, Immanuel 24, 45, 221 
Kopernikus, Nikolas 9 f., 26, 45, 48 f. 

Laplace, Pierre Simon 24 
Levi, Eliphas 116 
Luccheni 77* 



Mauthner, Fritz 202 
Mulford, Prentice 226 

Nietzsche, Friedrich Wilhelm 132, 

146-148, 152, 163-166 
Nothnagel, Hermann 127 

Paracelsus, Theophrastus von Hohen- 

heim 64 
Patrick, Patricius 208 

Saint-Martin, Louis Claude 116 
Schopenhauer, Arthur 1 46 f ., 1 64 f . 
Stinde, Sophie 76, 193 

Taylor, Frederick Winslow 212 
Thales von Milet 209 f. 

Vischer, Friedrich Theodor 15 f., 18, 19* 
Volkelt, Johannes 15 

Wagner, Richard 147 f., 163-165 
Wilson, Thomas Woodrow 71 , 94, 234 
Wundt, Wilhelm 161,202 

Steiner, Rudolf 155,158 
Schriften: 

Die Philosophic der Freiheit (GA 4) 
156-158 

Friedrich Nietzsche, ein Kampfer gegen 

seineZeit(GA5) 147,165 
Wie erlangt man Erkenntnisse der hohe- 

ren Welten? (GA 10) 19, 20*, 38, 

159ff. 

Die Geheimwissenschaft im Umrifi (GA 

13) 19, 20*, 156, 207 
Vier My steriendramen (G A 14) 93, 1 73, 

182,208 

I. Die Pforte der Einweihung 1 73, 
208 

IV. Der Seelen Erwachen 93 
Die geistige Fiihrung des Menschen 

(GA 15) 156, 159 
Die Ratsel der Philosophic (GA 1 8) 209 



Vom Menschenratsel (GA 20) 24, 2 8, 96 
Von Seelenratseln (GA 21) 14, 16, 155, 
158* 

Reinkarnation und Karma (in GA 34) 
156 

Das menschliche Leben (in GA 35) 217 
Vortrage: 

Blut ist ein ganz besonderer Saft (in 
GA55) 156 

Freiheit - Unsterblichkeit - Soziales Le- 
ben (G A 72) 219*, 222* 



Die Erganzung hemiger Wissenschaften 
(GA 73) 62*, 74*, 108*, 121*, 123*, 
189* 209*, 217* 

Innere Entwicklungsimpulse (GA 171) 
194* 

Das Karma des Berufes (GA 1 72) 1 94* 
Zeitgeschichtliche Betrachtungen 

(GA173) 194* 
Die spirituellen Hintergriinde (GA 1 77) 

146*, 173* 



AUSFUHRLICHE INHALTS ANG ABEN 



Die Erkenntnis des Ubersinnlichen und die menschlichen 
Seelenratsel 

Qffentlicher Vortrag, St. Gallen, 15. November 1917 

Charakter der Naturwissenschaft und der Geisteswissenschaft. Natur- 
wissenschaft geht von der Geburt aus, verfolgt das Sichtbare; Geistes- 
wissenschaft geht von der Betrachtung des Todes aus und erforscht das 
Ubersinnliche. Resignation oder Erkenntnismut an den Grenzorten der 
Erkenntnis. Du Bois-Reymond - E Th. Vischer. Vorstellen - Bild. 
Imagination, Inspiration, Intuition. Reales Erfassen des Seelischen und 
Geistigen von Mensch und Welt. Materialistische und geisteswissen- 
schaftliche Weltanschauung, ihre Konsequenzen fur das Leben nach 
dem Tod und fur die Lebenspraxis. Hinweis auf den Goetheanismus. 

Das Geheimnis des Doppelgangers. Geographische Medizin 

St. Gallen, 16. November 1917 

Der Umschwung seit dem 16. Jahrhundert zum Materialismus erfordert 
heute die spirituelle Erkenntnis. Die Bedeutung gemeinsamer Pflege der 
Geisteswissenschaft fur das Leben der Seele nach dem Tode. Spirituelle 
Begriffe als Erkenntnislicht. Das Hereinragen der geistigen Welt in die 
physische. Der Doppelganger. Beziehungen des Doppelgangers zu den 
differenzierten Ausstrahlungen der Erde. Geographische Medizin. Be- 
ziehungen zu Amerika vor und seit dem Zeitalter der Bewufitseinsseele. 
Die iro-schottische Christianisierung. Die Erde als lebendiger Organis- 
mus. Nationalismus und Weltkultur. Rutland - Amerika. Geisteswis- 
senschaft als Lebenskraft. 

Hinter den Kulissen des aufieren Geschehens 

Erster Vortrag, Zurich, 6. November 1917 

Das Wirken guter und boser Krafte im geschichtlichen Geschehen. 
Wechselwirkung zwischen Lebenden und Toten. Das Besondere der 
heutigen Kulturepoche. Lenkung der Menschen nach okkulten Grund- 
satzen. Das Bewufitwerden von Geheimnissen in Krankheit, Fortpflan- 
zung und Tod. Das Wissen, das Seelen erfahren, die durch Attentate 
sterben. Machtimpulse durch okkulte Bruderschaften. Tendenzen, die 
spirituelle Entwicklung zu paralysieren. Das Entscheidungsjahr 1841. 
Seit 1879 wirken die Geister der Finsternis in den Seelen der Menschen. 
Das Durchschauen entkraftet ihre Wirkung. Uber das Wirken fur Gei- 
steswissenschaft. 



Zweiter Vortrag, Zurich, 13. November 1917 

Die Umwandlung der neueren Zeit. Durch den Monotheismus findet 
der Mensch nur Beziehungen zum Engelwesen. Der Mensch mufi kon- 
krete Beziehungen zur geistigen Welt finden. Der Kampf in der geisti- 
gen Welt zwischen 1841 und 1879. Das Wirken der Geister der Finster- 
nis. Okkulte Bruderschaften und ihr verschiedenes Streben. Die Auf- 
gabe der Geisteswissenschaft. Wirkung materialistischer Anschauun- 
gen in der geistigen Welt. Das Wesen der Freiheit. Das Verhaltnis zu den 
Toten. Uber Psychoanalyse. Seelenkrankheiten als Folgen unrichtiger 
Verhaltnisse zu den Toten. Geisterkenntnis als Heilmittel. Das Wirken 
aus geistigen Impulsen und die Widerstande. 

Zwei Vortrage iiber Psychoanalyse 

Erster Vortrag, Dornacb, 10. November 1917 

Die Anfange der Psychoanalyse. Breuer. Freud. Ihre Forschungsart 
erlautert an Krankengeschichten. Adler. Die Anschauung Jungs. Die 
Typen. Das individuelle und kollektive Unbewufite. Projektion und 
Introjektion. Der Gottesbegriff als notwendige psychische Funktion. 
Die Anschauung Jungs als symptomatisches Beispiel fur das Nichther- 
ankommen an die geistige Welt. Nietzsche, Schopenhauer, Wagner als 
Realbeispiel geistiger Wirksamkeit. 

Zweiter Vortrag, Dornacb, 11. November 1917 

Die Seelentatsachen, die der Psychoanalyse vorliegen, weisen auf das 
Spirituelle. Der Zusammenhang des Menschen mit der geistigen Welt. 
Dessoir und die Anthroposophie, als Beispiel der Gelehrtenmoral. 
Denken, Fiihlen und Wollen als Einheit in der Seele; sich trennend 
jenseits der Schwelle; sich vermischend im Unterbewufiten bei Ich- 
Schwache. Hysterie und Nervositat. Das Unzulangliche der Verstan- 
desbegriffe. Charakter der geisteswissenschaftlichen Begriffe. Nietz- 
sches Leben als Beispiel des Wirkens geistiger Impulse. Psychoanalyse 
und Padagogik. Individuelle Therapie der Psychoanalyse und allge- 
meine Kulturtherapie durch Geisteswissenschaft. Kriterium: eine 
Theorie mufi standhalten konnen, wenn man sie auf sie selbst anwendet. 



Individuelle Geistwesen und einheitlicher Weltengrund 

Erster Vortrag, Dornacb, 18. November 1917 

Das Geistige kann nicht durch den Begriff des UnbewufSten gefafit 
werden. Wo Geist ist, ist auch Bewufitsein. Der Hohepunkt des Mate- 



rialismus und die Erfahrung der Christuserscheinung im Atherischen. 
Die Auseinandersetzung mit dem Bosen als Zeitaufgabe. Wirkung spiri- 
tueller oder materialistischer Begriffe im nachtodlichen Leben. Spiritis- 
mus. Das Durchschauen schiitzt vor okkulten Machenschaften. Der 
Christusimpuls. Tendenzen okkulter westlicher und ostlicher Briider- 
schaften, die Menschenseelen abzulenken von der Christuserscheinung. 
Der Impuls von Irland. Ausschaltung des «amerikanischen» Einflusses. 
Das Unterbewufite und der Doppelganger. Seine Abhangigkeit von den 
Erdterritorien. 

Zweiter Vortrag, Dornach, 19. November 1917 

Die okkulten Bruderschaften und der Spiritismus. Lebenswiderspru- 
che. Einheitlicher Weltengrund und das Wirken verschiedener spiritu- 
eller Individualitaten. Lebenswirklichkeit und abstrakte Widerspruchs- 
losigkeit. Die Natur weist auf einheitlichen Weltengrund. Das Wirken 
einander widersprechender Geister hinter dem Sinnesteppich. Die Ele- 
mentarwesen. Denken, Fuhlen und Wollen und das Hereinwirken dif- 
ferenzierter Wesenheiten. Das Bose. Seine Uberwindung mit Hilfe des 
Christusimpulses. Die Freiheit des Menschen gegenuber dem Spirituel- 
len. Irland und die Christianisierung Europas. Der Doppelganger und 
die Freiheit. Arbeitsteilung Taylors als Beispiel. 

Dritter Vortrag y Dornach, 25. November 1917 

Das Abgelebte des alten Geisteslebens und die neuen Zukunftsimpulse 
der Geisteswissenschaft. Die grofien Lebensfragen: Verwendungen der 
Atherkrafte in Maschinen. Beherrschung des Lebens, Krankheit und 
Tod. Beherrschung von Zeugung und Geburt. Das Verschlafen der 
spirituellen Impulse, ihr Ergreifen aus Freiheit. Der Stein der Weisen. 
Gott, Tugend, Unsterblichkeit. Ihre Umdeutung durch die okkulten 
Bruderschaften. Beriicksichtigung des Kosmischen in selbstloser Weise 
eine Zeitnotwendigkeit. Seine Benutzung durch westliche und ostliche 
Bruderschaften. Das Hereinwirken der Toten aus der spirituellen Welt 
in Freiheit sowie ihr Hereingefuhrtwerden ins menschliche Dasein in 
kiinstlicher Weise, je nach dem Verhalten der Menschen der Erde. 



UBER DIE VORTRAGSNACHSCHRIFTEN 



Aus Rudolf Steiners Autobiograpbie 
«Mein Lebensgang» (35. Kap., 1925) 

Es liegen nun aus meinem anthroposophischen Wirken zwei Ergebnisse vor; 
erstens meine vor aller Welt veroffentlichten Biicher, zweitens eine grofie 
Reihe von Kursen, die zunachst als Privatdruck gedacht und verkauflich nur 
an Mitglieder der Theosophischen (spater Anthroposophischen) Gesellschaft 
sein sollten. Es waren dies Nachschriften, die bei den Vortragen mehr oder 
weniger gut gemacht worden sind und die - wegen mangelnder Zeit - nicht 
von mir korrigiert werden konnten. Mir ware es am liebsten gewesen, wenn 
miindlich gesprochenes Wort miindlich gesprochenes Wort geblieben ware. 
Aber die Mitglieder wollten den Privatdruck der Kurse. Und so kam er 
zustande. Hatte ich Zeit gehabt, die Dinge zu korrigieren, so hatte vom 
Anfange an die Einschrankung «Nur fiir Mitglieder» nicht zu bestehen ge- 
braucht. Jetzt ist sie seit mehr als einem Jahre ja fallen gelassen. 

Hier in meinem «Lebensgang» ist notwendig, vor allem zu sagen, wie sich 
die beiden: meine veroffentlichten Biicher und diese Privatdrucke in das 
einfiigen, was ich als Anthroposophie ausarbeitete. 

Wer mein eigenes inneres Ringen und Arbeiten fiir das Hinstellen der 
Anthroposophie vor das Bewufitsein der gegenwartigen Zeit verfolgen will, 
der mufi das an Hand der allgemein veroffentlichten Schriften tun. In ihnen 
setzte ich mich auch mit alle dem auseinander, was an Erkenntnisstreben in 
der Zeit vorhanden ist. Da ist gegeben, was sich mir in «geistigem Schauen» 
immer mehr gestaltete, was zum Gebaude der Anthroposophie - allerdings in 
vieler Hinsicht in unvollkommener Art - wurde. 

Neben diese Forderung, die «Anthroposophie» aufzubauen und dabei nur 
dem zu dienen, was sich ergab, wenn man Mitteilungen aus der Geist-Welt 
der allgemeinen Bildungswelt von heute zu iibergeben hat, trat nun aber die 
andere, auch dem voll entgegenzukommen, was aus der Mitgliedschaft heraus 
als Seelenbedurfnis, als Geistessehnsucht sich offenbarte. 

Da war vor allem eine starke Neigung vorhanden, die Evangelien und den 
Schrift-Inhalt der Bibel iiberhaupt in dem Lichte dargestellt zu horen, das sich 
als das anthroposophische ergeben hatte. Man wollte in Kursen iiber diese der 
Menschheit gegebenen Offenbarungen horen. 



Indem interne Vortragskurse im Sinne dieser Forderung gehalten wurden, 
kam dazu noch ein anderes. Bei diesen Vortragen waren nur Mitglieder. Sie 
waren mit den Anfangs-Mitteilungen aus Anthroposophie bekannt. Man 
konnte zu ihnen eben so sprechen, wie zu Vorgeschrittenen auf dem Gebiete 
der Anthroposophie. Die Haltung dieser internen Vortrage war eine solche, 
wie sie eben in Schriften nicht sein konnte, die ganz fur die Offentlichkeit 
bestimmt waren. 

Ich durfte in internen Kreisen in einer Art iiber Dinge sprechen, die ich fur 
die offentliche Darstellung, wenn sie fur sie von Anfang an bestimmt gewesen 
waren, hatte anders gestalten miissen. 

So liegt in der Zweiheit, den offentlichen und den privaten Schriften, in der 
Tat etwas vor, das aus zwei verschiedenen Untergriinden stammt. Die ganz 
offentlichen Schriften sind das Ergebnis dessen, was in mir rang und arbeitete; 
in den Privatdrucken ringt und arbeitet die Gesellschaft mit. Ich hore auf die 
Schwingungen im Seelenleben der Mitgliedschaft, und in meinem lebendigen 
Drinnenleben in dem, was ich da hore, entsteht die Haltung der Vortrage. 

Es ist nirgends auch nur in geringstem Mafie etwas gesagt, was nicht 
reinstes Ergebnis der sich aufbauenden Anthroposophie ware. Von irgend 
einer Konzession an Vorurteile oder Vorempfindungen der Mitgliedschaft 
kann nicht die Rede sein. Wer diese Privatdrucke liest, kann sie im vollsten 
Sinne eben als das nehmen, was Anthroposophie zu sagen hat. Deshalb 
konnte ja auch ohne Bedenken, als die Anklagen nach dieser Richtung zu 
drangend wurden, von der Einrichtung abgegangen werden, diese Drucke nur 
im Kreise der Mitgliedschaft zu verbreiten. Es wird eben nur hingenommen 
werden miissen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich 
Fehlerhaftes findet. 

Ein Urteil iiber den Inhalt eines solchen Privatdruckes wird ja allerdings 
nur demjenigen zugestanden werden konnen, der kennt, was als Urteils- 
Voraussetzung angenommen wird. Und das ist fur die allermeisten dieser 
Drucke mindestens die anthroposophische Erkenntnis des Menschen, des 
Kosmos, insofern sein Wesen in der Anthroposophie dargestellt wird, und 
dessen, was als «anthroposophische Geschichte» in den Mitteilungen aus der 
Geist-Welt sich findet.